Eisenbahnzug aus Buchenwald


Eisenbahnzug aus Buchenwald
Leichen im Evakuierungszug, aufgenommen zwischen 29. April 1945 und 1. Mai 1945 im KZ Dachau

Als „Evakuierungszug aus Buchenwald“ (7. April – 29. April 1945) wurde jener Häftlingstransport bekannt, der am 28. April im KZ Dachau ankam, und in dem viele durch Hunger verstorbene Häftlinge waren. Ihn trafen die Soldaten der 7. US-Armee am 29. April an, noch bevor sie das Häftlingsgelände betraten.

Inhaltsverzeichnis

Abfahrt

Am 7. April 1945 fuhr im Konzentrationslager Buchenwald ein so genannter Evakuierungstransport mit 4.480[1][2] Häftlingen verschiedener Nationalitäten los. Ein Teil der Häftlinge war davor zu Fuß, 90 km aus dem Nebenlager Ohrdruf, in erschöpftem Zustand im KZ Buchenwald angekommen. Schon während des Fußmarsches zum Bahnhof von Weimar waren viele entkräftet zusammengebrochen, und von den SS-Wachen teils erschossen worden. Der Zug hatte etwa 39 bis 45[3] Güterwaggons, die teilweise überdacht waren. In jedem Waggon waren 90 bis 100[1] Häftlinge, und einige SS-Wachen. Eine Schicht Kohlenruß am Boden wies darauf hin, dass zuvor Kohle transportiert wurde.

Deutsche Zivilisten gehen an den Toten der Evakuierungstransporte bei Nammering vorbei – April 1945

Er hätte ursprünglich[1] zum Konzentrationslager Flossenbürg fahren sollen und stand unter der Aufsicht von Transportführer Hans Merbach (SS-Obersturmführer), dem ehemals Zweiten Schutzhaftlagerführer von Buchenwald. Die Fahrdauer war angeblich mit 24 Stunden veranschlagt worden, die Nahrungsportionen für die Häftlinge waren ebenfalls angeblich für einen Tag bemessen, wie SS-Obersturmführer Merbach später aussagte[4]: pro Häftling „eine Handvoll gekochter Kartoffeln, 500 g Brot, 50g Wurst und 25g Margarine“. Der Zug hat dann jedoch fast 21 Tage ins Lager Dachau gebraucht. Während der Fahrt verhungerten viele der Häftlinge oder wurden erschossen. Tote wurden in der Nähe der Gleise begraben oder in die letzten Waggons getragen.

Merbach sagte aus, dass er am zwölften Reisetag 3.000 Wehrmachts-Brote und 3.000 Portionen Käse beschaffen konnte,[5] vom Wehrmachtsverpflegungsamt Pilsen.[1] Am Bahnhof in Pilsen warfen einige Zivilisten Lebensmittel in die Waggons.

Am 20. April[1] hatte der Zug einen Aufenthalt in Nammering bei Passau, Johann Bergmann, der Geistliche von Aicha, ging morgens zum Halteplatz.

Hier erhielten die Häftlinge am 22. April Verpflegung.[6] Bergmann hatte eine Lebensmittelsammlung initiiert. SS-Obersturmführer Merbach hatte diesen Aufenthalt bei seiner Zeugenaussage nicht erwähnt. Bei dem Stopp in Nammering wurden fast 800[7] auf dem Transport verstorbene Häftlinge eingeäschert und beigesetzt. Einige hundert[1] davon waren in einem Steinbruch erschossen worden. Pfarrer Bergmann fragte, warum die Häftlinge erschossen wurden, der Transportleiter gab zur Antwort, dass sie vor Hunger wahnsinnig geworden wären und SS-Wachen angefallen hätten und sich auch gegen Zivilbevölkerung hätten wenden können.[1] Bergmann berichtete, der Zug habe Nammering mit etwa 3.100 Häftlingen verlassen.

Ankunft

Transportleiter Hans Merbach im April 1947

In der Nacht vom 27. April auf den 28. April traf der Transport im Konzentrationslager Dachau ein, und wurde auf dem Anschlussgleis abgestellt. Er hatte sich in einen Zug voller Toter und Sterbender verwandelt.[1]

Laut einem unveröffentlichtem Manuskript von Pierre C. T. Verheye wurden am 28. April vermutlich etwa 800 Häftlinge ins Lager gebracht.[8] Ausgehend von der Aussage Bergmanns, dass der Zug in Nammering mit 3.100 Personen abgefahren sei, würde sich durch die Angabe von Verheye auf 2.300 im Zug gelassenen Personen schließen lassen.

Laut Zámečník hingegen wurde „eine nicht mehr feststellbare Anzahl“ Häftlinge am 28. April in das Bad und dann in einen Isolierblock des Lagers Dachau gebracht. Am Vormittag des 29. April wurden 17 bewußtlose Personen durch Häftlinge des Dachauer „Arbeitskommando Moorexpress“, ins Lager getragen. Eine ungefähre Anzahl der Überlebenden des Transports bei der Ankunft im Lager Dachau, liegt uns hier nur aus der einzigen Quelle Verheye vor. Die Zahl 800 muss zunächst als Anhaltspunkt gesehen werden. Der Rückschluss auf die endgültige Zahl 2.300 Verstorbene kann nicht als historisch völlig gesichert betrachtet werden. Sicher ist, dass es sich um eine extrem hohe Zahl im Zug Verstorbener handelte, und es auch in den darauffolgenden Tagen zu weiteren Todesfällen kam. Im Lager selbst hatte man acht Tage Sterbefälle nicht amtlich registriert. Auch an den beiden Tagen 29. und 30. April, nach Befreiung durch die Amerikaner, wurden Sterbefälle nicht amtlich dokumentiert. Erst am 1. Mai wurde damit wieder begonnen. Spätere Angaben, wieviele Personen jenen Transport überlebt haben, liegen hier nicht vor.

Situation im Lager

Einem Bericht Marguerite Higgins zufolge, hatten sich die Häftlinge geweigert dem SS-Befehl Folge zu leisten, und die Verstorbenen ins Lager zu bringen.[9] Dies lag im Bereich des Möglichen,[10] denn seit Tagen war die Lager-SS-Truppe im Begriff sich aufzulösen bzw. sich abzusetzen. Seit Februar war das Krematorium außer Betrieb. Die Fleck-Typhusepidemie grasierte im Lager, seit dem 20. April wurden Sterbefälle amtlich nicht mehr dokumentiert. Am 23. April hatten die Arbeitskommandos zum ersten Mal das Hauptlager nicht zum Arbeitseinsatz verlassen. In den darauffolgenden Tagen hatten sich eine Reihe führender SS-Offiziere abgesetzt.[11] Lagerkommandant Eduard Weiter hatte am 26. April das Lager verlassen. Das Lager selbst war völlig überfüllt, statt 208 teilten sich den letzten Kriegsjahren bis zu 1.600[12] Gefangene einen Wohnblock. Die Bereiche bei der Totenkammer, dem Krankenrevier, dem Krematorium und dem Invalidenblock waren überhäuft mit Toten.

Eintreffen der US-Truppen

Am Sonntag, dem 29. April gegen Mittag erreichten die US-Truppen von Lt. Colonel Sparks von Westen kommend, zuerst das SS-Gelände.[13] Das Jourhaus, der einzige Zugang zum Schutzhaftlager, war weiter östlich gelegen. Die amerikanischen Truppen trafen im SS-Bereich unvermittelt auf den Zug aus Buchenwald. Im Zug befanden sich viele Tote, erschossene und verhungerte Häftlinge. Den ersten Eindruck dieses Eisenbahnzuges beschrieben einige US-Soldaten später als sehr schockierend und verstörend.[14]

Eine Flüsterparole „Hier machen wir keine Gefangenen“ kursierte. Laut Vernehmung von Whitaker fand sie allgemeine Zustimmung.[15] Der Lieutenant M. vom 157 Infanterieregiment sagte später hierzu: „Wie dem auch sei, wir machten Gefangene“.[16] Die amerikanischen Truppen trafen auf erste SS-Leute auf der Höhe des Eisenbahnzuges. Vier[1] SS-Männer kamen ihnen, mit auf dem Kopf verschränkten Händen, entgegen und ergaben sich. Lieutenant W., Kompaniechef der I Company, befahl ihnen in einen leeren Waggon einzusteigen. Dort schoss er sie mit seiner Pistole nieder. Nicht alle waren sofort tot, ein zweiter amerikanischer Soldat, Soldat P.,[17] schoss nochmals. Auf dem SS-Gelände nahmen sie dann einige hundert[1] SS-Personen gefangen.

Die amerikanischen Truppen marschierten dann über das SS-Gelände zum Häftlingsbereich. Die weiße Fahne war gehisst. Trotzdem erschossen US-Soldaten zwischen 39 und 50 SS-Wachen.

Diese Erschießungen des SS-Personals bei der Einnahme des Dachauer Lagers waren zweifellos[18] zur Befreiung des Lagers nicht notwendig. Einzelne US-Offiziere hatten im Tragen der SS-Uniform einen Schuldbeweis gesehen. Die Unangemessenheit von Selbstjustiz wurde auch darin deutlich, dass die Erschossenen nicht die wirklichen Lager-SS-Tuppen, sondern neu hinzuberufene Personen waren.[19] Unter den Toten war beispielsweise ein junger Soldat der Luftwaffe, der Wochen zuvor eingezogen wurde. Die ehemalige Lager-SS hatte sich bereits abgesetzt.

Siehe auch

Literatur

  • Jürgen Zarusky: That is not the American Way of Fighting; in: Dachauer Hefte 13 – Gericht und Gerechtigkeit; 1997; S.27-55
  • Stanislav Zámečník: (Hrsg. Comité International de Dachau): Das war Dachau; Luxemburg, 2002; S. 387–390.
  • Hans Hübl: Letzte Tage in Buchenwald; in: Endstation Dachau, der Todeszug aus Buchenwald; Dachauer Dokumente, 5; 2003.
  • Hans Hübl: Nie werde ich vergessen … Dokumentation über den KZ-Transport Buchenwald-Nammering-Dachau vom 7. April bis 28. April 1945; Tittling 1994. Onlineausgabe des Buches

Einzelnachweise

  1. a b c d e f g h i j Aus: Stanislav Zámečník (Hrsg. Comité International de Dachau): Das war Dachau; Luxemburg, 2002.
  2. 4480 Häftlinge lt. Stanislav Zámečník/Hrsg. Comité International de Dachau. „bis zu 4.800 Häftlinge“ lt. Jürgen Zarusky: That is not the American Way of Fighting; in: Dachauer Hefte 13 – Gericht und Gerechtigkeit; 1997.
  3. „39 Waggons“ lt. Verheye, „ca. 40“ lt. Bergmann
  4. Link zur Abschrift der eidesstattlichen Erklärung Merbachs aus dem Gerichtsprotokoll vom 24. Februar 1947. abgerufen am 21. Januar 2009
  5. IfZ-Archiv, Nürnberger Dokumente, NO 2192, Aussage Hans Merbach
  6. Lt. Jürgen Zarusky: That is not the American Way of Fighting; in: Dachauer Hefte 13 – Gericht und Gerechtigkeit; S. 33.
  7. Der Todeszug von Buchenwald. Augenzeugenbericht von Johann Bergmann, ehemaliger Pfarrer von Aicha vorm Wald, Passauer Neue Presse, 19. April 1955, abgedruckt in: Buchenwald. Mahnung und Verpflichtung. Dokumente und Berichte; Berlin, 19834; S. 503–505.
  8. C. T. Verheye: The Train Ride into Hell; Unveröffentlichtes Manuskript. Der Verfasser dankt Mr. Verheye, Tucson, Arizona, für wichtige Hinweise zu dem Zugtransport aus Buchenwald. – Quellenangabe entnommen aus: Jürgen Zarusky: That is not the American Way of Fighting; in: Dachauer Hefte 13 – Gericht und Gerechtigkeit; S. 33.
  9. Hermann Weiß: Dachau und die internationale Öffentlichkeit. Reaktionen auf die Befreiung des Lagers; in: Dachauer Hefte, Nr. 1, 1985; S. 12–38, hier: S. 27. Quellenangabe entnommen aus: Jürgen Zarusky: That is not the American Way of Fighting; in: Dachauer Hefte 13 – Gericht und Gerechtigkeit; S. 33.
  10. Jürgen Zarusky: That is not the American Way of Fighting; in: Dachauer Hefte 13 – Gericht und Gerechtigkeit; S.33.
  11. IfZ-Archiv, Nürnberger Dokumente, NO 1253, Erklärung Visintainer.
  12. Der Lageplan des Konzentrationslagers Dachau. Bayerischen Landeszentrale für politische Bildungsarbeit, abgerufen am 21. Januar 2009.
  13. Henke: Amerikanische Besatzung; S. 917.
  14. Vgl. vier Quellen dazu bei: Jürgen Zarusky: That is not the American Way of Fighting; in: Dachauer Hefte 13 – Gericht und Gerechtigkeit; S. 36.
  15. Whitaker, Vernehmungsprotokoll S. 77, 856f., 884f.; Buechner: Avenger, S. XXIX.
  16. „However, we did take prisoners“; vgl. Zarusky, S. 52.
  17. Jürgen Zarusky: That is not the American Way of Fighting; in: Dachauer Hefte 13 – Gericht und Gerechtigkeit; S. 37.
  18. Jürgen Zarusky: That is not the American Way of Fighting; in: Dachauer Hefte 13 – Gericht und Gerechtigkeit; S. 54.
  19. Jürgen Zarusky: That is not the American Way of Fighting; in: Dachauer Hefte 13 – Gericht und Gerechtigkeit; S. 55.

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