Stadthalle Görlitz


Stadthalle Görlitz
Stadthalle
Südseite der Stadthalle und Haupteingang zum Großen Saal

Südseite der Stadthalle und Haupteingang zum Großen Saal

Daten
Ort Görlitz
Baumeister Bernhard Sehring
Baujahr 1906–1910
Grundfläche 8.670,00 [1] m²

Die Stadthalle ist eine Konzerthalle in Görlitz. Das Bauwerk diente seit der Eröffnung 1910 bis zur Schließung 2005 zahlreichen unterschiedlichen kulturellen Veranstaltungen, darunter Konzerte, Sportereignisse und Messen. Nach abgeschlossener Sanierung soll die Stadthalle im Jahr 2014 wieder eröffnet werden.[2]

Inhaltsverzeichnis

Lage

Die Stadthalle befindet sich an der Straße Am Stadtpark in der Görlitzer Innenstadt direkt an der Stadtbrücke, die Grenzübergang in die polnische Schwesterstadt Zgorzelec ist. Östlich der Stadthalle befindet sich ein großer Parkplatz am Ende der Uferstraße direkt an der Lausitzer Neiße. Auf der Süd- und Westseite der Stadthalle schließt sich der Stadtpark an. Am Rande des Parks inmitten der Wendeschleife vor der Konzerthalle befindet sich der Meridianstein, der an die Lage der Stadt auf dem 15. Meridian erinnert. Der 15. Meridian verläuft jedoch nach heutigen Messverfahren auf den Neißewiesen östlich des Bauwerkes.

Geschichte

Ansichtskarte des 14. Schlesischen Musikfestes 1900 in der alten Festhalle
Die Stadthalle noch mit Straßenbahnanbindung und Jakob-Böhme-Denkmal vor ihren Toren (1959)

Im Juli 1876 nahmen am 1. Schlesischen Musikfest in Hischberg im Riesengebirge zehn schlesische Städte mit zwölf Vereinen, 481 Sängern und 106 Musikern teil. Gegründet und finanziert wurde das Fest von Bolko von Hochberg einem schlesischen Grafen aus dem Haus Fürstenstein und Pleß. Er schrieb Singspiele, eine Oper, widmete sich aber auch Lied- und Chorkompositionen. Das 3. Schlesische Musikfest fand 1878 erstmals in Görlitz statt. Es folgten das vierte (1880), sechste (1883) und achte (1886) in der Neißestadt. Seit dem 10. Musikfest 1889 fanden alle Feste zuerst im Zweijahres- später im Dreijahresabstand in Görlitz statt.[3]

Anfangs wurden die Feste wie zahlreiche weitere öffentliche Veranstaltungen in einer ehemaligen Ausstellungshalle des Gartenbauvereins aus dem Jahr 1863 begangen. Der provisorische Holzbau wurde 1872 vom Wilhelmsplatz an das Neißeufer nahe dem Exerzierplatz in etwa dem heutigen Standort der Stadthalle umgesetzt und im Jahr 1878 für bis zu 2000 Gäste und Künstler ausgebaut.[4][5]

Dieses Bauwerk schien jedoch dem Schlesischen Musikfest nicht angemessen zu sein, so dass um 1900 ein repräsentativer Neubau geplant wurde, der auch der steigenden Geltung der Stadt gerecht wurde. Eine frühere Realisierung einer Konzerthalle in der Stadt war auf Grund der fehlenden finanziellen Mittel nicht möglich. Der städtische Haushalt und der des zusammengeschlossenen Komitee für Musik- und Ruhmeshalle war um die Jahrhundertwende bereits schwer durch den Bau der Oberlausitzer Ruhmeshalle belastet. Im Jahr 1900 berief die Stadtverordnetenversammlung eine Kommission mit Mitgliedern aus Magistrat, Stadtverordnetenversammlung und Bürgerschaft, die das Projekt Konzerthalle begleiten sollten. Im Januar des Folgejahres bestimmte die Kommission den Bauplatz in der Nähe der alten Festhalle und legte fest, dass der Haupteingang sich auf Südseite an der Reichenberger Brücke (heute: Stadtbrücke) auf Straßenniveau befinden solle.[6]

Über eine Lotterie konnten 300.000 Reichsmark der veranschlagten 810.000 Reichsmark eingenommen werden. Einen sehr großen Anteil an den Spenden hatte der Initiator der Festspiele Graf Bolko von Hochberg. Schließlich votierte auch die Stadtverordnetenversammlung für den Naubau einer Konzerthalle. Für den Bau konnte der renommierte Theaterbaumeister Bernhard Sehring gewonnen werden.[7]

Nach den 16. Musikfestspielen fand am 20. Juni 1906 die Grundsteinlegung für die Stadthalle statt. Der Neubau entstand in einem zur damaligen Zeit prosperierenden Stadtviertel. Mit direkten Blickkontakt entstanden in der Umgebung 1894 die Reichenberger Schule, 1898 die Baugewerke- und Maschinenbauschule und 1902 die Ruhmeshalle. Wenig später folgten 1913/14 die Gebäude der Rothenburger Versicherung und 1926 das Elektrizitätswerk.[8]

Die Arbeiten am Rohbau waren zu Beginn des Jahres 1908 bereits weitgehend abgeschlossen, so dass bereits mit den Innenausbau begonnen wurde um den geplanten Eröffnungstermin einzuhalten. Die geplante Eröffnung rückte jedoch mit dem Einsturz der Hallendecke am 9. Mai 1908, wahrscheinlich infolge fehlerhafter statischer Berechnungen der Stahldeckenkonstruktion, in weite Ferne. Sie riss große Teile der Hallenwände mit. Das Unglück kostete fünf Menschen das Leben, elf wurden verletzt. Einige Zeit nach dem Unglück sprengten Soldaten des Glogauer Pionierbataillons die störenden Reste am Bauwerk. Durch die Druckwelle entstanden in den nahen Straßenzügen erhebliche Schäden an Fenstern und teilweise auch an der Inneneinrichtung.[9][10]

Nach dem erfolgreich abgeschlossenen Wiederaufbau konnte das Bauwerk am 27. Oktober 1910 festlich durch das Philharmonische Orchester Berlin unter Leitung von Generalmusikdirektor Dr. Karl Muck eingeweiht werden. Die Gesamtkosten für den Bau beliefen sich schließlich auf 1,14 Millionen Reichsmark. Das Haus war für mindestens 2000 Besucher und ein bis zu 1000-köpfiges Ensemble auf der Bühne konzipiert.[1][9][11][12]

In den Jahren 1936 und 1937 fanden umfangreiche Renovierungen im Gebäude statt, dabei wurden auch zahlreiche Schmuckelemente in den Sälen entfernt. Das Ende des Zweiten Weltkrieges erlebte die Stadthalle trotz Sprengung der nahegelegenen Reichenberger Brücke weitgehend unbeschadet. Bereits zwölf Tage nach dem Kriegsende luden der Oberbürgermeister Alfred Fehler und der sowjetische Stadtkommandant Oberst Pawel Iljitsch Nesterow die Kinder der Stadt zu einem Kinderfest im Stadthallengarten ein. Daran erinnert bis heute eine Gedenktafel. Als Ersatzveranstaltung für das Schlesische Musikfest wurde nach dem Krieg die Görlitzer Musikwoche etabliert. Die Musikwoche wurde jedoch bereits 1957 wieder eingestellt.[13]

Am 31. Dezember 2004 wurde der Betrieb der Stadthalle auf Grund der wirtschaftlichen Situation und bautechnischen Mängeln am Bauwerk eingestellt. Seit 2004 angagiert sich ein Förderverein für eine Sanierung und anschließende Wiedereröffnung der Stadthalle, die auf Grund der klammen Haushaltslage der Stadt Görlitz in weite Ferne zu rücken drohte. Lange versuchte die Stadt einen privaten Investor bzw. Betreiber für das Objekt zu finden, aber ohne Erfolg. Mittlerweile einigte sich die Stadt und der Freistaat Sachsen über die Finanzierung der Stadthalle, so dass nach abgeschlossener Sanierung 2014 die Stadthalle neben dem Theater das kulturelle Zentrum der Europastadt Görlitz/Zgorzelec bilden soll.[2][5]

Bauwerk

Westansicht
Figurenschmuck

Die Jugendstilhalle hat eine Brutto-Grundfläche von etwa 8.670 m² und einen Brutto-Rauminhalt von ca. 49.460 m³. Zwei Säle bilden die Veranstaltungsräumlichkeiten. Durch eine der fünf Türen des Haupteingangs kommend betritt man die Eingangshalle, über die man wiederum den sogenannten Großen Saal betritt, der sich im Hochpaterre befindet und mit einer Fläche von ca. 950 m² etwa 1.700 Zuschauern Platz bietet. Er ist damit, wie sein Name bereits vermuten lässt, der größere der beiden Veranstaltungssäle. Er verfügt über eine tiefe Bühne und eine Etage über dem Parkett über eine umlaufende Empore, die auf der Rückseite des Saals den 1. Rang bildet. Ein weiteres Stockwerk oberhalb des 1. Ranges befindet sich der 2. Rang. Er ragt jedoch nicht soweit in den Saal hinein, wie der 1. Rang. Für ausreichend Licht sorgen die 14 hohen, farbig verglasten Saalfenster sowie zwischen den Fenstern in Höhe des zweiten Ranges aufgehängte Laternen.[1]

An der Rückwand des Saales oberhalb der Bühnenstufen befindet sich die Sauerorgel. Sie trägt den Namen ihres Erbauers Wilhelm Sauer aus Frankfurt (Oder). Ein wichtiger Förderer der Orgel war der Görlitzer Industrielle Otto Müller. Er unterstützte den Bau der Orgel mit 15.000 Reichsmark. Die Konzertorgel verfügt über 72 klingende Stimmen sowie vier Manuale und Pedal. Die Orgel gilt als die einzige original erhaltene Konzertorgel mit spätromantischer Klangfarbe. Nachdem die Wartung während der DDR-Zeit über längere Zeiträume vernachlässigt wurde, musste die Orgel 1989/1990 einer aufwendigen, circa eine Million Deutsche Mark teuren Restaurierung unterzogen werden. Nach der Restaurierung durch die Orgelmanufactur Vleugels aus dem baden-württembergischen Hardheim erklang sie das erste Mal am 2. Oktober 1991 während eines Festkonzertes.[14]

Hinter dem Großen Saal befindet sich der Kleine Saal mit einer Fläche von 245 m². Er bietet etwas mehr als zweihundert Gästen Raum für kleinere Veranstaltungen. Der rechteckige Saal mit einer kleinen Bühne liegt quer zum Großen Saal im Obergeschoss. Unterhalb des Kleinen Saals befindet sich eine Gaststätte sowie das Rund- und Schlesische Zimmer mit einem Zugang zum Stadthallengarten.[1]

Der äußere Bauschmuck ist typisch für die Zeit des Jugendstils. So schmücken zahlreiche Putten die Simse, sowie Obeliske, Vasen und Pokale den Dachbereich. An den Seiteneingängen auf der Ost- und Westseite brgrüßen Löwen die Besucher. Den Giebel oberhalb des Haupteinganges zieren zwei geflügelte Löwen, die ein Relief mit drei antik gekleideten Personen flankieren. Der Schmuck ist zumeist aus Kunststeinguss.

Nördlich des Hauses schließt sich der Stadthallengarten an. Er besaß früher eine Brunnenanlage mit einer liegenden Muse mit Harfe auf einem rechteckigen Sockel. Die sogenannte Liegende mit Harfe von Richard Engelmann verschwand jedoch nach 1945.

Veranstaltungen

Die Schlesischen Musikfeste waren bis 1945 und sind seit 1996 wieder eine feste Größe im Programm der Stadthalle. Jedoch fanden in der Stadthalle noch zahlreiche weitere Ereignisse statt. Darunter befanden sich neben den musikalischen Veranstaltungen auch Sporteignisse, Ausstellungen, Kongresse und Politveranstaltungen.

So fand beispielsweise im September 1916 in der Stadthalle die Begrüßung der 7.000 griechischen Soldaten und Offiziere durch den Oberbürgermeister Georg Snay statt. Die Soldaten wurden von der mazedonischen Front abgeschoben und in Görlitz interniert. Weiterhin fand vom 18. bis zum 24. September 1921 in der Stadthalle der Parteitag der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD) mit 376 stimmberechtigten Teilnehmern statt. Auf diesem beschloss die Partei das Görlitzer Programm und debattierte über die Auswirkungen des Versailler Friedensvertrages auf die Innen- und Außenpolitik Deutschlands. Während der nationalsozialistischen Herrschaft und des Zweiten Weltkrieges war eine Vielzahl der Veranstaltungen der braunen Ideologie unterworfen. So appellierte Joseph Goebbels noch am 8. März 1945 in der Stadthalle an den Durchhaltewillen der Soldaten und Bürger gegen die anrückenden sowjetischen Truppen. Nach dem Krieg fanden im Großen Saal 1948 die Prozesse gegen den letzten NS-Bürgermeister Hans Meinshausen und NSDAP-Kreisleiter Bruno Malitz statt. Auch die nachfolgende SED-Diktatur nutzte die Stadthalle für ihre Propagandaveranstaltungen. Die wohl letzte Veranstaltung der SED war die Festveranstaltung zum 40. Jahrestag der DDR im Oktober 1989.[9][15][16]

Aber auch sportliche Höhepunkte fanden in der Stadthalle statt. So wurden beispielsweise die DDR-Meisterschaften im Boxen live aus der Stadthalle über das DDR-Fernsehen in das gesamte Land übertragen.

Weblinks

 Commons: Stadthalle Görlitz – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. a b c d Ausschreibung Stadthalle 2007. Abgerufen am 8. August 2011.
  2. a b goerlitz.de: Stadthalle Görlitz: Kultur und Tagungen im Jugendstil-Ambiente. Abgerufen am 8. August 2011.
  3. Wolf-Dieter Fiedler: Die Görlitzer Stadthalle. 1. Auflage. Senfkornverlag, Görlitz 2010, S. 4f.
  4. Andreas Bednarek: Streifzüge durch Görlitz. 2. Auflage. Sutton-Verlag, Erfurt 2000, ISBN 3-89702-018-1, S. 56.
  5. a b Förderverein Stadthalle Görlitz e. V. – Info. Abgerufen am 8. August 2011.
  6. Wolf-Dieter Fiedler: Die Görlitzer Stadthalle. 1. Auflage. Senfkornverlag, Görlitz 2010, S. 4f.
  7. Wolf-Dieter Fiedler: Die Görlitzer Stadthalle. 1. Auflage. Senfkornverlag, Görlitz 2010, S. 7.
  8. Wolf-Dieter Fiedler: Die Görlitzer Stadthalle. 1. Auflage. Senfkornverlag, Görlitz 2010, S. 8.
  9. a b c Ernst Heinz Lemper: Görlitz. Eine historische Topographie. 2. Auflage. Oettel-Verlag, Görlitz 2009, ISBN 3-932693-63-9, S. 215.
  10. Wolf-Dieter Fiedler: Die Görlitzer Stadthalle. 1. Auflage. Senfkornverlag, Görlitz 2010, S. 9ff.
  11. Ernst Kretzschmar, Sebastian Beutler: Historie der Schlesischen Musikfeste. (PDF, 132 KB).
  12. Wolf-Dieter Fiedler: Die Görlitzer Stadthalle. 1. Auflage. Senfkornverlag, Görlitz 2010, S. 11, 13.
  13. Wolf-Dieter Fiedler: Die Görlitzer Stadthalle. 1. Auflage. Senfkornverlag, Görlitz 2010, S. 14.
  14. Wolf-Dieter Fiedler: Die Görlitzer Stadthalle. 1. Auflage. Senfkornverlag, Görlitz 2010, S. 11f.
  15. Chronik der deutschen Sozialdemokratie. Abgerufen am 8. August 2011.
  16. Wolf-Dieter Fiedler: Die Görlitzer Stadthalle. 1. Auflage. Senfkornverlag, Görlitz 2010, S. 15.


51.15055514.9988

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