Dekalog (Film)


Dekalog (Film)

Dekalog ist ein zehnteiliger Filmzyklus, der im Zeitraum von 1988 bis 1989 für das polnische Fernsehen produziert wurde. Er gilt als Meisterwerk des polnischen Regisseurs Krzysztof Kieślowski und erregte international viel Aufsehen. Obwohl Kieślowski später durch die Drei-Farben-Trilogie und Die zwei Leben der Veronika einem breiten internationalen Publikum bekannt wurde, bekam er für Dekalog das größte Echo und Ansehen der Filmkritiker und einen festen Platz im Pantheon des Autorenkinos neben Regisseuren wie Bergman, Antonioni, Tarkowski und Godard.

Inhaltsverzeichnis

Hintergrund

Bei Dekalog handelt es sich nicht um eine klassische Fernsehserie, denn die einzelnen Teile sind in ihrer Handlung in sich abgeschlossen. Allerdings gibt es anhand des für Kieślowski typischen Symbolismus untereinander vereinzelt Verknüpfungen und Gemeinsamkeiten. Alle Begebenheiten handeln am gleichen Ort, einem tristen Neubaugebiet am Rande von Warschau und es existiert ein Mann (gespielt von Artur Barciś), der in allen Filmen außer dem letzten vorkommt. Seine Rolle agiert unabhängig von der Handlung, jedoch in der Bedeutung einer Schlüsselfunktion. Die zehn Teile des Films knüpfen frei an die Zehn Gebote des Tanach (der hebräischen Bibel) an. Thematisiert werden ethische Aspekte und nicht moralische. Kieślowski zeigt im Kontext der zehn Gebote, die Bedeutung, Vielschichtigkeit und enorme Komplexität menschlicher Leidenschaften (u.a. Liebe, Glauben, Eifersucht, Töten, Stehlen usw) bezogen auf die heutige Zeit und die realen Lebensumstände. Beim Darstellen der einzelnen Themen, als Teile der Wirklichkeit, die vom einzelnen Menschen im realen Leben oft nur aus einer Sicht wahrgenommen werden, erlaubt der Regisseur im Gegensatz dazu dem Zuschauer den Blick aus vielen verschiedenen Perspektiven, lässt somit den Zweifel ausdrücklich zu und regt außerordentlich zum Nachdenken an.

Die einzelnen Filmteile stellen also eher Fragen, als fertige Antworten zu liefern und gehören zu den intellektuell anspruchsvollsten Filmen Kieślowskis. Kieślowski äußerte sich kritisch einem Journalisten gegenüber, der seinen Dekalog als "Predigten" sehen wollte: „Ich protestiere kategorisch, meine Filme sind keine Predigten! [...] Meine Filme erzählen nur über Leidenschaften.“ [1]. Kieślowski in einem Interview in Frankreich gefragt, ob er an Gott glaubt, soll gesagt haben: „Ich glaube an das höchste Wesen, aber ich brauche keine Vermittler[1], was in seiner katholischen Heimat von manchen Beobachtern mit Befremden aufgenommen wurde. Weiter meinte er über seinen Film, als er in der Fernsehshow "100 Fragen an..." gefragt wurde, ob er an die "mobilisierende Macht und Mission" seiner Filme glaube:

An mobilisierende Macht? An so etwas glaube ich nicht. Ich glaube nicht an solche Dinge. Ich wollte mit meinen Filmen nichts erreichen, ich wollte überhaupt nichts und ich glaube nicht, dass meine Filme irgendetwas ändern würden, ich mache mir da keine Illusionen. Das Einzige, was ich glaube, ist, dass irgendjemand sich irgendwann mal über bestimmte Dinge, die in meinen Filmen enthalten sind, vielleicht auch Gedanken machen wird. Ich drehte die Filme, um mich lediglich über bestimmte Themen zu unterhalten, mehr nicht.[1]

In diesem Licht präsentieren sich die zehn Teile des Dekalogs als Denkanstöße zu den zehn Geboten, die zunächst so simpel erscheinen, jedoch - wie Kieślowski und Piesiewicz unterstrichen - sofort mit der Wirklichkeit kollidieren, die sehr komplex, widersprüchlich und verworren im Gegensatz dazu sein kann. Die Inspiration für einzelne Geschichten bekamen die Drehbuchautoren aufgrund wahrer Begebenheiten, die direkt aus der Rechtsanwaltspraxis von Piesiewicz entnommen wurden. [2] Bei einigen Teilen fragt sich der Zuschauer, was der Film überhaupt mit dem jeweiligen Gebot zu tun hat. Wie bei Kieślowski üblich, sind auch die Filme des Dekalogs nicht eindeutig, nicht steckbar in eine „Aktentasche mit der Aufschrift...“ (Kieślowski), keiner der Filme hat ein Happyend, es wird keine bestimmte Lebensweise oder Ethik gefordert, sondern jeder der zehn Filme lässt den Zweifel zu, das Ende ist oft offen, es gibt verschiedene Möglichkeiten der Interpretation, es ist eine Beschreibung des Lebens, wie es ist, nicht wie es sein sollte. Der viel gerühmte konkrete zugängliche dokumentarische Stil des Regisseurs, der auf Übertreibungen und jegliche Verzerrung der Wirklichkeit durch beispielsweise unreale Heldenhaftigkeit der Darsteller oder Spezialeffekte verzichtet, kommt auch hier voll zur Geltung.

Das Drehbuch schrieben Krzysztof Kieślowski und sein Freund der Rechtsanwalt Krzysztof Piesiewicz. Die Filmmusik verfasste der Krakauer Komponist Zbigniew Preisner.

Dekalog, fünf und Dekalog, sechs sind unter den Titeln Ein kurzer Film über das Töten (Jurypreis bei den Filmfestspielen in Cannes 1988) und Ein kurzer Film über die Liebe auch in einer längeren Kinofassung erschienen.

Die einzelnen Filme

Dekalog 1

Der Film behandelt das erste Gebot der Zehn Gebote Du sollst keine anderen Götter haben neben mir.

Inhalt: Der elfjährige Pawel zeigt sich interessiert an elementaren Fragen des Lebens: Warum sterben Menschen? Gibt es eine Seele? Auf seine Überlegungen erhält er unterschiedliche Antworten. Bedingt durch die zum einen rationale Sichtweise seines Vaters Krzysztof und zum anderen aufgrund der religiösen Perspektive von dessen Schwester Irena.

Krzysztof beschäftigt sich als Wissenschaftler mit der Entwicklung von „künstlicher Intelligenz“. Er deutet daher das Leben im Kontext rationaler Erklärungsmodelle. Irena hingegen erschließt sich die Dinge des Daseins aufgrund ihrer Religiosität. Beide respektieren die Sicht des anderen und lassen den allseitig interessierten Pawel selbst entscheiden, so beispielsweise ob er am Religionsunterricht teilnehmen möchte.

Als Pawel vorzeitig sein Weihnachtsgeschenk erhält, möchte er dieses, die ersehnten Schlittschuhe unbedingt auf dem nahegelegenen See ausprobieren. Sein Vater errechnet mehrmals die Tragfähigkeit des Eises. Er prüft vor Ort die Festigkeit und ist sich letztendlich sicher: das Eis kann nicht brechen.

Dennoch kommt es zur Katastrophe. Pawel bricht in das Eis ein und stirbt. Was keine Berechnung berücksichtigte, sowie Krzysztof und Pawel nicht wissen konnten - aus der Warmwasserversorgung wurde erwärmtes Wasser in den See geleitet.

Deutung: Pawels Vater scheint gegen das erste Gebot zu verstoßen („Du sollst keine anderen Götter neben mir haben“). Er hat sich sozusagen einen Gott geschaffen, seinen Computer. Doch so einfach ist es nicht. Pawels Vater räumt zwar der Wissenschaft einen hohen Stellenwert ein und neigt dazu, dem Computer in jeder Hinsicht zu vertrauen, dennoch geht er nachts auf das Eis um die Tragfähigkeit zu überprüfen. Insofern „überhebt er sich nicht“; er vertraut nicht nur seinem Computer. Man kann Pawels Tod also nicht als Strafe für den Übermut seines Vaters zurückführen. Kieslowski stellt die Frage nach dem Sinn dessen was geschieht (z.B. Beim Tod des Hundes, woraus sich das Gespräch zwischen Pawel und seinem Vater über den Tod entwickelt), ohne eine bestimmte Antwort nahe zu legen und ohne von „Schuld“ zu sprechen. Weder der Vater noch der Junge sind „schuldig“. Ob man den Tod des Jungen als Zufall, Schicksal oder Handeln Gottes deutet, ändert an der Grausamkeit der Erfahrung für die Beteiligten nichts. Nicht deshalb erleidet jemand ein Unglück, weil er ein Sünder ist. Die Gottesfrage ist das Zentrum des Films, gestellt von einer modernen, in vielerlei Hinsicht ratlosen Gesellschaft. Weder Pawels Tante noch sein Vater, der seine Wut im Umstürzen des Altars über das Handeln Gottes demonstriert, haben eine Antwort. Für Pawels Vater ist diese Gottesvorstellung zumindest ein Bezugspunkt. Kieslowski stellt allen Menschen, Gläubigen und Nichtgläubigen die Frage: „Was bedeutet eure „Weltanschauung“ angesichts eines toten Kindes? Was sagt ihr dazu? Wie lebt ihr damit?“

Dekalog 2

Der Film behandelt das zweite Gebot Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht missbrauchen.

Inhalt: Ein 65‐jähriger Chefarzt arbeitet im städtischen Krankenhaus und lebt allein in seiner Wohnung. Diese häusliche Atmosphäre teilt er lediglich mit seiner Haushälterin Basia. Wobei sich die Gespräche dieser beiden Menschen nicht nur auf die pragmatischen Absprachen hinsichtlich der Haushaltsführung beziehen. Denn es gibt jene stillen Momente beim Kaffee, in denen der Arzt davon erzählt, wie er im Krieg seine beiden Kinder und seine Frau verlor.

Im gleichen Mietsblock wohnt die etwa 30‐jährige Dorota. Ihr Mann Andrzej leidet an Krebs und liegt auf der Station des Chefarztes. Sie sucht den Mediziner auf und möchte von ihm wissen, ob Andrzej leben oder sterben wird. Dorota erwartet von einem anderen Mann ein Kind, liebt jedoch auch Andrzej. Sie wird sich nur dann für das ersehnte Kind entscheiden, wenn ihr Mann sterben sollte. Daher verlangt sie von dem Arzt ein definitives Urteil über Andrzejs Leben, das er ihr allerdings aus medizinischen und aus ethischen Motiven verweigert.

Kurz darauf erhält der Arzt ein neues Untersuchungsergebnis von Andrzej, demzufolge seine Chancen auf Genesung schwinden. Als Dorota bei einem neuerlichen Treffen den Arzt über die geplante Abtreibung informiert und ihn parallel beschuldigt, durch seine Ablehnung einer Prognose verantwortlich für ihre Entscheidung gegen das Kind zu sein, hält er sie nun von dem Eingriff ab. Er versichert, dass Andrzej keine Chance auf ein Überleben hat und sterben wird, dabei beruft er sich auf Gott als seinen Zeugen.

Die letzte Szene der Handlung zeigt Andrzej noch schwach, aber genesend im Zimmer des Arztes. Er bedankt sich bei ihm für die Behandlung und beschreibt ihm, wie die Erfahrung, zwischen Leben und Tod zu existieren, seine Sicht der Dinge verändert hat. Letztendlich erzählt er glücklich, dass seine Frau schwanger ist. Anschließend fragt er den Arzt: „Wissen sie, was es bedeutet ein Kind zu haben?“. Darauf antwortet der Arzt: „Ja, ich weiß."

Dekalog 3

Der Film behandelt das dritte Gebot: Du sollst den Sabbat heilig halten.

Inhalt: Eine Familie feiert Weihnachten. Der Taxifahrer Janusz, gespielt von Daniel Olbrychski, kommt als Weihnachtsmann von der Arbeit zur Familie nach Haus, und sie begehen gemeinsam den Heiligen Abend. Traditionell geht die Familie anschließend in die Christmette. Hier sieht Janusz kurz seine ehemalige Geliebte Ewa, gespielt von Maria Pakulnis. Der Abend geht seinen gewohnten Gang daheim weiter. Plötzlich klingelt es an der Tür. Janusz verlässt die Familie, da angeblich jemand sein Auto stehlen möchte. Tatsächlich trifft er Ewa, die ihren Ehemann verzweifelt sucht. Seiner Frau berichtet er, dass sein Taxi tatsächlich gestohlen worden sei und er macht sich mit Ewa in eben diesem Taxi auf, um ihren Mann in der Stadt zu finden. Seine Ehefrau meldet den Diebstahl, überzeugt von der Richtigkeit des Gesagten, bei der Polizei. Die Polizei erwischt das Fahrzeug, doch Janusz kann sich als Besitzer ausweisen und die peinliche Situation lösen. Ewa gesteht Janusz, dass ihr Ehemann sich bereits vor Jahren von ihr getrennt hat und sie die übliche Weihnachtseinsamkeit nicht ertragen konnte und deshalb zu Janusz kam. Sie sagt, sie habe sich zum Ziel gesetzt, mit ihm irgendwie die ganze Nacht bis 7 Uhr morgens zusammen zu sein, und sie habe das Gefühl, wenn ihr das gelänge, würde alles wieder gut. Dieses Ziel hat sie erreicht. Wieder zu Hause wird Janusz von seiner Ehefrau erwartet, die mit sechstem Sinn ihn mit Ewa konfrontiert. Er verspricht ihr, sich nicht mehr mit ihr zu treffen.

Dekalog 4

Der Film behandelt das vierte Gebot: Du sollst Vater und Mutter ehren.

Inhalt: Die 20‐jährige Schauspielschülerin Anka wächst bei ihrem Vater Michal auf. Ihre Mutter ist kurz nach ihrer ihrer Geburt gestorben. Als Michal auf eine Reise geht, findet Anka einen an sie adressierten Brief, den sie allerdings ihrerseits erst nach dem Tode Michals öffnen darf. Sie beginnt den Brief zu öffnen, findet jedoch einen zweiten Brief im ersten mit der Handschrift ihrer Mutter. Als sie danach die Sachen ihrer Mutter im Keller anschaut, findet sie einen leeren Umschlag und präpariert einen identisch aussehenden Umschlag wie den inneren im Brief. Als Michal von der Reise zurückkehrt, konfrontiert sie ihn damit, dass im inneren Brief stehen würde, dass er gar nicht ihr leiblicher Vater sei. Wie sich herausstellt, wusste Anka schon seit fünf Jahren von dem Brief und hat die Wahrheit längst geahnt. Michal seinerseits wollte ihr den Brief schon geben, seit sie 10 Jahre alt war, schaffte es aber zunächst nicht ("...mit 10 warst du zu klein und mit 15 zu groß..."). Er nahm ihn jahrelang immer mit, wenn er auf Reisen war, damit sie ihn nicht fand, aber er ahnte, dass sie von dem Brief schon lange wusste. Und so ließ er ihn diesmal "versehentlich" liegen, damit sie ihn finden und lesen kann. Es kommt zu ungemein offenen Gesprächen zwischen den beiden, in dem beide immer wieder ihre Rollen von "Vater/ Tochter" bishin zu "Mann/ Frau" wechseln. Es scheint, dass die Beziehung im Verhältnis "Vater/ Tochter" für immer vorbei ist. Nach und nach versöhnen sich Anka und Michal wieder. Am nächsten Morgen geht Michal aus dem Haus und Anka läuft ihm "Vater, Vater" rufend hinterher und sagt ihm, dass sie den Brief nur gefälscht hat, und zeigt ihm zum Beweis einen immer noch verschlossenen Brief ihrer Mutter. Gemeinsam verbrennen sie den Brief. Ein kleiner Rest mit den ersten Sätzen des Briefes bleibt übrig. Er beginnt fast wörtlich genau so wie der Brief, den Anka Michal präsentiert hat.

Kieslowski stellt in diesem Film dem 4. Gebot ein Tabuthema entgegen, nämlich die Liebe zwischen Vater und Tochter. Erkenntnisse Freuds spielen hier eine genauso große Rolle wie die Erkenntnis, dass die heutige Wirklichkeit sehr viel komplexer gestaltet ist als sich die Verfasser der Gebote das ausmalen konnten.

Dekalog 5

Hauptartikel: Ein kurzer Film über das Töten

Der Film behandelt das fünfte Gebot: Du sollst nicht töten.

Inhalt: In diesem Dekalog laufen zunächst drei Handlungsstränge parallel nebeneinander, bis sie aufeinander treffen;

1.Ein junger Mann läuft scheinbar ziellos durch die Stadt. Er wirkt rastlos, unzufrieden und schlecht gelaunt. In einer Situation steht der junge Mann auf einer Autobrücke und wirft im "richtigen Moment" einen Stein hinab... unten quietscht es... wahrscheinlich hat er einen Unfall verursacht. Sein aggressives Verhalten kommt nur bei zwei Kindern gut an; sie lugen von außen durch die Scheibe eines Cafés, in dem er sitzt. Er schnipst den Kaffeesatz aus seiner Tasse mit einem Löffel gegen die Scheibe. Sie lachen. Im weiteren Verlauf versucht er immer wieder, ein Taxi zu bekommen. Da es am Taxistand zu voll ist, zieht er weiter.

2.Ein älterer Mann ist permanent mit seinem Taxi beschäftigt. Auch er wirkt unwirsch, ist unfreundlich zu den Mitfahrern oder lässt Leute, die gewartet haben, bis er mit dem Putzen seines Taxis fertig ist, einfach stehen und fährt los. Im Laufe des ersten Teils des Films kreuzen sich die Wege beider Protagonisten zufällig an verschiedenen Orten der Stadt (bzw. an Taxiständen), ohne dass sie sich gegenseitig bewusst wahrnehmen.

3.Ein angehender Strafverteidiger absolviert gerade seine Prüfung und suggeriert der Prüfungskommission während der Abschlussprüfung, dass Strafe noch nie etwas genützt habe. Er besteht die Prüfung trotzdem.

Schließlich steigt der junge Mann zu dem Taxifahrer in's Auto. Er bittet ihn, nach Außerhalb zu fahren. Auf einem abgelegenen Feldweg bringt er den Taxifahrer um. Dieser Akt dauert mehrere Minuten. Kurze Zeit später wird der junge Mann festgenommen. Der junge Anwalt bekommt als ersten Fall ausgerechnet diesen Mord zugewiesen.

Die Handlung setzt nach dem Verfahren wieder ein: Der angeklagte junge Mann wurde, da er eindeutig des brutalen Mordes überführt wurde, zum Tod durch den Strang verurteilt. Der junge Strafverteidiger empfindet, dass er zu wenig für den Verurteilten getan hat.

Nachdem alle Instanzen eine Begnadigung abgelehnt haben, verlangt der Verurteilte, bevor er zur Hinrichtung gebracht wird, dass noch einmal der Strafverteidiger zu ihm in die Zelle kommt. Er ist nun unsicher und verängstigt angesichts seines bevorstehenden Todes, erzählt ihm seine Lebensgeschichte und beteuert, dass wahrscheinlich alles anders gekommen wäre, wenn sein bester Freund nicht vor fünf Jahren nach einem Saufgelage seine damals zwölfjährige Schwester mit einem Traktor überfahren hätte, wobei sie starb.

Beide sind sich in diesem Moment sehr nahe. Kurz darauf wird die Hinrichtung durchgeführt, sie verläuft ähnlich quälend und würdelos wie die Ermordung des Taxifahrers. Auch der junge Strafverteidiger ist anwesend. Nach der Durchführung ist er sich sicher, dass die Todesstrafe der falsche Weg ist. Allein in seinem Auto sitzend, wiederholt er mehrmals verzweifelt: „Ich verabscheue das, ich verabscheue das, wie ich das alles verabscheue...!"

Dekalog 6

Der Film behandelt das sechste Gebot: Du sollst nicht ehebrechen.

Auch als Ein kurzer Film über die Liebe bekannt:

Inhalt: Tomek ist neunzehn und hat vorübergehend das Zimmer seines besten und einzigen Freundes bezogen und damit nicht nur die liebevolle Fürsorge von dessen Mutter übernommen, sondern auch die heimliche Leidenschaft des Freundes: Mit einem alten Fernglas die Frau aus dem Wohnblock gegenüber zu beobachten. Am Anfang ist es für ihn purer Voyeurismus und Neugierde. Später beginnt er Magda, eine Frau, die fast doppelt so alt ist wie er, zu lieben.

Er besorgt sich durch einen Einbruch ein professionelles Teleskop. Magda weiß von all dem nichts. Sie lebt ihren Alltag, dessen Abwechslung darin besteht, mit verschiedenen Männern an unterschiedlichen Abenden Affären zu pflegen, da der Verlauf ihres bisherigen Lebens sie davon überzeugt hat, dass es keine Liebe unter den Menschen geben kann. Um Magda zu treffen, steckt Tomek ihr falsche Benachrichtigungen in den Briefkasten, aufgrund derer sie eine angebliche Überweisung von der Post abholen muss, in der er am Schalter sitzt. Er beginnt zusätzlich als Milchmann zu arbeiten, steht früh um fünf Uhr auf, um ihr die Milch vor die Tür zu stellen. Dabei arbeitet er mit einigen Tricks, denn die Sehnsucht, ihr zu begegnen, ist größer als jegliche Vernunft und Müdigkeit.

Als er Magda eines Abends verzweifelt sieht, muss er sie am nächsten Tag unbedingt treffen und bestellt sie erneut mit Hilfe einer gefälschten Benachrichtigung auf die Post. Dadurch eskaliert die Situation und es kommt zum Wendepunkt. Tomek gesteht Magda seine heimliche Leidenschaft, sie reagiert entsetzt und fühlt sich gedemütigt. Dennoch kommt es zu einer Verabredung in einem Café. Anschließend gehen sie zu Magda in die Wohnung. Diese erotische Situation ist jedoch zu viel für Tomek. Von der Gleichgültigkeit Magdas emotional tief verletzt, stürzt Tomek nach Hause und schneidet sich die Pulsadern auf.

Magda besucht kurz nach seinem Suizidversuch die Wohnung Tomeks, lernt die Mutter seines Freundes kennen und sieht sein Zimmer mit dem Teleskop. Magda schaut daraufhin mehrmals mit einem Fernglas von ihrer Wohnung zu Tomeks Zimmer hinüber, um zu sehen, ob er denn schon aus dem Krankenhaus entlassen worden ist. Sie begreift nach und nach, dass Tomeks Liebe zu ihr echt war.

Als Tomek wieder arbeitet, betritt Magda das Postamt und legt ein Geschenk zu ihm an den Schalter, das er ihr einmal gab. Darauf entgegnet er ihr: „Ich beobachte Sie nicht mehr.“

Dekalog 7

Der Film behandelt das siebte Gebot: Du sollst nicht stehlen.

Hauptdarsteller: Anna Polony, Maja Barełkowska, Władysław Kowalski, Bożena Dykiel und Bogusław Linda

Inhalt: Maika hatte mit 16 eine Liebschaft mit ihrem Lehrer und wurde schwanger. Ihre Mutter, die Direktorin der Schule, beschloss damals, das Kind, ein Mädchen, offiziell als ihr eigenes Kind auszugeben und aufzuziehen, um den Skandal zu vertuschen, aber auch, weil Maika noch kein Gefühl für Verantwortung hatte. Die Mutter zog das Kind auf wie ihr eigenes. Maika fügte sich in dieses Arrangement. Aber im Laufe der Jahre spürte sie, wie ihre Sehnsucht nach ihrer Tochter, offiziell ihre Schwester, immer weiter wuchs.

Nun, sechs Jahre später, will Maika (Maja Barełkowska) ihr Kind wieder haben, auch wenn das Kind seine Großmutter (Anna Polony) als Mutter anerkennt und nicht weiß, dass Maika ihre wirkliche Mutter ist. Nur Maikas Vater (Władysław Kowalski) und ihr damaliger Liebhaber (Bogusław Linda) wissen die Wahrheit.

Maika beschließt, ihre eigene Tochter während eines Kindertheaters zu "stehlen", d.h. zu entführen - aber aus ihrer Sicht als der eigentlichen Mutter wieder zurückzustehlen - und mit ihr nach Kanada zu fliehen. Sie hat dies alles von langer Hand vorbereitet. Sie versteckt sich mit dem Kind bei ihrem damaligen Freund, dem Vater des Kindes. Maika bittet ihre Tochter inständig, sie "Mama" zu nennen, doch die Kleine bleibt beharrlich bei "Maika".

Als ihr Freund Maika nahelegt, sie solle das Kind ihrer Mutter zurück geben, flüchtet sie erneut und versteckt sich mit dem Kind am Bahnhof bei einer freundlichen, aber ahnungslosen Angestellten (Bożena Dykiel). Minuten bevor der Zug eintrifft, wird Maika von ihrer Mutter und ihrem Vater wiedergefunden. Das Kind läuft in die Arme ihrer Mutter. Als Maika das sieht, gibt sie auf und steigt voller Trauer allein in den Zug. Nun löst sich das Kind aus den Armen seiner Großmutter und rennt eine kleine Strecke hinter dem Zug her, starrt verwirrt der traurigen Maika hinter den Fenstern des Zuges hinterher, von der sie nicht weiß, dass sie ihre Mutter ist.

Dekalog 8

Der Film behandelt das achte Gebot: Du sollst nicht falsches Zeugnis geben wider deinen Nächsten.

  • Hauptdarsteller: Maria Kosciałkowska und Teresa Marczewska

Inhalt: Zwei Frauen, eine ältere Professorin für Ethik an einer polnischen Universität und eine jüngere Jüdin aus Amerika, treffen sich in der Universität. Die Jüdin kommt zu einem wissenschaftlichen Besuch, denn sie hat viele Texte der Professorin übersetzt und nimmt an ihrem Unterricht teil. Eine anwesende Studentin erzählt zu Beginn der Stunde die Geschichte mit dem Arzt und der schwangeren Frau, die Gegenstand des 2. Teils des Dekalogs ist.

Noch weiß die Professorin nicht, wer die jüdische Übersetzerin wirklich ist. Doch als diese zum Unterricht eine Geschichte erzählt, erkennt die Professorin, dass die Jüdin ihre eigene Geschichte erzählt und dass sie jenes damals 6 Jahre alte Mädchen ist, dem sie im zweiten Weltkrieg helfen sollte, sich vor den Nazis zu verstecken, das sie jedoch wieder wegschickte, angeblich aus religiösen Gründen (Du sollst kein falsches Zeugnis abgeben). Die moralische Verstrickung der Situation im zweiten Weltkrieg wird unter den Studenten des Kurses diskutiert.

Die beiden Frauen fahren zusammen zum Ort, wo sie sich im Jahr 1943 begegneten und es kommt zu einer Aussprache. Es steht im Raum, dass die Professorin damals den Tod des Mädchens billigend in Kauf genommen hat. Die Professorin schildert ihr, wie es zu der Situation kam und bereut die Situation sehr, denn - so formuliert die Professorin - "nichts ist wichtiger als das Leben eines Kindes". Die beiden Charaktere der Handlung nähern sich langsam an und begegnen sich mit direktem Bezug zur aktuellen Lebensrealität der beiden Personen.

Ein weiterer Besuch der Jüdin bei einem Mann, der ihr nach der Professorin das Leben retten sollte, wird von diesem gleich abgeblockt. Er möchte nicht über die Situation sprechen und weigert sich, auch den Dank der jungen Frau anzunehmen.

Dekalog 9

Der Film behandelt das neunte Gebot: Du sollst nicht begehren deines Nächsten Weib.

Hauptdarsteller: Ewa Błaszcyk und Piotr Machalica

Inhalt: Ein Arzt, Romek (Piotr Machalica), erfährt, dass er impotent ist, sein ehemaliger Kollege, der die Diagnose stellt, rät ihm, sich von seiner gutaussehenden Frau zu trennen. Er kehrt ratlos nach Hause zurück und erzählt seiner Frau Hanja (Ewa Błaszcyk) von der Diagnose. Seit einiger Zeit betrügt Hanja jedoch ihren Mann, den sie innig liebt. Diese Liebe wird eher noch durch diese Diagnose verstärkt. Sie entscheidet sich, ihre Affäre mit einem jungen Physikstudenten beenden. Parallel spioniert Romek ihr nach und erfährt nach und nach von der Affäre. Er schleicht sich in die Wohnung, in der sich beide treffen, und erlebt mit, wie sie die Affäre mit ihm beendet. Ihr Mann vergibt ihr jedoch, und sie versuchen wieder von vorne anzufangen, indem sie sich vorübergehend nicht sehen - Hanja fährt zum Skifahren in die Berge. Dort trifft sie ihren ehemaligen Liebhaber, der ihr ohne ihr Wissen nachgefahren ist. Sie bricht umgehend ihre Reise ab und fährt zurück nach Warschau. Als ihr Mann erfährt, dass auch der Liebhaber von Hanja in den Bergen ist, denkt er, sie betrüge ihn weiter, und versucht sich mit dem Fahrrad von einer Brücke zu stürzen, um sich umzubringen.

Dekalog 10

Der Film behandelt das zehnte Gebot: Du sollst nicht begehren deines Nächsten Haus.

Hauptdarsteller: Jerzy Stuhr und Zbigniew Zamachowski

Inhalt: Zwei Brüder (Jerzy Stuhr und Zbigniew Zamachowski) treffen sich nach langen Jahren wieder, da ihr Vater gestorben ist. Ihr Vater hinterließ den beiden eine riesige Sammlung von Briefmarken, welche einen großen Wert haben. Die Brüder wissen dies zunächst jedoch nicht, und wollen sie loswerden. Als sie es herausfinden, wird ihnen klar, dass sie ihren Vater gar nicht wirklich kannten. Nun, da sie sich ihm näher fühlen, wollen sie die Sammlung, das Lebenswerk ihres Vaters, nicht mehr verkaufen, sondern behalten und die Sammlung vervollständigen. Dabei stoßen sie ständig auf Betrüger und falsche Kollegen ihres Vaters, die versuchen, an die Sammlung zu kommen. Als die Brüder herausfinden, dass eine sehr wertvolle Briefmarke noch fehlt, gibt einer der Brüder seine Niere her, um sie auf Umwegen gegen die Briefmarke einzutauschen. Doch während der Operation bricht jemand in ihre Wohnung ein und stiehlt die Briefmarkensammlung.

Theaterbearbeitung

2005 entstand an den Münchner Kammerspielen unter der Regie von Johan Simons mit Julia Jentsch in einer der Hauptrollen eine vierstündige Theaterfassung unter dem Titel Die zehn Gebote.

Der Junge Mann

In fast allen Episoden kommt eine Gestalt vor, die meist nur beobachtend in entscheidenden Momenten der Episode erscheint. Kieslowski benennt diese Figur in einem Interview wie folgt: "Es gibt in allen zehn Filmen eine Figur, die all das ist [...]. Schicksal, Vorbestimmung, Gott, Engel, vielleicht Teufel. Jemand der auf all das schaut, was passiert, nichts sagt, nur schaut, überdrüssig, leidend. [1]. Im Skript heißt der Charakter nur "The Young Man" und wird gespielt von Artur Barcis, er sagt niemals ein Wort und sieht die anderen immer nur an.

Erscheinungen:

Dekalog 1 - als Krzysztof hinausgeht, um die Berechnung der Eisdecke mit Hilfe des Computers zu überprüfen, sitzt er am Ufer des Sees an einem Feuer. (32')

Dekalog 2 - er wirft einen Blick in Andrzejs Krankenzimmer, kurz bevor Dorota den Arzt zum letzten Mal um eine Antwort bittet. (47')

Dekalog 3 - er ist der Fahrer der Straßenbahn, in die Janusz mit seinem Taxi rasen will. (28')

Dekalog 4 - als Anka am Flussufer sitzt und den Brief ihrer Mutter öffnen will, rudert er auf dem Fluss und geht dann, sein Boot tragend, an ihr vorbei. Sie beschließt daraufhin den Brief nicht zu öffnen. (11') Später im Film wird erneut seine Anwesenheit angedeutet, als man vom Fenster des Wohnblocks aus einen Mann sieht, der dasselbe Ruderboot auf dem Rücken trägt.

Dekalog 5 - im Taxi sitzend, blickt Jacek ihn an, als er als Landvermesser auf der Straße steht. (21')

Dekalog 6 - er kommt in dieser Episode zweimal vor. das erste mal, als Magda zusagt mit Tomek auszugehen, wird er beinahe von Tomek in seinem Freudentaumel mit den Milchwagen angefahren; das zweite Mal, kurz bevor Tomek versucht sich umzubringen, begegnet er ihm, mit Koffern beladen und ganz in weiß gekleidet, auf der Straße vor seinem Wohnblock. (41')

Dekalog 7 - er kommt gar nicht oder, laut metaphilm [2], nur ganz flüchtig vor.

Dekalog 8 - er sitzt im Hörsaal, als die Professorin sich die Geschichte Elzbietas anhört. Hier tritt eine kleine Besonderheit auf: kurz bevor man den Jungen Mann erblickt, schwenkt die Kamera auf einen leeren Platz, dann tritt ein zu spät kommender betrunkener Student durch eine Tür hinter dem Tisch der Professorin in den Hörsaal. Danach sitzt der Junge Mann auf dem zuvor leeren Platz und am Ende der Vorlesung ist der Platz wiederum leer. (15')

Dekalog 9 - er kommt wiederum zweimal vor: das erste Mal nachdem Roman von seiner Impotenz erfährt, ist er stark angespannt und verliert die Kontrolle über seinen Wagen, der Junge Mann fährt auf dem Rad an ihm vorbei (02'); das zweite mal als Roman versucht sich umzubringen, fährt er ein weiteres Mal mit seinem Rad vorbei.

Dekalog 10 - dürfte nicht vorkommen

In dem oben zitierten Interview sagt Kieslowski, der Junge Mann käme in jedem der 10 Teile vor. Wo er in den Teilen 7 und 10 erscheint dürfte nicht bekannt sein.

Quellen und Anmerkungen

  1. a b c Dekalog - Warner Bros. Poland bzw. The Decalogue (Special Edition Complete Set) - FACETS / Image Entertainment: Interview im Rahmen von 100 Fragen an... im polnischen Fernsehen, das auf der polnischen DVD als Zugabe Archiwum (in polnischer Sprache) bzw. auf der amerikanischen DVD als Kieslowski Meets the Press (mit englischen Untertiteln) beigegeben wurde.
  2. Krzysztof Piesiewicz im Interview zu Dekalog - auf DVD Dekalog - Warner Bros. Poland (in polnischer Sprache).

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