Cultural Studies

Cultural Studies

Cultural studies (engl.; wörtlich übersetzt „Kulturstudien“) sind ein Forschungsparadigma der Sozial- und Geisteswissenschaften. Der fächerübergreifende Forschungsansatz vereint Soziologie, Filmtheorie, Literaturtheorie und Kulturanthropologie. Cultural studies erforschen die Bedeutung von Kultur als Alltagspraxis. Diese Bedeutungen werden als sozial konstruiert aufgefasst, d.h. sie sind keine vermeintlich „natürlichen“, sondern entstehen im Laufe der Kulturgeschichte größtenteils zufällig.

In der Betrachtung von kulturellen Phänomenen der Gesellschaft wird nicht mehr vom vermeintlichen Gegensatz zwischen Populärkultur und Hochkultur ausgegangen. Wichtiges Anliegen ist das Überwinden eines ideologisch voreingenommenen Blickes. Die cultural studies untersuchen einzelne kulturelle Erscheinungen auf ihren Zusammenhang mit sozialstrukturellen Merkmalen, wie z. B. Rasse, Ethnie, Klasse, Schicht, Gender und sexueller Orientierung.

Inhaltsverzeichnis

Geschichte

Cultural Studies wurden in den 1960er-Jahren von zumeist Arbeiter-orientierten Vertretern der britischen Erwachsenenbildung und Literaturwissenschaftlern mit Interesse an Alltagskultur und auch im Zusammenhang mit der aufkommenden Popkultur entwickelt. Sie betonten, auch in Anlehnung an die Frankfurter Schule, die Produktionsbedingungen von kulturellen Gütern und damit auch hegemonialen Bedeutungsmustern in Anlehnung an dem Marxismus Louis Althussers und Antonio Gramsci.

„In den Cultural Studies wird kritisch an die Marx-Interpretation Althussers sowie an Gramscis Konzept kultureller Hegemonie und seiner Kategorie des Subalternen für die gesellschaftlich marginalisierten und ausgegrenzten Gruppen angeknüpft. Diese Theorien werden mit Hilfe einer vor allem an Jacques Lacan orientierten Psychoanalyse und den sprach- bzw. diskursanalytischen Verfahren von Michel Foucault und Jacques Derrida gegen den Strich gelesen, wobei vor allem der von Derrida entwickelte Begriff der ‚Dekonstruktion‘ zentrale Bedeutung für fast alle postkolonialen Theoretiker haben – namentlich für führende Köpfe wie Homi Bhabha, Gayatri C. Spivak und Stuart Hall.“

Udo Wolter: Das obskure Subjekt der Begierde

Die Forschung fand vor allem im Umfeld des Birmingham Centre for Contemporary Cultural Studies (BCCCS) unter der Leitung von Stuart Hall statt. Weitere wichtige Vertreter sind Edward Palmer Thompson sowie Raymond Williams, der die frühen Grundlagen mit erarbeitete, Paul Willis und später die selbst von der Jugendsubkultur, besonders dem britischen Punk geprägten Dick Hebdige und Angela McRobbie.

Mit den Forschungen von Pierre Bourdieu, aber auch John Fiske und der Verlagerung des Schwerpunkts der Forschung an US-amerikanische Universitäten verschob sich der Fokus in den 1980er Jahren. Produktion und Konsumtion werden nun theoretisch als gleichwertig betrachtet. In den Studien der 1980er und 1990er Jahre überwiegen jene, die die Aneignungspraktiken der Produkte in den Mittelpunkt stellen. Im Gegensatz zur Kulturkritik der Frankfurter Schule, in der die Konsumenten als von der Kulturindustrie betrogene und manipulierte Masse betrachtet werden, betonen die Cultural Studies stärker den kreativen Umgang der Konsumenten mit kulturellen Gegenständen. In den 1990er Jahren wurde besonders das Thema Differenz ein Schwerpunkt der Cultural Studies.

1979 erschien Paul Willis’ klassische Studie zum Widerstand von Jugendlichen der Arbeiterkultur auf deutsch. Übersetzungen der Werke Stuart Halls erschienen seit den 1980er Jahren. Erst seit Mitte der 1990er Jahre werden die Cultural Studies auch in der deutschsprachigen Forschung und gehobenen Populärkultur breiter wahrgenommen.

Die Werke Frantz Fanons haben die theoretischen Arbeiten der Cultural studies früh beeinflusst und gelten noch heute als Grundlagentexte.

Neuere Ansätze der Cultural Studies zielen unter anderem darauf ab, jenseits der „signifying“ Praktiken Kultur durch Affekte im Sinne von Gilles Deleuze zu rekonstruieren. Das Studium der Kultur wird zu einer Frage des Erfassens von Produktion, Mobilisierung und Affekt. Diese Bewegung geht mit einer Kritik am hegemonialen Verständnis von Politik einher und beschäftigt sich in Anschluss an Michel Foucault mit Fragen der Produktion des Alltagslebens durch Biopolitik. Demnach bestehen einige Überschneidungen zu den Forschungen von Tom Holert und Mark Terkessidis zur Sichtbarkeit und Subjektivität im Neoliberalismus.

Auch in der Kriminologie lässt sich ein gewachsenes Interesse an einer gemeinsamen Artikulation von Kriminalität und Kultur feststellen. In der Tradition der klassischen Jugendkultur-Forschungen des CCCS oder Studien zu moralischen Paniken hat sich die sogenannte Cultural Criminology entwickelt. Im Zentrum der Fragestellung stehen, wie Jock Young es formulierte, Transgression und Rachsucht. Das Phänomen Kriminalität wird in diesem Sinne als Alltagskultur verstanden und durch Sensibilitäten rekonstruiert. Den Kontext bildet eine fortschreitende Kriminalisierung des Alltagslebens.

Kritik

Friedrich Kittler kritisiert die „wunderbar vorgespielte, aber desto verlogenere wissenschaftliche Unschuld“ vor allem der angelsächsischen cultural studies. Statt sich im Standpunkt eines allem enthobenen Beobachters zu vermuten, fordert Kittler statt dessen „unsere eigene Wissenschaft“ als Sachverhalt „mit dessen eigenen Mitteln anzugehen.“[1] Indem er die Entstehung von Kulturwissenschaft und cultural studies historisiert, betont Kittler, dass auch die cultural studies nicht weltanschaulich neutral sind, sondern sich selbst als eine Form der gelebten Kultur erweisen.

„Vor allem hat jede Theorie, die einer sogenannten Gesellschaft (und sei es zu deren sogenannter Verbesserung) dient, über ihre Grundbegriffe schon vorentschieden. Sie hält jene Leere nicht aus und offen, in deren dunklem Raum es im Gegensatz zu einer allgegenwärtigen fable convenue nie ausgemacht sein kann, daß es den Rausch und die Götter, die Tragödie und den Himmel nie und nimmer gibt. Keine Menschen, keine Gesellschaften befinden darüber, ob und wann im Geschenk des Gusses zumal Erde und Himmel, die Göttlichen und die Sterblichen weilen.“[2]

Kittler hält hier dem sich neutral gebenden Wissenschaftsbetrieb zum Vergleich eine alternative Welt entgegen, wie er sie in Nietzsches Geburt der Tragödie und in Heideggers Spätphilosophie des Gevierts findet. Weder weltanschauliche Neutralität noch ein absoluter Standpunkt lassen sich für Kittler durch den Forscher herstellen, sondern werden durch die mediengeschichtliche Dynamik bestimmt, die sich der Verfügbarkeit des Menschen entzieht. Diese Erkenntnis auf sich selbst anzuwenden fordert Kittler von den cultural studies und der Kulturwissenschaft.

Literatur

  • Jan Engelmann (Hrsg.): Die kleinen Unterschiede: Der Cultural-Studies-Reader. Campus Verlag, Frankfurt 1999 ISBN 3593362457
  • Rolf Lindner: Die Stunde der Cultural Studies. Wien, WUV, 2000, ISBN 3-85114-509-7
  • Christina Luttner und Markus Reisenleitner: Cultural Studies. Eine Einführung. Wien, Turia + Kant, 1998.
  • Rainer Winter: Die Kunst des Eigensinns. Cultural Studies als Kritik der Macht. Weilerswist, Velbrück, 2001.
  • Roger Bromley, Udo Göttlich und Carsten Winter (Hrsg.): Cultural Studies: Grundlagentexte zur Einführung. Lüneburg, zu Klampen, 1999, ISBN 3-924245-65-7. (Reader mit grundlegenden Texten)
  • Doris Bachmann-Medick: Cultural Turns. Neuorientierungen in den Kulturwissenschaften. Rowohlt-Taschenbuch-Verlag, Reinbek bei Hamburg 2006, ISBN 3-499-55675-8.
  • María do Mar Castro Varela, Nikita Dhawan (2005): Postkoloniale Theorie. Eine kritische Einführung, transcript-Verlag, ISBN 3-89942-337-2.
  • Hito Steyerl, Encarnación Gutiérrez Rodríguez (Hrsg.): Spricht die Subalterne deutsch? Migration und postkoloniale Kritik. Unrast Verlag, 2003, ISBN 3-89771-425-6
  • Paul Willis: Spaß am Widerstand. Gegenkultur in der Arbeiterschule ISBN 3810800937
  • Stuart Hall – Ausgewählte Schriften Band 1-4, Argument Verlag, Hamburg
  • jour fixe initiative berlin (Hrsg.): Wie wird man fremd? Sammelband. Unrast-Verlag, ISBN 3-89771-405-1 (Auseinandersetzungen mit Rassismustheorien vor dem Hintergrund der Kritischen Theorie, Cultural studies und poststrukturalistischen Theoretikern)
  • Gayatri Chakravorty Spivak: Can the Subaltern speak?
  • Udo Wolter: Das obskure Subjekt der Begierde. Frantz Fanon und die Fallstricke des Subjekts der Befreiung. ISBN 3-89771-005-6
  • Thoburn Nicholas (2007) 'Patterns of Production: cultural studies after hegemony', Theory, Culture and Society, 24(3), S. 79–94
  • Scott Lash (2007): „Power after Hegemony: Cultural Studies in Mutation?“, Theory, Culture, and Society. 24(3), S. 55–78.
  • Brian Massumi (2002): Parables of the Virtual: Movement, Affect, Sensation, Duke University Press, Durham/New York
  • Mike Presdee (2000): Cultural Criminology and the Carnival of Crime, London 2000

Siehe auch

Einzelnachweise

  1. Friedrich Kittler: Eine Kulturgeschichte der Kulturwissenschaft. Fink, München 2001, S. 11.
  2. Friedrich Kittler: Eine Kulturgeschichte der Kulturwissenschaft. Fink, München 2001, S. 249.

Weblinks


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