Donatien Alphonse Francois Marquis de Sade


Donatien Alphonse Francois Marquis de Sade
Portrait de Sades von Van Loo (~1761)

Donatien Alphonse François, Marquis de Sade [dɔnaˈsjɛ̃ alˈfɔ̃ːs fʀɑ̃ˈswa, maʀˌkidəˈsad] (* 2. Juni 1740 in Paris; † 2. Dezember 1814 in Charenton-Saint-Maurice bei Paris) war ein französischer Adeliger und Autor einer Reihe Pornografie und Philosophie verbindender Bücher. Er erregte zu Lebzeiten Anstoß durch Sexualdelikte und wurde später aufgrund der von ihm beschriebenen Sexualfantasien bekannt. Von seinem Namen leitet sich der Begriff Sadismus ab.

Inhaltsverzeichnis

Leben

Sein Vater, Jean-Baptiste François Joseph de Sade

De Sade war Sohn aus einem alten, wenn auch nicht mehr reichen, südfranzösischen Adelsgeschlecht und über seine Mutter weitläufig mit den Bourbonen, d.h. der königlichen Familie, verwandt. Er wurde im Pariser Stadtpalast der Condés, einer Seitenlinie des Königshauses, geboren. Seine frühe Kindheit verbrachte er in Paris, später wuchs er teils bei Verwandten in der Provence, teils wieder in Paris auf, wo er von seinem zehnten bis vierzehnten Lebensjahr das Collège Louis-le-Grand besuchte und anschließend eine Offiziersschule für junge Hochadelige durchlief. Mit 15 wurde er Offiziersanwärter. Mit 16 Jahren nahm er als Soldat am Siebenjährigen Krieg (1756–1763) teil und wurde mehrfach befördert.

Zur Aufbesserung seiner finanziellen Verhältnisse ging Sade 1763 eine Konvenienzehe mit Renée Pélagie de Montreuil ein, die aus einer weniger prestigereichen, aber sehr vermögenden Familie des hohen französischen Amtsadels stammte. Aus der Ehe gingen vermutlich drei Kinder hervor. 1764 erbte Sade von seinem Vater das Amt des königlichen Generalleutnants der an die Schweiz grenzenden Provinzen Bresse, Bugey, Valromey und Pays de Gex, das vor allem eine ehrenhafte Sinekure darstellte.

Sein durch die Heirat erworbener Reichtum ermöglichte es ihm, ein skandalöses Leben zu führen, das den Rahmen auch dessen sprengte, was man damals bei adeligen Libertins hinzunehmen bereit war. Unter anderem missbrauchte er wiederholt Prostituierte und Hausangestellte beiderlei Geschlechts, später auch zusammen mit seiner Frau. Am 27. August 1767 wurde sein erster Sohn Louis-Marie geboren.

Aufgrund der Vorwürfe einer gewissen Rose Keller, sie sei von ihm ausgepeitscht worden, wurde Sade ein erstes Mal verhaftet. Die junge Frau nahm jedoch nach Zahlung einer Entschädigung von einer Klage Abstand.

1772 beschwerten sich zwei Prostituierte aus Marseille, sie seien von Sade mit Kantharidenbonbons, einem angeblichen Aphrodisiakum, vergiftet und so zu Gruppensex und Analverkehr gefügig gemacht worden. Sade wurde deshalb angeklagt und in Abwesenheit zum Tode verurteilt. Dem Prozess und der Vollstreckung der Strafe hatte er sich durch Flucht nach Italien entzogen. Hier verfasste er, nachdem er schon 1769 den Bericht einer Reise nach Holland veröffentlicht hatte, einen Bericht auch von seiner Italienreise (gedruckt 1775) und ein Buch über Rom, Florenz und Neapel (gedruckt 1776).

Da er bei seiner Flucht heimlich seine junge Schwägerin Anne-Prospère, ein Stiftsfräulein (chanoinesse), mitgenommen und dadurch entehrt hatte, ließ die Familie ihn fallen. Seine Schwiegermutter erwirkte einen königlichen Haftbefehl (lettre de cachet) gegen ihn, so dass er bei seiner Rückkehr nach Paris 1777 verhaftet und ohne weiteren Prozess (denn der König war ja Oberster Richter seines Landes) in der als Gefängnis dienenden Festung Vincennes eingesperrt wurde. Das seit 1772 anhängige Todesurteil wurde dagegen 1778 aufgehoben.

Nach einem Fluchtversuch 1784 wurde er in die Pariser Stadtfestung Bastille verlegt, wo er weitere fünfeinhalb Jahre verbrachte. Intellektuell waren die Jahre in Vincennes und in der Bastille durchaus fruchtbar für Sade, da er sich beliebig Bücher bringen lassen und lesen konnte. In der Haft wurde er endgültig zum Autor. Seine zentralen Werke aus dieser Zeit sind Les cent-vingt jours de Sodome (Die 120 Tage von Sodom, begonnen wohl 1782), Aline et Valcour ou Le Roman philosophique (Reiseroman in Briefform, 1786) und Les Infortunes de la vertu (Die unglücklichen Schicksale der Tugend , philosophische Erzählung, 1787; 1791 zum Roman ausgeweitet).

Wegen der religiösen und moralischen Anstößigkeit dessen, was er verfasste, schrieb er jedoch überwiegend heimlich und, um nicht durch übermäßigen Papierverbrauch aufzufallen, in winziger Schrift.

Auch zahlreiche Stücke entstanden in den Jahren seiner Haft. Seine Sicht von sich selbst als eines bedeutenden Dramatikers fand jedoch keine Bestätigung: Nur zwei seiner Dramen wurden, praktisch erfolglos, zu seinen Lebzeiten aufgeführt und nur eines gedruckt.

Erst das Revolutionsjahr 1789 brachte eine Veränderung in seine Existenz. Einige Tage vor dem sogenannten Sturm auf die Bastille schrie er der vor der Festung demonstrierenden Menge zu: „Sie töten die Gefangenen hier drinnen!“

Sade wurde allerdings sofort nach dem Vorfall in die Irrenanstalt von Charenton-le-Pont verlegt, wobei das in einem Versteck gelagerte Manuskript der 120 Tage zurückblieb und lange Zeit verloren schien. Da er nun als Irrer galt, konnte seine Frau die Scheidung einreichen.

1790 wurde Sade infolge der politischen und rechtlichen Veränderungen im Gefolge der Revolution entlassen. Trotz seiner aristokratischen Herkunft schloss er sich den radikalen Jakobinern an und vertrat eine utopische Variante des Sozialismus, verweigerte dabei allerdings die Aufgabe seines Familienschlosses Lacoste in der Provence und die Herausgabe seines Familienvermögens. Zeitweilig übernahm er ein Richteramt, wurde Präsident der „Section des Piques“ in Paris und rettete seine Schwiegereltern vor der Guillotine, indem er sie auf eine sogenannte „Läuterungsliste“ setzte.[1]

Während der Terrorherrschaft 1793/94 geriet er ins politische Abseits, galt in seinem Richteramt als unzuverlässig und wurde unter dem Vorwand angeklagt, sich einstmals um den Dienst in der königlichen Garde beworben zu haben. Er blieb mehr als ein Jahr in Haft und wurde erneut zum Tode verurteilt. Vor der Vollstreckung des Urteils bewahrte ihn der Sturz von Robespierre am 28. Juli 1794. Das neue Regime des Directoire ließ ihn nach drei Monaten frei.

Sade musste nun die Reste seines durch die Revolution dezimierten Besitzes verkaufen und lebte von Gelegenheitsgeschäften, denn die diversen Werke, die er jetzt publizierte, brachten kaum etwas ein. Auch seine Stücke blieben weiterhin unaufgeführt, nachdem 1791 und 1792 Oxstiern und Le Suborneur keinen Erfolg gehabt hatten.

Nachdem 1801 Napoléon Bonaparte die uneingeschränkte Macht übernommen hatte, wurde Sade erneut ohne Prozess inhaftiert, dieses Mal wegen seiner Bücher Justine und Juliette. 1803 wurde er für geisteskrank erklärt und zum zweiten Mal in die Anstalt von Charenton eingewiesen. Hier genoss er zunächst eine humane Behandlung und konnte sich schreibend betätigen. So verfasste er die biografischen Romane La Marquise de Gange (1813 gedruckt) sowie – beide erst postum publiziert – Adélaïde de Brunswick, princesse de Saxe (1812) und Histoire secrète d'Isabelle de Bavière (1813). Zudem durfte er mit Anstaltsinsassen als Schauspieler mehrere Theaterstücke aufführen, worunter allerdings keine eigenen waren. Gegen Ende seines Lebens erhielt er auf Anordnung des Innenministers Einzelhaft mit Isolation und Schreibverbot.

1814 starb er in Charenton im Alter von 74 Jahren.

Obwohl es einige Kupferstiche gibt, die vorgeben, Sade zu zeigen, kann kein authentisches Bild von ihm nachgewiesen werden. Die Familien de Montreuil und de Sade versuchten nach seinem Tod erfolgreich, den unliebsamen Verwandten vergessen zu machen.

Literarisches Schaffen

Illustration einer niederländischen Ausgabe von Juliette von de Sade, ca. 1800.
Illustration aus der Ausgabe von Aline und Valcour von 1795.

Sade, der die Schriftstellerei 1769 als Dilettant mit Reiseschilderungen begonnen hatte, intensivierte mit der Inhaftierung seine Tätigkeit als Autor. 1782 stellte er das Gespräch zwischen einem Priester und einem Sterbenden fertig, in dem ein sterbender Freigeist einen Priester von dem Unwert eines gottesfürchtigen Lebens überzeugen kann.

In seinem unvollendeten Episodenroman Die 120 Tage von Sodom, den er ab 1785 als Gefangener schrieb (und der erst 1904 von Iwan Bloch wiederentdeckt und 1909 veröffentlicht wurde), skizziert er eine 120-tägige Gewaltorgie und eine breite Palette sexueller Praktiken, die er von seinen Protagonisten an einer Gruppe entführter und versklavter Jugendlicher beiderlei Geschlechts ausführen lässt. Der Roman wurde 1975, unter Verlegung der Handlung in die Zeit des italienischen Faschismus, von Pier Paolo Pasolini verfilmt und 1997 in einem Internetspiel satirisch bearbeitet (Richterspiel).

1791 veröffentlichte Sade Les Infortunes de la vertu („Das Missgeschick der Tugend“), eine frühe Version des ebenfalls 1791 erschienen Buches Justine. Darin schildert de Sade das Leben eines Mädchens, das trotz kontinuierlichen Unglücks unbeirrt an die Tugend glaubt, 1796 ergänzte er diesen Roman durch die Juliette, die Beschreibung des Lebens von Justines Schwester, die als Kurtisane, Kriminelle und „Nichttugendhafte“ eben zum Glück findet. 1797 erscheinen beide Romane anonym, komplett neu verfasst, als zehnbändige Ausgabe mit 4000 Seiten und über einhundert Kupferstichen unter dem Titel Die neue Justine/Geschichte von Juliette.

Weitere Werke der Revolutionszeit waren der Briefroman Aline und Valcour (verfasst 1785-88, veröffentlicht 1795, eine Art Kompendium aufklärerischer Themen und Erzählformen, besonders bekannt ist der darin enthaltene Entwurf eines utopischen Staates: Die Südseeinsel Tamoe), Die Philosophie im Boudoir (1795) mit dem politischen Pamphlet Franzosen, noch eine Anstrengung, wenn ihr Republikaner sein wollt, die Erzählungssammlung Verbrechen der Liebe (1800) und eine Reihe von Theaterstücken. In der Irrenanstalt von Charenton verfasste de Sade die biografischen Romane La Marquise de Gange (1813 gedruckt) sowie – beide erst postum publiziert – Adélaïde de Brunswick, princesse de Saxe (1812) und Histoire secrète d'Isabeau de Bavière (die geheime Geschichte Isabellas von Bayern, 1813).

Das wohl am weitesten verbreitete seiner Werke ist Les instituteurs immoraux ou La Philosophie dans le boudoir (= die unmoralischen Lehrer oder die Philosophie im Boudoir, 1795), das 1878 auch als erster Sade-Text ins Deutsche übersetzt wurde. Es schildert die ungefähr einen Nachmittag und Abend füllende sexuelle und intellektuelle Initiation eines adeligen jungen Mädchens durch eine adelige Frau und zwei adelige Männer plus einem gut bestückten Bauernburschen, wobei die vier Hauptfiguren in den nötigen Erholungspausen philosophische Gespräche führen, in denen sich als „unmoralischer Lehrer“ der homosexuelle Hedonist und Atheist Dolmancé hervortut. Leitmotiv seiner Einstellung ist die wohl von d'Holbach übernommene Vorstellung des „Rechtes des Stärkeren“, das Sade interpretiert als Recht einer sozialen und geistigen Elite – letztlich der Hocharistokratie – auf eine ungehemmte Verfolgung ihres Strebens nach Lustgewinn.

Die pornografischen Passagen der Texte von Sade schildern in aller Ausführlichkeit alle vorstellbaren sowie auch viele nur mühsam vorstellbare sexuellen Handlungen. Sade lässt sich daher nicht auf den „Sadismus“ als Menge von Praktiken reduzieren. Lustgewinn aus den Schmerzen anderer ist für ihn nur die eindeutigste Form, wie menschliche Sexualität in allen ihren Formen strukturiert ist.

Naturgemäß hatten de Sades Schriften immer mit der Zensur zu kämpfen. So standen einige im Londoner „Verzeichnis verbotener Bücher“ von Pisanus Fraxi („Index librorum prohibitorum“, London 1877). Die Philosophie im Boudoir wurde 1963 von der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften indiziert (später aufgehoben).

Philosophische Position

Sade hat nie eine Position als Autor vertreten, sondern die von ihm dargestellten Positionen seinen Protagonisten in den Mund gelegt. Diese sind nicht alle miteinander logisch vereinbar. Die bevorzugten Positionen seiner Libertins sind Atheismus, Materialismus, Naturalismus, Determinismus, Amoralismus bzw. Ethischer Egoismus. Seine zahlreichen Vergleiche der verschiedene Sitten in verschiedenen Ländern führen zu keinem Relativismus, sondern zur Ablehnung jeglicher verbindlicher Moral.

Bei de Sade finden sich auch diverse Meinungen, die später im Sozialdarwinismus oder atheistischen Sozialismus verwendet wurden, aber auch die Ideen des allgemeinen gegenseitigen sexuellen Gebrauchs, der staatlichen Gemeinerziehung aller Kinder, der Entkriminalisierung von Bi-, Homosexualität, Zoophilie, Pädophilie und Abtreibung und die Ablehnung von Jungfräulichkeit und ehelicher Treue. Seine dementsprechenden Forderungen sah er als Ablehnung überholter, rational nicht rechtfertigbarer Traditionen des Christentums und sittlicher Konvention.

Sade bezog sich u.a. auf die Stoa, deren Affektlosigkeit er zu totaler Gleichgültigkeit gegenüber den Wünschen anderer weiterentwickelt. Sade befürwortet somit ein Desensibilisierungsprogramm, das zur Aufhebung aller sozialen Emotionen wie Mitleid, Dankbarkeit usw. führen soll. Senecas Argument, der eigene Tod sei unerheblich, weil es sich nur um eine Transformation des menschlichen Körpers in andere Lebensformen über biologische Kreisläufe handelt, wendete Sade erstmals auf die Tötung anderer Menschen an.

Einfluss auf die Gegenwart

Ideengeschichtlicher Einfluss

De Sade wurde bis Mitte des 19. Jahrhundert fast totgeschwiegen und öffentlich erstmals wieder von Baudelaire genannt. Zugleich begann eine sexualwissenschaftliche Rezeption durch Richard von Krafft-Ebing, Iwan Bloch und andere. Neueditionen seiner Werke sowie einige Erstveröffentlichungen folgten. Im 20. Jahrhundert wurde er salonfähig durch die Surrealisten, insbesondere Guillaume Apollinaire, die ihn erstmals intensiver rezipierten.

Unter philosophischem Aspekt wurde Sade erst seit den 1930er Jahren wahrgenommen. Erich Fromm besprach 1934 für die Zeitschrift für Sozialforschung, dem Organ der frühen Kritischen Theorie, Geoffrey Gorers Buch The revolutionary ideas of the Marquis de Sade und sah in Sade enthusiastisch einen bedeutenden Aufklärer. Zehn Jahre später, 1944, unter dem Eindruck der NS-Herrschaft und ihren Folgen, diente Sade den Haupttheoretikern der Kritischen Theorie, Horkheimer und Adorno, in ihrem berühmten Buch Dialektik der Aufklärung als Gewährsmann für ihre nun resignative Sicht der Möglichkeit von Aufklärung. Ein Abschnitt darin heißt "Juliette oder Aufklärung und Moral" und interpretiert das gewissenlose und berechnende Verhalten von Juliette als die Verkörperung der Philosophie der Aufklärung. In einer Gegenüberstellung von Kants kritischen Schriften der "praktischen" und der "theoretischen" Vernunft mit den Schriften de Sades und Nietzsches wird aufgezeigt, dass die Philosophen der Gegenaufklärung letztlich als konsequente Vollender der nihilistischen Selbstzerstörung der aufgeklärten Vernunft in Erscheinung treten und wie die "Unterwerfung alles Natürlichen unter das selbstherrliche Subjekt" in eine blinde Herrschaft objektiver Gleichgültigkeit gegen jeglichen Sinn und jegliche Humanität ausufert.

Der französische Schriftsteller Pierre Klossowski betrachtete 1947 in Sade mon prochain (dt.Sade, mein Nächster) die Gedankenwelt de Sades als Ausbruch aus der vom Zeitalter der Aufklärung an propagierten „anthropomorphen“ Vernunft. An Stelle des Strebens nach Verbesserung des Menschen trete bei de Sade eine Utopie des Bösen. Er betrachtet de Sade als Vorläufer von Friedrich Nietzsches Nihilismus, der sowohl die christlichen Werte als auch den französischen Materialismus im Zeitalter der Aufklärung negiert.

Simone de Beauvoir (Soll man de Sade verbrennen? veröffentlicht in Les Temps modernes, Dezember 1951 und Januar 1952) und andere Autoren haben seine Schriften unter dem Blickwinkel einer Philosophie der Freiheit untersucht, die dem Existenzialismus um rund 150 Jahre vorausging. Die Ideen de Sades wurden in ihrem Focus auf Sexualität als treibende Kraft mitunter auch als Vorläufer der Psychoanalyse Sigmund Freuds interpretiert. Die Surrealisten bewunderten de Sade als einen ihrer Vorläufer, und Guillaume Apollinaire nannte ihn in einem bekannten Ausspruch "Den freiesten Geist, der bisher existierte".

Panajotis Kondylis sah in seiner großen Studie Die Aufklärung im Rahmen des neuzeitlichen Rationalismus (1981) Sade als „nihilistische“ Schlüsselfigur für das Verständnis der Aufklärung des 18. Jahrhunderts.

Der Psychoanalytiker Jacques Lacan kommt in Kant avec Sade (1966) zu dem Schluss, dass de Sades Ethik die komplementäre Ergänzung des ursprünglich von Immanuel Kant formulierten Kategorischen Imperativs darstellt.

1979 beschrieb Angela Carter in The Sadeian Woman: And the Ideology of Pornography, eine feministische Perspektive auf das Werk de Sades, die ihn als einen "moralischen Pornografen" interpretiert, der Freiräume für Frauen schafft. Einer ähnlichen Argumentationslinie folgend verteidigte Susan Sontag sowohl Sade als auch Georges Batailles Histoire de l'oeil (Die Geschichte des Auges) in ihrem 1967 erschienenen Essay "The Pornographic Imagination". Sontag vertritt hierin die Auffassung, dass die Werke beider Autoren transgressive Wunschbilder beschreiben, da in ihnen herkömmliche Gedanken und Realitäten überschritten werden und daher nicht zensiert werden dürften.

Im Gegensatz hierzu betrachtete Andrea Dworkin de Sade als den beispielhaften frauenhassenden Pornografen, der ihre These belegte, dass Pornografie unweigerlich zu Gewalttaten gegen Frauen führen würde. Sie widmete ein Kapitel ihres Buches Pornography: Men Possessing Women (1979) einer Analyse de Sades. Susie Bright vertritt die These, dass Dworkins erste Erzählung Ice and Fire, deren zentrale Themen Gewalt und Missbrauch sind, als eine moderne Nacherzählung der Juliette aufgefasst werden sollte.[2]

Das Schauspiel von Peter Weiss Die Verfolgung und Ermordung des Jean-Paul Marat, aufgeführt von den Insassen des Asyls von Charenton unter der Regie des Marquis de Sade, oder kurz "Marat/Sade", nimmt die Figur de Sades auf und benutzt sie als individualistischen und resignierten Gegenpart zu Jean-Paul Marat.

Begriffliche Projektion

Der deutsche Psychiater und Gerichtsmediziner Richard von Krafft-Ebing entwickelte aufgrund der für de Sade typischen Mischung pornografischer Inhalte mit Gewaltfantasien den Begriff Sadismus und führte ihn in den wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Diskurs ein. Der Begriff beschreibt heute die medizinische (psychiatrische) Diagnose einer Paraphilie, bei der ein Mensch (sexuelle) Lust oder Befriedigung nur dadurch erlebt, andere Menschen zu demütigen, zu unterdrücken oder ihnen Schmerzen zuzufügen. Der Wiener Psychoanalytiker Isidor Isaak Sadger prägte schließlich 1913 in seinem Artikel Über den sado-masochistischen Komplex erstmals den zusammengesetzten Begriff „Sado-Masochismus“.
Einige BDSM-Anhänger wandten sich später wiederholt gegen die umgangssprachliche Verwendung des Begriffs Sadismus im Zusammenhang mit einvernehmlich gelebten Sexualpraktiken, da diese ursprünglich von singulären historischen Figuren abgeleitete Begrifflichkeit zugleich einen pathologischen Bezug beinhaltet. Sie argumentierten, dass entsprechende einvernehmliche Praktiken bereits lange vor de Sade existierten und es sinnlos sei, ein so komplexes Phänomen wie BDSM auf zwei einzelne Menschen zurückzuführen, genauso gut könne man statt von Homosexualität von „Leonardismus“ sprechen.

Werke

Einzelne Werke de Sades, oft in unvollständiger Fassung, gibt es in zahllosen Ausgaben und Übersetzungen sehr unterschiedlicher Qualität.

Die zuletzt erschienene Gesamtausgabe seiner Schriften im Original ist:

  • Œuvres complètes du Marquis de Sade I-XV, éd. Jean-Jacques Pauvert, Paris 1986-1991

Eine zuverlässige und ausführlich kommentierte Ausgabe des Hauptwerkes im Original ist:

  • Œuvres, 3 vols., éd. Michel Delon, Paris: Gallimard, Bibliothèque de la Pléiade, 1990-1998.

Die erste zuverlässige deutsche Werkausgabe wurde von Marion Luckow herausgegeben und erschien in 3 Bänden 1962 im Merlin-Verlag, Hamburg. Sie liegt der folgenden Ausgabe zugrunde:

  • Ausgewählte Werke, 6 Bände, Frankfurt/M: Fischer Taschenbuch Verlag 1972 (TB Nr. 1301-1306)

Eine sorgfältige kommentierte Neuübersetzung des vollständigen Textes des Sadeschen Hauptwerkes fertigten Stefan Zweifel und Michael Pfister an. Sie erschien mit Essays verschiedener Autoren in zehn Bänden:

  • Justine und Juliette, 10 Bände, München: Matthes & Seitz 1990-2002

Literatur

  • Roland Barthes: Sade, Fourier, Loyola. 1971
    • Sade, Fourier, Loyola. Suhrkamp, Frankfurt 1986, ISBN 3518281852
    • Life of Sade (ZIP, engl.)
  • Pierre Klossowski: Sade, mon prochain. 1947
    • Sade – Mein Nächster. Passagen-Verlag, Wien 1996, ISBN 3-85165-200-2
  • Melanie Harmuth: Zur Kommunikation von Obszönität. Der Fall de Sade. Driesen, Taunusstein 2004, ISBN 3-936328-28-5 (Zugl.: Universität Siegen, Diplomarbeit 2002)
  • Elke Heitmüller: Zur Genese sexueller Lust. Von Sade zu SM. Konkursbuch, Tübingen 1994, ISBN 3-88769-081-8
  • Iwan Bloch (unter dem Pseudonym Eugen Dühren): Der Marquis de Sade und seine Zeit. Ein Beitrag zur Cultur- und Sittengeschichte des 18. Jahrhunderts. Mit besonderer Beziehung auf die Lehre von der Psychopathia Sexualis. 1900 (ZIP, engl.)
  • Maurice Blanchot: Sade et Restif de La Bretonne. Éd. Complexe, Bruxelles 1986, ISBN 2870271948
  • ders.: Lautréamont et Sade Les Editions de Minuit, Paris 1949; 1963
    • engl. Ausgabe: Lautréamont and Sade Stanford University Press 2004 ISBN 0804742332
  • ders.: Sade Henssel, Berlin 1963 & 1986 ISBN 3873291177 (Es handelt sich um das 1. Kap. "La Raison de Sade" aus dem Buch "Sade et Restif de la Bretonne." S. 9 bis 68.- Dieser Text stammt wiederum aus Blanchots Buch "Lautréamont et Sade" der Ed. de Minuit von 1949/1963, dort das 1. Kap. nach dem Vorwort.)
  • Gilbert Lély: The Marquis de Sade. A biography. 1961
  • Geoffrey Gorer: The life and ideas of the Marquis de Sade. 1963
  • Angela Carter: The Sadeian Woman. An Exercise in Cultural History. 1979
  • Philippe Sollers: Writing and the Experience of Limits. 1982
  • Colette Verger Michael: The Marquis de Sade. The man, his works, and his critics. An annotated bibliography. 1986
  • Colin Wilson: The Misfits. A Study of Sexual Outsiders. 1988
  • Colette Verger Michael: Sade, his ethics and rhetoric. 1989
  • Maurice Lever: Marquis de Sade. A Biography. 1991
  • Thomas Moore: Dark Eros. The Imagination of Sadism. 1995
  • Timo Airaksinen: The philosophy of the Marquis de Sade. 1995
  • Philippe Sollers: Sade contre l'Être suprême. 1996
  • Octavio Paz: An Erotic Beyond. Sade. 1998
  • Laurence L. Bongie: Sade. A Biographical Essay. 1998
  • Neil Schaeffer: The Marquis de Sade. A life. 1999
  • Francine du Plessix Gray: At Home With the Marquis de Sade. A Life. 1999
  • Jörn Steigerwald: Auslöschungsverfahren. Rituale des Vergessens in D.A.F. de Sades Les 120 journées de Sodome, in: Erinnern – Gedächtnis – Vergessen. Beiträge zum XV Nachwuchskolloquium der Romanistik, hg. v. Heike Brohm et al. Bonn: Romanistischer Verlag 2000, S. 295-304.
  • Jörn Steigerwald: Origo und Originalität der Novellistik de Sades, in: Romanistische Zeitschrift für Literaturgeschichte. 2000 (3 / 4), S. 297-327.
  • Jörn Steigerwald: Die Neugier des Auges und die Wollust des Ohres. Zur Logik der Sinne im Reich de Sades (am Beispiel der Justine), in: Sinne und Verstand: Ästhetische Modellierungen der Wahrnehmung um 1800, hg. v. Caroline Welsh et al. Würzburg: Könighausen & Neumann 2001 (Stiftung für Romantikforschung), S. 207-224.
  • Caroline Warman: Sade. From materialism to pornography. 2002
  • Ronald Hayman: Marquis de Sade. The genius of passion. 2003
  • David Cooper, Michel Foucault, Marquis de Sade [u. a.]: Der eingekreiste Wahnsinn. Suhrkamp, Frankfurt 1979, ISBN 3518109650
  • Bernhard Dieckmann & François Pescatore (Hrsg.): Lektüre zu de Sade. Stroemfeld/Roter Stern, Basel/Frankfurt 1981, ISBN 3-87877-163-0 (Aufsätze von Philippe Roger, Pierre Klossowski, Philippe Sollers, Maurice Blanchot, Alain Robbe-Grillet, Gilles Deleuze u. a.)
  • Hans-Ulrich Seifert: Sade. Leser und Autor. Quellenstudien, Kommentare und Interpretationen zu Romanen und Romantheorie v. D. A. F. de Sade. Lang, Frankfurt/Bern/New York 1983, ISBN 3-8204-7295-9

Biografien

  • Gilbert Lely: Leben und Werk des Marquis de Sade. Albatros, Düsseldorf 2001 (1965), ISBN 3-491-96025-8
  • Maurice Lever: Marquis de Sade. Die Biographie. Europaverlag, Wien/München 1995 (1991), ISBN 3-203-51238-6
  • Walter Lehning: Marquis de Sade Rowohlt, Reinbek 1988 (1965), ISBN 3-499-50108-2

Filme

Werk und Leben de Sades haben mehrere Filmemacher inspiriert. Neben einer großen Anzahl pornografischer Filme gibt es auch mehrere Mainstream-Produktionen die sich mit ihm und der durch ihn geschaffenen Literatur auseinandersetzen:

Bühnenstücke

  • 2002 Das Bühnenstück "XXX" der Theathergruppe La Fura dels Baus bezieht sich auf das Werk Die Philosophie im Boudoir. Die Aufführung in Deutschland wurde in einigen Städten (z.B. Hamburg) von der Tagespresse als "Skandal" gewertet, insbesondere aufgrund der offenen Darstellung oralen Geschlechtsverkehrs auf der Bühne, bei der auch Besucher aus dem Publikum einbezogen wurden. Aufführungen in anderen Städten (z.B. Frankfurt) blieben ohne nennenswerte Presseresonanz.
  • 2006 Der Mensch ist ein schönes böses Tier. Marquis de Sade. Cross-Genre-Aktionstheater von Gregor Seyffert, Uraufführung: 2. Juni 2006, Kraftwerk Vockerode [3]. Mit Wiederaufnahmen im Jahr 2007 und 2008.

Quellen

  1. Brief an Gaufridy v. 3. August 1793. In: Ausgewählte Werke, Hamburg, 1962-65, Bd.II, S. 1218
  2. Andrea Dworkin has Died Susie Bright's Journal, 11. April 2005.
  3. http://www.de-sade-spektakel.de Cross-Genre-Aktionstheater Marquis de Sade im Kraftwerk Vockerode

Siehe auch

Weblinks


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