Der Dollinger


Der Dollinger
Saal im ehemaligen Dollingerhaus, Kupferstich 1729

Die Dollingersage ist eine Regensburger Stadtsage, die in mehreren Versionen überliefert ist.

Inhaltsverzeichnis

Handlung

Um das Jahr 930 fordert der heidnische Ritter Craco die Regensburger Ritterschaft höhnisch zum Kampf heraus. König Heinrich I. gelingt es zunächst nicht, einen Ritter dazu zu bewegen, die Herausforderung anzunehmen. Doch schließlich findet sich der Regensburger Bürger Hans Dollinger, der zu dieser Zeit im Kerker einsitzt, im Gegenzug für seine Freilassung zum Kampf bereit. Dollinger betet in der Niedermünsterkirche am Grabe des Hl. Erhard und begibt sich zum Haidplatz, wo das Turnier stattfinden soll. Zweimal gelingt es Craco, Dollinger aus dem Sattel zu stoßen. Doch als König Heinrich dem Helden ein Kreuz an die Lippen presst, gelingt es Dollinger den Feind im dritten Anlauf zu besiegen.

Historischer Hintergrund

Die Dollingersage gehört nach Ansicht von zwei Autoren, deren Ergebnisse allerdings alles andere als unumstritten sind, zu den ältesten Stadtsagen Deutschlands,[1] doch setzt die schriftliche Überlieferung erst im 16. Jahrhundert ein,[2] so dass nicht mehr alle Änderungen im Laufe der Entstehungsgeschichte nachzuvollziehen seien. Als historischer Hintergrund bieten sie die Ungarnkriege des 10. Jahrhunderts und speziell die Schlacht auf dem Lechfeld 955 an, da der Angreifer Craco ursprünglich ein Hunne gewesen sei. In späteren Überlieferungen sei er zu einem Türken umgedeutet worden, was angesichts der der damals aktuellen Bedrohung des Abendlandes durch die Türkenkriege plausibel sei.

Die Überlieferung

Plastik

Um 1290 entstand die früheste überlieferte Fassung der Dollingersage in der Form von Bildplastiken, die den Dollingersaal in Regensburg schmückten. Sie wurden vermutlich vom Geschlecht der Dollinger in Auftrag gegeben, einer Adelsfamilie, die aus Dolling bei Ingolstadt stammte. Das Dollingerhaus wurde 1889 abgerissen und die originalen Plastiken dabei zerstört. Den 1964 neuerbauten Dollingersaal in einem Anbau des Regensburger Alten Rathauses schmücken heute Gipsabgüsse der originalen Reliefs, die vor der Zerstörung angefertigt wurden.

Das Dollingerlied

Eine gereimte Fassung der Dollingersage liegt seit dem 16. Jahrhundert schriftlich fixiert vor. Sie ist in drei voneinander abweichenden Versionen überliefert:

  • In einer Sammelhandschrift des Regensburger Augustiner-Eremiten Hieronymus Streitel, zwischen 1510 und 1519 entstanden. Dieser Textfassung folgt auch der Geschichtsschreiber Wiguläus Hundt in seiner Darstellung der Geschichte des Geschlechts der Dollinger.
  • Auf Klapptafeln im Regensburger Dollingersaal (heute im Historischen Museum der Stadt Regensburg), entstanden ca. 1552. Diese bekannteste Textfassung wurde in modernisierter Schreibweise von Achim von Arnim und Clemens Brentano unter dem Titel „Der Dollinger nach der Quelle Kurzgefasste Nachrichten von denen in den Ringmauern der Stadt Regensburg gelegenen Stiftern (Regensburg 1723) S. 172“ in den ersten Band der Sammlung Des Knaben Wunderhorn (1806) aufgenommen und erfuhr dadurch weite Verbreitung.
  • Bei dem fürstbischöflichen Chronisten Johann Sigismund Brechtel findet sich eine bemerkenswerte Variante des Dollingerlieds, in der Craco nicht als Türke, sondern als Hunne bezeichnet wird.

Die Dollingersage in historischen Chroniken

Dollingersage und -lied finden sich ab dem späten 16. Jahrhundert in den meisten Regensburger Chroniken. Abgesehen von dem schon erwähnten Johann Sigismund Brechtel, der in seiner Chronik die Dollingersage gleich in drei Fassungen (zwei gereimte und eine Prosafassung) darstellt, herrschen in späteren Darstellungen Prosafassungen vor. Wichtige Textzeugen stammen u. a. von den Chronisten Johann Ludwig Gottfried (1642), Johann Carl Paricius (1753) und Joseph Rudolph Schuegraf (1846).

Neuzeitliche Bearbeitungen

  • Emanuel Schikaneder: Hans Dollinger oder das heimliche Blutgericht (1788)
  • anonym: Das Dollingerspiel. (Puppenspiel, ca. 19. Jahrhundert)
  • Sigfrid Färber: Dollinger und Krako (1954)
  • Joseph Berlinger: Dollinger. Ein Spiel. (1995)

Das Dollingerlied

(Überlieferung von 1552)

Es rait ein Türck aus Türckhen Lanndt
Er rait gen Regenspurg in die stat
Da Stechen wardt von Stechen war im wolbekhant.

Da rait er fuer des Kaysers thuer
Ist niemant hin der kumb herfuer
Der stechen Well vmb leib vmb Seel vmb guet vmb Ehr
vnnd das dem Teuffl die Seel wer.

Da warn die Stecher all verschwigen
kainer wolt dem Türckhen nit obligen
dem Laidigen man
der so frefflich Stechen khan.

Da sprach der Kayser zornigklig
wie steht mein hoff so lästerlich
hab ich khain man
Der Stechen khan
vmb leib vmb Seel vmb guet vmb ehr
vnd das vnserm herrn die seel wer.

Da sprang der Dollinger herfuer
wol vmb wol vmb ich mues hinfuer
an den laidigen Man
der so frefflich Stechen khan.

Das erste reuten das sie da theten
Sie füerten gegen einander
Zway scharffe Speer
Das ain gieng hin das ander gieng her
Da stach der Türck den Dollinger ab
das er an dem rückhen lag.

O Jhesu Christ steh mir ietz bey
Steck mir ein Zwey sind Irer drey
Bin ich allain vnnd fuer mein Seel in das Ewig himelreiche.

Da reit der Kayser zum Dollinger so behendt
er füert ein kreutz in seiner henndt
Er strichs dem Dollinger über sein mundt
Der Dollinger sprang auff war frisch vnnd gesundt.

Das ander reiten das sie da theten
da stach der Dollinger denn Türckhen ab
Das er an dem ruckhenn lag.

Du verheuter Teuffl nun Stehe im bey
sind irer drey bin ich allain,
Vnnd füer sein Seel in die bitter helle Beyn.

Anmerkungen

  1. Karl Heinz Göller, Herbert W. Wurster: Das Regensburger Dollingerlied. Mittelbayerische Druck- und Verlagsgesellschaft, Regensburg 1980, ISBN 3-921114-07-1, S. 11.
  2. Karl Heinz Göller, Herbert W. Wurster: Das Regensburger Dollingerlied. Mittelbayerische Druck- und Verlagsgesellschaft, Regensburg 1980, ISBN 3-921114-07-1, S. 9.

Literatur

  • Karl Bauer: Regensburg: Kunst-, Kultur- und Alltagsgeschichte. 5. Auflage. Mittelbayerische Druck- und Verlag-Gesellschaft, Regensburg 1997, ISBN 3-931904-19-9
  • Emmi Böck (Hrsg.): Regensburger Stadtsagen. Legenden und Mirakel. Pustet, Regensburg 1982, ISBN 3-7917-0694-2
  • Josef Dünninger: St. Erhard und die Dollingersage. Zum Problem der geschichtlichen Sage. In: Bayerisches Jahrbuch für Volkskunde 1953. Institut für Volkskunde, München 1953
  • Karl Heinz Göller, Herbert W. Wurster: Das Regensburger Dollingerlied. Mittelbayerische Druck- und Verlagsgesellschaft, Regensburg 1980, ISBN 3-921114-07-1
  • Eginhard König, Martina Forster (Hrsg.): Regensburger Liederbuch. Eine Stadtgeschichte in Noten. Mittelbayerische Druck- und Verlagsgesellschaft, Regensburg 1989, ISBN 3-921114-82-9

Weblinks


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