Entgrenzung der Arbeit


Entgrenzung der Arbeit
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Die Entgrenzung der Arbeit ist ein Begriff aus der Arbeits-, Wirtschafts- und Industriesoziologie. Gemeint ist damit die zunehmende Auflösung von (zeitlichen, räumlichen, sachlichen usw.) Strukturen betrieblich organisierter Arbeit. Oft wird der Begriff auch für den Spezialfall der tendenziellen Auflösung von Grenzen zwischen Erwerbsarbeit und Privatleben verwendet.

Bei Entgrenzung handelt es sich weder um einen präzisen Begriff, noch um ein ausgearbeitetes theoretisch-analytisches Konzept. Meist wird der Entgrenzungsbegriff als Sammelbegriff für verschiedene Entwicklungen in der Organisation von Erwerbsarbeit verwendet. Ausgangspunkt der Diagnose einer Entgrenzung sind industriegesellschaftlich etablierte Normvorstellungen und Standards der Nutzung von Arbeitskraft, die nunmehr in ihrer Geltung geschwächt werden. Die Referenzfolie für die Konstatierung von Wandel ist dabei der Idealtypus des männlichen Normalarbeitsverhältnisses in industriellen Großbetrieben.

Bei der Analyse von Entgrenzungsprozessen konzentrieren sich Arbeits- und Industriesoziologen in der Regel auf den Wandel der betrieblichen Organisation von Erwerbsarbeit. So verstehen einige Autoren Entgrenzung als Ergebnis eines betrieblichen Rationalisierungsprozess mit dem Ziel eines erweiterten Zugriffs auf die Subjektivität, die lebensweltlichen Ressourcen sowie die zeitliche Verfügbarkeit der Beschäftigten. Weiterhin werden Entgrenzungstendenzen in der Sozialorganisation von Arbeit durch betriebsinterne Umstrukturierungen und die Ausdünnung betrieblicher Steuerungsvorgaben ausgemacht. Daneben wird eine Entgrenzung der Betriebsorganisation im Sinne der Auflösung der Unternehmensgrenzen gegenüber dem Markt sowie die Entstehung neuer Betriebstypen und Organisationsformen als Analysedimension benannt.

Entgrenzung von Arbeit bedeutet auch weniger Standardisierung. Stattdessen werden immer häufiger temporäre Auftragsbeziehungen unterschiedlichster Art und Reichweite aufgebaut, durch die an entscheidender Stelle das Verhältnis von Betrieb und Arbeitskraft eine neue Qualität erhält. Für Individuen, beispielsweise für berufstätige Eltern kann die Entgrenzung zugleich eine Chance für bessere Vereinbarkeit und ein Risiko übergroßer Vereinnahmung darstellen. Kritisch wird hervorgehoben, dass sich eine zunehmend räumlich und zeitlich entgrenzte Erwerbsarbeit mit Familienaktivitäten immer schwieriger vereinbaren lasse, so dass sich ein hohes Belastungspotenzial für Familien ergebe.[1] Vielfach sehen sich Männer und Frauen genötigt, den Anforderungen der Erwerbstätigkeit Vorrang über alle anderen Lebensbereiche zu geben, sowohl vor dem familiären als auch vor dem sozialen Engagement.[2]

Die Informations- und Kommunikationstechnologie bildet dabei eine Grundlage für neue Entwicklungen in der Entgrenzung und Flexibilisierung der Arbeit.

Einige Wirtschaftszweige sind geprägt durch extensive oder atypische Arbeitszeiten und ein besonders hohes Maß an Flexibilität, mit der Erwerbstätige ihre Arbeitszeiten an die wechselnden Erfordernisse der Arbeit anpassen. Das Forschungsprojekt „Entgrenzte Arbeit – entgrenzte Familie“ des Deutschen Jugendinstituts und der TU Chemnitz zeigte auf, dass in den zwei untersuchten Branchen dieser Art – dem Einzelhandel und der Film- und Fernsehbranche – berufstätige Eltern einen „hohen, äußerst differenzierten und komplexen Bedarf an Kinderbetreuung“ haben.[3]

Die Entgrenzung wird auch als Subjektivierung von Arbeit diskutiert. Voß gebraucht in seinem Arbeitskraftunternehmer-Konzept das Argument, dass neue betriebliche Rationalisierungsstrategien verstärkt auf die Nutzung der Fähigkeit der Arbeitskräfte zur Eigenmotivierung und selbstständigen Sinnsetzung abzielen und dass Entgrenzung damit auch in den Dimensionen Sinn bzw. Motivation zu beobachten sei.

Literatur

  • Karin Jurczyk, Michaela Schier, Peggy Szymenderski, Andreas Lange, G. Günter Voß: Entgrenzte Arbeit – entgrenzte Familie: Grenzmanagement im Alltag als neue Herausforderung, Berlin: edition sigma, 2009, ISBN 978-3-8360-8700-1
  • Inge Baxmann, Sebastian Göschel, Melanie Gruß, Vera Lauf (Hg.): Arbeit und Rhythmus. Lebensformen im Wandel, München 2009
  • Gerrit Herlyn, Johannes Müske, Klaus Schönberger, Ove Sutter (Hg.): Arbeit und Nicht-Arbeit. Entgrenzungen und Begrenzungen von Lebensbereichen und Praxen. München/Mering 2009. Beiträge der 13. Arbeitstagung der Kommission Arbeitskulturen innerhalb der Deutschen Gesellschaft für Volkskunde. Band I der Schriftenreihe „Arbeit und Alltag. Beiträge zur ethnografischen Arbeitskulturenforschung“ – Schriftenreihe der Kommission Arbeitskulturen in der Deutschen Gesellschaft für Volkskunde, herausgegeben von Irene Götz, Gertraud Koch, Klaus Schönberger und Manfred Seifert. ISBN 978-3-86618-308-7
  • Karin Gottschall, G. Günter Voß (Hrsg.): Entgrenzung von Arbeit und Leben. Zum Wandel der Beziehung von Erwerbstätigkeit und Privatsphäre im Alltag. München, Mering: R. Hampp Verlag 2005 (2. Auflg.).
  • Nick Kratzer: Arbeitskraft in Entgrenzung. Grenzenlose Anforderungen, erweiterte Spielräume, begrenzte Ressourcen. Berlin: edition sigma, 2003. ISBN 3-89404-979-0
  • Hans J. Pongratz, G. Günter Voß: Arbeitskraftunternehmer. Erwerbsorientierungen in entgrenzten Arbeitsformen. Berlin: edition sigma, 2003. ISBN 3-89404-978-2
  • Jutta Anna Metzger: Arbeit und Familie – Individualisierung im Quadrat. Grenzverschiebungen zwischen Arbeits- und Familienleben, Interdisziplinäre Zeitschrift für systemorientierte Praxis und Forschung, Arnold Retzer und Fritz B. Simon (Hrsg.), Heft 3 Juli 2001. (PDF)
  • Karin Jurczyk, G. Günter Voß: Entgrenzte Arbeitszeit - Reflexive Alltagszeit. Die Zeiten des Arbeitskraftunternehmers. In: Eckart Hildebrandt (Hg.): Reflexive Lebensführung. Zu den sozialökologischen Folgen flexibler Arbeit. Berlin: edition sigma, 2000, S. 151-206. ISBN 3-89404-884-0
  • G. Günter Voß: Die Entgrenzung von Arbeit und Arbeitskraft. Eine subjektorientierte Interpretation des Wandels der Arbeit. In: Mitteilungen aus der Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, 31 (3), 1998, S. 473-487. (PDF)

Einzelnachweise

  1. Karin Jurczyk, Barbara Thiessen: Väterbilder – Mütterbilder: Die Kluft zwischen Leitbildern und Alltag. In: DJI Bulletin 83/84 – 4/4/2008. Deutsches Jugendinstitut e.V., 2008, abgerufen am 7. November 2009.
  2. S. Dahlmann, U. Huws, M. Stratigaki, M. (2009), Changing patterns of gender segregation and power relations in the workplace: results from the WORKS project, WORKS report, HIVA-Katholieke Universiteit Leuven, 2009. Darin: S. 84
  3. Michaela Schier, Peggy Szymenderski, Karin Jurczyk: Teilergebnisse einer qualitativen Studie im Einzelhandel und in der Film- und Fernsehbranche. In: Projekt „Entgrenzte Arbeit – entgrenzte Familie“. DJI, Juli 2007, abgerufen am 10. Januar 2009.

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