Demokratische Erziehung


Demokratische Erziehung

Demokratische Erziehung oder Demokratieerziehung oder Demokratiepädagogik bezeichnet Formen der Erziehung mit dem Anspruch, den Erziehungsprozess demokratisch zu gestalten, oder mit dem Ziel, die Demokratie als anerkannte staatliche Regierungsweise oder umfassender ein demokratisches Zusammenleben, im Sinne einer Demokratie als Lebensform (John Dewey), zu fördern.

Dazu gehören ebenso Bildungs- und Erziehungsansätze, die Inhalte über die Demokratie vermitteln oder demokratische Verhaltensweisen einüben sollen, wie Versuche, die Strukturen der Schule bzw. des ganzen Bildungswesens demokratisch zu gestalten.

Der Psychologe Kurt Lewin bestimmte 1939 in empirischen Studien einen demokratischen Führungs- und Erziehungsstil (neben einem autoritären und dem laissez-faire-Stil).

Siehe auch Civic Education bzw. Education for Democratic Citizenship.

Inhaltsverzeichnis

Ziele

Entsprechend den verschiedenen Demokratieauffassungen unterscheiden sich die Lernziele einer demokratischen Erziehung:

  • Angebote zur politischen Orientierung in der Gesellschaft und Bereitstellung von Informationen, um alle Menschen an demokratischen Meinungsbildungs- und Entscheidungsprozessen mitwirken zu lassen;
  • Entwicklung von Werten und Verhaltensweisen, die ein friedliches und gewaltfreies sowie selbst- und mitbestimmtes Zusammenleben (individuelle Emanzipation und gesellschaftliche Partizipation) fördern, dazu gehören beispielsweise Toleranz, Solidarität, Bereitschaft zur Verantwortungsübernahme;
  • Sicherung des grundlegenden Kinderrechts, dass Kinder wie Erwachsenen über ihr eigenes Leben und Lernen entscheiden können: Demokratie als eine Lernform.

Erziehungsansätze in Bildungseinrichtungen

Diese unterschiedlichen Erziehungsziele werden auch in unterschiedlichen Methoden deutlich. Stichpunktartig sind hier zu nennen:

  • Fächer wie Sozialkunde, Ethik, Geschichte oder Politische Weltkunde, in denen Wissen über soziale Institutionen vermittelt und die Reflexion über ethische und politisch-historische Probleme angeregt werden soll;
  • medienpädagogische Ansätze, die Menschen im Umgang mit Informationen, aber auch Propaganda oder Werbung sensibilisieren wollen;
  • Schülermitspracherechte (z. B. Schülervertretung, etc.) als eine begrenzte Möglichkeit der Schüler, ihre Meinung im Austausch mit der Schule zum Ausdruck zu bringen und in einigen Fragen mitzuentscheiden;
  • weitergehende Schulmitbestimmung nach dem Sudbury-Modell: Sämtliche Entscheidungen werden dort in einem demokratischen Prozess („Schulversammlung“) von den Schülern getroffen, das Aufstellen und Ändern von Regeln, die Verwendung des der Schule zur Verfügung stehenden Geldes und die Einstellung oder Entlassung von Mitarbeitern;
  • die Öffnung der Schule, wie sie besonders die Community-Ansätze aus dem anglo-amerikanischen Bildungswesen anstreben, um die Umwelt der Institution Schule einzubeziehen und so der Lebenswirklichkeit der Schüler näher zu kommen;
  • Mediationsverfahren, wie das Streitschlichtertraining, die teilweise zur demokratischen Erziehung gerechnet werden, weil sie in Schulen die Konfliktlösungskompetenzen mit auf die Schüler verteilen und ihnen damit mehr Einfluss auf ihr eigenes Lernumfeld geben. Zudem setzen sie sich mit unterschiedlichen Möglichkeiten der Kompromissfindung auseinander, was als ein Bestandteil von notwendigen demokratischen Fähigkeiten angesehen werden kann.
  • Demokratietraining in Seminarform oder als Fortbildung zum Training entsprechender demokratischer Konfliktlösung, u. a. in Rollenspielen.

Demokratische Erziehung in der Familie

Demokratische Erziehung auf der Ebene der Familie lebt vom Grundsatz, dass jedes Familienmitglied die gleichen Rechte und Pflichten hat und familiäre Entscheidungen gemeinsam per Abstimmung entschieden werden. Dabei muss sich das überstimmte Familienmitglied der Mehrheit beugen.

Bei einem Haushalt mit mehreren Kindern / Jugendlichen wird jeder gleichmäßig gefördert, um Streit unter den Geschwistern und in der Familie überhaupt zu vermeiden. Die Familie ist stets bemüht, aggressionsfrei zu leben und eventuelle Meinungsverschiedenheiten ruhig und vor allem sachlich auszudiskutieren. Es gibt feste Zeiten, in denen aktuelle Fragen besprochen werden und auch Aussprachen bzw. Kritik möglich sein müssen.

Es sind Abstimmungen nötig, von jedem Familienmitglied wird eine Stellungnahme gefordert. Erst wenn alle ihre Stimme abgegeben haben, wird die Entscheidung beschlossen / realisiert. Das gilt im positiven wie im negativen Sinne: auch die Art der Strafe wird so bestimmt.

In Krisenzeiten (ist bei diesem Erziehungstyp fixiert) hilft jeder jedem gegenseitig. Dass Familienmitglieder nebeneinander herleben und nur die eigenen Interessen verfolgen, ist mit diesem Erziehungs- und Lebenstyp nicht vereinbar und somit ausgeschlossen.

Notwendige Veränderungen

Demokratie lernen bedeutet eine Herausforderung sowohl für die Beteiligten wie Schüler oder Lehrer aber auch für die Institutionen. Nach Burk u.a. (2000, S. 10) ergibt sich folgender Umgestaltungsbedarf:

für Kinder für Lehrer/innen/
Erzieher/innen
Verantwortung übernehmen übergeben
Selbständigkeit erlernen ermöglichen
»Ich«-Stärkung erfahren befördern
Toleranz entwickeln vorleben
Zivilcourage aufbauen und zeigen zeigen und würdigen
Sich einmischen lernen und praktizieren fordern und akzeptieren
Mitgestaltung
Mitbestimmung
Mitbeteiligung
praktizieren unterstützen
befördern
ermöglichen
Mitdenken pflegen verlangen
Mitreden können lassen
Reale Partizipations-
Möglichkeiten
ergreifen eröffnen
Soziale Kompetenz erwerben, ausbilden einbringen
Demokratie leben, erleben vorleben, leben
erlebbar machen

Hemmnisse und Widerstände

Angesichts dieses Umgestaltungsbedarfes kommen Einwände gegen eine demokratische Erziehung teilweise aus dem Bildungssystem selber und tragen dazu bei, den Status quo beizubehalten. Argumente hierfür sind u.a.: dass Kinder zu unmündig für eine solche Erziehung seien; dass Unterricht dadurch verlangsamt werde oder dass die unterschiedlichen Voraussetzungen zu einer ungerechten Interessendurchsetzung führen werden.

Verschiedene Aspekte im Bildungswesen stehen zudem gegen eine demokratische Erziehung. Dazu gehört die gesetzlich verankerte Einschränkung der Mitbestimmung von Schülern, strukturelle Diskriminierung wie die Benachteiligung von Schülern fremder Muttersprache oder Herkunft oder die soziale Schichtung im dreigliedrigen Schulsystem, die eine starke soziale Reproduktionswirkung entfaltet.

Geschichte

Das grundlegende Buch Erziehung und Demokratie von John Dewey ist erstmals 1916 erschienen und wird bis heute (häufig sogar als einziger Beitrag) in erziehungswissenschaftlichen Schriften zu dem Thema angeführt.
Dieser reformpädagogische Ansatz setzte in erster Linie auf das demokratische Erleben und geht vom Schulsystem der USA aus. In Deutschland kamen in der Weimarer Republik Gedanken zur Mitbestimmung in der Reformpädagogik auf und wurden u.a. durch Gustav Wyneken in die Schulordnung aufgenommen. Dabei blieben sie aber auf staatsbezogene Ansätze wie der Einführung einer Staatsbürgerkunde und einer begrenzten Schülermitsprache beschränkt. Erstmals hat die Weimarer Republik zur Verbreitung des demokratischen Gedankens das Lehrfach Staatsbürgerkunde gemäß Weimarer Verfassung Art. 148 eingerichtet.

Der Nationalsozialismus bekämpfte die Demokratie als undeutsche Erscheinung, wobei jedoch die nationalsozialistische Erziehung viele reformpädagogische Projekte zumindest für einige Jahre weiterbestehen ließen, u.a. um für ihre eigenen Eliteeinrichtungen pädagogische Inspirationen zu finden.

Nach 1945 planten die USA zur Entnazifizierung eine demokratische Erziehung nach dem Vorbild Deweys zu verankern, scheiterten aber in ihrer Besatzungszone am Widerstand der deutschen Schuladministration und Interessenverbände. An vielen Punkten setzte die Schule in den Westzonen bzw. der Bundesrepublik wieder an der Bildung der Weimarer Republik an. Seit den 1950er Jahren wurden Ansätze zum demokratischen Erziehungsstil bekannt. Die Einführung des Faches Sozialkunde neben dem Geschichtsunterricht sollte zur Demokratieerziehung beitragen. Erst mit der Gesamtschul-Bewegung und der antiautoritären Erziehung kamen in den 1970er Jahren demokratische Zielstellungen wieder verstärkt ins Blickfeld der Erziehungswissenschaft. Eine tiefgreifende demokratische Erziehung wurde in Ausnahmeeinrichtungen wie der Bielefelder Laborschule zum Programm erhoben. Ihr Begründer, Hartmut von Hentig, ist heute der wohl bekannteste Vertreter demokratischer Erziehung in Deutschland. International gibt es noch wesentlich weiter entwickelte demokratische Schulen. Die bekanntesten Schulen dieser Art sind Summerhill und die Sudbury Valley School.

Bedingt durch den zunehmenden Rechtsextremismus in der deutschen Gesellschaft – vor allem der Jugend – in den 1990er Jahren, hat die Bund-Länder-Kommission im Jahr 2002 das BLK-Programm Demokratie lernen und leben aufgelegt, an dem sich 13 Bundesländer beteiligt haben. In etwa 130 Schulen haben sich gute Beispiele für eine weitergehende demokratische Schulpraxis etabliert.

Demokratieerziehung ist nominell inzwischen zum Kern der Politischen Bildung geworden. Als Ziele finden sich auch die Begriffe der Demokratiefähigkeit[1] bzw. der Demokratiekompetenz.[2] Die deutsche Kultusministerkonferenz hat 2009 eine Erklärung zur "Stärkung der Demokratieerziehung" beschlossen.[3] In Potsdam fand dazu eine Fachkonferenz der Bundesländer statt.[4]

Belege

  1. EPA Sozialkunde/Politik im Internet Archive
  2. Gerhard Himmelmann 2005: Was ist Demokratiekompetenz?
  3. Stärkung der Demokratieerziehung
  4. Potsdamer Fachtagung 2009

Literatur

  • Backhaus, A., u. a. (Hrsg.): Demokratische Grundschule - Mitbestimmung von Kindern über ihr Leben und Lernen. Arbeitsgruppe Primarstufe/ FB2. Universität: Siegen, 2008.
  • John Dewey: Demokratie und Erziehung. Eine Einleitung in die philosophische Pädagogik. Beltz, Weinheim 2000. ISBN 3-407-22057-X
  • Hartmut von Hentig: Die Sache und die Demokratie. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1975
  • H. von Hentig: Die Menschen stärken, die Sachen klären. Reclam, Stuttgart 1985
  • H. von Hentig: Die Schule neu denken. Eine Übung in praktischer Vernunft. Eine zornige, aber nicht eifernde, eine radikale, aber nicht utopische Antwort auf Hoyerswerda und Mölln, Rostock und Solingen. Hanser, München 1993
  • M. Bommes, J. Guter, U. Wolff-Jontofsohn: Demokratieerziehung in der Praxis. Eine Evaluation des Programms MITEINANDER - ERFAHRUNGEN MIT BETZAVTA, Abschlussbericht, Dezember 2002. Digitale Ausgabe Link auf online-Fassung
  • K. Burk, A. Speck-Hamdan, H. Wedekind (Hrsg.): Kinder beteiligen - Demokratie lernen?. Grundschulverband, Frankfurt am Main 2003, ISBN 3-930024-85-3
  • C. Büttner, B. Meyer (Hrsg.): Lernprogramm Demokratie. Möglichkeiten und Grenzen politischer Erziehung von Kindern und Jugendlichen. Juventa, Weinheim, München 2000
  • Micha Brumlik: Demokratische Erziehung, in: Benner, Dietrich; Oelkers, Jürgen (Hrsg.): Historisches Wörterbuch der Pädagogik, Weinheim: Beltz, 2004, S. 232-243. ISBN 3-407-83153-6
  • Diendorfer, Gertraud / Steininger, Sigrid (Hrsg.): Demokratie-Bildung in Europa. Herausforderungen für Österreich. Bestandsaufnahme, Praxis, Perspektiven, Wochenschau-Verlag Schwalbach/Ts. 2006, ISBN 3-89974247-8
  • D. Richter (Hrsg.): Politische Bildung von Anfang an. Demokratie-lernen in der Grundschule. Schriftenreihe Band 570. Bundeszentrale für politische Bildung Bonn 2007.
  • C. Rojzman: Der Haß, die Angst und die Demokratie. AG Spak, München 1997.
  • A. Scherb: Werteerziehung und pluralistische Demokratie. Politikdidaktische Annäherungen an ein pädagogisches Konzept für die öffentliche Schule, Lang, Frankfurt a.M. u.a. 2004
  • Anne Sliwka: Bürgerbildung. Demokratie beginnt in der Schule. Beltz, Weinheim 2008. ISBN 978-3-407-25499-3
  • Georg Weißeno u.a. (Hrsg.): Wörterbuch politische Bildung, Wochenschau-Verlag Schwalbach/Ts. 2007. ISBN 978-3-89974248-0

Siehe auch

Weblinks


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