Deutsche Kunst und Deutsche Politik

Deutsche Kunst und Deutsche Politik

Deutsche Kunst und Deutsche Politik ist eine politische Schrift Richard Wagners, die dieser im Jahre 1867 schrieb, als er väterlicher Freund und Berater des jungen Königs Ludwig II. von Bayern war. Er veröffentlichte sie später im achten Band seiner Gesammelten Schriften und Dichtungen.

Hintergrund

Der erst zwanzigjährige König Ludwig tat sich anfangs schwer mit realpolitischen Entscheidungen. Im Mai 1866, als es um die Mobilmachung des Bayerischen Heeres ging, wollte er sogar abdanken und flüchtete heimlich zu Wagner in dessen Landhaus Tribschen. Wagner richtete ihn wieder auf und beabsichtigte mit seiner später verfassten Schrift, dem König eine Perspektive als Deutscher Kunstmäzen aufzuzeigen und verdeutlichte gleichzeitig auch seine Festspiel-Idee.

Auszüge aus der Schrift

Das Maximilianeum in München, Ende des 19. Jahrhunderts

Wagner vergleicht zu Beginn die europäischen Zivilisationen und stellt fest:

Die französische Zivilisation ist ohne das Volk, die deutsche Kunst ohne die Fürsten entstanden. Es ist erhebend und hoch ermutigend für uns, zu sehen, dass der deutsche Geist, als er sich in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts aus seiner tiefsten Verkommenheit erhob, nicht einer neuen Geburt, sondern wirklich nur einer Wiedergeburt bedurfte. Er konnte über zwei verlorene Jahrhunderte hinüber demselben Geiste die Hand reichen, der damals in weiter Verzweigung über das heilige römische Reich deutscher Nation seine kräftig treibenden Keime verbreitete, und von dessen Wirken auch die Zivilisation in Europa profitiert hat. Heil dir, Goethe, der du die Helena dem Faust, das griechische Ideal dem deutschen Geiste vermählen konntest! Heil dir, Schiller, der du dem wiedergeborenen Geiste die Gestalt des „deutschen Jünglings“ gabest, der sich mit Verachtung dem Stolze Britanniens und der Pariser Sinnenverlockung gegenüberstellt!

Wagner hebt nun die Leistungen der Wittelsbacher Könige für die Kunst hervor, nicht ohne den Hintergedanken, dass der jetzige Erbe diese Tradition fortsetzen möge. Er geht u.a. auf die Baukunst ein und schlägt einen Bogen zu einer humanistischen Schulbildung, vorzugsweise im neuen Maximilianeum, das zu einem Bildungsinstitut ausgebaut worden war:

Alles Erkennenswerte der Kunst und Wissenschaft sollte hier in einer Weise zweckmäßig gesammelt und geordnet werden, so dass an Hand einer geistvollen und vielseitigen Belehrung den Zöglingen die Gelegenheit der Aneignung einer umfassenden Bildung dargeboten werden sollte. König Maximilian mochte sich mit Seufzen sagen: was nützen uns schöne Werke der Kunst, wenn sie dem Sinne des Volkes fast feindselig erscheinen und nicht mit seinem Willen, sondern eher gegen seinen Willen in das Leben gerufen werden? Er setzte deshalb auch auf die besondere Pflege von Wissenschaft und Bildung, als eine Krönung der allgemeinen Volksbildung, jedoch: die eigentliche Bildnerin des Volkes aber ist nur die Kunst!
„Ringe, Deutscher, nach römischer Kraft, nach griechischer Schönheit! Beides gelang dir; doch nie glückte der gallische Sprung!“
So ruft Schiller dem deutschen Genius zu. Doch wie, wenn der Bär tanzen sollte wie der Affe, um sein Brot zu verdienen? – Ein widerlicher Anblick, lächerlich und traurig zugleich!

Wagner schimpft nun über die deutschen Fürsten, die es versäumt hätten, dem deutschen Publikum auch echte deutsche Kunst zu servieren. Stattdessen werden zur Unterhaltung der fürstlichen Höfe nur italienische und französische Opern-, Ballett- und Komödiantengruppen gehalten – wo doch das deutsche Volk die allergrößten Musiker der Welt hervorgebracht hat. Er stellt fest, was typisch deutsch sei, nämlich:

Die Sache die man treibt, um ihrer selbst willen und der Freude an ihr zu treiben!

Wagner bedauert nun, dass die eigentliche klassische Bildung, das heißt die Grundlage aller humanen Bildung, durch die Kenntnis der griechischen und römischen Sprache und Literatur, bereits auch bei ansonsten gebildeten Leuten als unnütz und leicht zu ersetzen in Verruf geraten sei. Sie wird als zeitraubend, störend und nur zum Vergessen gut angesehen. Ganz dieser Meinung sei auch die katholische Kirche unserer Tage. Auch die Religion würde auf der Strecke bleiben, und so dürfe man sich nicht wundern, wenn der Staat, als Ersatz für den einst von der Religion ausgegangenen geistigen Belebungsquell des Volkes, nun die Kunst heranziehen wolle, führt Wagner aus und definiert aus seiner Sicht die Aufgaben des Staates:

Der Staat ist der Vertreter der absoluten Zweckmäßigkeit. Er kennt nichts als Zweckmäßigkeit, und lehnt daher mit richtigster Bestimmtheit alles von sich ab, was nicht einen unmittelbar nützlichen Zweck nachweisen kann. Friedrich der Große war der Gründer dieses Staates, und der preußische Staat ist unbestritten sein Werk. Er verlangte vom Staate vor allem Geld und Soldaten und orientierte sich in seiner Staatsorganisationen am schärfsten am modernen französischen Kaiserstaate. Dagegen hat sich die preußische Staatsidee nicht überall ausbilden wollen, namentlich in den süddeutschen Staaten, in denen genügende Überreste der älteren reichsständischen Verfassung fortlebten.

Der Königsberater Wagner erklärt nun weiter, wie er sich den idealen, gerechten Monarchen vorstellt. Dieser steht, mit dem Recht der Begnadigung, über der Justiz, die allerdings für sich den Anspruch erfüllen muss, im Sinne staatlicher Zweckmäßigkeit unabhängig zu urteilen. Er weist dann auf die Bedürfnisse des Volkes hin, die nur mit Hilfe von Bildung und Kunst bestmöglich zu befriedigen sei, am allerbesten durch Kunstfestspiele, und erklärt dazu:

Wir müssen uns nun die Frage stellen, auf welche Weise eine Veredelung des allgemeinen Geschmackes an theatralischen Vorstellungen zu erreichen ist? Offenbar nur durch Veredelung des Charakters der Vorstellungen selbst. Das Publikum ist willig, auf alles einzugehen, was seinem natürlichen Grundbedürfnisse Befriedigung gewährt. Vortreffliche Vorstellungen großartiger Werke werden von ihm stets mit erhöhter Stimmung und lohnender Anerkennung aufgenommen. Mit Rechte wehrt es sich aber gegen die Anmaßung, auf abstraktem Wege belehrt werden zu sollen. Die deutschen Theaterverhältnisse können nur mit Hilfe königlicher Förderung verbessert werden. Es dürften nur solche dramatische Werke zur Darstellung gelangen, welche die vollendete Ausbildung eines bisher gänzlich mangelnden deutschen Stiles auf dem Gebiete des lebendigen Dramas wirklich ermöglichen. Unter diesem Stil verstehen wir die vollkommen erreichte und zum Gesetz erhobene Übereinstimmung der theatralischen Darstellung mit dem wahrhaft deutschen Dichterwerke. Der Zuschauer würde nicht mehr von dem Bedürfnisse der Zerstreuung nach der Tagesanspannung, sondern dem der Sammlung eines selten wiederkehrenden Festtages geleitet und in einen abgelegenen, eigens nur dem Zwecke einer außerordentlichen Aufführungen sich erschließenden Kunstbau eintreten können, um hier die Mühe des Lebens in einem edelsten Sinne zu vergessen. Wäre es nicht ein allerhöchster Nützlichkeitszweck des Staatswesens dass dieses Ideal erreicht wird?

Der Kunstpolitiker R.W. zieht nun den Schluss, dass die Wiedergeburt und Entfaltung des edlen deutschen Geistes, die Überwindung der Kunst-Routine, nur in einem neuen deutschen Staat möglich und dazu eine geeignete Staatsverfassung zu gründen sei. Die Initiative, d. h., neue Kunst- und Kultur-Impulse für ganz Deutschland, solle vom König von Bayern ausgehen.

Quellen

  • Sven Friedrich (Hrsg): Richard Wagner; Werke, Schriften und Briefe, Digitale Bibliothek Berlin 2004.
  • Richard Wagner: Sämtliche Schriften und Dichtungen, Leipzig 1911.

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