Dessauer Zuckerraffinerie


Dessauer Zuckerraffinerie

Die Dessauer Zuckerraffinerie GmbH war die Hauptherstellerin des zur Entwesung geeigneten Zyklon B, das als Wirkstoff Blausäure enthielt und auch zum Massenmord in Konzentrationslagern eingesetzt wurde. Im Jahre 2000 vertrieb die Firma ein entsprechendes Präparat zur Rattenbekämpfung unter dem Namen Cyanol.

Inhaltsverzeichnis

Geschichte

1871 erfolgte die Gründung des Werkes in Dessau durch Maximilian und Emil Fleischer[1] als Dessauer Actien Zucker Raffinerie. Zweck des Betriebes war es, Zucker aus Melasse nach dem Strontian-Verfahren zu gewinnen. 1895 wurde die Aktiengesellschaft in die Dessauer Zuckerraffinerie GmbH umgewandelt und die Zweigniederlassung Strontian- und Potasche-Fabrik Rosslau a.E. gegründet. Ab 1896 stellte man aus Stickstoffverbindungen der Schlempe, einem Abfallprodukt der Melasse-Entzuckerung damals sogenanntes Ferrocyanatrium her.

Die bei der Herstellung von Leuchtgas im Gaswerk Dessau der Contigas anfallende Blausäure sollte die Dessauer Zuckerraffinerie GmbH weiterverarbeiten. Es wurden darüber Verhandlungen geführt. Am 11. September 1921 wurde die Dessauer Werke für Zucker und Chemische Industrie AG im Volksmund Fine[2] gegründet. Die Dessauer Zuckerraffinerie GmbH wurde ein Teil von ihr. Grund dafür war die weitere Finanzierung der Firmen mit ca. 1600 Beschäftigten. 1922 führte die Degesch Verhandlungen mit der Dessauer Zuckerraffinerie GmbH über die Produktion des Zyklon B. Eine Versuchsanlage wurde errichtet. Die Versuche begannen am 18. April 1924 unter Leitung von Dr. Pieper. Am 12. November 1924 erfolgte die Genehmigung zur Herstellung durch die Behörden. In den Akten der Gewerbepolizei findet sich die Verfahrensbeschreibung:

„Das neue Verfahren unterscheidet sich von der bisher in der alten Anlage vorgenommenen Bindung des Cyanwasserstoffes (Blausäure) an Natrium oder Kalisalze allerdings lediglich dadurch, dass der flüssige Cyanwasserstoff unter Verschluss in mit Kieselgur gefüllte dichte Blechbüchsen gebracht wird und von der Kieselgur aufgesaugt wird. Während nun aber bei der fertigen Cyansalzen der alten Anlage ein Verdunsten der Blausäure infolge chemischer Bindung ausgeschlossen ist, ist dies bei dem neuen Schädlingsbekämpfungsmittel nicht der Fall, sondern die Wirksamkeit dieses Mittels beruht gerade auf der schnellen Entweichung der von der Kieselgur aufgesaugten Blausäure, die, soweit es sich um geschlossene Räume handelt, bei Einatmung zu den schwersten Folgen führen kann.“

In einem Vertrag zwischen Degussa, Degesch und der Dessauer Zuckerraffinerie vom 26. November 1927 wird eine Herstellungsmenge von 100.000 kg monatlich angestrebt, was eine Vergrößerung der Produktion bedeutete. 1928 wurde deshalb bei der Gewerbeaufsicht Dessau ein Antrag auf Hallenerweiterung gestellt.

Von 1929 an erfolgten weitere Beteiligung: Zucker-Raffinerie Hildesheim GmbH (50%), Louisen-Grube Kohlenwerk und Ziegelei AG Bitterfeld (32%), Gebrüder Dippe AG Quedlinburg (25%), Zuckerfabrik Glauzig (27%) und der Löwenwerke AG Heilbronn (55%).

Der einzige Abnehmer von Zyklon B war die Degesch, die auch Patentinhaberin war. Sie stellte auch Anlagen und Maschinen zu Verfügung. Zyklon B wurde mit und ohne Zusatz von Warnstoffen in Dessau hergestellt. Das Produkt wurde zur Durchgasung von Mühlen, Schiffen, Kühlhäusern und zur Entlausung in Massenunterkünften hergestellt. Allein für die Kriegsindustrie schätzte man 1943 den Bedarf auf 80 Tonnen. Exporte gingen 1943 in die Türkei, die Schweiz und nach Schweden[3] Zyklon B wurde ab 1942 - hauptsächlich im KZ Auschwitz-Birkenau - auch zum Massenmord benutzt.

Generaldirektor war zu dieser Zeit Wilhelm Cramer[4] [5]

Weiterführung in der DDR

1948 wurde die bei Luftangriffen am 7. März 1945 völlig zerstörte Firma enteignet und produzierte dann unter dem Namen VVB Zuckerraffinerie Dessau. 1951 wurde die Blausäureanlage wieder aufgebaut; der Betrieb stellte ab 1952 als VEB Gärungschemie Dessau bis 1969 das Präparat als „Cyanol“ Schädlingsbekämpfungsmittel her. Danach wurde die Produktion nach Schwedt abgegeben.

Blick auf das Gelände der ehemaligen Gärungschemie Dessau

Während der DDR-Zeit produzierte das Werk hauptsächlich Futterhefe, Alkohol und Kohlensäure, die in einem Gärhaus aus Melasse hergestellt wurden. In einer Abteilung wurden auch Barium gewonnen und Bariumverbindungen verarbeitet.

2003 wurde das Unternehmen aufgelöst. Teile des Betriebes wurden abgerissen. Das Hauptgebäude wurde mehrfach umgenutzt und zuletzt als Diskocenter verwendet, bevor es nach Brandstiftung ausbrannte.

Auf dem Bild rechts der Mitte befindet sich das Heizwerk und links der Mitte das alte Gärhaus. Teile des Geländes sind an kleinere Unternehmen verpachtet.

Weiterführung in der Bundesrepublik Deutschland

Um auf ihre Beteiligungen im Westen Deutschlands zugreifen zu können, wurde der Firmensitz der AG 1949 nach Braunschweig und dann 1958 nach Hannover verlegt. Dort beteiligte man sich u.a. an den Banken Nicolai & Co. Hannover und Creditfinanz Hamburg G. Fischer & Co. Hamburg. 1966 wurde die AG in eine GmbH umgewandelt. [6]

Weblinks

Einzelnachweise

  1. [1]
  2. Fine
  3. [2]
  4. Geschäftsbericht der Deutschen Bank 1940[3]
  5. Geschäftsbericht der Deutschen Bank 1935[4]
  6. [5]
51.82422812.231939

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