Affektlogik

Affektlogik

Der Begriff Affektlogik beschreibt eine umfassende Theorie zum Zusammenwirken von Fühlen und Denken.

Der Begriff setzt sich zusammen aus Fühlen (Affektivität) und Denken (Logik). Das Konzept der Affektlogik wurde 1982 vom Schweizer Psychiater Luc Ciompi erstmals in Buchform veröffentlicht und seither in vielen Publikationen weiter entwickelt.

Inhaltsverzeichnis

Grundlagen

Ausgangspunkt der Affektlogik ist die Erkenntnis, dass Fühlen (Affektivität) und Denken (Kognition oder Logik) in allen psychischen Leistungen regelhaft zusammenwirken.

Detaillierter ist Affektlogik eine integrative Theorie zum Zusammenwirken von Fühlen und Denken, versucht also verschiedene psycho-sozio-biologische Theorien zu einem sinnvollen Gesamtkonzept von praktischem und theoretischem Nutzen zu verknüpfen.

Die Affektlogik stellt also eine Synthese von modernen neurobiologischen, psychologischen, psychoanalytischen, soziodynamischen und evolutionstheoretischen Erkenntnissen aus systemtheoretischer Perspektive dar.

Ursprünglich war das Konzept vorwiegend auf psychiatrische und psychotherapeutische Fragenstellungen ausgerichtet. In der Folge erwies es sich als allgemeiner gültig und entwickelte sich zu einer Meta-Theorie von affektiv-kognitiven Wechselwirkungen aller Art.

Aus dem Konzept der Affektlogik können sich vielfältige, bisher erst zu einem kleinen Teil genutzte Anwendungsmöglichkeiten in allen Gebieten von Alltag und Wissenschaft ergeben, in denen affektiv-kognitive Wechselwirkungen von Bedeutung sind, so insbesondere in der Psychologie, Psychotherapie und Psychiatrie, in der Soziologie, Pädagogik, Werbung und Politik.

Definitionen

In der Affektlogik werden sowohl Affekte wie auch Kognition (Denken) und Logik in einem weiten Sinn verstanden, zugleich aber voneinander scharf abgegrenzt zwecks Klärung ihrer gegenseitigen Beziehungen und Interaktionen.

Affekt

Überlappende Begriffe wie Affekt, Emotion, Gefühl oder Stimmung sind in der wissenschaftlichen Literatur uneinheitlich definiert. Unter „Affekt“ bzw. „Affektivität“ zum Beispiel verstehen manche Autoren gefühlsartige Erscheinungen aller Art, während andere den Affektbegriff nur auf ganz bestimmte subjektive Erlebnisweisen anwenden.

Der Begriff des Affekts dient als Oberbegriff für gefühlsartige Erscheinungen aller Art, die wechselnd bald als Affekt, Emotion, Gefühl, Stimmung, Befindlichkeit, Gestimmtheit und anderes mehr bezeichnet werden.

Ein Affekt in diesem Sinn ist ein umfassender psycho-physischer Zustand von unterschiedlicher Dauer, Intensität, Qualität und Bewusstseinsnähe. Er ist durch bestimmte expressive, subjektive, körperliche und neurobiologische Phänomene charakterisiert und entspricht einem spezifischen bio-energetischen Zustand, bzw. einem gerichteten Energieverbrauchsmuster.

Sogenannte Grundaffekte, darunter Neugier/Interesse, Angst, Wut, Freude und Trauer, sind vorwiegend angeboren, aber kulturell moduliert. Sie sind evolutionär an lebenswichtige Verhaltensweisen wie Erforschung der Umgebung, Flucht, Kampf, Nahrungsaufnahme, Sozialisierung, Sexualität, Bewältigung von Verlusten und so weiter gekoppelt und dienen der sinnvollen Anpassung von Psyche und Körper an wechselnde Umweltsituationen.

Auch Entspannung, Gelassenheit oder Gleichgültigkeit sind Affekte im definierten Sinn, mit unterschiedlichen Wirkungen auf Denken und Verhalten. Man ist, so gesehen, immer in einem bestimmten Affektzustand, und affektiv-kognitive Wechselwirkungen sind allgegenwärtig.

Kognition

Auch der Begriff der Kognition dient als Sammelbegriff für eine Reihe von Einzelfunktionen, darunter insbesondere Wahrnehmung, Aufmerksamkeit, Gedächtnis und kombinatorisches Denken.

Kognition in diesem Sinn ist die Fähigkeit, Unterschiede in der Wahrnehmung zu erfassen und mental weiter zu verarbeiten (zum Beispiel den Unterschied zwischen weiß und schwarz, warm und kalt, gefährlich oder harmlos zu erfassen und Beziehungen zwischen solchen Unterschieden - und Unterschieden von Unterschieden - herzustellen).

Unter Logik ist im Rahmen der Affektlogik nicht nur die formale (aristotelische) Logik, sondern ebenfalls die sogenannte Alltagslogik mit Einschluss von verschiedenen Varianten von affektspezifischer Logik zu verstehen.

Logik in diesem Sinn ist die Art und Weise, wie einzelne kognitive Elemente zu einem umfassenden Ganzen (einem „Denkgebäude“, zum Beispiel einer bestimmten Theorie, Weltsicht, Mentalität oder Ideologie) verbunden werden.

Fühl-Denk-Verhaltensprogramme als „Bausteine der Psyche“

Gleichzeitig auftretende Affekte, Kognitionen und Verhaltensweisen werden im Gedächtnis miteinander verbunden und durch Wiederholungen zunehmend stabilisiert. Diese Verknüpfungen speichern wesentliche Erfahrungen, die in ähnlichen Situationen immer wieder aktiviert werden, das heißt gewissermaßen als Matrix oder „Programm“ für künftiges Fühlen, Denken und Verhalten (abgekürzt „FDV-Programme“) funktionieren können.

Umfassendere FDV-Programme können durch einzelne ihrer Komponenten (zum Beispiel durch einen bestimmten Geruch, ein Gefühl oder eine Wahrnehmung) reaktiviert werden. Gewisse solche FDV-Programme sind angeboren (zum Beispiel gewisse Angst- oder Schreckreaktionen), die meisten aber durch Erfahrung erworben und zum Teil auch modifiziert.

Funktionell integrierte FDV-Programme von unterschiedlicher Komplexität sind die eigentlichen „Bausteine der Psyche“.

Allgegenwärtige affektiv-kognitive Wechselwirkungen

Affekte und Kognitionen beeinflussen sich in allen psychischen Leistungen wechselseitig: Bestimmte Wahrnehmungen oder Gedanken lösen bestimmte Gefühle aus, welche ihrerseits die kognitiven Funktionen – vor allem Aufmerksamkeit, Gedächtnis und kombinatorisches Denken - verändern.

Die Affektlogik beschäftigt sich insbesondere mit den Wirkungen von affektiven Grundstimmungen auf das Denken. Affekte wirken auf Tempo, Form und Inhalt des Denkens und beeinflussen laufend, was wir bevorzugt wahrnehmen, beachten, speichern, erinnern oder vergessen, und schließlich zu einem größeren „Denkgebäuden“ (bzw. zu einer Logik im definierten Sinn) zusammenbauen.

Kognitive Elemente mit ähnlicher affektiver Färbung (zum Beispiel alle positiven bzw. negativen Aspekte einer bestimmten Person, einer Stadt oder eines Landes) werden bevorzugt miteinander kombiniert und verbunden, während gegenläufige Aspekte bevorzugt ausgeklammert („verdrängt“) werden. Ähnliche Affektfärbungen wirken insofern wie ein Leim oder Bindegewebe auf kognitive Elemente.

Beispiel: Die Rolle von Affekten im rationalen und wissenschaftlichen Denken

Entgegen der vorherrschenden Meinung sind affektive Komponenten auch an allem wissenschaftlich-mathematischen und formal logischen Denken beteiligt. Denn logische Widersprüche und Unstimmigkeiten gehen mit Unlustgefühlen, stimmige Lösungen dagegen mit Gefühlen der lustvollen Entspannung (sog. Heureka-Gefühlen) einher. Positive Gefühle bahnen und befestigen den Weg zu „rationalen“, d.h. möglichst spannungsarmen und affektenergetisch ökonomischen Lösungen, während negative Gefühle dazu beitragen, logische Unstimmigkeiten zu vermeiden. Gleich wie in der Alltagslogik treten solche Emotionen durch Wiederholung und Gewöhnung zunehmend in den Hintergrund, aber behalten ihre Wirkungen in Form der einmal gefundenen Denkwege. Darüber hinaus halten gemeinsame positive Gefühle, die mit den einzelnen Theorieelementen verbunden sind, umfassende wissenschaftliche Theorien ganz gleich zusammen wie alle anderen komplexen Denkgebäude.

Praktische und theoretische Konsequenzen

Insgesamt führt die Affektlogik zum Schluss, dass offene oder versteckte emotionale Komponenten all unser Denken und Verhalten in weit stärkerem Masse bestimmen, als gemeinhin angenommen. Diese Erkenntnis hat vielfältige praktische und theoretische Konsequenzen. Eine angemessene Beachtung der denkbeinflussenden Wirkungen von Gefühlen führt zu einem neuen Verständnis von interpersonellen, mikrosozialen und makrosozialen Prozessen, zu neuen Techniken der Beeinflussung von Denken und Verhalten durch vorwiegend affekt- statt kognitionszentrierte Verfahren, sowie zu neuen Ansätzen in der Behandlung von psychischen und sozialen Störungen. Auch körperzentrierte Therapien stellen ein interessantes Anwendungsgebiet der Affektlogik dar.

Besonders wichtig sind die Implikationen der Affektlogik für Kommunikationstechniken jeder Art, von der partnerschaftlichen bis zur internationalen Ebene. Information ohne affektive Färbung hat keine Energie, wirkt langweilig und lässt gleichgültig (zu beachten ist indessen, dass auch Gelassenheit und Entspannung Affekte im Sinn der Affektlogik sind!).

Erfolgreiche Kommunikation hängt oft mehr von der emotionalen Tönung als vom Inhalt einer Botschaft ab. Informationen mit Affektfärbungen, die mit der eigenen affektiven Befindlichkeit harmonieren, werden bevorzugt beachtet und aufgenommen, während gefühlsmäßig unangenehme Informationen missachtet werden. Kommunikation wird begünstigt durch eine möglichst ähnliche und behindert durch eine stark verschiedene „affektive Wellenlänge“ der beteiligten Kommunikationspartner.

Geschickte Redner, Verkäufer, Politiker, Diplomaten, Psychotherapeuten, Performance-Künstler etc. passen deshalb ihre (verbale und nicht-verbale) Sprache gezielt der Stimmung ihres Publikums an bzw. versuchen zuerst eine gemeinsame emotionale Atmosphäre zu schaffen, bevor sie ihre Botschaft anbringen.

Anwendungsbeispiele

Anwendung findet die Affektlogik beispielsweise in der Erforschung von politischem Extremismus.[1]

Bekannt ist zudem die praktische Anwendung der Konzepte der Affektlogik in der Therapie von Schizophrenien nach dem Soteria-Prinzip.[2]

Einzelnachweise

  1. Endert, E.: Über die emotionale Dimension sozialer Prozesse. Die Theorie der Affektlogik am Beispiel der Rechtsextremismus- und Nationalsozialismusforschung. UKW Verlagsgesellschaft. Konstanz, 2006
  2. Ciompi, L., Hoffmann, H., Broccard, M. (Hrsg): Wie wirkt Soteria? Eine atypische Schizophreniebehandlung – kritisch durchleuchtet. Huber Bern-Stuttgart 2001

Weiterführende Literatur

Bücher

  • Ciompi L.: Affektlogik. Über die Struktur der Psyche und ihre Entwicklung. Ein Beitrag zur Schizophrenieforschung. Stuttgart, Klett-Cotta, 1982
  • Ciompi, L.: Aussenwelt - Innenwelt. Die Entstehung von Zeit, Raum und psychischen Strukturen. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen, 1988
  • Ciompi, L. Die emotionalen Grundlagen des Denkens. Entwurf einer fraktalen Affektlogik. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen, 1997a
  • Ciompi, L.: Gefühle, Affekte, Affektlogik. Ihr Stellenwert in unserem Menschen- und Weltverständnis. Wiener Vorlesungen. Picus, Wien, 2002
  • Nunold, B.: Freiheit und Verhängnis. Heideggers Topologie des Seins und die fraktale Affektlogik. Edition fatal, München, 2004

Zeitschriftenartikel

  • Ciompi, L.: Die Hypothese der Affektlogik. Spektrum der Wissenschaft 2: 76-82, 1993
  • Ciompi, L.: Für eine sanftere Psychiatrie – Zum Menschen- und Krankheitsverständnis der Affektlogik. Psychiatrische Praxis 30, Suppl. 1:528-536, 2003
  • Ciompi, L. Ein blinder Fleck bei Niklas Luhmann? Soziodynamische Wirkungen von Emotionen nach dem Konzept der fraktalen Affektlogik. Soziale Systeme 10:21-49, 2004c

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