Der Verschollene


Der Verschollene

Der Verschollene ist neben Das Schloss und Der Process einer der drei unvollendeten Romane von Franz Kafka, entstanden zwischen 1911 und 1914 und 1927 von seinem Freund und Herausgeber Max Brod postum veröffentlicht. In den frühen Ausgaben wurde der Roman unter dem von Brod bestimmten Titel „Amerika“ veröffentlicht. Siehe hierzu untenstehenden Bucheinband der ersten Veröffentlichung.

Spätere Auflagen wurden gemäß Einträgen in Kafkas Tagebüchern und Briefen unter dem Titel „Der Verschollene“ verlegt. Dieser Titel hat sich heute allgemein in der Literaturwissenschaft durchgesetzt.

Verlagseinband der Erstausgabe 1927

Inhaltsverzeichnis

Zusammenfassung

Der 17-jährige [1] Karl Rossmann wird von seinen Eltern in die USA geschickt, da er von einem Dienstmädchen „verführt“ (eher vergewaltigt) wurde und dieses nun ein Kind von ihm bekommen hat. Im Hafen von New York angekommen, trifft er noch auf dem Schiff einen reichen Onkel, der ihn zu sich nimmt und von dessen Reichtum Karl nun lebt. Doch bald verstößt der Onkel den Jungen, als Karl die Einladung eines Geschäftsfreundes des Onkels zu einem Landhausbesuch eigenmächtig annimmt. Der ohne Aussprache vom Onkel auf die Straße gesetzte Karl lernt zwei Landstreicher kennen, einen Franzosen und einen Iren, die sich seiner annehmen, freilich immer zum Nachteil von Karl. Wegen des Iren verliert er eine Anstellung als Liftjunge in einem riesigen Hotel mit bedrückenden Arbeitsbedingungen. Anschließend wird er in einer Wohnung, die die beiden Landstreicher mit der fetten älteren Sängerin Brunelda teilen, gegen seinen Willen als Diener angestellt und ausgenutzt.

Es existieren noch zwei Textfragmente [2], mit Karl im Umfeld Bruneldas. Da ist eine Szene mit einer grotesken Waschung Bruneldas; dann ist Karl mit der Sängerin alleine und er transportiert sie in ein Bordell. In einem weiteren Fragment, dem vorhandenen Abschlusskapitel, entdeckt Karl ein Plakat für ein Theater in Oklahoma (Kafka schrieb durchgehend „Oklahama“), das allen Menschen Beschäftigung verspricht. Karl wird nach einer peniblen Befragung von den Werbern des Theaters aufgenommen, freilich nur „für niedrige technische Arbeiten“. Das Romanfragment endet mit der langen Zugfahrt nach Oklahoma, wo Karl zum ersten Mal die „Größe Amerikas begreift“.

Fiktives Ende

Kafka soll laut Brod geplant haben, dass Karl im Theater nicht nur Rückhalt und Beruf, sondern sogar die Eltern und die Heimat wiederfindet. Dem widerspricht eine Tagebuchnotiz Kafkas vom 30. September 1915 [3], nach dem Roßmann ein ähnlicher Tod droht wie Josef K., dem Helden aus Der Process. „Roßmann und K., der Schuldlose und der Schuldige, schließlich beide unterschiedslos strafweise umgebracht, der Schuldlose mit leichterer Hand, mehr zur Seite geschoben als niedergeschlagen“, heißt es da.

Auch Martin Kippenberger bezieht sich mit seinem Werk The Happy End of Franz Kafka’s ‚America‘ auf den unfertigen Roman und schafft auf künstlerisch-skulptureller Ebene ein fiktives Ende.

Entstehung

Franz Kafka hatte sich bereits als 15-jähriger Schüler an einem Roman versucht, der teilweise in Amerika spielen sollte [4]. Erst Ende 1911 griff er das Thema wieder auf mit dem Beginn des Romans Der Verschollene. Mit großen zeitlichen Unterbrechungen beschäftigte ihn dieses Vorhaben, bis er 1914 das Romanfragment unvollendet beiseite legte. An Felice Bauer schreibt er bereits im Januar 1913: "Mein Roman! Ich erklärte mich vorgestern abend vollständig von ihm besiegt. Er läuft mir auseinander, ich kann ihn nicht mehr umfassen..." [5].

Zu Lebzeiten Kafkas erschien nur das erste, eigenständige Kapitel Der Heizer im Jahr 1913 im Verlag Kurt Wolff. Zusammen mit den ebenfalls 1912 entstandenen Erzählungen Das Urteil und Die Verwandlung wollte Kafka den Heizer zu einer Trilogie Die Söhne zusammengefasst wissen [6]. Für Die Verwandlung hatte Kafka die Arbeit am Verschollenen Ende 1912 für mehrere Wochen unterbrochen.

Von Kafka verwendete Literatur

Anregungen zu seinem Werk erhielt Kafka aus dem Reisebuch „Amerika heute und morgen“ von Arthur Holitscher aus dem Jahre 1912. Neben wichtigen Motivübernahmen geht die Schreibweise „Oklahama“ auf einen Druckfehler bei Holitscher zurück: Er unterschreibt mit „Idyll aus Oklahama“ eine Fotografie, die eine Lynchjustizszene zeigt, in der der Leichnam eines erhängten Schwarzen von gleichgültigen weißen Amerikanern umringt wird. Die Beseitigung sozialer und ethnischer Minderheiten in Form des sozialen Abstiegs Karls und der Erhängung des Schwarzen manifestiert sich hier in der Übernahme der Bildunterschrift aus Holitschers Buch. [5] Auch lassen sich Parallelen zu Charles Dickens Roman David Copperfield nachweisen, was sich Kafka am 8.Oktober 1917 in seinem Tagebuch [7] selbst eingestand. Er bezeichnete in diesem Zusammenhang Karl Roßmann sogar als „entfernte(n) Verwandte(n) von David Copperfield und Oliver Twist.[5]

Des weiteren verwendet Kafka zwei einschlägige Amerika-Stereotype. Karl ist bis zuletzt immer weiter unterwegs, sozusagen "on the road again" und die Richtung geht von New York im Osten zu den Bergen im Westen, also "going west"[5].

Brods Edition

Im Jahre 1927, also drei Jahre nach Kafkas Tod, veröffentlichte Max Brod das Romanfragment unter dem Titel „Amerika“. Für die Überschriften und Einteilungen der ersten sechs Kapitel gibt es ein authentisches Verzeichnis des Autors, die übrige Anordnung der Textfragmente erfolgte durch Brod recht willkürlich. Das gilt auch für den von Brod gewählten Titel „Das Naturtheater von Oklahoma“ für den chronologisch letzten Textteil. Der Herausgeber rechtfertigte sein Vorgehen mit angeblichen Aussagen Kafkas, den Roman versöhnlich enden lassen zu wollen.

Inhalt des Romanfragments

1. Kapitel Der Heizer: Karl Roßmann, der von seinen Eltern nach Amerika verfrachtet wurde, weil er ein Dienstmädchen geschwängert hatte, erreicht auf einem Ozeandampfer den Hafen von New York. Beim Aussteigen schließt er sich einem in seiner Berufsehre gekränkten Schiffsheizer an. In der Kapitänskajüte, wo es zu einer Aussprache kommt, gibt sich ein Herr als Karls reicher Onkel Jakob zu erkennen und lädt Karl ein, bei ihm zu leben. Zu Näherem hiezu wird auf die eigenständige Erzählung Der Heizer verwiesen.

2. Der Onkel: Der Onkel gewährt Karl ein Leben in Reichtum, aber auch in strenger Pflichterfüllung. Karl lernt intensiv die englische Sprache sowie Klavierspielen und Reiten. Er erlebt die Geschäfte des Onkels und die in New York herrschenden Verkehrsströme. Der Onkel ist zufrieden mit Karls Fortschritten und stellt Karl seinen Geschäftsfreunden Green und Pollunder vor. Letzterer lädt Karl auf sein Landgut ein, wo sich dessen Tochter befindet. Er will diese Einladung am nächsten Tag direkt einlösen und holt Karl ab. Der Onkel macht verschiedene Bedenken geltend, ohne den Besuch direkt zu verbieten.

3. Ein Landhaus in New York: Im Landhaus angekommen, lernt Karl die Tochter Clara kennen. Es stellt sich heraus, dass gleichzeitig auch Herr Green hier einen Besuch macht. Karl kann mit der Tochter wenig anfangen. Es entsteht ein aggressives Gerangel, in dessen Verlauf die sehr sportliche Tochter Karl regelrecht verprügelt. Karl wird zunehmend bewusst, dass er gegen den erklärten Willen seines Onkels diesen Besuch macht und bittet nun, umgehend wieder nach Hause gehen zu dürfen. Der andere Gast, Herr Green, erklärt, dass er bleiben solle, weil er ihm um Mitternacht einen wichtigen Brief überreichen müsse. So geschieht es also. Der Brief ist vom Onkel, einem Mann mit eisernen Prinzipien, der Karl ein für alle Mal von sich weist. Karl verlässt das Landhaus und ist wieder völlig auf sich gestellt.

4. Weg nach Ramses: Karl lernt in einem Wirtshaus Delamarche und Robinson kennen. Sie gehen ein Stück Weg gemeinsam. Karl wird beauftragt, Essen aus dem Hotel Occidental zu beschaffen. Die dortige Oberköchin findet Gefallen an Karl und bietet ihm Logis und Arbeit an. Karl geht aber zurück zu seinen Kumpanen. Dort wird er sehr ärgerlich, da sie seinen Koffer aufgebrochen haben und nun das Photo seiner Eltern verschwunden ist. So nimmt er das Angebot der Oberköchin doch an und trennt sich von den beiden zwielichtigen Begleitern.

5. Hotel Occidental: Im Hotel wird Karl Liftboy und kommt zunächst mit seiner Arbeit gut zurecht, wobei er die vielfältigen Arbeitshierarchien kennenlernt. Die Oberköchin und ihre junge Sekretärin Therese bemühen sich um Karl. Letztere erzählt ihm vom erschütternden Tod ihrer Mutter als Bauhilfsarbeiterin. Karl wohnt im großen unruhigen Schlafsaal der Liftboys. Die Liftboys vertreten sich oft gegenseitig und verlassen unerlaubter Weise ihren Arbeitsplatz, ohne dass dies auffällt.

6. Der Fall Robinson: Plötzlich taucht Robinson im Hotel bei Karl auf und lädt ihn ein, sich ihm und Delamarche wieder anzuschließen. Karl lehnt das entschieden ab. Robinson erweist sich plötzlich als schwer angeschlagen, wohl betrunken, kann nicht mehr weggehen und erbricht sich in ekelerregender Weise. Karl will ihn irgendwo ablegen und bringt ihn in ein Bett im Schlafsaal. Dass Karl dafür seinen Lift verlassen hat, fällt dem Oberkellner und dem Hotelportier auf und Karl soll dafür entlassen werden. Vorher erfolgen befremdlich unangenehme Befragungen und harte körperliche Bestrafung. Die Situation entwickelt sich völlig gegen Karl, als auch noch die Meldung vom Betrunkenen im Schlafsaal eintrifft. Auch die Intervention der Oberköchin für ihn ist zwecklos. Man jagt ihn zusammen mit Robinson hinaus.

7. Ein Asyl: Robinson nötigt Karl, in ein Hochhaus mitzukommen, in dem er mit Delamarche und der fetten unbeweglichen Sängerin Brunelda in einem total überfüllten Zimmer wohnt. Karl soll dort als Diener arbeiten, was er entschieden ablehnt. Als Karl sich davonstehlen will, wird er brutal zusammengeschlagen und muss bleiben. Vom Balkon des Zimmers aus lernt Karl einen häufig nachts lernenden Studenten kennen. Von dort aus sieht er die Umtriebe einer politischen Kandidatur. Karl träumt davon, aus dieser Situation zu entkommen und eine Stelle als Bürobeamter zu erreichen.

Zwei Fragmente, die als Anhang des Romans dargeboten werden, handeln auch noch vom Leben Karls im Dunstkreis der Sängerin. Da ist eine Szene mit der Waschung der unförmigen und unbeholfenen Brunelda. Das Fragment „Bruneldas Abreise“ zeigt Karl allein mit der Sängerin, die er unter einer Abdeckung auf einem Karren durch die Stadt schiebt zu einem Etablissement Nr. 25, was wohl ein Bordell darstellt.

Letztes Kapitel: Das Naturtheater von Oklahoma: Angelockt durch ein Plakat des großen Theaters von Oklahoma, das auf der Rennbahn Arbeitskräfte rekrutieren möchte, begibt sich Karl dorthin. Das Plakat wendet sich an die, die Künstler werden möchten, aber auch alle anderen sind willkommen. Auf der Rennbahn begrüßen Frauen in Engelskostümen mit Posaunen die Ankömmlinge. Diese werden dann entsprechend ihrer Fähigkeiten und Berufe eingeteilt. Karl wird mehrfach weiter verwiesen vom Ingenieur hinunter bis letztlich zu seinem wahren Status als europäischer Mittelschüler. Alle Bewerber bekommen zur Aufnahme eine gute Bewirtung. Danach geht es weiter in Richtung Oklahoma. Karl hat einen Liftboy aus dem Hotel wieder getroffen. Alle fahren zusammen im Zug durch die Weite Amerikas. Das Kapitel klingt aus mit der Beschreibung der zerklüfteten Bergwelt.

Textanalyse

Karl Roßmanns Schicksal

Das Romanfragment ist gekennzeichnet von der Suche nach Zugehörigkeit und von der Wiederholung der Vertreibung des Protagonisten [8]. Angekommen als Vertriebener durch die Eltern, wird er vom Onkel und danach vom Hotel weiter vertrieben. Letztlich fällt auch das offensichtliche Ende des ungeliebten Dienstes bei Brunelda irgendwie in diese Kategorie. Jeweils drei Kapiteln (bzw. Kapitelfragmenten) kann man einen gesonderten Vertreibungsmodus zuordnen (1-3 Onkel, 4-6 Hotel, 7 und 2 Fragmente Brunelda). Am Ende eines jeden Modus ist Karl wieder alleine auf sich gestellt, jeweils in immer weiter verschlechterter Situation.

Ebenso von Wiederholung geprägt sind die immer mit Gewalt verbundenen sexuellen Erfahrungen Karls, [6] der einmal von einer Schiffsangestellten als "schöner Knabe" bezeichnet wird. Ausgangspunkt ist die Vergewaltigung durch das Dienstmädchen. Es folgen die sadistischen Übergriffe Claras, dann Bruneldas Zudringlichkeiten. Auch die subtileren Zuwendungen der Oberköchin und von Therese sind letztlich ein Zugriff auf Karl. Auch Männer (der Heizer, Herr Pollunder, der sadistische Hotelportier) setzen Karl körperlich zu, wenn auch nicht in offensichtlich sexueller Weise.

Karl ist ein verstoßener Sohn, aber faktisch auch ein Vater, obwohl er sich diese Tatsache nie zum Bewusstsein kommen lässt; kein einziges Mal denkt er an den fernen Sohn. Dass er dazu nicht in der Lage ist und sich somit als Vater negiert, könnte darin begründet sein, dass er immer das Gegenüber seines Elternpaares erlebte und nicht einen einsamen Vater, wie er es wäre, da eine Verbindung mit der Mutter des Kindes von seiner Seite nicht existiert [9].

Im letzten Kapitel findet Karl anscheinend endlich einen Ort der Zugehörigkeit im Theater von Oklahoma. Zwar kommt es nochmals zu peinlichen Befragungen bezüglich seiner Legitimation, aber alles geht gut aus und niemand bedrängt Karl. Aber der Ort, die Rennbahn, deren Buchmacherbuden und Anzeigetafeln in das Auswahlverfahren integriert werden, assoziiert etwas Halbseidenes. Mit den posaunenden Engeln und Teufeln kommt ein skurriles und irrationales Element hinzu. Dadurch, dass jeder angenommen wird, entsteht eine Beliebigkeit, die jedes persönliche Streben negiert.

Schilderung der neuen Welt

Arbeit und Verkehr repräsentieren im Roman die zentralen Elemente des amerikanischen Stadtlebens [6] Karl erlebt die Arbeitswelt im gigantischen Kontor seines Onkels und im riesigen Hotel Occidental. Diese Welten sind anonymisiert, streng hierarchisch und im Einzelfall menschenverachtend. Der Verkehr wird als pulsierender Fluss von unverlöschlicher Energie [6] begriffen. Insbesondere bei diesen Schilderungen oder auch bei Beschreibung einer Fluchtszene hat Kafka, ein früher Kintoppbegeisterter, eine filmähnliche Erzählform gewählt [6].

Form

Die Erzählperspektive ist räumlich und zeitlich immer die des Protagonisten. Allerdings scheint die ganze Fülle der Beschreibungen und Informationen, die dabei dargeboten wird, nicht wirklich in Karls Bewußtsein vorzudringen, geschweige denn, dass er „die Gewalt der dahinter verborgenen Ordnungen erfühlt“ wie Reiner Stach formuliert [10]. Besonders in den ersten Kapiteln bewegt er sich mehr in seiner eigenen Welt, oft in Form von Wunschvorstellungen.

Die Darstellung der Bewegungsformen des modernen Verkehrs sind ein zentrales Objekt. Die Abläufe des Schiffsverkehrs im Hafen von New-York (erstes Kapitel) und die Verkehrsfluten in den Straßenschluchten (zweites Kapitel) werden vom Auge des Protagonisten aber nur aus einer reduzierten Perspektive wahrgenommen. Damit wird verdeutlicht, dass er die neuen Wahrnehmungsreize noch nicht vollständig erfassen kann. Er ist Sinneseindrücken ausgesetzt, die er kaum bewältigt [11]. Das kinematographische Sehen zeigt sich besonders in der grotesk wirkenden Fluchtszene, die Karls Abgang aus dem Hotel schildert (siebtes Kapitel). Kafka beschreibt die Situation aus einer kameraähnlichen Perspektive, indem er die Realität in eine Folge bewegter Bilder verwandelt [12]. Und auch hier dringen die äußeren Reize so ungeordnet auf den fliehenden Protagonisten ein, dass er sie nicht reflektieren kann.

Schon Max Brod schreibt im Nachwort zur Erstausgabe, dass die Schilderungen „unwiderstehlich an Chaplin-Filme erinnern“[5].

Im ersten Kapitel (Kapitänskajüte) und im dritten Kapitel (Landhaus Pollunder) hebt Karl zu längeren, naiv-wohlmeinenden Reden an. Im weiteren Verlauf des Romans geschieht das so nicht mehr. Auch sein Innenleben wird zunehmend weniger präsentiert. Nur am Ende des siebten Kapitels verliert Karl sich noch einmal in der Vorstellung, wie er - der soeben im Hurenhaushalt Bruneldas brutal verprügelt wurde - bei einer eventuellen künftigen Bürobeschäftigung alle seine Kräfte einsetzen würde. Diese von Hohn gekennzeichnete Darstellung zeigt noch einmal Karls ganze Naivität. Ansonsten werden im Verlauf des Romans zunehmend nur noch knappe Frage- und Antwort-Sätze ausgetauscht. Es ist kein Raum mehr für betuliche, umständliche Reden und Überlegungen. Wenn Karl im vorletzten Absatz des Schlusskapitels meint, nun erst die Größe Amerikas zu begreifen, zeigt das vielleicht eine erste Stufe eines Entwicklungsprozesses, an dem allerdings der Leser keinen weiteren Anteil hat.

Deutungsansätze

Eine Position lautet: Im Gegensatz zu dem gängigen Amerikaklischee der erfolgreichen Karriere des tüchtigen Einwanderers zeige der erste Roman Kafkas einen erschütternden permanenten sozialen Abstieg eines gutwilligen und naiven Jungen. Der heimatlose Karl, den großer Gerechtigkeitssinn auszeichnet, finde in der Fremde, in einer unpersönlichen Welt kalter Autoritäten und Hierarchien keinen Platz. Die Vorstellung vom Welttheater von Oklahoma, in dem Engel und Teufel dargestellt werden und das jeden aufnimmt, kann man auch als Metapher für das Reich des Todes sehen, das für jeden bestimmt ist. Des Weiteren zeigt der Roman eindrucksvoll auf, dass im amerikanischen Traum nicht nur Fleiß und Tugend etwas zählen, sondern vor allem die Beziehungen zu mächtigen Menschen einem Individuum den gesellschaftlichen Aufstieg ermöglichen.

Das Romanfragment kann als eine Art Bildungsroman gesehen werden, allerdings nicht im traditionellen Sinn, da der Held keine fortschreitende Entwicklung erfährt. Vielmehr steht der Konflikt zwischen dem Sohn und der Welt des Vaters (vertreten durch die verschiedenen Vaterfiguren des Fragments) im Vordergrund. Verlierer ist dabei immer der Sohn. Nach Albert Camus, Verfasser von Der Mythos des Sisyphos, ist Karl Roßmann "ein moderner Sisyphus, der ewig den Felsen der Zugehörigkeit vergeblich wälzt" [13].

Zitate

  • Als der siebzehnjährige Karl Roßmann, der von seinen armen Eltern nach Amerika geschickt worden war, weil ihn ein Dienstmädchen verführt und ein Kind von ihm bekommen hatte, in dem schon langsam gewordenen Schiff in den Hafen von Newyork einfuhr, erblickte er die schon längst beobachtete Statue der Freiheitsgöttin wie in einem plötzlich stärker gewordenen Sonnenlicht. Ihr Arm mit dem Schwert ragte wie neuerdings empor, und um ihre Gestalt wehten die freien Lüfte
  • Im Hafen: Eine Bewegung ohne Ende, eine Unruhe, übertragen von dem unruhigen Element auf die hilflosen Menschen und ihre Werke.
  • Der Onkel: „Ich hatte damals im Hafenviertel ein kleines Geschäft...Heute habe ich die drittgrößten Lagerhäuser im Hafen und jener Laden ist das Esszimmer und die Gerätekammer der fünfundsechzigsten Gruppe meiner Packträger.“
  • „Dann sind Sie also frei?“ fragte sie. „Ja, frei bin ich“ sagte Karl und nichts schien ihm wertloser.
  • Sie fuhren zwei Tage und zwei Nächte. Jetzt erst begriff Karl die Größe Amerikas.

Rezeption

  • Kindlers Literaturlexikon (S. 54) weist auf den Zusammenhang mit den massenhaften Amerika-Auswanderungen ostjüdischer Flüchtlinge hin. Karl Roßmann ist von seiner Familie als Strafaktion verschickt worden. Er ist kein Überlebender, der gerade noch davonkommt, sondern - wie Kafkas Titel sagt - ein Verschollener. Und wer verschollen ist, kann nach einer gewissen Frist für tot erklärt werden.
  • Ries (S. 103 ff.) Im Verschollenen ist die zentrale Metapher einer zyklischen Struktur des Scheiterns das Labyrinth. Es findet sich in den aufeinanderfolgenden Stationen (Schiff, Haus des Onkels, Pollunders Landhaus, Hotel) von Karls Amerikaaufenthalt. Besonders wird die Einführung Karls in die Sexualität thematisiert. Die prostitutive Erotik im Umfeld Bruneldas ist von Peinlichkeit und Ganoventum geprägt.
  • Alt (S. 347 ff.) betont die Darstellung der modernen Zeit mit ihrer permanenten Zirkulation der Güter, die Hierarchien erzeugt, die sich exemplarisch im Arbeitsleben ausprägen.
  • Stach (S.199) spricht von Kafkas Hellsicht bei der Darstellung hektisch-bedrängender Arbeitsverhältnisse in der sich gehetzte (anonyme) Individuen bewegen lange vor der Einführung des Fließbandes und der Erfindung von Industrierobotern. Hinter der dabei entstehenden Komik dieser Bilder lauert das Grauen.
  • Plachta (S.451f.): Das den Roman abschließende "Theater von Oklahama" Kapitel schafft zum übrigen Geschehen einen scharfen Kontrast. Karls sozialer Abstieg scheint gebremst zu werden, die bislang drastische Realität des Romans löst sich in eine harmonische Sozialutopie auf... In der Kafka-Forschung schwankt aber die Einschätzung dieses Kapitels zwischen Rettung des Protagonisten und letztlich tödlichem Ausgang.

Theater und Film

  • Amerika, Oper. Musik und Libretto von Roman Haubenstock-Ramati. UA Berlin 1966
  • Brynych, Z. Amerika oder der Verschollene BRD 1969
  • Klassenverhältnisse, Film BRD/F 1984, Regie: Jean-Marie Straub, Danièle Huillet.
  • H. Zichler: „Amerika“ vor Augen oder Kafka in 43 Min 30 sec BRD 1978
  • Amerika Theateradaption der JTW Spandau in Koproduktion mit dem Theater an der Parkaue 2008 Online Information

Literatur

Ausgaben

  • Amerika. K. Wolff, München, 1927. (Die Erstausgabe wurde postum herausgegeben von Max Brod.)
  • Amerika. Süddeutsche Zeitung, München, 2004, ISBN 3-937793-35-6.
  • Die Romane. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main, 1963.
  • Der Verschollene. Herausgegeben von Jost Schillemeit, S. Fischer, Frankfurt am Main, 2002.
  • Der Verschollene. Vitalis, Prag, 2010. (Mit einem Nachwort von Anthony Northey) ISBN 978-3-89919-166-0

Sekundärliteratur

  • Peter-André Alt: Franz Kafka: Der ewige Sohn. Eine Biographie. C.H. Beck, München 2005,
  • Peter-André Alt: Kafka und der Film. Beck Verlag 2009 ISBN 978-3-406-58748-1 ISBN 3-406-53441-4
  • Heinz Ludwig Arnold (Hrsg.): Franz Kafka. Text und Kritik Sonderband. Berlin 1994.
  • Ralph P. Chrimmann: Franz Kafka. Versuch einer kulturphilosophischen Interpretation. Verlag Dr. Kovac, Hamburg 2004. ISBN 3-8300-1275-6
  • Manfred Engel: Außenwelt und Innenwelt. Subjektivitätsentwurf und moderne Romanpoetik in Robert Walsers „Jakob von Gunten“ und Franz Kafkas „Der Verschollene“. In: Jahrbuch der Deutschen Schiller-Gesellschaft 30 (1986), S. 533-570.
  • Manfred Engel: Der Verschollene. In: Manfred Engel, Bernd Auerochs (Hrsg.): Kafka-Handbuch. Leben - Werk - Wirkung. Metzler, Stuttgart, Weimar 2010, 175-191. ISBN 978-3-476-02167-0
  • Wolfgang Jahn: Kafkas Roman ‚Der Verschollene’. Stuttgart: 1965.
  • Margarete Susmann: Das Hiob-Problem bei Franz Kafka. In: Heinz Politzer (Hrsg.): Franz Kafka. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1973.
  • Wendelin Schmidt-Dengler, Norbert Winkler (Hrsg): Die Vielfalt in Kafkas Leben und Werk. Vitalis-Verlag 2005 ISBN 3-89919-066-1
  • Wiebrecht Ries: Kafka zur Einführung. Hamburg: Junius Verlag 1993. ISBN 3-88506-886-9
  • Reiner Stach Kafka. Die Jahre der Entscheidungen. Frankfurt/Main: S. Fischer Verlag 2004. ISBN 3-596-16187-8
  • Bettina von Jagow und Oliver Jahraus: Kafka-Handbuch. Leben-Werk-Wirkung. Vandenhoeck& Ruprecht, 2008, ISBN 978-3-525-20852-6, Bodo Plachta.

Weblinks

Beispielinterpretationen:

Einzelnachweise

  1. In der Romanausgabe von 1963 ist Karl 16 Jahre, in späteren Ausgaben z.B. von 2002 wird Karl als 17-Jähriger eingeführt. Im Roman-Kapitel "Im Hotel occidental" bezeichnet er sich selbst als 16 werdend (Alter in Erstausgabe?)
  2. Franz Kafka Die Romane S. Fischer Verlag 1963
  3. „Franz Kafka Tagebücher“ u.a. Malcolm Pasley Fischer Taschenbuch Verlag ISBN 3-596-15700-5 S. 757
  4. Literaturwissen Franz Kafka Carsten Schlingmann S.27
  5. a b c d e Bodo Plachta Der Heizer/ Der Verschollene aus: Bettina von Jagow und Oliver Jahrhaus Kafka-Handbuch Leben-Werk-Wirkung hrsg. 2008 Vandenhoeck& Ruprecht ISBN 978-3-525-20852-6 S. 438-455
  6. a b c d e Peter-André Alt: Franz Kafka: Der ewige Sohn. Eine Biographie. München: Verlag C.H. Beck, 2005, ISBN 3-406-53441-4. S. 346 -365
  7. „Franz Kafka Tagebücher“ u.a. Malcolm Pasley Fischer Taschenbuch Verlag ISBN 3-596-15700-5 S.840
  8. Die Vielfalt in Kafkas Leben und Werk Wendelin Schmidt-Dengler und Norbert Winkler S. 11-15
  9. Aussage Peter-Andre Alt
  10. Reiner Stach: Kafka. Die Jahre der Entscheidungen. S. Fischer Verlag, 2004, ISBN 3-596-16187-8 S. 196.
  11. Peter-André Alt: Kafka und der Film Beck Verlag 2009 ISBN 978-3-406-58748-1 S.65
  12. Peter-André Alt: Kafka und der Film Beck Verlag 2009 ISBN 978-3-406-58748-1 S. 81
  13. Die Vielfalt in Kafkas Leben und Werk Wendelin Schmidt-Dengler und Norbert Winkler S. 11-14

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