Deutscher Bund für Mutterschutz


Deutscher Bund für Mutterschutz

Der Bund für Mutterschutz und Sexualreform (Mutterschutzbund) wurde am 26. Februar 1905 in Berlin gegründet.

Im Paragraph eins der Satzung heißt es: Zweck des Bundes ist es, die Stellung der Frau als Mutter in rechtlicher, wirtschaftlicher und sozialer Hinsicht zu verbessern, insbesondere unverheiratete Mütter und deren Kinder vor wirtschaftlicher und sittlicher Gefährdung zu bewahren und herrschende Vorurteile gegen sie zu beseitigen (...). [1]

Zu den Gründerinnen und Initiatorinnen gehörten die Dichterin Ruth Bré (Elisabeth Bouness), die bald nach der Gründung wieder ausschied, sowie die Feministin und Pazifistin Helene Stöcker. Helene Stöcker war die den Bund in besonderer Weise prägende Persönlichkeit. Der Bund setzte sich insbesondere für unverheiratete Frauen und deren Kinder ein und vertrat eine Sexualreform, die gegen die herrschende "Lüge und Heuchelei" in Fragen des sexuellen Lebens gerichtet war. Die sowohl praktisch-charitative wie sozial-ethische Wirksamkeit hatte das Ziel, die Stellung der Frau zu verbessern und eine Gesundung der sexuellen Beziehungen herbeizuführen. Der Verein unterhielt im Jahr 1912 36 Mütterheime für ledige Mütter.

Der Bund verkörperte den radikalen Teil der bürgerlichen Frauenbewegung, außerdem war als eine Vertreterin der proletarischen, an der SPD orientierten Frauenbewegung z. B. Henriette Fürth hier engagiert. Im Unterschied zu allen damaligen Frauenorganisationen hatte der Mutterschutzbund zahlreiche männliche Mitglieder (etwa ein Drittel der Mitglieder).

Inhaltsverzeichnis

Gründung

Bereits am 12. November 1904 wurde in Leipzig ein Bund für Mutterschutz gegründet. Deren Erstunterzeichner waren die Dichterin Ruth Bré, der Arzt und Lebensreformer Friedrich Landmann aus Eisenach und der Münchener Gutsbesitzer Heinrich Meyer. Wenig später wurde beschlossen, den Bund erneut in Berlin mit Unterstützung bekannter Persönlichkeiten zu gründen. Der Bund erhielt wieder den Namen Bund für Mutterschutz. Seit 1908 nannte er sich Deutscher Bund für Mutterschutz und Sexualreform[2].

Den Gründungsaufruf unterzeichneten zahlreiche bekannte Persönlichkeiten wie der Nationalökonom und Bodenreformer Adolf Damaschke, der Philosoph Christian von Ehrenfels, der Gynäkologe Alfred Hegar, der freisinnige Politiker Friedrich Naumann, der Nationalökonom und Soziologe Werner Sombart, der Nationalökonom und Soziologe Max Weber und der Arzt, Philosoph und Eugeniker Ludwig Woltmann.[3]

Am 26. Mai 1905 wurde die Berliner Ortsgruppe gegründet. Die in Berlin ansässigen Mitglieder des Bundesvorstandes waren zugleich Mitglieder des Vorstandes der Berliner Ortsgruppe.

Zu den Mitgliedern des Gesamtvorstands wurden 1905 folgende Mitglieder gewählt:

Mitgliedschaft

Zu den Mitgliedern zählten zahlreiche bekannte Frauenärzte und Sozialwissenschaftler sowie viele Hebammen. Auch viele Pfarrer, insbesondere der freireligiösen Bewegung, aber auch christlicher Orientierung, wirkten neben den vor allem freidenkerisch geprägten Mitgliederm.

Dem Bund für Mutterschutz gehörten unter anderm folgende Mitglieder an, die teilweise auch Vorstandsfunktionen ausübten:

Zu den Mitgliedern gehörte auch der SPD-Vorsitzende August Bebel, der 1906 dem Bund beitrat.

Bündnispartner

Der Mutterschutzbund beteiligte sich am Weimarer Kartell, zu dem mehrere freidenkerische und freigeistige Organisationen zusammenfanden. Vereinbart wurde das Weimarer Kartell 1907 in Weimar und wurde schließlich auf der Weimarer Konferenz am 15./16. Dezember 1907 beschlossen. Hierzu wurde ein Fünferausschuss eingesetzt, der die eigentliche Gründung vorbereiten sollte. Die offizielle Gründung fand am 8. und 9. Juni 1909 in Magdeburg statt[5]. Beim Monistenkongress 1911 in Hamburg wurde das Weimarer Kartell neu konstituiert, die Geschäftsstelle von Berlin nach Frankfurt/Main verlegt und der Frankfurter Industrielle, Dichter und Förderer freigeistiger Aktivitäten Arthur Pfungst zum Vorsitzenden gewählt, der neben Ernst Haeckel den Zusammenschluss bereits im Vorfeld stark gefördert hatte[6]. Helene Stöcker, die ebenfalls beim Monistenkongress teilnahm, enge Kontakt zum Deutschen Monistenbund hielt und regelmäßig in monistischen Zeitschriften schrieb, begründete die Teilnahme am Weimarer Kartell 1912 im Vereinsorgan des Mutterschutzbundes: „Wenn wir Sexualreformer wirklich Erfolge erzielen wollen, so bedarf es, wie eines politischen Großblocks der Linken, so auch eines Kulturblocks der freiheitlichen Kulturbestrebungen“[7]. Zum Weimarer Kartell gehörten neben dem Mutterschutzbund der Deutsche Freidenkerbund, der 1881 von Ludwig Büchner gegründet wurde, die Deutsche Gesellschaft für ethische Kultur (1892 gegründet), der Bund für weltliche Schule und Moralunterricht, der Deutsche Monistenbund sowie einige weitere kleinere Verbände. Der Bund Freireligiöser Gemeinden Deutschlands trat nicht bei, stand dem Weimarer Kartell jedoch nahe und war personell von Anfang an beteiligt. Zwecke des Weimarer Kartells waren die "freie Entwicklung des geistigen Lebens und Abwehr aller Unterdrückung", die Trennung von Schule und Kirche und die vollständige Verweltlichung des Staates (Trennung von Staat und Kirche, Laizismus).[5]

Quellen

  1. DeutschlandRadio, KalenderBlatt vom 5.1. 2005; Abruf 1. September 2007 [1]
  2. Entgegen der vorherrschenden Meinung in der Sekundärliteratur schreibt Gudrun Hamelmann, dass sich der Mutterschutzbund erst seit der Generalversammlung den Namen Bund für Mutterschutz und Sexualreform, um mit dem Namenszusatz 'Sexualreform' die schon bisher praktizierte Sexualreform durchh den Namen zu unterstreichenerst; siehe Gudrun Hamelmann, Helene Stöcker..., 1992, S. 49
  3. Rolf Groschopp, Dissidenten, 1997, S. 231
  4. Michael Schwartz, Sozialistische Eugenik, 1995, S. 66 ff.
  5. a b Rolf Groschopp, Dissidenten, 1997, S. 181 ff.
  6. Frank Simon-Ritz, Die Organisation einer Weltanschauung, 1997, S. 161 f.
  7. Frank Simon-Ritz, Die Organisation einer Weltanschauung, 1997, S. 162

Zeitschriften des Mutterschutzbundes

  • Mutterschutz (1905-1907)
  • Die neue Generation (1908-1932)

Literatur

  • Horst Groschopp: Dissidenten. Freidenkerei und Kultur in Deutschland, Dietz Verlag, Berlin 1997 ISBN 3-320-01936-8
  • Gudrun Hamelmann: Helene Stöcker, der „Bund für Mutterschutz“ und „Die Neue Generation“, Haag und Herchen, Frankfurt am Main 1992. ISBN 3-89228-945-X
  • Frank Simon-Ritz: Die Organisation einer Weltanschauung. Die freigeistige Bewegung im Wilhelminischen Deutschland, Gütersloh 1997 ISBN 3-579-02604-6 (Religiöse Kulturen der Moderne; Bd. 5; Diss. Univ. Bielefeld 1994/1995, Fakultät für Geschichtswissenschaft und Philosophie)
  • Nowacki B., Der Bund für Mutterschutz (1905-1933), Abhandlungen zur Geschichte der Medizin und der Naturwissenschaft, Heft 48, Husum Matthiesen

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