Dvaravati

Dvaravati
Verbreitung der Dvaravati-Kultur

Dvaravati (ausgesprochen: Dwarawati) ist das älteste buddhistische Reich in Südostasien; die Einwohner gehörten überwiegend der Mon-Volksgruppe (Talaing) an. Das Reich existierte zwischen dem 3. und 11. Jahrhundert auf dem Gebiet, welches etwa das heutige Thailand einnimmt. Dvaravati ist gleichzeitig die Bezeichnung für einen Stil von Kunstwerken, die im genannten Zeitraum in Thailand erschaffen wurden. Der Name Dvaravati entstammt zwei silbernen Medaillons, die in Nakhon Pathom (Zentral-Thailand) unter einem Heiligtum gefunden wurden und auf denen ehrenwerte Taten des Königs von "Sri Dvaravati" verzeichnet sind.

Inhaltsverzeichnis

Geschichte

Die wichtigsten Stätten des Reiches Dvaravati sind Nakhon Pathom und U-Thong, das bereits Anfang des 1. Jahrtausends besiedelt wurde und das Wassergräben aufweist, die ein Gebiet von 1.690 m mal 840 m aufweist.

Im 7. Jahrhundert berichteten chinesische Historiker von einem Land „To-lo-po-ti“, welches westlich von Isanapura (heute Kambodscha) und östlich von Sri Ksetra (heute Birma) liegen sollte. Es wurde angenommen, dass der chinesische Name gleichbedeutend mit Dvaravati (Sanskrit, etwa: „welches Tore besitzt“) sei. Dies wurde im Jahre 1964 bestätigt, als bei Ausgrabungen in Nakhon Pathom zwei Silbermünzen gefunden wurden. Auf der einen Seite beider Münzen war der Schriftzug „śrīdvāravaṯīsvarapunya“ eingeprägt, welches „verdienstvolle Taten des Königs von Dvaravati“ bedeutet. Auf der anderen Seite der einen Münze war ein Segelschiff, auf der anderen Münze eine Kuh mit Kalb abgebildet, Symbole von Wohlstand und Fruchtbarkeit.

Wahrscheinlich entstand das Königreich von Dvaravati, nachdem Anfang des 7. Jahrhunderts das Reich Funan zerfiel.

Zwischen dem 9. und 11. Jahrhundert erschien das Reich von Angkor auf der Bildfläche. Von vielen Inschriften kennen wir die politische Geschichte dieses Reiches so genau, wie wir wenig über das Verschwinden von Dvaravati wissen. Es ist wahrscheinlich, dass Angkor entweder eine wie auch immer geartete Hauptstadt eingenommen oder die Dvaravati-Ländereien eine nach der anderen erobert hat, um so die Vorherrschaft über Zentral-Südost-Asien zu übernehmen.

Städtebau und Architektur

Funde der Archäologen lassen die Dvaravati-Zivilisation grob in drei Gruppen einteilen: die zentrale Gruppe zieht sich am Rande der zentralen Tiefebene Thailands entlang, wobei Funde hauptsächlich gemacht wurden in den Tälern des Mekhlong und Ta Chin (Nakhon Pathom, U Thong, Khu Bua) und des Lopburi- und Pasak-Flusses (Lopburi, Si Thep). Eine nordöstliche Gruppe breitet sich über das Khorat-Plateuau aus (Mueang Sema bei Nakhon Ratchasima und Mueang Fa Daet bei Kalasin) bis möglicherweise hinauf nach Phon Hong an der Vientiane-Ebene. Eine nördliche Gruppe zentriert sich um Lamphun (das spätere Hariphunchai-Königreich).

Chedi im Wat Chama Thevi

Es ist anzunehmen, dass sich die Städte der Mon entlang von Handelsrouten ausbreiteten: Verbindungen vom Golf von Siam nach Westen über den Drei-Pagoden-Pass bis Burma, nach Norden entlang des Chao Phraya bis hinauf nach Yunnan, im Osten bis Nord-Vietnam sind denkbar.

Die alten Städte waren von einem runden oder ovalen Stadtgraben umgeben. Einige hatten allerdings auch die Form einer Seemuschel, die der Architekt Sumet Jumsai „Conch City Planning“ nennt (Lit.: Jumsai, 1988), so beispielsweise noch heute in Lamphun zu sehen.

Da zu jener Zeit der Küstenverlauf noch anders war, hatten einige der Städte direkten Zugang zum Meer, aber alle lagen an Flüssen, die Wasser für den Stadtgraben liefern konnten. Bewässerungskanäle erstreckten sich nicht nur innerhalb der Befestigungs-Anlagen, einem Areal, welches bis zu 10 km² groß sein konnte, auch das Umland war von Kanälen durchzogen, was auf eine intensive landwirtschaftliche Nutzung schließen lässt.

Größere buddhistische Monumente standen innerhalb der Städte auf Laterit-Fundamenten, darauf wurde eine meist quadratische aber auch runde oder oktogonale Plattform aus Ziegeln gesetzt. Auch der Oberbau wurde normalerweise aus Ziegeln gebaut. Zuletzt wurde alles mit Stuck, einer Mischung aus Sand, Limone und einer Leimbindung, überzogen, aus dem auch Figuren und weitere Verzierungen geformt werden konnten. Einen Eindruck eines solchen Bauwerks kann noch heute im Wat Chama Thewi in Lamphun gewonnen werden, wo noch eine quadratische und eine achteckige Chedi erhalten sind.

Regierungsform

Obwohl sehr viele Inschriften in der Sprache der Mon gefunden wurden, sagen sie doch nichts über die Verwaltungsstruktur des Reiches aus. Dabei ist mit „Reich“ nicht die moderne Bedeutung gemeint, mit einer zentralen Kontrolle aus einer Hauptstadt wie z. B. Nakhon Pathom. Wahrscheinlich bestand es eher aus einer losen Konföderation von autonomen Fürstentümern, die über ein kompliziertes Netzwerk von kulturellen und familiären Beziehungen miteinander verknüpft waren.

Mehrere Forscher bestätigen, dass die Dvaravati-Kultur viele Elemente der indischen Kultur assimiliert hat, wie z. B. Sprache (Pali und Sanskrit), religiöser Glaube (Buddhismus), Kunst und Architektur, das Münzwesen und wahrscheinlich ebenfalls die Konzepte von Staat und politischer Organisation.

Das Thammasat (Pali: Dhammasattha), welches (mit kleineren Anpassungen) bis zum Ende der absoluten Monarchie (1932) als Grundlage für die siamesische Verfassung diente, wurde von den Mon von Dvaravati nach indischen Vorbildern erschaffen. Die Inspiration kam wohl einerseits aus den Digha-Nikaya, in denen über die (idealen) Eigenschaften eines Chakravartin (Weltenherrschers) geschrieben steht, aber auch aus Kautilyas Arthashastra und möglicherweise sogar aus Manus Dharmasastra (Manavadharmaśastra, wörtl.: „Wissenschaft der Rechtschaffenheit“, siehe Weblinks), einem altindischen Text in Sanskrit über moralische, ethische und soziale Gesetzgebung.

Kunstwerke

Dvaravati selbst war stark durch Indien geprägt. Das Reich spielte eine wichtige Rolle bei der Einführung des Buddhismus und insbesondere der buddhistisch ausgerichteten Kunst in der Region.

Buddha-Statuen

Sitzender Buddha, Nakhon Pathom

Buddha-Statuen, die uns überliefert sind, sind alle von einem Stil und einem Material, das sie schnell erkennbar macht. Sie unterscheiden sich sowohl von der indo-javanischen Schule von Srivijaya und auch dem klassischen Khmer-Stil.

Das Material der in Thailand gefundenen Skulpturen ist kein Sandstein, aus dem die Khmer vorzugsweise ihre Statuen schlugen. Es ist vielmehr ein schiefer-blauer, harter Kalkstein, der in den Hügeln östlich von Lopburi und südwestlich von Ratchaburi gefunden werden kann. Nach der Anzahl der gefundenen Bronze-Figuren zu urteilen war dagegen Bronze ein Material, welches zur Dvaravati-Zeit wohl recht selten war. Hinzu kommt, dass die Dvaravati-Künstler im Umgang mit Bronze scheinbar nicht sehr geübt waren, konnten sie doch mit Stein so meisterhaft umgehen.

Die Skulpturen, die hauptsächlich in Nakhon Pathom und in Lopburi, aber auch in der Nähe von Ayutthaya gefunden wurden, lassen sich in zwei Arten einteilen:

  1. Der Buddha steht mit erhobener rechter Hand, manchmal sind auch beide Hände erhoben. Zwei Statuen dieses Typs sind heute im Hof des Wat Benchamabophit in Bangkok zu sehen, andere im Museum der Phra Pathom Chedi in Nakhon Pathom.
  2. Der Buddha sitzt in der sog. europäischen oder westlichen Art, beide Hände sind erhoben und formen die Geste „Drehen des Rades der Lehre“. Er kann auch eine Hand mit der „Geste der Unterweisung“ erhoben haben, während die andere im Schoß liegt. Diese Art ist in der Khmer-Ikonographie unbekannt. Die schönsten Beispiele dieser Statuen sind an der Phra Pathom Chedi in Nakhon Pathom zu sehen, im Wat Na Phra Men in Ayutthaya und im Nationalmuseum Bangkok.

Beide Typen können mit Statuen der indischen Gupta-Periode verglichen werden, sie sind aber auch am Eingang des Höhlen-Tempels von Ajanta zu sehen.

Merkmale der Dvaravati-Schule sind:

  • sehr große aber flache, spiralförmige Locken,
  • eine niedrige, halbkugel-förmige, manchmal auch zylindrische Ushnisha (Sanskrit, etwa „Scheitelkamm“),
  • großes Gesicht von elliptischer Form,
  • betonte, obere Augenlider, leicht hervorquellende Augen,
  • die schmalen, leicht betonten Augenbrauen in der Form einer „fliegenden Schwalbe“ die von der Nasenwurzel ausgehen,
  • die Art einen asexuellen Körper zu modellieren, als sei er unter einer scheinbar durchsichtigen, faltenlosen Robe nackt.

Eine besondere Art der Mon-Ikonographie, welche nirgends sonst gefunden wurde, sind Reliefs vom Buddha, der auf einem mythologischen Tier (Banaspati) steht. Die Bedeutung ist unbekannt, aber es drängen sich Parallelen zu hinduistischen Göttern auf, die alle ihr besonderes Reittier (Vahana) besitzen: Vishnu auf Garuda, Shiva auf dem Bullen Nandi, Brahma auf dem Schwan. Merkmale dieser Reittiere tauchen auch an dem mythologischen Tier des Buddha auf: Hörner eines Bullen, Garuda-Schnabel oder die Schwingen eines Schwans werden dargestellt.

Der meditierende Buddha, wie er vom Naga-König Mucalinda beschirmt wird, wurde zwar bereits in Amaravati und auch in Sri Lanka hergestellt. Aber als Novität auf dem südostasiatischen Festland wurden solche Statuen in der Virasana-Pose und der Meditations-Geste (Dhyanamudra) von den Mon hier eingeführt. Dieses Motiv wurde später zum bevorzugten Objekt von Bildhauern der gesamten Region, besonders der Khmer in der Angkor Wat- und der Bayon-Periode.

Die Stein-Skulpturen der Dvaravati-Schule mögen vielleicht etwas steif wirken, sie überzeugen aber durch „die Reinheit und Sparsamkeit ihrer Linienführung“ und das Fehlen jeglicher unnötiger Dekoration. Kurz, sie „atmen den reinen Geist des Buddhismus“. (Lit.: Le May, 1937)

Gesetzesräder

Gesetzesrad der Mon (Dharmachakra), ca. 8. Jahrhundert

Ein besonderer Beitrag zu den Dvaravati-Skulpturen liefert das große, frei stehende Rad, das sog. Gesetzesrad, ein anikonisches Symbol für die erste Predigt des Buddha (siehe auch: Buddhistische Kunst).

Räder dieser Art tauchten bisher nur in Thailand auf. Die ersten Exemplare wurde vor 150 Jahren während der Restaurierung der Phra Pathom Chedi gefunden, die König Mongkut angeordnet hatte. Zunächst war die Bedeutung unklar. Französische Archäologen hielten sie Anfang des 20. Jahrhunderts für Räder an den großen Streitwagen der „brahmanischen Götter“ oder für Grenzsteine von Tempeln. Später wurden weitere Räder in der Provinz Nakhon Ratchasima gefunden, weitere in Phetchaburi und in Suphanburi. Professor Cœdès (École française d'Extrême-Orient) schließlich erklärte, aufgrund weiterer Funde von Hirsch-Skulpturen in der Nähe der Räder könne man schließen, dass es sich hierbei um die Symbolisierung des „Rades der Lehre“ handele, welches der Buddha bei seiner ersten Lehrrede im Migadayavana anstieß.

Die Steinräder sind aus dem gleichen Material, wie die Buddha-Statuen: bläulicher Kalkstein, welcher mit dem Alter schiefer-blau wird, ein harter, glatter Stein wunderbar geeignet für Skulpturen. Sehr selten wurde auch Sandstein und sogar Laterit verwendet. Die Räder wurden in verschiedenen Größen gefunden. Das größte mit einem Durchmesser von 1,95 m steht heute im National-Museum in Bangkok. Die Anzahl der Speichen ist unterschiedlich, bei einzelnen Rädern unterscheiden sich sogar Vorder- und Rückseite. Ein Buddhist könnte in einem Rad mit acht Speichen ein Symbol für den edlen Achtfachen Pfad sehen, und auch für die anderen Anzahlen (12, 16, 17, 18, 21, ...) lassen sich sicherlich Analogien finden. Aber wahrscheinlich wollte der Künstler nicht durch die Anzahl der Speichen auf bestimmte buddhistische Gesetze hinweisen, er wollte einfach das Rad der Lehre darstellen, außerdem ist es für den Betrachter unmöglich, bei einem sich drehenden Rad die Anzahl der Speichen zu zählen (Lit.: Yupho, 1965).

Der Radumfang, die Speichen aber auch die Radnabe sind reich verziert mit Reliefs von Blumen, die einen Gupta-Einfluss zeigen, aber auch mit Pali-Inschriften. Fast alle Räder stehen aufrecht auf Ständern. Die Ständer weisen eine Vielzahl von figürlichen Verzierungen auf, wie z. B. Elefanten (als Wasser-/Regen-Symbol), Hirsche (um an den Hirschpark von Sanath zu erinnern) oder Gottheiten, die dem Buddha huldigen. Ständer können auch in der Form einer sich öffnenden Lotus-Knospe ausgeführt sein. Die quadratische Basis lässt vermuten, dass die Räder auch in Thailand oben auf die Spitze von Säulen platziert wurden, wie sie Kaiser Ashoka überall in seinem Reich aufstellen ließ. Ein Beispiel ist noch heute im berühmten Tempel von Sanchi zu sehen.

Votiv-Tafeln

Die größte Anzahl von Fundstücken aus der Dvaravati-Zeit stellen sicher die Votiv-Tafeln dar. Auf den frühesten Tafeln ist der Buddha abgebildet, wie er die Ungläubigen von Savatthi mit einem Wunder bekehrte. Eine recht großes Exemplar einer solchen Tafel lässt sich übrigens im Viharn Luang des Wat Suthat bewundern: unter der Buddha-Statue des Phra Sri Sakyamuni sind die sterblichen Überreste von König Ananda Mahidol hinter einer solchen Tafel beigesetzt. Nicht alle gefundene Tafeln sind so groß, die meisten sind zwischen 5 und 15 cm hoch. In der späteren Periode sind sie rund oder oval und zeigen den meditierenden Buddha, manchmal zusammen mit einem Dhammachakra, manchmal von den Köpfen des Mucalinda beschützt. Auf der Rückseite gibt es Pali-Inschriften in Mon-Schrift.

Literatur

  • Dhida Saraya: (Sri) Dvaravati. Bangkok (1999) ISBN 974-7381-34-6
  • Sumet Jumsai: Naga, Cultural Origins in Siam and the West Pacific. Oxford University Press 1988, ISBN 0-19-588880-4
  • Steve Van Beek: The Arts Of Thailand. Thames and Hudson, London 1991, ISBN 0-500-23620-8
  • Reginald Le May: Buddhist Art in South-East Asia. Cambridge 1937. Nachdruck von Aryan Books, New Delhi 2004, ISBN 81-7305-260-3
  • Dhanit Yupho: Dharmacakra or the Wheel of the Law. The Fine Arts Department, Bangkok 1965, Fifth Edition 1990

Weblinks


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