Soziologische Fragen


Soziologische Fragen
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Soziologische Fragen ist ein 1980 veröffentlichtes Buch des französischen Soziologen Pierre Bourdieu. Es enthält eine Reihe thematisch vielfältiger und relativ kurzer Beiträge, darunter den zentralen Aufsatz „Über einige Eigenschaften von Feldern“, der den Begriff des Feldes kurz und knapp behandelt. Einerseits handelt es sich bei den Beiträgen um Interviews, die Bourdieu gegeben hat, andererseits um Abhandlungen und Vorlesungen, die spezielle Bereiche seiner Theorie (z. B. Musikgeschmack) abdecken.

Der erste Teil des Buches (S. 10-90) dreht sich um die Rolle des Soziologen als Wissenschaftler und Intellektueller und Bourdieus Verständnis einer kritisch-reflexiven Soziologie. Die folgenden Seiten behandeln disparate Themen, zu einem beträchtlichen Teil kultursoziologischer Art („Über Ursprung und Entwicklung der Arten der Musikliebhaber“, „Haute Couture und Haute Culture“, „Historische und soziale Voraussetzungen modernen Sports“, „Die Metamorphose des Geschmacks“), aber auch sprachlicher („Der sprachliche Markt“, „Die Zensur“). Der letzte Teil streift schließlich politische Themen („Die öffentliche Meinung gibt es nicht“, „Bildung und Politik“, „Streik und politisches Handeln“, „Der Rassismus der Intelligenz“).

Inhaltsverzeichnis

Über Ursprung und Entwicklung der Arten der Musikliebhaber

Wieso redet Bourdieu nur ungern über Musik? Zunächst gehört der Diskurs um Musik zu den Anlässen schlechthin für intellektuelle Selbstdarstellungen. Man kann dabei seine Bildung, Kultuviertheit und seinen Geschmack hervorheben. Dann die gleichen Argumente wie in den feinen Unterschieden. Im Gegensatz zum Theater (BoulevardAvantgarde, rive gaucherive droite) ist die Musik kaum gesellschaftlich konnotiert. Gleichzeitig gibt es kaum eine Praxis die stärker distinktiv wirkt.

Der Musikgeschmack ist so verräterisch, weil er in der frühesten Erfahrung wurzelt und damit stark inkorporiert. Auch geht mit dem Geschmack Ekel einher, im Gegensatz zu bloßen Meinungen: „unser Stolz erträgt eine Verurteilung des Geschmacks sehr viel schlechter als eine Verurteilung unserer Meinungen“ (La Rochefoucauld).

Wie in den feinen Unterschieden hängt der Geschmack mit bestimmten sozialen Erfahrungen zusammen. „Musik ist körperlich“. Sie entzückt, reißt hin, bewegt und stachelt auf. Dabei gibt es nicht nur grobe Differenzierungen in Form von Klassengeschmäckern, sondern viel feinere Distinktionsstrategien und –bemühungen. Es gibt zwei Formen der Musikkonsumtion: „auf der einen Seite eine Art Unvertrautheit mit der Musik, auf der anderen der passiv-akademische Geschmack des Musikliebhabers mit der Schallplattensammlung.“ „Und eben weil er distinktiv ist, wandelt sich der Geschmack“. Auch die Entwicklung der Musikproduktion ist eine der Ursachen für den Geschmackswandel. Die Schwierigkeit der Analyse in diesem Bereich besteht in der Interdependenz der verschiedenen Akteure. „Um das wirklich zu erklären müsste man das ganze Netz der Konkurrenz- und Komplementärbeziehungen, der einverständigen Verbundenheit in der Konkurrenz analysieren, das die betreffenden Akteure allesamt eint: Komponisten und Interpreten, Berühmtheiten und Unbekannte, Schallplattenproduzenten, Rundfunkredakteure, Lehrer usw., kurz: alle, die Interesse an Musik oder Interessen – im ökonomischen oder psychologischen Sinne – in Musik haben, die am Spiel beteiligt, die im Spiel befangen sind.“

Die Metamorphose des Geschmacks

In diesem Vortrag an der Universität Neuchâtel geht es um die Fragen: Wie wandelt sich der Geschmack? Lässt sich die Logik dieses Wandels wissenschaftlich beschreiben?

Zunächst wird definiert, was Geschmack ist. Die Voraussetzungen des Geschmacks sind: klassifizierte und klassifizierende Güter, sowie Leute, die über Klassifizierungsprinzipien verfügen. Es kann auch Geschmack ohne Güter geben und Güter ohne Geschmack. Zudem existieren Güter, die dem Geschmack voraus sind (Avantgarde). „Geschmack ist das Produkt dieses Zusammentreffens zwischen zwei objektiv aufeinander abgestimmten Geschichten, einer objektiven und einer inkorporierten.“

Zum Verhältnis von Konsument und Kunstwerk kommt ein drittes Element hinzu: der Produzent. Er ist „der Profi der Objektivierung“ und verwandelt Implizites in Explizites. Wie kommt es nun, dass sich in Bezug auf den Geschmack Angebot und Nachfrage so wunderbar treffen? Man könnte dem Produzenten ein geschicktes Kalkül und die Kenntnis der Nachfrage anlasten. Das möchte Bourdieu nicht, denn damit unterstellt man den Produzenten zu viel Rationalität (z. B. werden so Orientierungen an der Konkurrenz, wie sie im Journalismus typisch sind, außen vor gelassen). Stattdessen wird „der Produzent in seiner Produktion von der Position bestimmt, die er im Produktionsraum einnimmt. Die Produzenten produzieren unterschiedliche Produkte aufgrund der Eigenlogik der Dinge und ohne den Unterschied zu suchen.“

Wie wird die Wahl auf Seiten der Konsumenten getroffen? Meist negativ und distinktiv. Dazu muss man die Bedingungen kennen, unter denen „die Konsumenten produziert werden.“

Nach diesen Vorklärungen geht Bourdieu an die Analyse des Geschmackswandels. Auf der Produktionsseite ist das künstlerische Feld „dem permanenten Wandel unterworfen“. Diskreditierungen, Teilrevolutionen und Machtkämpfe tragen dazu bei. In der Religion findet sich ein ähnliches Verhältnis zwischen Orthodoxie und Häresie. Beispiel: Entstehung des literarischen Feldes im 19. Jahrhundert mit dem Gegensatz von Alten und Jungen bzw. Etablierte vs. Neulinge. Mit den unterschiedlichen Generationen gehen andere Positionen im Feld einher. „In das Spiel der Produktion einzusteigen heißt Epoche machen und damit zugleich diejenigen für überholt erklären, die in einer anderen Epoche ebenfalls Epoche gemacht haben.“ In der Haute Couture findet sich dieses Modell am deutlichsten (→ siehe auch den Aufsatz „Haute Couture und Haute Culture“ im gleichen Band).

Wie sieht es auf der Konsumtionsseite aus? Wie geht der Wandel hier vonstatten? Dass der Wandel nicht das Produkt der Bemühung um Anpassung an eine Nachfrage ist, lässt sich daran feststellen, dass einige künstlerische Entwicklungen ins Leere laufen – oder ihrer Zeit voraus sind. Faktoren, die die Nachfrage betreffen sind: Bildungsexpansion... Mit zunehmender Anzahl an Konsumenten verlieren die Güter tendenziell an distinktivem Wert. „Popularisierung entwertet“. Diejenigen, die sich als die happy few darüber erkennen, dass sie die education sentimentale oder Proust lesen, müssen nun zu Robbe-Grillet greifen oder, noch weiter, zu Claude Simon, Duvert usw.“ Nicht nur die Produkte selbst tragen – mehr oder weniger starken - distinktiven Wert, sondern auch die Art der Konsumtion oder Wiedergabe (Live-Aufnahme vs. Studioproduktion etc.).

Nun gibt es verschiedene (meist unbewusste) Strategien mit den Werken zu distinguieren (z. B. Mischung von Unterhaltungsmusik mit Hochkultur → Omnivores These, Konsum solcher Künstler, die in ihren Werken dies bereits tun, z. B. Mahler oder Strawinsky). „Die allererste, allereinfachste Strategie besteht ja darin, die popularisierten deklassierten, entwerteten Güter zu meiden.“ Gleichzeitig ist die Vorliebe für moderne und neue Strömungen ein ebenso wirksames Kriterium.

Historische und soziale Voraussetzungen modernen Sports

Über einige Eigenschaften von Feldern

„Felder sind Räume, die ihre Struktur durch Positionen (oder Stellen) bekommen, deren Eigenschaften wiederum von ihrer Position in diesen Räumen abhängen.“ (S. 107) Es gibt felderübergreifende oder felderinvariante Gesetze, die man beobachten kann. Andererseits existieren auch feldspezifische Gesetze. Felder sind durch bestimmte Interessenkonstellationen charakterisiert, die sich in der Relevanz und der Verteilung der Kapitalsorten ausdrücken. „Damit ein Feld funktioniert, muss es Interessensobjekte geben und Leute, die zum mitspielen bereit sind und über den Habitus verfügen, mit dem Kenntnis und Anerkenntnis der immanenten Gesetze des Spiels, der auf dem Spiel stehenden Interessensobjekte usw. impliziert ist.“ (S. 108)

Der Stand der Machtverhältnisse macht die Struktur des Feldes aus, sozusagen der Stand der Verteilung des spezifischen Kapitals, das im Verlauf früherer Kämpfe akkumuliert wurde. Die Akteure verfolgen Strategien um ihr Kapital zu erhalten oder für eine andere Gewichtung der Sorten zu sorgen. Die legitime Gewalt stellt das Objekt der Kämpfe dar, das worum es in den Auseinandersetzungen geht. Die Machthaber und Inhaber des spezifischen Kapitals in einem Feld verfolgen tendenziell Erhaltungsstrategien (Orthodoxie), während die Neuen und Außenseiter eher Strategien des Umsturzes repräsentieren (Heterodoxie, Häresie).

„Alle die sich in einem Feld betätigen, haben bestimmte Grundinteressen gemeinsam, nämlich alles, was die Existenz des Feldes selbst betrifft.“ (S. 109) Der Kampf zwischen den unterschiedlichen Gruppen oder Akteuren stellt das Spiel (oder Spielfeld) nicht grundsätzlich in Frage, sondern trägt zu dessen Reproduktion bei. Dies geschieht über den Glauben, die illusio, das Gefangensein. „Die Neulinge müssen einen Eintrittspreis bezahlen, bestehend aus der Anerkennung des Wert des Spiels.“ (ebd.) Den Umsturzstrategien sind – unter der Strafe der Exkommunikation – bestimmte Grenzen gesetzt. Es gibt zwar Teilrevolutionen – z. B. im literarischen Feld das Aufkommen neuer Strömungen, wie des Symbolismus – aber umfassende Revolutionen sind nach der Etablierung des Feldes kaum möglich.

Im Spiel ist die ganze Vergangenheit des Spiels präsent (→ Konservatoren wie Archivare, Biographen, Historiker). „Ein Feldeffekt ist es auch, wenn man ein Werk (und den Wert, das heißt den Glauben, den man ihm beimisst) nicht mehr verstehen kann, ohne die Geschichte des Produktionsfelds dieses Werks zu kennen.“ (S. 111) Mit der Kontrastfolie des Naiven (Künstlers) versucht Bourdieu die Relevanz des Feldes für die Konstitution von Werken herauszustreichen.

Die Strategien im Feld funktionieren meistens gar nicht bewusst und über subjektiv angestrebte Ziele, sondern über den Habitus stark gesellschaftlich konditioniert und damit unbewusst. (weitere Ausführungen in „Sozialer Sinn“ und „Die Regeln der Kunst“)

Der Soziologe auf dem Prüfstand

Dieser Beitrag ist der längste im Band und verdient deshalb eine separate Besprechung. In ihm hat Bourdieu die seiner Meinung nach interessantesten Fragen zusammengetragen, die ihm an den vielen Vorträgen, die er an den unterschiedlichsten Orten hielt, gestellt wurden. Die Fragen sind vielfältig und beziehen sich auf verschiedene Aspekte seiner Theorie. Viele davon beschäftigen sich allerdings mit der Soziologie als Wissenschaft und ihrer Rolle innerhalb des Feldes der Wissenschaft, also ihr Bezug zu anderen Disziplinen.

In der ersten Frage, muss Bourdieu Stellung beziehen, warum er so schwierig schreibt. Seine Antwort: Die Sprache der Sozialwissenschaften muss sich von der Umgangssprache distanzieren. „Es heißt mit der Sozialphilosophie zu brechen, die dem spontanen, unreflektierten Diskurs eingeschrieben ist.“ (S. 36) Trotzdem kann die soziologische Sprache weder klar noch neutral sein (das hat schon allein mit der Wahl der Begriffe zu tun, z. B. „Klasse“). Bourdieu geht es um eine rigorose und kontrollierte Anwendung der Sprache – was nicht mit einem schönen Stil und schönen Formulierungen einhergeht. „Der Rekurs auf eine künstliche Sprache ist aber für die Soziologie möglicherweise zwingender als für andere Wissenschaften.“ (S. 37) Hinzu kommt, dass die Leser relativ wenig über die Produktionsbedingungen der soziologischen Werke wissen. Viele kennen die grundlegenden soziologischen Prinzipien nicht (z. B. Durkheims Losung das Soziale durch Soziales zu erklären) und haben deshalb Mühe mit den verarbeiteten Gedanken. „Die Hauptquelle des Missverständnisses aber liegt darin, dass gewöhnlich fast nie über die soziale Welt gesprochen wird, um zu sagen, was sie ist, sondern nahezu immer, um zu sagen, sie sein sollte.“ (S. 39) Als Beispiel dient die Schilderung eines Essens, was meistens wertend ("Es war gut... Es hat geschmeckt") und nicht deskriptiv geschieht. Die Leser gehen also an soziologische Texte mit der Brille ihres Habitus heran. „Die Kommunikation zwischen dem Soziologen und seinem Leser liegt ein strukturelles Missverständnis zugrunde.“ (S. 40)

In der zweiten Frage kommt zum Vorschein, dass die Lektüre soziologischer Text zudem dem Verständnis- und Toleranzproblem unterliegt: Diejenigen, mit den Mitteln sich solche Texte anzueignen (Statushöhe, Gebildete, die herrschende Klasse), interessieren sich nicht dafür oder wollen, dass dieses Wissen nicht zum Vorschein kommt. Den weniger Gebildeten fehlen die nötigen Mittel zur Aneignung, obwohl sie daran interessiert wären. „[...] dass die wissenschaftlich Wahrheit mit großer Wahrscheinlichkeit diejenigen erreicht, die am wenigsten geneigt sind, sie zu akzeptieren, mit geringer Wahrscheinlichkeit aber diejenigen, die am meisten daran interessiert wären, sie zu erhalten.“ (S. 41)

In der Determinismus-Frage (Ist Ihre Theorie nicht deterministisch) gibt es laut Bourdieu das Problem, dass zwei unterschiedliche Formen des Determinismus zu unterscheiden sind: die objektive Notwendigkeit und die subjektive, gelebte Notwendigkeit (das Empfinden der Notwendigkeit und Freiheit). „In welchem Ausmaß die soziale Welt uns determiniert erscheint, hängt davon ab, wie viel wir darüber wissen. In welchem Maß die Welt dagegen real determiniert ist, ist keine Ansichtssache.“ (S. 43)

Kann die wissenschaftliche Soziologie nicht auf die Solidarität der anderen Wissenschaften zählen? „Doch, natürlich.“

Eine störende und verstörende Wissenschaft

Dieser Beitrag dreht sich um das Soziologieverständnis von Bourdieu. Kann man die Soziologie überhaupt als Wissenschaft betrachten? Ja, laut Bourdieu weist sie alle Merkmale einer Wissenschaft auf, wenn auch in unterschiedlichem Ausmaß. Dass man ihr den Status einer Wissenschaft bisweilen abspricht, liegt daran, dass sie „stört und verstört“ (S. 19). Zudem befragt die Soziologie die Wissenschaft im Allgemeinen und sich selbst im Besonderen.

Die Grenze zwischen Soziologie und kritischem Journalismus besteht objektiv, weil sie unterschiedliche Methoden anwenden. „Es gibt kohärente Systeme von Hypothesen, Begriffen, Verifikationsmethoden, von all dem, was gemeinhin mit der Vorstellung von Wissenschaft verbunden wird.“ (S. 21)

Die Soziologie hat auch Probleme, sich rechtzufertigen, weil sie später als andere Wissenschaften entstanden ist. Zudem besteht einer ihrer Hauptschwierigkeiten darin, „dass ihre Untersuchungsgegenstände Kampfobjekte sind; Dinge, die kaschiert, zensiert werden, für die man bereit ist, zu sterben.“ (ebd.) Es handelt sich damit um eine entzaubernde Wissenschaft. Das Hauptproblem der Soziologie liegt in ihrem oft unkontrollierten Verhältnis zum Untersuchungsgegenstand. Erst wenn der Soziologe seine Rolle reflektiert, kann er tiefgreifende und gute Forschung betreiben. Bachelard sagte: „Wissenschaft gibt es nur vom Verborgenen.“ (S. 22) Je besser ein Soziologe theoretisch und empirisch gerüstet ist, desto eher gelingt es ihm, dieses Verborgene ans Licht zu bringen.

„Wie wäre eine einheitliche Wissenschaft hinter dieser Diversität zu denken?“ (S. 24) lautet eine Frage des Interviewers. Bourdieu antwortet darauf, es lassen sich in der Wissenschaft oft Fortschritte erzielen, indem man gegensätzliche Theorien synthetisiert. Später sagt er: „Das heißt, einmal mehr, dass der Typus von Sozialwissenschaft, den zu praktizieren man in der Lage ist, vom eigenen Verhältnis zur sozialen Welt abhängt, von der Position, die man darin einnimmt.“ Bourdieu trennt Theoretiker und Sozialingenieur, wobei letztere v. a. dazu da sind, „den Leitern von Privatunternehmen und Verwaltungen Rezepte zu liefern.“ Die Funktion der Wissenschaft sei es aber nicht der Macht zu dienen, sondern die soziale Welt und die Macht zu verstehen.

Die Trennungen in verschiedene Wissenschaftsdisziplinen des Menschen hält Bourdieu für unglücklich. Insbesondere erachtet er die Unterscheidung von Soziologie, Sozialpsychologie und Psychologie für eine Trennlinie, die die Erkenntnis behindert. Die Gesellschaft besteht aus zwei voneinander nicht zu trennenden Formen: Institutionen (objektivierte soziale Welt) und Dispositionen (inkorporierte soziale Welt). „Der sozialisierte Körper (was man Individuum oder Person nennt) steht nicht in Gegensatz zur Gesellschaft: er ist eine ihrer Existenzformen.“ Auf die Frage, was ihm (Bourdieu) das Recht gebe, den Menschen ihre Illusionen zu rauben, antwortet er zögerlich: „Ungeachtet dessen glaube ich, dass sie sozialen Verhältnisse weniger unglücklich wären, wären die Menschen wenigstens in der Lage, die Mechanismen zu kontrollieren, die sie dazu bringen, zu ihrem eigenen Unglück und ihrer Misere selbst noch beizutragen.“ An der neoklassischen Ökonomie, besonders an Gary Becker, kritisiert er, dass diese lediglich eine Form von Interesse und Rationalität berücksichtige, im Gegensatz zu ihm. Er sagt nämlich, dass jeder Praktik eine eigene Form von Interesse zugrunde liegt. „Ethnologie und vergleichende Geschichte belegen, dass kraft der genuin sozialen Magie der Institution nahezu alles zum – realistischen – Interesse erhoben, das heißt als (ökonomische) Investition und (psychische) Besetzung konstruiert werden kann, die sich früher oder später rückwirkend in einer Ökonomie bezahlt macht.“

Das Paradox des Soziologen

„Der zentrale Gedanke, den ich hier vorbringen möchte, lautet: Theorie der Erkenntnis und politische Theorie sind nicht zu trennen.“ Dieser Aufsatz deckt sich mehrheitlich mit anderen Stellen, wo Bourdieu genau das Gleiche gesagt hat und seinen Fokus auf die symbolische Dimension sozialer Ungleichheit legt, also darauf, wie sich die Leute gegenseitig wahrnehmen und einteilen (z. B. letztes Kapitel aus den feinen Unterschieden).

Die Kunst, den Parolen zu widerstehen

Dieser leitet den Band ein und dreht sich zunächst um das kulturelle Kapital und die in den feinen Unterschieden erzielten Erkenntnisse: Der bürgerliche Diskurs stellt das Interesse an der Kunst als interesselos dar. Bourdieu erinnert an das kulturelle Kapital und an die Distinktionsstrategien, die diesem (bürgerlichen) Blick widersprechen. Aus dem scheinbar interesselosen Zugang zur Kunst erwachsen den Beteiligten „Gewinne aus Interesselosigkeit“ oder eben Distinktionsgewinne. „Die Illusion eines kulturellen Kommunismus wäre demnach bloßzustellen.“ Kunst hat wenig oder nichts mit einer mythischen Teilhabe gemein, wo jeder nehmen kann, was er möchte. Das trifft sowohl für die Hochkultur als auch für die Gegenkultur zu.

Wie sähe unter diesen Bedingungen eine wirkliche Gegen-Kultur aus? Antwort Bourdieu: „Eine derartige Kultur müsste in der Lage sein, Kultur zu verfremden, sie zu analysieren und nicht umzukehren oder, genauer, ihr eine umgekehrte Form aufzudrücken.“ (S. 13) Eine solche Kultur würde die symbolische Herrschaft hinterfragen. Bourdieu kommt auch auf die Virilität der Arbeiterklasse zu sprechen. „Ich behaupte, dass die Idee der Virilität eines der letzten Refugien der Identität der beherrschten Klasse darstellt.“ (S. 14) Als einen der wichtigsten gesellschaftlichen Wandlungsprozesse, der sich auch auf die Politik auswirkt, erachtet Bourdieu die Bildungsinflation. „Unter diesen Umständen wird es nützlich, die Kunst, den Parolen zu widerstehen, zu lehren, die Kunst, nur das zu sagen, was man sagen will [...] Ich schreibe, damit die Leute, und zunächst einmal jene, die das Wort haben, die Wortführer, nicht mehr in bezug auf die soziale Welt Lärm produzieren können, der den Anschein von Musik vermittelt.“ (S. 19)

Stehen die Intellektuellen außerhalb des Spiels & Wie die freien Intellektuellen befreien?

Diese beiden nacheinander auftretenden Aufsätze drehen sich um den Begriff und die Rolle des Intellektuellen. Im ersten Aufsatz behandelt Bourdieu zunächst die Klassifikationskämpfe, bzw. die Kämpfe um die „richtigen“ Begriffe. „Der Kampf um die sozialen Klassifizierungen bildet eine zentrale Dimension des Klassenkampfes, und auf diesem Umweg greift die symbolische Produktion in den politischen Kampf ein.“ Der Aufsatz geht in eine ähnliche Richtung wie Kapitel 9 aus „Sozialer Sinn“. Deshalb möchte ich ihn nicht in aller Ausführlichkeit darlegen. „Das Handeln hängt zu einem Großteil von den Worten ab, mit denen man darüber spricht.“ Es wird also die symbolische Dimension der sozialen Wirklichkeit angesprochen. Die Aufgabe einer Soziologie der Intellektuellen (die wohl unumgänglich sei) sei es, daran zu erinnern, dass wir in unseren Denkkategorien manipuliert sind. Bourdieu unterscheidet zwei Arten über die soziale Welt zu sprechen: folgenlose (intellektuelle) und folgenreiche (performative).

Der zweite Aufsatz behandelt ein ähnliches Thema, diesmal aber aus einem etwas anderen Blickwinkel. Er beginnt mit einem Vorwurf des Interviewers (Didier Eribon ) an Bourdieu, er sei dem Anti-Intellektualismus verfallen. Bourdieu reagiert etwas erbost darauf und rechtfertigt sich mit den gleichen Argumenten, die auch in Homo Academicus im ersten Kapitel vorgetragen werden: „Dem Soziologen wird nicht verziehen, dass er dem erstbesten die den Eingeweihten vorbehaltenen Geheimnisse offenbart.“ Es sei nicht überraschend, dass die Intellektuellen gereizt reagierten, wenn man sie objektiviere, denn es stehe ja viel auf dem Spiel (z. B. ihr Wissen). Er selbst möchte die „Angriffe“ aber nicht ad personam verstanden wissen, obwohl das oft so interpretiert werde. Eine Soziologie der Intellektuellen sei natürlich notwendiger denn je, sie dürfe aber nicht als Instrument missbraucht werden, wie dies schon geschehen ist (Shdanowismus). „Wenn ich also daran erinnere, dass die Distanz zu den Notwendigkeiten und Zwängen des Alltags Voraussetzung ist für die theoretische Wahrnehmung der sozialen Welt, dann nicht, um damit die Intellektuellen als Parasiten zu denunzieren, sondern um die Grenzen ins Bewusstsein zu heben, die jeder theoretischen Erkenntnis durch die sozialen Bedingungen ihrer Realisierung zwingend gesetzt sind.“ Diese Grenzen sind diejenigen der Praxis – oder der Logik der Praxis (die ja eine andere Logik hat als die Logik der Logik → Sozialer Sinn Kapitel 5, Zusammenfassung). Anschließend kommen Eribon und Bourdieu auf diese Praxis zu sprechen und auf „Sozialer Sinn“. Man kann die Logik der Praxis nur begreifen, wenn man seine eigene Position als Wissenschaftler und die damit einhergehenden Zwänge und Verengungen reflektiert, beherrscht und kontrolliert.

Man müsse folglich die Intellektuellen als Mitglieder der herrschenden Klasse situieren. Innerhalb der herrschenden Klasse nehmen sie die beherrschte Fraktion ein, werden also vom ökonomisch dominanten Pol dominiert. Dann fragt Eribon, ob die Soziologie der Intellektuellen diesen Freiheit gegenüber den Zwängen, denen sie unterliegen, bietet. Zumindest die Möglichkeit dazu, antwortet Bourdieu. Im weiteren Verlauf des Gesprächs kommen die Autoren auf intellektuelle Moden zu sprechen, denen viele Intellektuelle anheimfallen und die sehr schnell veraltet sind. Am Beispiel des Kommunismus lässt sich das schön verdeutlichen. „Das Privileg des Soziologen – wenn es denn eines ist – besteht nicht darin, weit über den von ihm Klassifizierten zu stehen, sondern sich selbst als Klassifizierter bewusst zu sein und zu wissen, wo er in etwa im Rahmen dieser Klassifizierungen steht.“ So antwortet Bourdieu, wenn ihn jemand nach seinem Geschmack fragt: „Ich habe den Geschmack, der meinem Platz im Klassifikationssystem entspricht.“

Der Essayismus sei ein spezifisch (oder besonders) französischer Ausdruck der intellektuellen Moden. Einerseits könne man zu oberflächlich sein, andererseits aber auch zu akribisch und detailverliebt, wie die these d’etat dies fordert (Gegensatz von Pedanterie und Mondanität). Die erschwere die Genese außergewöhnlicher Werke.

„Mit meiner ganzen Energie versuche ich, die Geschichte dort auszumachen, wo sie sich am besten versteckt: im Gehirn der Menschen und in ihrem Leib. Das Unbewusste ist Geschichte.“ Die soziologische Analyse sollte zwei Geschichten zusammenbringen: die Leib gewordene oder inkorporierte Geschichte (Habitus) und die zum Ding gewordene oder objektivierte (bzw. institutionalisierte) Geschichte (Feld). Erst aus dem Zusammentreffen dieser beiden Geschichten entsteht die Praxis. Der Bourdieu’schen Praxistheorie liegt ein bestimmtes philosophisches Menschenbild zugrunde, das gegen den Subjektivismus gerichtet ist. Auch zur Psychonanalyse stellt sich Bourdieu eher kritisch: „Ich möchte jetzt dazu nur sagen, dass die individuelle Geschichte noch in ihrer tiefsten Einzigartigkeit und bis in ihre sexuelle Dimension hinein sozial determiniert ist.“

Aus seiner eigenen Biographie weiß Bourdieu, wie es ist in ein unpassendes Feld geworfen zu werden und ein Außenseiter zu sein: „Ich fühle mich nie vollkommen legitimiert, ein Intellektueller zu sein, ich fühle mich nicht bei mir, ich habe das Empfinden, jemanden Rechenschaft darüber abzulegen, was mir wie ein nicht zu rechtfertigendes Privileg erscheint.“ Wie die Geschichte beweise, kommen oft von solchen Leuten (die sich eben nicht wie Fische im Wasser bewegen) die besten Beiträge. Bourdieu wird oft das Bild des Pessimisten angehaftet, konstatiert Eribon. Er antwortet, er sträube sich genau so als Optimist bezeichnet zu werden. „Ich zweifle allerdings, dass es eine andere wirkliche Freiheit gibt als jene, die aus Einsicht in die Notwendigkeit ermöglicht wird.“

Für eine Soziologie der Soziologen

Der Artikel dreht sich um die Rolle der Wissenschaft in den kolonialisierten Gebieten. Die Wissenschaft in Algerien charakterisiert Bourdieu als entkoppelt von den wissenschaftlichen Standards in Frankreich und dafür umso stärker abhängig gegenüber der Kolonialmacht, also Politik.

Was sprechen heißt & der sprachliche Markt & die Zensur

Der erste Beitrag dreht sich um die Sprachsituation in der Schule. Soll die Unterrichtssprache Umgangssprache oder Standardsprache sein? An diese Frage knüpfen die Reflexionen im Text an. „Ich möchte zu zeigen versuchen, dass man aufgrund der konkreten Fragen, die sich beim schulischen Gebrauch der Sprache stellen, zugleich die grundlegenden Fragen der Sprachsoziologie (oder der Soziolinguistik) und der Institution Schule stellen kann.“ (S. 92) Was bedeutet es, wenn wir in Zusammenhang mit der Schule von Umgangssprache reden? Welche Sprache meinen wir damit? Das ist die Sprache, die auf der Straße gesprochen wird.

Dann führt Bourdieu den Begriff des sprachlichen Markts ein. Bourdieu versteht jede Sprachsituation, jedes Gespräch als einen solchen Markt, in dem Worte getauscht werden. Die Akteure antizipieren und bezahlen Preise. Gleichzeitig wirken Zwänge und Zensureffekte. Die Schule stellt eine besondere Form des sprachlichen Markts dar. „Der Lehrer ist eine Art Jugendrichter für Sprachsachen: Er hat das Korrektur- und Benotungsrecht für die Sprache seiner Schüler.“ (S. 95) Damit die Sprache funktioniert, muss sie beglaubigt sein. Bourdieu bringt die Analogie der Schulsituation mit der Liturgie vor. Hier stellt sich also die Frage des Verhältnisses von Sprache und Institution. Scheinbar steckt der Französischunterricht in der Krise, die mit der Krise des Schulsystems zu tun hat. Gewisse Leute „sind bereit, für das Französische zu sterben... oder für die Rechtschreibung!“ (S. 98)

Die Sprachwissenschaft und die Soziologie sind sich einig, dass die Sprachforschung gut daran täte, die Voraussetzungen der Kommunikation explizit zu machen, d. h. sie müsste Antworten auf die Frage "Was sind die sozialen Bedingungen der Möglichkeit von Kommunikation?" geben können. In der Sprachakttheorie genau das versucht. Eine nötige Bedingung für das Funktionieren von Sprechakten ist Legitimität. „Die Kommunikation in der pädagogischen Autoritätssituation setzt legitime Sender, legitime Empfänger, eine legitime Situation und eine legitimie Sprache voraus.“ (S. 100) Eine legitime Sprache ist nicht nur grammatikalisch korrekt, sondern auch selbstbestätigend, indem sie „ständig auch noch sagt, dass sie es gut sagt.“ In Krisensituationen bricht der sprachliche Markt zusammen. Mit Macht ausgestattete Personen können es sich erlauben freier zu sprechen als machtlose Leute. Die Unterkorrektheit des sprachlichen Ausdrucks ist ein Beispiel dafür.

Am Ende des Vortrags stellen die Zuhörer noch ein paar Fragen, die die legitime Sprache betreffen. „Es ist eine Sprache, die ihre entscheidenden Effekte erzielt, indem sie den Anschein erweckt, nicht das zu sein, was sie ist.“ (S. 105) Die schulische Sprache bevorteilt laut Bourdieu die textimmanente der Welt abgewandte Leseart des Textes. „Das Schulsystem lehrt nicht einfach eine Sprache, sondern ein Verhältnis zur Sprache, das zu einem bestimmten Verhältnis zu den Dingen gehört, ein Verhältnis zu den Menschen, ein völlig entrealisiertes Verhältnis zur Welt.“ (S. 106)

Der zweite Beitrag („Der sprachliche Markt“) geht in eine ähnliche Richtung wie der erste. Das zentrale Modell, das vorgebracht wird, lautet: „sprachlicher Habitus + sprachlicher Markt = sprachlicher Ausdruck, Diskurs“. (S. 115) Zunächst erläutert Bourdieu den Begriff des Habitus. Sprachliche Kompetenz ist nicht einfach grammatische Kompetenz, sondern auch „treffsicher zu sprechen“ (kairos). Es kommt also auf die Akzeptabilität des Gesagten drauf an. „Ein sprachlicher Markt ist immer dann vorhanden, wenn jemand einen Diskurs im Hinblick auf Empfänger produziert, die imstande sind, ihn zu taxieren, einzuschätzen und ihm einen Preis zu geben.“ (S. 117) Am Beispiel des Bürgermeisters und der Bauern im Béarn veranschaulicht Bourdieu den sprachlichen Markt. Auch auf die Befragungssituation können die Gesetze des sprachlichen Marktes angewendet werden (Siehe „Die öffentliche Meinung gibt es nicht“). „Jedes Spezialfeld, das philosophische, religiöse, literarische usw., hat seine eigenen Gesetze und lässt tendenziell ein Sprechen, das mit diesen Gesetzen nicht vereinbar ist, der Zensur anheimfallen.“ (S. 126)

Der letzte Beitrag ("Die Zensur") dreht sich ebenfalls um sprachliche Themen. Jeder sprachliche Ausdruck stellt einen Kompromiss aus Interesse und Zensur dar. Man verwendet z. B. Euphemisierungsarbeit, wenn man in bestimmten Kontexten spricht. Im literarischen Feld wirkt die Zensur über den bevorzugten Diskurs: den textimmanenten. „Der literarische Diskurs ist ein Diskurs, der sagt: ‚Behandelt mich, wie ich behandelt werden möchte, nämlich semiologisch, als Struktur‘.“ (S. 132) Diesem Diskurs gelingt es lange und oft, seine eigene Wahrheit durchzusetzen, so dass die externe soziologische Analyse erschwert wird.

Ein Feld kann somit als Zensurbereich verstanden werden. Es schließt zwei Dinge aus: „das Unsagbare... und das Unnennbare.“ (S. 133) Ein besonders effektiver Mechanismus die Zensur auszuüben, besteht darin, diejenigen, die man nicht sprechen hören möchte, vom Sprechen auszuschließen. Deshalb sollte man sich z. B. die Rekrutierungsmaßahmen anschauen, wenn man verstehen will, wie das schulische Feld oder das akademische Feld funktioniert.

Jugend ist nur ein Wort

In diesem Gespräch (mit Anne-Marie Métailié) erinnert Bourdieu daran, dass Altersaufteilungen willkürlich und kontingent sind. Deshalb kann man nicht genau sagen, wo die Jugend aufhört und das Erwachsensein anfängt. „Ich will damit nur sagen, dass Jugend und Alter keine festen Größen sind, sondern sich sozial konstituieren, im Kampf zwischen Jungen und Alten. Das Verhältnis von sozialem Alter und biologischem Alter ist sehr komplex.“ (S. 137) Jedes Feld besitzt seine eigenen Gesetze des Alterns. Dann kommt Bourdieu auf Bildungstitel und deren Inflation zu sprechen. Laut ihm ist das Bildungssystem oder Schulsystem ein „Vehikel von Privilegien“ (S. 142). „So wie die Alten ein Interesse daran haben, die Jungen in die Jugend zurückzudrängen, so haben die Jungen ein Interesse daran, die Alten ins Alter abzuschieben.“ (S. 146)

Haute Couture und Haute Culture

Dieser Aufsatz behandelt die Analogie von Mode (haute couture) und Hochkultur (haute culture). Das Verhältnis der beiden Felder ist durch strukturelle und funktionelle Homologie gekennzeichnet. Im Folgenden beschreibt Bourdieu das Feld der haute couture. „Die Herrschenden in diesem besonderen Feld der Welt der haute couture sind diejenigen, die über die meiste Macht verfügen, Objekte mittels eines Namens zu seltenen Objekten zu machen.“ (S. 188) Die Alteingesessenen, z. B. Balmain, stehen den Jungen und Heterodoxen, z. B. Scherrer, gegenüber. Auch in den Kollektionen äußern sich die Unterschiede. Die Alteingesessenen setzen auf Klassisches, die Jungen dagegen auf Neues und Modernes. Beide akzeptieren aber die grundlegenden Regeln des Feldes und sind damit von der illusio ergriffen. „So hat jedes Feld seine eigenen Formen von Revolution, seine eigene Zeitrechnung.“ (S. 190) Das Feld ist von ständigen Kämpfen geprägt und diese Kämpfe sind der Motor des Wandels. Durch stetige kleine Distinktionen grenzen sich die Fraktionen und Akteure voneinander ab. „Wenn der Minirock in Hinterpfupfingen angekommen ist, fängt alles wieder von vorne an.“ Weiter ist das Feld von der Geschichte beeinflusst und von der Zukunft. Es nimmt eine Mittelposition zwischen Freiheit und Determiniertheit der Akteure ein: dem Feld der Bürokratie einerseits, wo die Akteure ersetzbar sein müssen, und dem Feld der Kunst- und Literaturproduktion, wo die Akteure einzigartig sein sollten. Schließlich kommt Bourdieu auf den magischen Akt der Signatur zu sprechen, der in der Kunst das Kunstwerk „heiligt“ und teuer macht, genauso wie er in der Mode für den Ruf sorgt. „Das Feld, also das System der Beziehungen insgesamt, macht die Macht des Produzenten. Das Feld ist die Energie.“ Somit sorgt erst der kollektive Glauben oder die kollektive „Verkennung“ für den Ruf oder den Preis des Modestücks.

Aber wer hat denn die Schöpfer geschaffen?

Antwort: das Feld. Der Beitrag behandelt das Verhältnis von Soziologie und Kunst. Weder die interne noch die externe Lesart tun der Kunstsoziologie genüge. Vielmehr gelte es das Feld als mittelnden Faktor zu berücksichtigen. Die Argumentation läuft im Übrigen gleich ab wie in den „Regeln der Kunst“ und braucht darum nicht im Detail erläutert zu werden. Das Angebot (Produktion) und die Nachfrage (Konsumtion) im Feld der Kunst sind durch den Habitus der Akteure in Homologie gekoppelt. „Zwar gestaltet der Posten (mehr oder weniger vollständig) den Habitus, doch trägt der im voraus (mehr oder weniger vollständig) für den Posten, in seinem Sinne gestaltete Habitus (aufgrund der die Berufung und die Kooptation bestimmenden Mechanismen) zur Gestaltung des Postens bei.“ Die Autonomie des Feldes ist nicht vollständig. So werden von äußeren Feldern Impulse gegeben. Die richtige soziologische Analyse sollte den Habitus mit dem Feld in Verbindung bringen: „Subjekt des Werkes ist folglich ein Habitus in Verbindung mit seinem Posten, das heißt einem Feld.“ Im Kunstfeld lässt sich der Raum der Positionen vom Raum der Stellungnahmen oder Werke trennen. Beide sollten bei einer integralen Analyse des Feldes berücksichtigt werden.

Die öffentliche Meinung gibt es nicht & Bildung und Politik

Diese beiden Beiträge drehen sich um Meinungsumfragen und Non-Response-Verhalten. Die fehlenden Werte (Missing Values) bei politischen Fragen sind das Spannendeste und sagen am meisten aus, so Bourdieu. Deshalb gelte es sich anzuschauen, wie diese Gruppe der Nichtantwortenden sozialstrukturell zusammengesetzt ist, immer in Abhängigkeit der Frage.

Er kommt zum Schluss, dass besonders häufig Frauen und tiefgebildete Leute keine Antwort auf politische Fragen geben. Für Bourdieu stellt der „Meinungsstand zu einem gegebenen Zeitpunkt ein System von Macht- und Spannungsverhältnissen“ dar. Je mehr Kenntnisse und Wissen die Fragen voraussetzen (oder vorauszusetzen vorgeben), desto häufiger antworten Frauen und Tiefgebildete nicht. „Einer der gefährlichsten Effekte der Meinungsumfrage ist, dass sie die Menschen unter Zugzwang setzt, auf eine Frage zu antworten, die sie sich nicht gestellt haben.“ Da die Leute unterschiedliche Vorstellungen von der sozialen Welt haben, je nachdem wo im sozialen Raum sie stehen, ist es höchst problematisch allen die gleiche Frage bzw. den gleichen Vergleichsmaßstab in die Hand zu geben (so versteht der linke Student etwas anderes unter „Links“ bzw. differenziert hier stärker als die rechte Handwerkerin). Die erste Bedingung um auf eine politische Frage angemessen zu antworten, ist die Fähigkeit sie als politisch wahrzunehmen. „Das zweite Prinzip, aufgrund dessen Menschen eine Meinung produzieren können, ist das, was ich das Klassenethos nenne, d. h. ein System impliziter Werte, die die Menschen von Kindheit an verinnerlicht haben und auf deren Grundlage sie Antworten auf die unterschiedlichsten Probleme generieren.“ Die einfache Schlussfolgerung aus der Tatsache, dass das Nichtanwortverhalten vom kulturellen Kapital abhängig ist, man müsse einfach das Bildungsniveau und den Lebensstandard heben um weniger repressive Bürger zu erhalten, ist nicht zulässig: „Die Aussage: ‚Die unteren Klassen sind repressiv‘ ist weder falsch noch richtig. Sie insoweit richtig, als sich die unteren Klassen bei einem ganzen Komplex von Problemen, die etwa die Ehemoral und die Beziehungen zwischen den Generationen oder den Geschlechtern betreffen, tendenziell sehr viel rigorisitischer verhalten als die anderen Klassen. Bei den Fragen mit politischer Struktur dagegen, bei denen der Erhalt oder die Veränderung der sozialen Ordnung und nicht mehr nur der Erhalt oder die Veränderung der Formen der Beziehungen zwischen Individuen ins Spiel kommt, stehen die unteren Klassen der Innovation, das heißt einer Veränderung der sozialen Strukturen, sehr viel aufgeschlossener gegenüber.“ Wenn man das nicht differenziert, also nicht zwischen dem politischen Prinzip im eigentlichen Sinn und dem ethischen Prinzip unterscheidet, kommt man zu vereinfachenden Schlüssen.

Hinzu kommt, dass wissenschaftliches und politisches Wissen meistens diejenigen erreicht, die es eh schon wissen oder eh schon politisch informiert sind und dass die Befragungssituation sehr artifiziell ist. „Man hat umso mehr Meinungen zu einem Problem, je mehr dieses Problem die eigenen Interessen berührt, das heißt, je mehr man ein Interesse an diesem Problem hat.“ Deshalb muss man zum Schluss kommen, dass es die öffentliche Meinung nicht gibt.

Im zweiten Aufsatz „Bildung und Politik“ geht es erneut um die Nicht-Antworten, die ja eigentlich die besten Antworten sind. Er deckt sich mehrheitlich mit dem ausführlichen Kapitel aus den feinen Unterschieden mit gleichem Namen.

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