Die Familie Selicke


Die Familie Selicke

Die Familie Selicke ist ein Drama von Arno Holz und Johannes Schlaf, das 1890 entstand und im selben Jahr an der Freien Bühne in Berlin uraufgeführt wurde. In konsequent naturalistischem Stil beschreibt das Stück ein Familiendesaster innerhalb eines kleinbürgerlich-proletarischen Milieus.

Inhaltsverzeichnis

Inhaltsangabe

Handlungsüberblick

„Die Familie Selicke“ zeigt den bereits stattgefundenen Zerfall einer Familie auf, deren Familienmitglieder am Weihnachtsabend in Berlin das ganze Drama über zusammen im Wohnzimmer des Familienhauses sind. Die Familie wird komplett zerrüttet und auseinandergerissen, als die jüngste Tochter, Linchen, im Verlauf einer schweren Krankheit am Weihnachtsmorgen stirbt. Für den Vater, Eduard Selicke, bricht die Welt zusammen und er zieht sich vollends aus der Familie zurück. Seine Frau wünscht sich selbst den Tod und verfällt in Selbstmitleid. Die älteste Tochter, Toni, gibt ihre Liebe zu dem jungen Pastor Gustav Wendt auf, der als Untermieter bei der Familie wohnt, um die Familie nicht verlassen zu müssen, da Toni in dem Glauben lebt, sich voll und ganz für ihre Familie opfern zu müssen. Die beiden Söhne Albert und Walter verfallen in Trauer, die jeder der beiden versucht für sich selbst zu verarbeiten. Der Pastor Gustav Wendt verlässt die Familie am Todestag von Linchen ohne Toni, die seinen Heiratsantrag abgelehnt hat, um seine neue Stelle als Landpastor anzutreten.

Erster Aufzug

Frau Selicke sitzt strickend vor Linchens Krankenbett, das in dem sehr bescheiden eingerichteten[1] Wohnzimmer der Familie steht. Walter und Albert Selicke machen sich gemeinsam auf den Weg, um ihren Vater Eduard Selicke von dessen Arbeitsstelle abzuholen, damit dieser nicht wieder erst im Morgengrauen betrunken nach Hause kommt. Der alte Kopelke, der als Linchens Arzt fungiert, betritt die Wohnung, bevor die zwei Brüder sich verabschieden und erkundigt sich nach Linchens Gesundheitszustand. Er versucht Frau Selicke zu beruhigen, die sich große Sorgen um ihre jüngste Tochter macht und verwickelt den jungen Theologen Gustav Wendt, der das Wohnzimmer betritt, in ein Gespräch. Gustav Wendt teilt den Anwesenden mit, dass er die Zusage für die Stelle als Landpastor bekommen habe und die Familie schon am nächsten Tag verlassen werde. Kurz darauf betritt Toni Selicke das Wohnzimmer. Sie wird von Gustav Wendt mit den Worten begrüßt, dass er heute schon auf sie gewartet habe.[2] Toni erkundigt sich bei ihrer Mutter nach Linchens Gesundheitszustand. Das Gespräch zwischen Mutter und Tochter schwenkt um auf den Vater und Gustav Wendt verlässt daraufhin das Wohnzimmer. Frau Selicke betont mehrmals, wie schlecht sie es in der Familie mit ihrem Ehemann habe und wie gut es doch die Nachbarschaft habe. Sie verfällt in Selbstmitleid und Toni versucht ihre Mutter zu besänftigen und ihren Vater gut zu reden. Allerdings lässt sich Frau Selicke davon nicht beeinflussen und hält an ihrer Meinung über ihren Ehemann fest. Sich selbst bemitleidend verabschiedet sie sich von ihrer Tochter, die daraufhin alleine im Wohnzimmer zurückbleibt und zu nähen beginnt. Einige Momente später betritt Gustav Wendt erneut das Wohnzimmer und bittet Toni ihn zu heiraten und mit ihm zusammen auf das Land zu ziehen. Zunächst lehnt Toni den Antrag ab und möchte die Familie nicht verlassen. Vor allem Linchens Krankheitszustand macht dieses Unterfangen gar unmöglich. Jedoch lässt sich der junge Mann nicht beirren und hält an seiner Idee fest. Schließlich kann er Toni überzeugen und sie gesteht sich und ihm ihre Gefühle für ihn ein. Sie küssen sich am Ende des ersten Aufzuges und wollen gemeinsam in eine neue Zukunft gehen.

Zweiter Aufzug

Mittlerweile ist es halb zwei Nachts und die Familie sitzt, bis auf Eduard Selicke, komplett versammelt im Wohnzimmer. Albert und Walter haben sich, nachdem sie ohne ihren Vater wieder zurückgekommen sind, schlafen gelegt. Toni und Frau Selicke sind alleine im Wohnzimmer. Linchen wacht auf und erkundigt sich nach ihrem Vater, woraufhin Frau Selicke sie nicht weiter zu beunruhigen versucht und ihr sagt, dass er bald nach Hause käme. Allerdings bleiben trotz großer Mühe von Frau Selicke ihrer jüngsten Tochter das Alkoholproblem ihres Vaters und dessen Neigung zur Gewalt nicht unbemerkt. Durch das Erzählen erschöpft, schläft Linchen nach einem schweren Hustenanfall wieder ein. Toni versucht ihre Mutter zu beruhigen, die der festen Meinung ist, dass Linchen die Krankheit nicht überleben wird. Als die Schritte Eduard Selickes auf der Treppe ertönen, versteckt sich dessen Frau auf Tonis Rat hin und Toni nimmt ihren angetrunkenen Vater in Empfang. Er regt sich über seine Frau und Kinder auf, bleibt eine Weile liebevoll an Linchens Bett stehen, setzt sich anschließend hin und schläft unter Gemurmel über seine Familie ein. Linchen wacht auf, erkundigt sich bei Toni nach ihrer Mutter, die diese an Linchens Bett holt. Daraufhin stirbt Linchen und Toni stürzt schluchzend zu ihrem schlafenden Vater, weckt ihn auf und berichtet ihm in seinen Armen liegend von Linchens Tod. In diesem Augenblick betritt Gustav Wendt das Wohnzimmer der Familie.

Dritter Aufzug

Der Morgen bricht an und die gesamte Familie Selicke befindet sich im Wohnzimmer, allerdings sitzt oder steht jeder für sich selbst. Frau Selicke redet mit ihrem Mann und möchte sich bessern und versucht ihm schon fast einzureden, dass jetzt alles besser werden wird[3] Eduard Selicke nimmt Abschied von seiner Tochter und verlässt das Wohnzimmer. Frau Selicke verfällt wieder in Selbstmitleid und wünscht sich den Tod, um endlich ihrer in ihren Augen elendigen Familiensituation zu entkommen. Gustav Wendt betritt das Wohnzimmer und erfährt von Linchens Tod, ebenso der alte Kopelke, der kurz danach die Wohnung betritt, um sich wieder nach Linchens Gesundheitszustand zu erkundigen. Er verabschiedet sich kurz darauf wieder von der Familie und auch von Frau Selicke, die sich in die Küche zurückgezogen hat, um alles für Gustav Wendts Abreise vorzubereiten. Toni lehnt dessen Heiratsantrag ab, da sich nun alles geändert habe und sie die Familie nicht mehr verlassen könne. Wendt verlässt die Familie, da sein Zug um elf Uhr abfährt. Er lässt die weinende Toni in den Armen ihrer Mutter zurück und verabschiedet sich mit den Worten, dass er wiederkommen werde.

Beziehungen der Personen untereinander

Beziehungen der Personen untereinander.png

Einzelbetrachtungen der Personen

Eduard Selicke

Eduard Selicke übt seinen Beruf des Buchhalters aus und ist das Familienoberhaupt der Selickes. Zusammen mit seiner Frau hat er vier Kinder: Toni, Albert, Walter und Linchen.

Charakterisierung durch Frau Selicke

Allein schon von seiner Frau her wird Eduard Selicke als unzuverlässiger Mann beschrieben, auf den „man sich ja nie verlassen“ könne[4] und der „einem ja nie die Wahrheit“ sage[5]. „Andre Männer teilen ihren Frauen alles mit und beraten sich, wie’s am besten geht“,[6] aber Eduard Selicke nicht. Stattdessen weiß er alles besser[7] und lässt seine Frau, geschweige denn seine Kinder, nicht an seinen Entscheidungen teilhaben.

Heimkehr im zweiten Aufzug

Wird in dem ersten Akt Eduard Selicke nur namentlich in den Gesprächen zwischen Frau Selicke und Toni erwähnt, so erscheint er, lang ersehnt von der Familie, endlich im zweiten Aufzug. Dieses Erscheinen von Eduard Selicke ist der zugleich lang ersehnte Höhepunkt wie auch die Antwort Eduard Selickes auf Frau Selickes vorher gegangenes Gespräch mit ihrer Tochter Toni.

Alkoholismus

Er kommt angetrunken nach Hause, „taumelt aber nur sehr wenig und spricht alles deutlich, nur etwas langsam und schwerfällig“[8] aus. Der Alkoholismus ist ein beliebtes Thema im Naturalismus, welches immer wieder gerne von den Autoren aufgegriffen wurde und die keine Scheu davor hatten, dieses vorher totgeschwiegene Problem der Gesellschaft anzusprechen, wie beispielsweise auch in Gerhart Hauptmanns „Vor Sonnenaufgang“. Jedoch ist Eduard Selickes Alkoholkonsum nicht unbedingt mit dem Alkoholkonsum anderer Dramenfiguren aus dem Naturalismus zu vergleichen, da dieser nicht von Geldproblemen her rührt, wie in HauptmannsVor Sonnenaufgang“ von der Wohlstandstrinkerei die Rede ist, geschweige denn von der Armutstrinkerei. Zwar gibt es genügend Hinweise in dem Drama auf die schlechte wirtschaftliche Lage der Familie, wie die Aussage Frau Selickes, was nicht alles von den paar Groschen, die ihr Mann nach Hause bringt, alles bezahlt werden soll,[9] wie gut sie es hätten haben können in ihrem Stand[10] und dass sie über beide Ohren in Schulden stecken und man nichts anschaffen könne.[11] Vielmehr scheint Selickes Alkoholkonsum auf die schlechten Familieverhältnisse zurückzuführen zu sein. Für seine Frau ist er „so gut wie tot“[12] und auch seine Kinder haben Angst vor ihm, was sich an Walters Verhalten zeigt, der seinem Vater nach dessen Heimkehr nur „halb ängstlich“[13] aus seiner Kammer zu antworten vermag. Selickes daraus resultierender Unmut spiegelt sich in seinen Stimmungs- und Gefühlsschwankungen wider, die größtenteils seine älteste Tochter Toni miterlebt.

Liebevolles Verhalten Linchen gegenüber

Zunächst wäre da das liebevolle Verhalten seiner jüngsten und kranken Tochter gegenüber während Tonis Anwesenheit. Selicke ist gerade auf dem Weg zu seiner Frau, als er in seinem angetrunkenen Zustand im Vorbeigehen das schlafende Linchen bemerkt. Mit den Worten „das arme Kind“[14] tritt er an ihr Krankenbett. Er wird von den liebevollen Gefühlen zu seiner jüngsten Tochter übermannt und drückt dies durch liebevolle Kosenamen, wie „Mäuschen“[15] oder „mein armes Herzchen“[16] aus. Für Eduard Selicke ist seine jüngste Tochter Linchen die einzige Freude, die ihm in der Familie geblieben ist. Von seiner Frau verachtet und von den Kindern oftmals mit Angst und Schrecken daheim erwartet, bleibt ihm nur die kindliche und hingebungsvolle Liebe Linchens.

Sexuelles Verlangen Toni gegenüber

Als Toni ihren Vater jedoch von Linchen fernhalten will, damit diese nicht aufwacht, schwankt sein zärtliches und liebevolles Verhalten um in Aggression und sexuelles Verlangen. Er äfft die Worte seiner Tochter nach, schickt sie zornig und drohend fort[17] und entlädt seine Aggression mit den Worten „Waaas?! Du – willst – dich – an deinem Vater – vergreifen?!“,[18] nachdem Toni ihn mit ihrer Hand von dem Bett ihrer Schwester weggestoßen hatte. Er kommt ihr immer näher und seine Aggression schwankt um in das Verlangen nach der Liebe, die ihm von seiner Frau verwehrt bleibt. Für einen kurzen Moment siegt die sexuelle Lust in ihm und er nähert sich Toni auf eine unsittliche Art und Weise. Seine Aussage „Das liebe Töchterchen! … Oh, du bist ja ein – reizendes Wesen!“[19] unterstreicht dieses sexuelle Verlangen. Allerdings fängt sich Eduard Selicke direkt danach wieder und seine Worte und die kurze Annäherung bleiben die einzigen Inzestmotive in diesem naturalistischen Drama.

Innerer Monolog / indirektes Gespräch Selickes

Betrachtet man das darauffolgende Selbstgespräch Eduard Selickes, so erkennt man bei genauerem Hinsehen, dass es sich um einen indirekten Dialog zwischen seiner Frau und ihm handelt. Er antwortet ihr, wenn auch nicht bewusst, auf die Vorwürfe, die sie im ersten Aufzug gegen ihn gerichtete hatte. Diese Thematik hat bereits Helmut Scheuer in „Interpretationen Dramen des Naturalismus“[20] aufgegriffen, daher wird an dieser Stelle nicht genauer darauf eingegangen.

Tod Linchens und anschließendes Verhalten

Sobald Linchen gestorben ist, bricht für Eduard Selicke die Welt zusammen. Nicht nur, dass er seine geliebte Tochter verloren hat, er hat auch die einzige Person verloren, die ihm in der Familie die Liebe und Zuneigung entgegengebracht hatte, die ihm von den anderen Familienmitgliedern und vor allem von seiner Frau verwehrt geblieben worden war. Er geht nicht mal mehr auf das Drängen seiner Frau ein, dass sich nun alles ändern solle,[21] sondern nimmt wortlos von der Familie Abschied und zieht sich nun vollends zurück, indem er seine Frau mit „einem toten, ausdruckslosen Blick“[22] ansieht, das Wohnzimmer verlässt und im Drama nicht mehr auftritt.

Frau Selicke

Frau Selicke leidet, genau wir ihr Mann, unter der nicht mehr vorhandenen Liebe des anderen Ehepartners. All ihre Liebe, die sie noch in sich trägt, richtet sie vollends auf ihre kranke Tochter und teilweise auch noch auf ihren jüngsten Sohn Walter. Die älteren Geschwister Albert und Toni bekommen als einziges Zeichen der Aufmerksamkeit das Selbstmitleid ihrer Mutter entgegengebracht und den Hass und die Ablehnung ihrem Mann gegenüber. Sobald sie mit ihren beiden ältesten Kindern redet, ist sie nur noch in der Lage, in ihr eigenes Selbstmitleid zu verfallen und Mitleid zu erregen um wohl auch von ihnen Liebe entgegengebracht zu bekommen. Selbst ihre scheinbare Trauer um Linchens Tod entpuppt sich als reines Selbstmitleid, denn anstatt gemeinsam mit der Familie zu trauern, wünscht sie sich selbst den Tod und sagt sogar selbst „Für mich is es ’s beste, Linchen holt mich nach“.[23] Für sie wäre es das Leichteste, und dies wünscht sie sich auch, aus der Familie, aus diesem Elend, verschwinden zu können und selbst wenn als einzige Möglichkeit nur ihr Tod in Frage käme.

Albert Selicke

Albert Selicke wird in der Familie eindeutig die wenigste Liebe von den Eltern entgegengebracht. Von seiner Mutter bekommt er immer nur Vorwürfe zu hören[24] und Beleidigungen[25] und auch die Beziehung zu seinem Vater ist nicht gerade von positiven Eindrücken geprägt, da diese im gesamten Drama kein Wort miteinander wechseln. Die Möglichkeiten, die geboten werden mit seinem Vater zu reden, nimmt Albert nicht wahr. Stattdessen stellt er sich schlafend, als sein Vater ihm den Pfannkuchen in dessen Zimmer wirft und nach ihm fragt und auch nach Linchens Tod, wenn die Familie gemeinsam im Wohnzimmer versammelt ist, kommt kein Gespräch zwischen Vater und Sohn zu Stande.

Walter Selicke

Walter Selicke hingegen wird, wenn auch in geringerem Maße als seiner Schwester Linchen, die Liebe von seiner Mutter entgegengebracht. Deutlich wird dies, als sie ihm noch etwas zu Essen zubereitet, da er noch Hunger hat.[26] Auch beleidigt sie ihren jüngsten Sohn nicht. Stattdessen kümmert sie sich liebevoller um ihn und versucht auch seinen Vater nicht so schlecht vor ihm dastehen zu lassen. So äußert sie beispielsweise nie die Vorwürfe gegen ihren Mann in der Art und Weise, wenn Walter in der Nähe ist und sie hören könnte, wie wenn sie mit ihrer Tochter Toni alleine ist.

Linchen Selicke

Linchen Selicke hingegen wird komplett die noch vorhandene Liebe ihrer Eltern entgegengebracht.

Stand in der Familie

Als jüngstes Familienmitglied hat sie die Position des sogenannten „Nesthäkchens“ inne, welches von allen Kindern immer am meisten beschützt werden muss und dem all die Liebe der Eltern entgegengebracht wird. Linchen Selicke fungiert als Zwischenelement der Liebe der Eltern zueinander. Da diese nicht mehr in der Lage sind, sich gegenseitig ihre Liebe zu zeigen und beide selbst allerdings das Verlangen haben geliebt zu werden, richten sie ihre komplette Liebe auf ihre jüngste Tochter, in der Erwartung, dass sie diese ihren Eltern gegenüber erwidert. Somit lässt sich aufzeigen, dass Linchen Selicke in dem Drama die Aufgabe zukommt, die Unfähigkeit ihrer Eltern sich zu lieben darzustellen. Statt diese Problematik zu lösen, gehen die Eltern ihr aus dem Weg und fordern von ihren Kindern die Liebe des Ehepartners ein.

Krankheit

Als Linchen krank wird, wird die Liebe der Eltern zu ihr nur noch verstärkt. Allerdings entfernen diese sich gleichzeitig mehr voneinander. Statt sich gemeinsam dieser Situation zu stellen, leben sie sich die Eltern immer mehr auseinander und versuchen sich erfolglos dem nahenden Tod von Linchen alleine zu stellen. Eduard Selicke vermeidet es nach Hause zu kommen zu seiner Familie, wie die Aussage seiner Frau, dass er nun ein paar Pfennige in der Tasche habe und vor morgen früh wieder nicht nach Hause käme, bestätigt.[27] Tatsächlich kehrt Eduard Selicke auch erst spät nachts gegen zwei Uhr heim. Das Ehepaar entfremdet sich immer mehr.

Folgen des Todes von Linchen Selicke

Sobald der Tod ihrer jüngsten Tochter eintritt, zerbricht das Familienleben der Selickes vollends. Eduard Selicke zieht sich aus der Familie zurück, wie sich an dem bereits erwähnten Fortbleiben des Vaters im weiteren Dramenverlauf zeigt. Frau Selicke verfällt in Selbstmitleid, Toni gibt ihre Liebe zu Gustav Wendt auf um sich der nicht mehr vorhandenen Familie zu opfern und Albert und Walter Selicke stehen den Trümmern der Familie ebenfalls alleine gegenüber.

Gustav Wendt

Der Rolle des Gustav Wendts könnte man die Aufgabe des Hoffnungsträgers für Toni zuschreiben. Nur durch ihn fasst sie zu Beginn des Dramas den Mut, die Trostlosigkeit und das Elend der Familie, hinter sich zu lassen. Für Toni scheint er schon fast die Rolle eines Helden einzunehmen, der es vermag, sie zu retten. Allerdings ist auch Gustav Wendt von der Hoffnungslosigkeit der Familie bereits zerfressen worden. Zwar scheint es bei oberflächlicher Betrachtung den Anschein zu machen, dass Gustav Wendt wirklich mit Toni zusammen sein will und die Kraft und Stärke hat, sie aus dem Elend der Familie zu retten. Bei genauerer Betrachtung jedoch zeigt sich, dass dies nicht der Fall ist. Stattdessen gibt er viel zu schnell auf und lässt sich von Toni dazu überreden, dass es besser sei, nicht zu heiraten.[28] Somit hat er die Rolle eines scheinbaren Retters inne, die er aber nicht erfüllen kann, da er selbst zu schwach dafür ist.

Der alte Kopelke

Den alten Kopelke hingegen kann man als Hoffnungsträger der gesamten Familie bezeichnen. Durch seine Funktion als Linchens Arzt versucht er stets den Gesundheitszustand des Mädchens zu verbessern. Ebenfalls hat er neben dieser Rolle die Rolle des Schlichters und Beruhigenden inne. Er versucht stets die aufkommenden Familienstreitereien zu schlichten[29] und auch Frau Selicke zu beruhigen, um sie ihretwillen, und auch sicher um der Kinder willen, aus ihrem Selbstmitleid und ihrer Lethargie zu befreien[30]. Auch wenn Linchen sterben musste, so gibt ihm die Familie in keinem einzigen Moment die Schuld oder macht ihm Vorwürfe, dass er Linchen nicht retten konnte. Stattdessen trauert sie gemeinsam mit ihm um den Verlust ihrer Tochter.[31]

Der Sonderfall Toni Selicke

Opferbereitschaft Tonis

Betrachtet man aber nun Toni Selicke, so ist eine Verhaltensweise der jungen Frau besonders herausstechend. Toni Selickes Opferbereitschaft ist die größte in der ganzen Familie. Sie ist bereit, ihre Möglichkeit auf Glück aufzugeben, nur um ihrer Familie ihrer Ansicht nach nicht zu schaden. Sie ähnelt in dieser Verhaltensweise stark Hebbels Klara in seiner „Maria Magdalena“, allerdings scheitert Toni an ihrer Opferbereitschaft und ist nicht in der Lage ihrer Familie damit zu helfen.

Opferbereitschaft in der Familie

Selbst an den Feiertagen nimmt sie Arbeiten zum Nähen an, um somit die Haushaltskasse etwas aufzubessern.[32] Auch versucht sie stets ihre Mutter aus ihrem Selbstmitleid zu befreien und diese vor ihrem betrunkenen Vater zu schützen,[33] selbst wenn sie sich damit selbst in die Gefahr bringt den Aggressionen ihres Vaters ausgesetzt zu sein. Man könnte sagen, dass sie ihre Rolle als Tochter in der Familie aufgegeben und die einer Mutter eingenommen hat, da sie sich um alle liebevoll zu kümmern versucht und bemüht ist um Harmonie in der Familie. Sie hat sozusagen ihre Mutter in deren Rolle abgelöst.

Aufgabe der Liebe

Allerdings gibt sie in dieser Rolle auch die Liebe zu Gustav Wendt auf. Sie kann die Familie nicht verlassen, da sie der festen Überzeugung ist von ihr gebraucht zu werden. Sie ist der Meinung, dass die Familie ohne sie vollends zerbrechen wird, allerdings will sie nicht einsehen, dass dieser Fall schon längst nach Linchens Tod eingetreten ist. Sie opfert sinnlos ihre Liebe zu Gustav Wendt, nur um nicht aus der Rolle ihrer Opferbereitschaft ausbrechen zu müssen.

Aufgabe einer besseren Zukunft

Auch gibt sie die Chance einer besseren Zukunft für sich auf. Ohne einzusehen, ihrer Familie damit wohl am meisten helfen zu können, wenn diese wissen würde, dass sie in Zukunft versorgt sei und sie sich nicht mehr um sie kümmern müsste, schickt sie Gustav Wendt weg und lebt weiterhin in der festen Überzeugung, dass ihre Familie sie nun mehr denn je braucht. Somit lehnt sie Gustav Wendts Heiratsantrag ab und schickt ihn, in den Armen ihrer Mutter weinend, fort.

Tod Linchens und anschließendes Verhalten

Nach dem Tode Linchens verhält sich Toni als einzige Person am emotionalsten und sucht auch als einzige den Kontakt zu ihrer Familie. Sie stürzt sich am Ende des zweiten Aufzuges in die Arme ihres Vaters und am Ende des dritten Aufzuges schluchzend in die ihrer Mutter. Sie gibt wie bereits schon erwähnt, ihre Liebe und die Möglichkeit einer besseren Zukunft auf und hält an dem Glauben fest, sich ihrer Familie opfern zu müssen. Zwar lebt Toni in einem falschen Glauben, dies tun zu müssen und man könnte dies als Zeichen der Abhängigkeit ihren Eltern gegenüber betrachten, aber diesen Gedanken möchte ich hier nun nicht weiter ausführen.[34]

Naturalistische Merkmale des Dramas und Merkmale des Dramas allgemein

Betrachtet man das Drama genauer, so erkennt man viele Merkmale des Naturalismus darin, auch wenn diese nicht alle unbedingt herausstechen und von Auffälligkeiten geprägt sind. Zunächst wäre da das Alkoholproblem des Vaters zu erwähnen, wenn auch schon, wie bereits versucht zu erklären, dieses nicht von Geldproblemen her rührt, wie in vielen anderen Dramen des Naturalismus, sondern von der gesellschaftlichen und familiären Situation her zu erklären ist. Auch zählt die kurze Inzestsituation des Vaters seiner Tochter gegenüber zu diesen Merkmalen. Des Weiteren zählen die genaue Ausführung und Beschreibung des Wohnzimmers der Familie Selicke zu den naturalistischen Merkmalen, wie auch die Umgangssprache und der Berliner Dialekt des alten Kopelke. Es werden auch die Einheit des Ortes und der Zeit bewahrt, wobei zu erwähnen ist, dass „Die Familie Selicke“ ein Drama ist, von dem man sagen kann, dass es im Sekundentakt abläuft.

Literarische Traditionslinien

Obwohl die Autoren für sich reklamieren, ein genuin modernes und revolutionäres Drama verfasst zu haben, verweisen Personenkonfiguration und dramatische Handlung auf das Rührstück des 18. Jahrhunderts. Selicke trägt deutliche – wenn auch modifizierte – Züge eines patriarchalischen Familienoberhaupts Gotthold Ephraim Lessing’scher Prägung. Ebenso weist das Stück Ähnlichkeiten zum bürgerlichen Trauerspiel auf, was die straffe Komposition des Stückes und die Gattungsprinzipien der Einheitlichkeit betrifft. Einmal in Gang gesetzt läuft das Geschehen ohne Schauplatzwechsel linear ab und mündet in der Katastrophe mit dem Tod eines Kindes. Weiterhin ergibt sich als neues wesentliches Einheitsmoment die Einheit der ‚Stimmung‘, die von Beginn an über dem Milieu und Geschehen liegt.[35]

Literatur

Einzelnachweise

Die Textstellen stammen aus: Arno Holz, Johannes Schlaf: Die Familie Selicke. Stuttgart 2008, ISBN 978-3-15-008987-3

  1. S. 5, Z. 3
  2. S. 17, Z. 35
  3. S. 53, Z. 10–12
  4. S. 21, Z.14
  5. S. 21, Z. 14–15
  6. S. 21, Z. 16–17
  7. S. 21, Z. 17–18
  8. S. 44, Z. 10–12
  9. S. 21, Z. 11
  10. S. 41, Z. 39–40
  11. S. 42, Z. 22–23
  12. S. 41, Z. 35
  13. S. 44, Z. 39
  14. S. 47, Z. 6
  15. S. 47, Z. 10
  16. S. 47, Z. 10–11
  17. S. 47, Z. 19, Z. 23–24
  18. S. 48, Z. 1-2
  19. S. 48, Z. 8-9
  20. Interpretationen Dramen des Naturalismus. Reclam, Stuttgart 2008, ISBN 978-3-15-008412-0
  21. vgl. S. 53, Z. 9-12
  22. S. 53, Z. 14
  23. S. 54, Z. 10–11
  24. S. 34, Z. 40–41, S. 35, Z. 21–22
  25. S. 7, Z. 34
  26. S. 6, Z. 17
  27. S. 21, Z. 19–20
  28. S. 57–62
  29. S. 8, Z. 39 – S.9, Z. 1
  30. S. 11, Z. 6-7
  31. S. 63, Z. 37
  32. S. 20, Z. 6–7
  33. S. 43, Z. 34
  34. Die im Artikel angegebenen Textstellen stammen aus: Arno Holz, Johannes Schlaf: Die Familie Selicke, Stuttgart 2008, ISBN 978-3-15-008987-3
  35. Fritz Martini im Nachwort zu: A. Holz, J. Schlaf: Die Familie Selicke. Reclam, Stuttgart 1966.

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