Deutschland ein Wintermärchen

Deutschland ein Wintermärchen
Erste Separatausgabe

Deutschland. Ein Wintermärchen (im Original: Deutschland. Ein Wintermährchen) ist ein satirisches Versepos des deutschen Dichters Heinrich Heine (1797–1856).

Unzufrieden mit den politischen Verhältnissen im Deutschland der Restaurationszeit, die ihm als getauftem Juden keine Möglichkeit für eine juristische Tätigkeit bot und um der Zensur zu entgehen, emigrierte Heine 1831 nach Frankreich. 1835 verbot ein Beschluss des deutschen Bundestags seine Schriften zusammen mit den Veröffentlichungen der Dichter des Jungen Deutschland. Ende 1843 kehrt er noch einmal für wenige Wochen nach Deutschland zurück, um seine Mutter und seinen Verleger Julius Campe in Hamburg zu besuchen. Auf der Rückreise entstand der erste Entwurf zu „Deutschland. Ein Wintermärchen“.

Inhaltsverzeichnis

Erstveröffentlichung

Abdruck in dem Sammelband „Neue Gedichte“ 1844

Das Versepos erschien 1844 beim Verlag Hoffmann und Campe in Hamburg. Nach der Zwanzig-Bogen-Klausel, einer Zensurrichtlinie der Karlsbader Konferenz von 1819, unterlagen Manuskripte von mehr als zwanzig Bogen nicht der Zensur vor dem Druck. Daher brachte der Verlag „Deutschland. Ein Wintermärchen“ zusammen mit Gedichten im Band „Neue Gedichte“ heraus. Schon am 4. Oktober 1844 wurde das Buch in Preußen verboten und beschlagnahmt. Am 12. Dezember 1844 erließ König Friedrich Wilhelm IV. von Preußen einen Haftbefehl gegen Heine. In der Folgezeit wurde das Werk wiederholt von den Zensurbehörden verboten. In anderen Teilen Deutschlands war es zwar in Form einer - ebenfalls bei Hoffmann und Campe erschienenen - Separatausgabe erhältlich, doch musste Heine es kürzen und umschreiben.

Form

Das Werk besteht aus 27 Gesängen (Caput I - XXVII), die in Strophen zu je vier Versen aufgeteilt sind. Jeder Vers enthält in der Regel vier Hebungen, die Zahl der unbetonten Senkungen variiert dagegen, wie es typisch für Volkslieder ist. Allerdings überwiegen Jamben. Auch das Reimschema ist einfach - Vers 2 und 4 sind durch einen Kreuzreim verbunden, Vers 1 und 3 sind reimlos.

Inhalt

Heine verknüpft in dem Werk die Reisebeschreibung mit politischen und philosophischen Betrachtungen. In seinem unverwechselbarem Stil stellte er dabei seine „illegalen“ Gedanken in den Vordergrund, die er sozusagen versteckt als „Konterbande“, als Schmuggelgut, mit sich führe. So betritt er in Caput II voller Euphorie deutschen Boden, im Gepäck nur „Hemden, Hosen und Schnupftücher“, doch im Kopf „ein zwitscherndes Vogelnest / Von konfiszierlichen Büchern“. In Aachen begegnet Heine erstmals wieder preußischem Militär:

Noch immer das hölzern pedantische Volk,
Noch immer ein rechter Winkel
In jeder Bewegung, und im Gesicht
Der eingefrorene Dünkel.

In Caput IV spottet Heine auf der Weiterreise nach Köln über die anachronistische deutsche Gesellschaft, die lieber rückwärtsgewandt den seit dem Mittelalter unvollendeten Kölner Dom fertig baut, als sich der neuen Zeit zu stellen. Dass die Arbeiten an dem anachronistischen Bauwerk im Zuge der Reformation eingestellt worden waren, bedeutet für den Dichter den eigentlichen Fortschritt: Die Überwindung des traditionellen Denkens und das Ende der geistigen Unmündigkeit.

In Caput V trifft Heine auf den Rhein, als „deutscher Rhein“ und „Vater Rhein“ deutsche Ikone und deutscher Erinnerungsort. Der Flussgott zeigt sich aber als alter, grämlicher Mann, des deutschtümelnden Geschwätzes überdrüssig. Er sehnt sich nicht nach den Franzosen zurück. Denn diese, so Heine, trinken jetzt Bier und lesen „Fischte“ und Kant.

Caput VI gibt Heine seiner Überzeugung Ausdruck, dass einmal gedachte Gedanken, nicht wieder verloren gehen können, und dass revolutionäre Ideen sich auf Dauer auch in der Realität durchsetzen. Als Personifikation seiner eigenen Gedanken lässt er den „Liktor“ auftreten, seinen Dämon und schattenhaften Begleiter, immer präsent, auf ein Zeichen wartend, um das Urteil des Dichters sofort zu vollstrecken: „Ich bin die Tat von deinem Gedanken.“

In Caput VII beginnt im Traum die Exekution: Gefolgt von seinem „stummen Begleiter“ wandert Heine durch Köln. Mit seinem Herzblut kennzeichnet er Türpfosten und gibt so dem Liktor das Signal für ein Todesurteil. Zuletzt erreicht er den Dom mit seinem Dreikönigenschrein und „zerschmettert die armen Skelette des Aberglaubens“.

In Caput VIII reist Heine weiter nach Hagen und Mülheim, Orte, die ihm seine frühere Begeisterung für Napoléon Bonaparte wieder in Erinnerung rufen. Dessen Umgestaltung Europas hatte in Heine die Hoffnung auf Vollendung der Freiheit wachgerufen. Jedoch: Der Kaiser ist tot. Heine war in Paris Augenzeuge seiner Überführung in den Invalidendom gewesen.

Caput IX bringt kulinarische Erinnerungen an „heimisches Sauerkraut“, gewürzt mit satirischen Spitzen,

Caput X Grüße an Westfalen.

In Caput XI reist Heine durch den Teutoburger Wald und phantasiert darüber, was wohl geschehen wäre, wenn der Cherusker Hermann die Römer nicht besiegt hätte: Römische Kultur hätte das deutsche Geistesleben durchdrungen, und statt „drei Dutzend Landesväter[n]“ gäbe es jetzt wenigstens einen richtigen Nero. Das Caput ist – verdeckt – auch eine Attacke auf die Kulturpolitik des ‚Romantikers auf dem Thron‘, Friedrich Wilhelm IV.; denn fast alle in diesem Zusammenhang genannten Persönlichkeiten (z. B. Raumer, Hengstenberg; Birch-Pfeiffer, Schelling, Maßmann, Cornelius) residieren in Berlin.

Caput XII enthält Heines Rede über das Thema „Mit den Wölfen heulen“. Dies hätte Heine - freilich wird durch die ironische Wahl einer solchen Formulierung auch eine kritische Distanz zur Tendenzpoesie eingenommen - immer getan, auch wenn manche Umstände dem Dichter zuweilen ein Schafspelz-Kostüm abforderten.

Caput XIII sieht den Reisenden bei Paderborn. Im Morgennebel erscheint ein Kruzifix. Der „arme jüdische Vetter“ hatte weniger Glück als Heine, den eine liebevolle Zensur wenigstens vor dem Gekreuzigtwerden bewahrt hat – bisher jedenfalls.

In Caput XIV und Caput XV hält sich Heine im Traum an einem weiteren Erinnerungsort auf: Er besucht Friedrich Barbarossa im Kyffhäuser. Kaum überraschend präsentiert sich auch der mythische deutsche Kaiser als senil-vertrottelter Herr, der vor allem stolz darauf ist, dass seine Fahne noch nicht von den Motten gefressen worden ist. Deutschland in innerer Not? Dringender Handlungsbedarf für den bereitstehenden Kaiser? Wach auf, Alter, und zieh den Bart aus dem Tisch! Aber was meint der uralte Held dazu?

Wer heute nicht kommt, kommt morgen gewiß,
Nur langsam wächst die Eiche,
Und chi va piano, va sano, so heißt
Das Sprüchwort im römischen Reiche.

Caput XVI bringt den Kaiser auf den neuesten Stand: Zwischen Mittelalter und Neuzeit, zwischen Barbarossa und Heute stand und wirkte die Guillotine. Kaiser haben ausgedient, und bei Lichte betrachtet sind Monarchen überflüssig. Bleib im Berg, Alter! Am besten bleibt auch gleich der Adel und das »Kamaschenrittertum von gotischem Wahn und modernem Lug« mit bei dir im Kyffhäuser (Caput XVII). Ersatzweise tun auch Schwert oder Strick gute Dienste an überflüssigen Schmarotzern.

Unerfreulich bleibt auch die Begegnung mit Gendarmen in Minden, gefolgt vom obligatorischen Alp- und Rachetraum (Caput XVIII).

In Caput XIX besucht er das Geburtshaus seines Großvaters in Bückeburg:

Zu Bückeburg stieg ich ab in der Stadt,
Um dort zu betrachten die Stammburg,
Wo mein Großvater geboren ward;
Die Großmutter war aus Hamburg.

Von dort geht es weiter zu einer Begegnung mit Ernst August von Hannover dortselbst, der sich, »an großbritannisches Leben gewöhnt« schier totlangweilt. Das Caput zielt vor allem ab auf den Verfassungsbruch Ernst Augusts im Jahr 1837, gegen den die sieben Göttinger Professoren opponierten.

Endlich, im Caput XX, ist Heine am Ziel seiner Reise: In Hamburg trifft er bei seiner Mutter ein. Diese waltet auch gleich ihres Amtes:

  1.  »Hast Du Hunger?«
  2.  »Hast Du eine Frau?«
  3.  »Wo lebst Du lieber, hier bei mir oder in Frankreich?«
  4.  »Treibst Du immer noch Politik?«

Seit Heines Zeiten hat sich diesbezüglich wenig geändert: Man antworte ausweichend.

Caput XXI und XXII zeigt den Dichter in Hamburg auf der Suche nach Bekannten und Erinnerungen, in Caput XXIII folgt das Loblied auf den Verleger Campe. Caput XXIV beschreibt ein Zusammentreffen mit der Schutzgöttin Hamburgs, Hammonia. Ein Gelöbnis allergrößter Verschwiegenheit wird nach alttestamentlicher Sitte abgelegt, indem Heine die Hand unter die Hüfte der Göttin legt (diese errötet leicht – der Rum ist schuld!). Dann verspricht die Göttin, ihrem Besucher das zukünftige Deutschland zu zeigen. Allgemeine Erwartung. Doch der Zensor macht einen Schnitt an entscheidender Stelle. Enttäuschung. (Caput XXV und XXVI)

Mit Caput XXVII endet das Wintermärchen:

Schon knospet die Jugend, welche versteht
Des Dichters Stolz und Güte,
Und sich an seinem Herzen wärmt,
An seinem Sonnengemüte.

In den letzten Strophen stellt sich Heine in die Tradition von Aristophanes und Dante und spricht den König von Preußen direkt an:

Beleid’ge lebendige Dichter nicht,
Sie haben Flammen und Waffen,
Die furchtbarer sind als Jovis Blitz
Den ja der Poet erschaffen.

Mit der Androhung der ewigen Verdammnis des Königs schließt das Epos.

Kritik aus Vaterlandsliebe

„Deutschland. Ein Wintermärchen“ zeigt Heines bildreiche und volksliedartig-poetische Sprache in enger Verbindung mit schneidender, ironischer Kritik an den Zuständen in seiner Heimat. Heine stellt seine gesellschaftliche Vision dem trüben „Novemberbild“ des reaktionären Heimatlandes gegenüber, das sich seinen Augen bietet:

Ein neues Lied, ein besseres Lied,
O Freunde, will ich euch dichten!
Wir wollen hier auf Erden schon
Das Himmelreich errichten.
Wir wollen auf Erden glücklich sein,
Und wollen nicht mehr darben;
Verschlemmen soll nicht der faule Bauch
Was fleißige Hände erwarben.

Heine kritisiert vor allem den deutschen Militarismus und reaktionären Chauvinismus, besonders den Franzosen gegenüber, deren Revolution er als Aufbruch in die Freiheit versteht. Er bewundert Napoleon als Vollender der Revolution und Verwirklicher der Freiheit. Sich selbst sieht er nicht als Feind Deutschlands, sondern als Kritiker aus Vaterlandsliebe:

Pflanzt die schwarzrotgoldne Fahne auf die Höhe des deutschen Gedankens, macht sie zur Standarte des freien Menschtums, und ich will mein bestes Herzblut für sie hingeben. Beruhigt euch, ich liebe das Vaterland ebensosehr wie ihr. (aus dem Vorwort).

Das „Wintermärchen“ heute

Heines Versepos war bis in unsere Zeit hinein in Deutschland sehr umstritten. Vor allem im Jahrhundert seiner Entstehung betrachtete man das Werk als „Schandschrift“ eines Heimatlosen, eines „Vaterlandsverräters“, Miesmachers und Schandmauls. Diese Sichtweise von „Deutschland. ein Wintermärchen“ fand sich besonders in der Zeit des Nationalsozialismus bis ins dümmlich Groteske übersteigert.

Die moderne Zeit sieht in Heines Werk – möglicherweise aufgrund eines entspannteren Verhältnisses zu Nationalismus und Deutschtümelei vor dem Hintergrund der europäischen Integration – ein bedeutendes politisches Gedicht in deutscher Sprache: souverän in seinem Witz, stark in seinen Bildern, meisterlich in seiner Sprachbeherrschung. Heines Gestalten (wie zum Beispiel der „Liktor“) sind kraftvoll und einprägsam geschildert.

Ein Großteil des Reizes, den das Versepos heute ausübt, liegt darin begründet, dass seine Botschaft nicht eindimensional, sondern vieldeutig die Gegensätze in Heines Denken engagiert zum Ausdruck bringt. Der Dichter zeigt sich als Mensch, der seine Heimat liebt und außerhalb ihrer nur Gast und Besucher ist. So wie Antäus den Kontakt zur Erde braucht, so schöpft auch Heine seine Kraft und seine Gedankenfülle einzig aus dem intellektuellen Kontakt zum Heimatland.

Exemplarisch wird hier der Bruch sichtbar, den die Julirevolution für das intellektuelle Deutschland bedeutete: Der frische Wind der Freiheit erstickt in den reaktionären Bestrebungen der Restauration, der schon eingetretene „Frühling“ der Freiheit weicht einer neuen Frostperiode der Zensur, Unterdrückung, Verfolgung und Exilierung; der Traum von einem freien und demokratischen Deutschland ist auf ein ganzes Jahrhundert hinaus ausgeträumt.

„Deutschland. Ein Wintermärchen“ ist ein Höhepunkt der politischen Dichtung des Vormärz und gehört in Deutschland zum allgemeinen Bildungsgut. Galt das Werk Jahre und Jahrzehnte als antideutsches Pamphlet des „Wahlfranzosen“ Heine, so ist es heute für viele das bewegendste Gedicht, das ein Emigrant je geschrieben hat.

Weiterhin diente der Titel Sönke Wortmann als Vorbild für den Dokumentarfilm Deutschland. Ein Sommermärchen.

Literatur

Ausgaben

  • Heinrich Heine. Historisch-kritische Gesamtausgabe der Werke. Hrsg. von Manfred Windfuhr. Bd. 4: Atta Troll. Ein Sommernachtstraum / Deutschland. Ein Wintermährchen. Bearb. von Winfried Woesler. Hoffmann und Campe, Hamburg 1985.
  • H. H. Deutschland. Ein Wintermärchen. Hrsg. von Joseph Kiermeier-Debre. Deutschen Taschenbuch Verlag, München 1997. (Bibliothek der Erstausgaben.) ISBN 3-423-02632-4
  • H. H. Deutschland. Ein Wintermärchen. Hrsg. von Werner Bellmann. Durchgesehene Ausgabe. Reclam, Stuttgart 2001. [Bietet die Fassung der "Neuen Gedichte", 1844, und Varianten der Separatausgabe, 1844.] ISBN 3-15-002253-3
  • H. H. Deutschland. Ein Wintermärchen. Bilder von Hans Traxler. Hrsg. von Werner Bellmann. Reclam, Stuttgart 2005. ISBN 3-15-010589-7

Forschungsliteratur, Kommentare

  • Werner Bellmann: Heinrich Heine. Deutschland. Ein Wintermärchen. Erläuterungen und Dokumente. Revidierte Ausgabe. Reclam, Stuttgart 2005. ISBN 3-15-008150-5
  • Karlheinz Fingerhut: Heinrich Heine: Deutschland. Ein Wintermärchen. Diesterweg, Frankfurt a. M. 1992. (Grundlagen und Gedanken zum Verständnis erzählender Literatur) ISBN 3-425-06167-4
  • Jost Hermand: Heines Wintermärchen - Zum Topos der 'deutschen Misere'. In: Diskussion Deutsch 8 (1977) Heft 35. S. 234-249.
  • Joseph A. Kruse: Ein neues Lied vom Glück? Heinrich Heines Deutschland. Ein Wintermährchen. In: J. A. K.: Heine-Zeit. Stuttgart/München 1997. S. 238-255.
  • Renate Stauf: Heinrich Heine. Deutschland. Ein Wintermärchen. In: Renate Stauf/Cord Berghahn (Hrsg.): Weltliteratur II. Eine Braunschweiger Vorlesung. Bielefeld 2005. S. 269-284.
  • Jürgen Walter: Deutschland. Ein Wintermärchen. In: Heinrich Heine. Epoche - Werk - Wirkung. Hrsg. von Jürgen Brummack. Beck, München 1980. S. 238-254.

Weblinks


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