Die vollkommene Leere


Die vollkommene Leere

Die vollkommene Leere (auch Das absolute Vakuum; Originaltitel: Doskonała próżnia) ist ein Buch des polnischen Autors Stanisław Lem. In experimentell-literarischer Form beinhaltet es auf versteckte Art die philosophisch-weltanschaulichen Ansichten des Autors. Die vollkommene Leere ist eine Ansammlung „fiktiver“ Rezensionen, also Buchbesprechungen zu nichtexistenten Büchern. Lem erklärt im Vorwort des Buches, dass dies interessante literarische Spielereien ermöglicht. Zur Sammlung gehörend und dieser vorangestellt ist eine fiktive Rezension eben zu dieser Anthologie selbst: Eine Besprechung von „Stanislaw Lem: Die vollkommene Leere“, bei der dadurch „unklar“ ist, ob oder ob sie nicht zur Anthologie gehört. Sie könnte von einem anderen Autor geschrieben sein und der Anthologie vorangestellt sein – oder sie wurde von Lem selbst verfasst und gehört zum „Inhalt“ (was natürlich der Fall ist). Der Sinn der ersten „fiktiven“ Rezension ist es den Leser auf eine bestimmte Grundhaltung zu „eichen“, mit der er (nach Wunsch des Autors) in die übrigen Rezensionen gehen soll.

Inhaltsverzeichnis

Die Selbstrezension

Der fiktive Kritiker der ersten, vorangestellten Rezension versucht hinter den verborgenen Sinn der 14 Rezensionen und die Absichten Lems zu kommen. Die vorangestellte Einleitung des Buches „Autosoil“ (die es nicht gibt) hält er für eine Ablenkung. Der Kritiker glaubt nicht, dass die 14 Kritiken nur aus Spaß an einer vergrößerten Freiheit des Fabulierens geschrieben wurden, sondern Pastichen und Skizzen darstellen, also wenigstens zum Teil „Zusammenfassungen von (für Lem) unschreibbaren Bücher“ darstellen – also Büchern die er zwar gerne geschrieben hätte, er aber aus dem einen oder anderen Grunde nicht schreiben konnte. Der Kritiker vermutet gar, dass Lem diese nichtgeschriebenen Bücher, die er hinter den fiktiven Rezensionen verbirgt aufgrund seiner „realistischen“ Einstellungen nicht schreiben durfte. Doch ganz am Schluss der Besprechung weist der Kritiker darauf hin, dass ja nicht er diese Besprechung geschrieben haben könnte, sondern Lem selbst, was manche Aussagen wieder unsicher werden lässt:

„Und die einzige Finte, die der hakenschlagende Lem noch anwenden könnte, wäre der Gegenangriff in Gestalt der Behauptung, nicht ich, der Kritiker, sondern er selbst, der Autor, hätte die vorliegende Rezension geschrieben, und sie zu einem Teil der „Vollkommenen Leere“ gemacht“

Die anderen Rezensionen

Marcel Coscat: Die Robinsonaden – Der Kritiker bespricht einen neuzeitlichen „Robinson Crusoe“. Anders als der Robinson Crusoe bei Defoe ist der Robinson dieses fiktiven Romans Atheist und kann somit also nicht aus dem Glauben die Kraft fürs Weiterleben schöpfen. Er verfällt auf das unendliche Reich der Vorstellungskraft und beginnt sich Dinge und Personen einzubilden, so dass er nicht mehr alleine sein muss. An seinem ersten eingebildeten Diener Glum erkennt Robinson die fatale Beharrungskraft von Einbildungen, die natürlich nicht so leicht wieder wegzubekommen sind wie sie geschaffen wurden. Robinson ergeht sich in der Folge in immer komplizierter und bizarrer werdenden Fantasien, die eine neue Dienerin (“Wochenmitte“) und andere Dinge und eingebildete Menschen hervorzaubern. An den immer komplexer werdenden Einbildungen schließlich wird Robinson unvermeidlich wahnsinnig. Der Rezensent des Buches beschreibt einige Interpretationen anderer Kritiker, verwirft sie aber als falsch und stellt eine eigene Interpretation auf.

Patrick Hannahan: Gigamesh – Das besprochene, nichtexistente Buch steht symbolisch für Joyces spätere Werke (“Ulysses“, „Finnegans Wake“), die durch zahlreiche, oft verwirrende Gedankenspielereien bekannt sind. Gigamesh stellt eine extreme Steigerung dieser Werke dar. Der fiktive Roman besteht aus tausenden versteckten Bedeutungen, die die gesamte menschliche Kultur auf wenigen hundert Seiten abbilden sollen. Eine ebenfalls fiktive „Interpretation“, die mehr als doppelt so umfangreich ist wie der eigentliche Roman, legt all diese – oft ungeheuer komplizierten – Anspielungen dar. Einige von ihnen werden in der Rezension dargestellt. Beispielsweise enthält allein der Titel „Gigamesh“ einhundert verschiedene Bedeutungen. Diese Besprechung schließt mit den Worten:

„Entweder ist Gigamesh die Summe der modernen Literatur, oder weder er noch die Geschichte von Finnegan mitsamt der Joyceschen Odyssee haben das Recht den belletristischen Olymp zu betreten.“

Simon Merril: Sexplosion – Die Besprechung handelt von einem erst auf der Ebene der Fiktion satirischen Buch, einer Geschichte über die jähe Wandlung der erotischen Sichtweise der Menschheit nach einer Katastrophe. Das nichtexistente Buch handelt im Grunde nur von der Wanderung eines Greises durch einen vergessenen Untergrundkomplex und dadurch ausgelöste Erinnerungen – die Erinnerung an eine Zeit, als die Menschheit sich sexuell befreite und die Erotikindustrie immer umfassender und schamloser wurde. Es wurden weibliche Roboter zu Erotikzwecken hergestellt, alle sexuellen Perversionen wurden den Nicht-Perversionen gleichgestellt und alle Lüste wurden durch die ständig wachsende Erotikindustrie befriedigt. Schließlich wurde die Menschheit durch ein selbst hergestelltes Virus aller fleischlichen Lüste ledig, so dass der Geschlechtsakt keine Ekstase mehr zu erzeugen vermochte. Die Menschheit war nun vom Aussterben bedroht, während sie zuvor an Überbevölkerung litt. Die Stellung die früher der Sex eingenommen hatte, wurde durch den Vorgang des Essens ersetzt.

Alfred Zellermann: Gruppenführer Louis XVI – Besprochen wird das fiktive Buch eines Literaturprofessors. In diesem Buch versucht ein ehemaliger Gruppenführer der SS zusammen mit seinen ehemaligen Kameraden einen unabhängigen Staat zu bilden, der – weil das sonst nicht möglich ist – in vorzeitlichen Ruinen im Dschungel seinen Sitz hat. Der Gruppenführer sieht sich als neuen „Sonnenkönig“ an, als absolutistischen Gewaltherrscher, doch seine naiven Vorstellungen von Staat und Kultur dieser historischen Zeit bedingen es, dass diese Gesellschaft nur eine äußerst schäbige Nachahmung jener Zeit darstellt, die selbst für den Laien leicht durchschaubar ist. Auch der Thronfolger des neuen Louis XVI. – eine primitive Nachbildung von Hamlet durchschaut sie und hat Teil am Niedergang der „Laubsägekulissen“ des absolutistischen Kunststaates.

Solange Marriot: Nichts oder die Konsequenz – Der Kritiker ergeht sich in Ausführungen über die Theorie des „Nouveau Romans“, also der experimentellen Literatur und darüber, dass alle Aussagen eines Romans des setzenden Lesers bedürfen, der die Aussagen in Vorstellungen verwandelt, also mit literarischem „Sein“ belebt. Der Roman Nichts – der ein Nouveau Roman ist, oder sein soll – beginnt mit einer Negation

„Er traf nicht ein.“

Dadurch wird der Leser von Beginn an in eine Unsicherheit gestürzt. Das Nicht-Sein greift fressend in sein vorstellendes Sein, was auch im weiteren fiktiven Roman fortgesetzt wird: Der Roman besteht aus lauter Negationen, und schließlich zerstört die Unsicherheit der Bemerkungen die Möglichkeit der Aussage völlig. Der fiktive Kritiker aber hat einen Roman besprochen, der nicht nur nicht geschrieben wurde, sondern offenbar auch nicht geschrieben werden kann.

Joachim Fersengeld: Perycalipsis – Besprochen wird hier ein Buch radikalen, weil leserzerstörenden Zuschnittes. Der fiktive Autor des Buches wendet sich gegen die Trivialisierung der Literatur, gegen die Überschwemmung des literarischen Raumes mit Schund. Weil der fiktive Autor keine andere Möglichkeit sieht, schlägt er zur Befreiung der wahren Literatur aus der Menge von Schundbüchern eine radikale Lösungsmöglichkeit vor: Wer nichts schreibt, soll eine Pension erhalten, diejenigen die schreiben müssen Geld bezahlen, desto mehr, je mehr sie schreiben. So schreiben nur diejenigen, denen es ein Lebensbedürfnis ist zu schreiben. Außerdem sollen alle Werke ab dem zwanzigsten Jahrhundert vernichtet werden. Konsequent empfiehlt Fersengeld, seine eigene Abhandlung nach dem Durchgehen zuallererst zu verbrennen.

Do yourself a book: Besprochen wird ein Literatur-Baukasten, der aus Textbausteinen besteht, die man zu fertigen Romanen zusammensetzen kann. Das Werk ist laut Kritiker verfehlt, weil etwa eine Sofja Marmeladowa (Dostojewski: Schuld und Sühne) nur für einige wenige ein mit Tiefe erfülltes Symbol ist, für die anderen Leser aber unbesetzt ist. Abgesehen davon redet der Kritiker auch hier über eine unerfüllbare Idee, weil die Mannigfaltigkeit des Sagbaren zu groß ist um in einen Baukasten zu passen.

Weitere Rezensionen

  • Gian Carlo Spallanzi: Der Idiot
  • Kuno Mlatje: Odyss aus Ithaka
  • Raymond Seurat: Toi
  • Alistar Waynewright: Being Inc.
  • Wilhelm Klopper: Die Kultur als Fehler
  • Cäsar Kouska: De impossibilitate vitae; De impossibilitate prognoscendi
  • Arthur Dobb: Non serviam (Nur in der Ausgabe "Die vollkommene Leere" enthalten, nicht in "Das absolute Vakuum")
  • Alfred Testa: Die neue Kosmogonie

Literatur


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