Das Totenschiff


Das Totenschiff

Das Totenschiff, Die Geschichte eines amerikanischen Seemanns, ist ein 1926 in der Büchergilde Gutenberg erschienener Roman von B. Traven. Dabei wird das Totenschiff zum "Bild vom untergehenden Spätkapitalismus" mit der "Verdinglichung des Menschen zum Schatten seiner Pässe und Berechtigungsnachweise" sowie der Kritik an den "unverändert aktuellen Profit-Praktiken der kapitalistischen Seefahrt".[1]

Inhaltsverzeichnis

Handlung

Der Ich-Erzähler Gales – er taucht bereits in der Erzählung „Die Baumwollpflücker“ (1925) auf, dann in „Die Brücke im Dschungel“ (1929), jedes Mal ohne Vornamen[2] – ist in diesem Roman ein amerikanischer Seemann aus New Orleans. Er verpasst nach einem Landurlaub in Antwerpen sein Schiff, die S. S. Tuscaloosa. Da sein einziges Identitätsdokument, nämlich seine Seemannskarte, an Bord geblieben ist, macht er eine neue Erfahrung, nämlich ohne Papiere durch alle Maschen anerkannter gesellschaftlicher Zugehörigkeit zu fallen. Als Staatenloser geltend, wird er über Landesgrenzen[3] abgeschoben und macht eine Irrfahrt durch Westeuropa von Belgien über die Niederlande nach Frankreich, Spanien und schließlich Portugal. Am deutlichsten gibt ihm der amerikanische Konsul in Paris zu verstehen, in welche Situation er ohne urkundliche Bestätigungen seiner Existenz geraten ist, so dass ihm auch der Konsul nicht mehr helfen kann:

Ich war nicht geboren, hatte keine Seemannskarte, konnte nie im Leben einen Pass bekommen, und jeder konnte mit mir machen, was er wollte, denn ich war ja niemand, war offiziell gar nicht auf der Welt, konnte infolgedessen auch nicht vermisst werden.“ (Kap. 14).[4]

In einem kleinen südportugiesischen Hafen zwingt ihn seine Lage, auf dem völlig heruntergekommenen Dampfer „Yorikkeanzuheuern. Das Schiff soll nach Liverpool auslaufen. Auf dem Schiff arbeiten außer dem Skipper nur Seeleute, die keine Papiere mehr haben, also lebendige Tote sind, für die sich niemand mehr zuständig fühlt, außer dass sie für den Eigner eines „Totenschiffes“ wie die „Yorikke“ noch arbeiten können. In keinem Hafen werden sie mehr durch die Kontrollen an Land gelassen, so dass sie, über die ihnen zustehende geringe Heuer zusätzlich dem Skipper ausgeliefert, kaum die Chance haben, das „Totenschiff“ je ordnungsgemäß wieder verlassen zu können. So geht die Reise auch nicht nach Liverpool, sondern das Schiff, das offiziell mit wertloser Fracht unterwegs ist, betreibt Waffenschmuggel auf Mittelmeer- und küstennahen Atlantikrouten. Bei einem Landgang in Dakar wird er mit dem aus Posen gebürtigen Stanislaw Koslowski, seinem einzigen Freund, der nach dem Ersten Weltkrieg weder die deutsche noch die polnische Staatsangehörigkeit erlangen konnte, shanghait und gerät auf die „Empress of Madagascar“.
Die „Empress“ ist ein erst drei Jahre altes Schiff und in entsprechend gutem Zustand. Sie bringt aber die angegebene Maschinenleistung nicht, so dass die durch Fracht zu erwirtschaftenden Gewinne ausbleiben. Deswegen haben die Schiffseigner schon zwei Versuche unternommen, das Schiff untergehen zu lassen, um wenigstens noch in den Besitz der Versicherungsprämie zu gelangen. Bei einem erneuten Versuch von Dakar aus, an dem Gales und Stanislaw gezwungenermaßen beteiligt sind, geht das Schiff unter, und Stanislaw und ein Großteil der Besatzung kommen ums Leben. Gales, der sich nicht als Amerikaner hatte in die Schiffspapiere eintragen lassen, weshalb er als in Alexandria geborener Helmont Rigbay unterschrieb, und von Stanislaw „Pippip“ genannt wird, überlebt und kann sich an Land retten.

Stil

Der seemännische Ich-Erzähler schreibt sarkastisch, ironisch und verwendet viele Wendungen aus der Seemannssprache:

Umsonst wollte ich nun auch nicht gerade gearbeitet haben und das Geld dem Skipper einfach schenken. Und so hatte er mich nur um so fester. Aber wo, wann und wie abmustern? Gab es doch nicht. In keinem Hafen wurde die Abmusterung bestätigt. Keine Papiere, kein Heimatland. Werden den Mann nie wieder los. Kann nicht abmustern. – Es gab nur eine Abmusterung. Die Gladiatorenabmusterung. Abzeichnung auf dem Riff. Abzeichnung bei den Fischen“ (Kap. 43).

Die Lage des ausgebeuteten Seemanns erscheint beim Anmustern als Absurdität:

Als ich ankam, hatte ich in Erinnerung an normale Boote gefragt:
‚Wo ist denn die Matratze für meine Bunk?‘
‚Wird hier nicht geliefert.‘
‚Kissen?‘
‚Wird hier nicht geliefert.‘
‚Decke?‘
‚Wird hier nicht geliefert.‘
Mich wunderte nur, dass die Kompanie überhaupt das Schiff lieferte, das wir zu fahren hatten; und ich wäre nicht erstaunt gewesen, wenn man mir gesagt hätte, das Schiff muss jeder selber mitbringen“ (Kap. 24).

Aus seinen Erfahrungen leitet der Seemann auch resümierende Urteile ab:

Es fahren viele Totenschiffe auf den sieben Meeren, weil es viele Tote gibt. Nie gab es so viel Tote, als seit der große Krieg für wahre Freiheit und echte Demokratie gewonnen wurde. Tyrannen und Despoten wurden besiegt, und der Sieger wurde das Zeitalter einer größeren Tyrannei, das Zeitalter der Landesflagge, das Zeitalter des Staates und seiner Lakaien“ (Kap. 32).

Eine neue „menschliche Komödie“

Unübersehbar sind B. Travens Anspielungen auf Dantes Göttliche Komödie. Am Ende des ersten Buches schließt Kapitel 22 mit den Worten: „Wer hier eingeht,/ Dess’ Nam’ und Sein ist ausgelöscht./ Er ist verweht.“ Diese Verse in Anspielung auf die Überschrift am Eingang zum Inferno Dantes werden zu Beginn des zweiten Buches aufgenommen und als „Inschrift über dem Mannschaftsquartier des Totenschiffs“ leitmotivisch wiederholt. Als Stanislaw am Schluss stirbt, lässt der Erzähler den „Großen Kapitän“ auftauchen und den Ertrinkenden „treu und ehrlich für große Fahrt“ mustern. Über seinem letzten Quartier steht, als gehe es in Dantes Paradies: „Wer hier eingeht,/ ist aller Qualen ledig“ (Ende Kap. 48).
In einer neueren Studie zum „Totenschiff“ wird festgehalten, dass B. Traven keine einfache Abenteuerliteratur, bei der er bisher am geläufigsten eingeordnet werde, geschrieben habe. Neben den literarischen Anspielungen auf Dante und Honoré de Balzacs Die menschliche Komödie trete anderes literarisches Erbe im „Totenschiff“ in Erscheinung. Wie in Georg Büchners Dramenfragment Woyzeck werde an einem Freiheitsbegriff Kritik geübt, „der die Begüterten begünstigt und der Versklavung der Lohnabhängigen Vorschub leistet. Travens Erzähler polemisiert gegen den bürgerlichen Freiheitsbegriff mit jener Schärfe, die wir nur von Georg Büchner und vom jungen Marx kennen“.[5]

Staatenlosigkeit als Thema bei B. Traven und Hannah Arendt

Im Roman werden in den Kapiteln 39 und 40 neben Gales und Stanislaw ausdrücklich zwei weitere Staatenlose erwähnt, die Stanislaw auf der „Yorikke“ sterben sah: Paul, einen in Mülhausen (Elsass) geborenen Deutschen, und Kurt aus Memel. Beide erlangten infolge der Nationalitätenkonflikte und den neuen Grenzziehungen nach dem Krieg keine Staatsangehörigkeit, weil sie zur falschen Zeit am falschen Ort waren. Für B. Traven ein Anlass, seinen Ich-Erzähler Gales sich über die neue Wirklichkeit Gedanken machen zu lassen, und zwar in der Nachfolge des von Max Stirner vertretenen Anarchismus:[6]

Das feste Land ist mit einer unübersehbaren Mauer umgeben, ein Zuchthaus für die, die drinnen sind, ein Totenschiff oder eine Fremdenlegion für die, die draußen sind. Es ist die einzige Freiheit, die ein Staat, der sich zum Extrem seines Sinnes entwickeln will und muss, dem einzelnen Menschen, der nicht nummeriert werden kann, zu bieten vermag, wenn er ihn nicht mit kühler Geste ermorden will. Zu dieser kühlen Geste wird der Staat noch kommen müssen“ (Kap. 39).

B. Traven kann als erster Romanautor in Anspruch nehmen, das nach dem Ersten Weltkrieg offenkundig gewordene Problem der Staatenlosigkeit zu seinem Thema gemacht zu haben. Hannah Arendt, die Traven nicht erwähnt und zwischen 1937 und 1951 wie B. Traven zuvor staatenlos war, setzt sich in ihrem Buch Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft mit dem Thema im Kapitel „Die Aporien der Menschenrechte“ auseinander und zeigt, wie die Nationalsozialisten vorgegangen sind, um die Juden zunächst auszubürgern und damit rechtlos zu machen, bevor sie umgebracht wurden. Als absolut Rechtlose ausgesondert, seien sie zunächst aller Welt öffentlich angeboten worden, „um zu sehen, ob sich einer fände, der sie reklamiere; erst als ihre ‚Überflüssigkeit‘ oder Standlosigkeit in der gesamten Menschenwelt als erwiesen gelten konnte, ging man dazu über, sie auszurotten“.[7] (Siehe St. Louis (Schiff).)

Der Roman als Hörspiel und Film

1946 bearbeitete Ernst Schnabel das Buch für den NWDR als Hörspiel. Die Regie hatte Ludwig Cremer; die Hauptrolle sprach Peter Mosbacher. Die Erstausstrahlung fand am 2. Dezember des selben Jahres statt. Weitere Produktionen:

  • 1947: Regie: Karl Peter Biltz; Hauptrolle: Wolfgang Golisch
  • 1948: Regie: Carl Nagel; Hauptrolle: Maximilian Larsen
  • 1956: Regie: Gustav Burmester; Hauptrolle: Peter Mosbacher

1959 wurde der Roman in einer sehr freien Interpretation von Georg Tressler mit Horst Buchholz und Mario Adorf in den Hauptrollen verfilmt. Der Film verzichtet allerdings weitgehend auf die sozialkritischen Ansätze des Romans, ist wesentlich als Abenteuerfilm angelegt und gibt höchstens ansatzweise den Inhalt des Buches wieder.

Literatur

  • Sozialgeschichte der deutschen Literatur von 1918 bis zur Gegenwart, hg.v. Jan Berg, Hartmut Böhme e.a., Frankfurt am Main 1981, ISBN 3-596-26475-8
  • Johannes Beck/Klaus Bergmann/Heiner Boehncke (Hg.), Das B. Traven Buch, Rowohlt, Reinbek 1976; ISBN 3-499-16986-X.
  • Thorsten Czechanowsky: „Ich bin ein freier Amerikaner, ich werde mich beschweren“. Zur Destruktion des American Dream in B. Travens Roman „Das Totenschiff“. In: Jochen Vogt, Alexander Stephan (Hrsg.): Das Amerika der Autoren. Fink, München 2006.
  • Thorsten Czechanowsky: Die Irrfahrt als Grenzerfahrung. Überlegungen zur Metaphorik der Grenze in B. Travens Roman „Das Totenschiff“. In: mauerschau 1/2008, S. 47-58. – Auch als PDF-Datei
  • Burkhardt Wolf: „Es gibt keine Totenschiffe.“ B. Travens sea change. In: DVjs 80/4 (2006), S. 435-455.

Einzelnachweise

  1. Sozialgeschichte der deutschen Literatur, S. 212
  2. In englischen Zusammenhängen wird er nicht Gales, sondern in der Regel „Gerald Gale“ genannt. Auch „Gerard Gale“ ist eine Schreibweise, weil unter diesem Pseudonym 1966 die „Lebensgeschichte des geheimnisvollen B. Traven“ erzählt worden ist. (Vgl. Max Schmid, B. Traven und sein Ich-Erzähler Gerard Gale, S. 120. In: Johannes Beck/Klaus Bergmann/Heiner Boehncke (Hg.), Das B. Traven Buch, Rowohlt, Reinbek 1976; ISBN 3-499-16986-X, S. 119-145.)
  3. Vgl. Grenzerfahrungen nach Thorsten Czechanowsky (2008).
  4. Da es in verschiedenen Verlagen Ausgaben des Romans gibt, wird hier auf eine Seitenangabe verzichtet und nur jeweils auf das betreffende Kapitel der insgesamt vergleichsweise kurzen 48 Kapitel verwiesen.
  5. Ernst-Ullrich Pinkert, Travens Mär vom ‚einfachen Erzählen‘. Zu den intertextuellen Bezügen in dem Roman „Das Totenschiff“, S. 24 u. 33 f. In: Günter Dammann (Hg.), B. Travens Erzählwerk in der Konstellation von Sprachen und Kulturen, Königshausen & Neumann, Würzburg 2005; ISBN 3-8260-3080-X, S. 23-36.
  6. Vgl. Wolfgang Eßbach, Eine herrenlose Sprache. Max Stirners Einfluss auf B. Traven. In: Mathias Brandtstätter/Matthias Schönberg (Hrsg.): Neue „BT-Mitteilungen“. Studien zu B.Traven, Karin Kramer Verlag, Berlin 2009; ISBN 978-3-87956-333-3.
  7. Hannah Arendt, Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft. Antisemitismus, Imperialismus, totale Herrschaft, Piper, München 2001, S. 612.

Weblinks


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