Entlassungskandidat


Entlassungskandidat
Soldaten im Grundwehrdienst des Regiments „Arthur Ladwig“ (1. MSD) nach der feierlichen Verabschiedung
Tuch der Reservisten, welches die Soldaten bei der Verabschiedung von ihrem Truppenteil erhielten.

Im Jargon der NVA wurde der Begriff Entlassungskandidat (Abkürzung EK oder E) für die Grundwehrdienst leistenden Soldaten und die Unteroffiziere auf Zeit verwendet, die im jeweils ablaufenden Diensthalbjahr ihren Dienst in den Streitkräften beendeten.

Einberufungen und Entlassungen zum bzw. aus dem 18 Monate dauernden Grundwehrdienst fanden in der NVA halbjährlich (jeweils Ende April und Ende Oktober) statt. Daher leisteten immer an drei unterschiedlichen Terminen einberufene Soldaten gleichzeitig ihren Grundwehrdienst, die Mannschaft bestand somit aus drei (offiziell stets so genannten) Diensthalbjahren (DHJ):

  • 1. DHJ („Glatte“, „Frische“, „Aale“, „Spitze“, „Spritzer“, „Sprutze“, „Springer“, „Hüpper“, „Dachse“, „Struppis“, „Rotärsche“, „Knollen“, „Willis“)
  • 2. DHJ („Zwischenpisser“ bzw. „Zwipis“, „Zwischenkeime“, „Zwischenschweine“, „Mittelschweine“ oder „Vize-EKs“/„Vizes“ als Selbstbezeichnung), Symbol: Vizeknick, Vizedaumen (Darstellung einer Feigenhand, z.B. am Schlüsselbund), Vizekugel (Kugellagerkugel mit angelöteter Öse)
  • 3. DHJ („Entlassungskandidaten“, „EKs“, auch kurz: „E-s“), Symbol: Bandmaß. Ihre Selbstbezeichnung richtete sich nach dem Entlassungszeitpunkt: bei einer Entlassung im Herbst 1989 lautete diese z. B. EK 89 II.

Am Ende des zweiten Diensthalbjahres wurden die Soldaten regulär zum Gefreiten befördert, die EKs im Grundwehrdienst hatten somit meist diesen Dienstgrad.

Für Unteroffiziere auf Zeit (Dienstzeit: 36 Monate) galten (inoffiziell) folgende Bezeichnungen der Diensthalbjahre:

  • 1. DHJ: „Uschi“ (Unteroffiziersschüler)
  • 2. DHJ: „Kövi“ (= „Könnte Vize sein“)
  • 3. DHJ: „Keks“ (= „Könnte EK sein“), Symbol: Keks aus Sperrholz o.ä.
  • 4. DHJ: „Konter“ (= „Könnte Reservist sein“), Symbol: „Kontermutter“ (eigentlich Kronenmutter)
  • 5. DHJ: „Vize“, Symbol: Vizedaumen, Vizeknick, Vizekugel
  • 6. DHJ: „EK“, Symbol: Bandmaß

Entlassungskandidaten hatten eine privilegierte Stellung innerhalb der Mannschaft, die allerdings durch keine Dienstvorschrift gestützt wurde, so wurden sie zum Beispiel oftmals nicht zu den nach Dienstschluss stattfindenden Reinigungsarbeiten eingeteilt.

Die Privilegien der EKs waren zwar verboten, wurden aber von den vorgesetzten Offizieren und Unteroffizieren oft stillschweigend geduldet. Sie stellten gewissermaßen eine Fortsetzung der Führungshierarchie innerhalb der Mannschaft dar. Eine Kontrolle der Mannschaft nach dem Prinzip „Teile und herrsche“ wurde so erleichtert. Die offizielle Sprachregelung für die Schikanierung von dienstjüngeren Soldaten und Unteroffizieren im Rahmen der EK-Bewegung lautete Störung der sozialistischen Beziehungen. Die EK-Bewegung wurde bis in die oberste Führung der NVA wahrgenommen, so finden sich in den Protokollen des Kollegium des Ministeriums für Nationale Verteidigung (1956 gegründetes Führungsorgan[1]) regelmäßig Hinweise auf die EK-Bewegung (Der Begriff jüngeren Soldaten und Unteroffizieren meint in diesem Zusammenhang dienstjüngere Armeeangehörige, also gerade nicht EKs, hat also nichts mit dem Lebensalter zu tun.):

„… in nicht wenigen Einheiten […] eine Atmosphäre der Angst und Unsicherheit bei jüngeren Soldaten und Unteroffizieren« bestehen würde. Die Reaktionen würden bis zu ‚Selbsttötungsgedanken‘ reichen.“

Sitzungsprotokoll des Kollegiums des MfNV vom 15. Juni 1978[2]

Dabei wurde auch die zwiespältige Haltung der Offiziere zur EK-Bewegung thematisiert:

„Bedenklich und zugleich politisch verantwortungslos ist, daß neben einem Teil der Soldaten und Unteroffiziere auch Vorgesetzte, Politoffiziere und Parteimitglieder die Störungen kennen und als nicht veränderbar hinnehmen. […] Begünstigend wirkt, daß Vorgesetzte ungerechtfertigte Forderungen von Soldaten und Unteroffizieren des letzten Diensthalbjahres tolerieren, weil sie darin ein Mittel der selbstregulierenden Disziplinierung sehen.“

Sitzungsprotokoll des Kollegiums des MfNV vom 24. September 1975[2]

Inhaltsverzeichnis

Erscheinungsformen

Privilegien

Entlassungskandidaten versuchten häufig, sich den Dienst möglichst angenehm zu machen, z. B. sich vor dem ungeliebten Frühsport zu drücken. Ob dies von Erfolg gekrönt war, hing aber vom Durchsetzungsvermögen der Offiziere und Unteroffiziere ab. Weiteren Ausdruck fand die privilegierte Stellung der EKs in verschiedenen Erscheinungen und Bräuchen, die im folgenden beispielhaft aufgeführt werden. Festzuhalten ist dabei jedoch, dass diese Erscheinungen nicht in jedem Truppenteil identisch waren.

„Gewicht“, „Hitze“ usw.

Je höher die noch zu dienende Tageszahl eines Soldaten, desto höher war sein „Gewicht“ (und desto niedriger die Stellung in der Hierarchie). Ein „Frischer“ musste sich dann Hänseleien wie z. B. „Wirst Du nicht erschlagen von Deinen Tagen?“ anhören. Andernorts wurde die Zahl der noch abzuleistenden Tage mit „Temperatur“ gleichgesetzt. EKs vermieden demnach jegliche Bezüge auf „Hitze“ oder hohe Temperatur. So mussten mancherorts Gebrauchsgegenstände oder Kleidungsstücke im privaten Eigentum der Soldaten (z. B. Badelatschen, Schlafanzug, Seifendose) bestimmte Farben aufweisen. Dies wurde von den Entlassungskandidaten streng kontrolliert. Entlassungskandidaten durften blaue Farben (cool, gesetzt) zeigen. Für die Soldaten des zweiten Diensthalbjahres galten gelbe Farben (schon etwas abgekühlt). Soldaten des ersten Diensthalbjahres mussten rote (heiß, hitzig, nervös) Farben zeigen. Bei Abweichungen zu den tatsächlichen Farben musste z. B. mit roter Farbe das Wort „rot“ auf den Gegenstand geschrieben werden.

Schulterstücke

Um den sozialen Rang als Dienstälterer auch äußerlich sichtbar zu machen, gab es verbreitet die Praxis, die Schulterstücke (die aus mit Stoff überzogener Pappe bestanden) in gewisser Weise zu knicken. Angehörigen des 1. DHJ war dies selbstverständlich verboten. Ihre Schulterstücke hatten glatt zu sein (daher die oben genannte Bezeichnung „Glatter“), was von Dienstälteren kontrolliert wurde. Mit dem Aufstieg ins 2. DHJ durfte ein Knick angebracht werden, der quer über die Mitte des Schulterstücks verlief. Im 3. DHJ durften die Schulterstücke zwei Knicke tragen. Diese Knicke stellten ein halboffizielles, in der Regel selbst von Offizieren geduldetes Erkennungszeichen dar, das sogar außerhalb der eigenen Kaserne (z.B. im Zug, auf der Straße, in Gaststätten usw.) und zwischen Soldaten verschiedener Einheiten eine gewisse Bedeutung hatte.

Bandmaß

Bandmaß mit Tagesmarkierungen im handgearbeiteten Holzfass (1987)

In den letzten 150 Tagen hatten fast alle EK ein sogenanntes Bandmaß. Täglich nach Dienstschluss wurde ein Zentimeter (= Tag) vom Bandmaß abgeschnitten, so dass dessen Länge immer die verbleibende Wehrdienstzeit anzeigte. Es handelte sich um ein textiles Schneider-Maßband mit Zentimeter-Einteilung von 150 cm Länge, auf dem verschiedene Tage farbig markiert wurden. Sonntage waren beispielsweise - da meist dienstfrei - rot ausgemalt, Sonnabende zur Hälfte rot, Montage blau, die bei der Armee verbrachten Lebensjahre schwarz, die 133 (die damalige Postleitzahl von Schwedt/Oder, dem Sitz des Militärgefängnisses Schwedt) mit einem schwarzen Gitter versehen. Die letzten 10 Tage waren ebenfalls schwarz angemalt.

Das Bandmaß trug der Entlassungskandidat in einem selbst angefertigten Behälter bei sich. Der Bau eines originellen Bandmaßbehälters erforderte handwerkliches Geschick und war, wie die Bemalung des Bandes und dessen Anschnitt am 150. Tag vor der Entlassung, stark ritualisiert. Das Band wurde, beginnend bei Zentimeter 1 an einer Achse, etwa an einem zu einer Kurbel gebogenen Splint, befestigt, aufgewickelt und in den Bandmaßbehälter eingesetzt. Das äußere Bandende wurde mit einer Klammer oder Sicherheitsnadel fixiert, an welcher oft ein Glöckchen angebracht war. Der Goldzahn (halbrundes Messingteil am Beginn des Maßbandes bzw. dem 150. Tag) wurde nach dem Anschnitt mithilfe eines kleinen Schlüsselringes an der Armbanduhr getragen. Verschiedentlich wurde auch das Bandmaß durch Lackieren mit Spannlack als elastische Spirale ohne Behälter aufbereitet; diese Form ließ sich schnippen (kurz ausrollen) und lief von selbst wieder zusammen.

Bei verschiedenen Anlässen, insbesondere bei Aufforderungen zu unbeliebten Tätigkeiten oder gegenüber den unteren Diensthalbjahren, wurde das Bandmaß symbolisch entrollt. Ab 50 Tagen vor Dienstzeitende wurde das Band offen ohne Behälter getragen und der Behälter unter Umständen einem bevorzugten „Zwischenkeim“ zur Weiterverwendung übereignet. Lediglich vor Offizieren war eine gewisse Vorsicht geboten, da dieses Bandmaß als illegitimes Symbol auch beschlagnahmt wurde. Dies war das Peinlichste, was einem EK passieren konnte.

Die EKs hatten in der Regel zwei Maßbänder: das Dienst-Bandmaß und das Ausgangsbandmaß. Das erstere war etwas einfacher ausgeführt und wurde im Alltag mit sich geführt. Die von ihm abgeschnittenen Tage (Schnipsel) trug man ebenso bei sich; sie wurden bei Bedarf verstreut, z. B. einem Spritzer vor die Füße geworfen. Das Ausgangsbandmaß war handwerklich etwas anspruchsvoller gestaltet. Es wurde im Urlaub und im Ausgang getragen. Seine Tage (Schnipsel) wurden regelmäßig in Briefen nach Hause geschickt und von der Freundin (oder den Eltern) gesammelt. Die Angehörigen mußten die Tage auf eine Sektflasche kleben, welche nach der Entlassung „geköpft“ und dann gemeinsam mit dem Heimi getrunken wurde.

Nur wenige EKs besaßen kein eigenes Bandmaß. Dies konnte als Protest einzelner Soldaten im 3. Diensthalbjahr gegen die EK-Bewegung auftreten.

Schikanen

In Ausnutzung ihres höheren Dienstalters veranstalteten die Entlassungskandidaten einige mitunter schikanöse Spielchen, meist mit den Soldaten des ersten Diensthalbjahres. Der Charakter dieser „Spiele“ war von Einheit zu Einheit verschieden. Während sie vielerorts eher als spaßige Rituale betrieben wurden, waren sie anderorts zum Teil menschenverachtend und diskriminierend.

Auch Todesfälle sollen während dieser Schikanen aufgetreten sein, wenngleich sie nicht annähernd die Ausmaße beispielsweise der Dedowschtschina in der sowjetischen Armee erreichten, die in Russland noch heute ein wichtiger inoffizieller Unterdrückungsmechanismus innerhalb der Truppe ist.

Beschwerden gegen diese Schikanen bei Offizieren waren insbesondere ab etwa Mitte der 1980er Jahre meist erfolgreich, was zu Versetzungen oder Disziplinarmaßnahmen gegen die beteiligten EK führte.

Alle Reviere mit „S“

Dem Soldaten wurde aufgetragen, dass er heute alle Reviere, die mit „S“ beginnen, reinigen müsse. Nachdem der Soldat erleichtert nur das „Scheißhaus“ gereinigt hatte, musste er dann erschrocken feststellen, dass er auch noch den „Scheiß-Flur“, die „Scheiß-Treppe“, das „Scheiß-Außenrevier“, das „Scheiß-Zimmer“, die „Scheiß-Buffibude“ und den „Scheißzugangsweg“ reinigen musste.

Atomino

Der ABC-Schutzanzug eines längere Zeit abwesenden Soldaten wurde mit dessen übrigen Ausrüstungsgegenständen ausgestopft. Dem Schutzanzug wurde dann noch die Gasmaske aufgesetzt und er wurde in den Spind des Soldaten gestellt (oder während des Ausgangs in sein Bett gelegt). Öffnete der Soldat nun bei seiner Rückkehr den Schrank oder wollte er sich in sein Bett legen, bekam er nicht nur einen gehörigen Schreck, sondern hatte auch noch geraume Zeit damit zu tun, seinen Schrank in Ordnung zu bringen. Der Name dieses Gebildes ist von der Comic-Figur „Atomino“ aus der Zeitschrift FRÖSI abgeleitet.

EK-Kugel (bzw. E-Kugel)

Dieses Spielchen richtete sich nicht gegen die Soldaten der niederen Diensthalbjahre, sondern gegen den UvD. Eine große Stahlkugel (Kugelstoßkugel) wurde auf den Fliesen des Korridors zwischen den Mannschaftsräumen entlang gerollt und verursachte dabei Schrammen und Druckstellen an Wänden und Ecken. Das war deutlich im ganzen Haus zu hören. Die herbeieilenden Unteroffiziere hatten keine Chance, die Täter auf frischer Tat zu stellen, denn die Kugel wurde durch jemand anderen schnell in das nächste Zimmer gezogen und versteckt. Dieses Spielchen war den Entlassungskandidaten vorbehalten, d. h. kein Soldat der niederen Diensthalbjahre durfte es wagen. Um es zu erschweren, die Kugel anzufassen, konnte sie einen halben Tag lang auf einer glühenden Kochplatte gelagert werden und hielt danach die aufgenommene Wärmeenergie über Stunden. Zweck der Übung war, jemanden dazu zu bringen, sich die Finger zu verbrennen und zu erfahren, was „Hitze“ sei. Die massiven Kugeln konnten so heiß werden, dass sie einen Eimer Wasser zum Kochen bringen konnten.

Heimfahrt

Die Entlassungskandidaten stellten eine Reihe Stühle hintereinander und setzten sich darauf. Die Soldaten der niederen Diensthalbjahre mussten mit Zimmerpflanzen in den Händen beidseitig an der Stuhlreihe vorbeirennen bzw. (bei im Erdgeschoss gelegenen Räumen) Bäumchen und „Bahnhofsschilder“ am Fenster vorbeitragen, andere an den Stühlen rütteln und Fahrgeräusche nachahmen, um den Entlassungskandidaten das Gefühl eines fahrenden Zuges zu geben, damit diese sich schon einmal an das Gefühl der Heimreise „gewöhnen“ konnten.

Herbststurm

Die abgeschnittenen Bandmaßschnipsel der EKs wurden dem Soldaten in persönliche Briefe, Kleidungsstücke und das Bett gelegt.

Litfaßsäule (oder Goebbelsschnauze)

Während ein Soldat (bevorzugt GUvD oder Wachsoldaten der unteren Diensthalbjahre wegen der Pflicht zum Tragen der Uniform nach Dienstschluss) von den EKs abgelenkt wurde, beispielsweise durch Schwitzkasten oder ähnliches, wurden ihm mit Kreide obszöne, schwulenfeindliche, nationalsozialistische („Heil Hitler“, Hakenkreuz) beziehungsweise die DDR oder die NVA herabwürdigende Botschaften oder aber auch nur bekannte Symbole wie ein stilisiertes weibliches Geschlechtsteil auf den Rücken geschrieben/gezeichnet, ohne dass er es merkte. Wenn der betreffende Soldat dann wenig später einem Offizier in die Hände fiel, konnte das Tragen einer solchen Botschaft (insbesondere wenn sie sich persönlich gegen einzelne Offiziere richtete) durchaus unangenehme Folgen haben.

Interflug (gelegentlich auch Aeroflot genannt)

Der Soldat musste sich mit verbundenen Augen auf einen Stubentisch knien, der Tisch wurde dann von vier Soldaten der unteren Diensthalbjahre auf Anweisung der EKs durch das gesamte Gebäude getragen, vor allem über Treppen, und dabei dem orientierungslosen Delinquenten gegenüber (nicht zuletzt durch die irreführenden Kommentare des dritten Diensthalbjahrs) der Anschein erweckt, er befände sich bereits in einem der oberen Stockwerke (meist Sanitärräume). Der Tisch wurde dann an einem Fensterbrett (allerdings im Erdgeschoss) abgestellt, das Fenster geöffnet und der verängstigte Soldat gezwungen zu springen (gelegentlich auch mit Gewalt). Durch die geringe Höhe blieb der Soldat bei seinem Interflug (nach der DDR-Airline beziehungsweise der sowjetischen Fluggesellschaft Aeroflot) meist unverletzt, allerdings litten viele noch später an Todesängsten.

Musikbox

Ein Soldat wurde in einen Spind eingeschlossen und aufgefordert, ein Lied zu singen. Er wurde erst herausgelassen, wenn er der Aufforderung Folge leistete. Mitunter wurden dabei Münzen durch die Lüftungsschlitze des Spindes eingeworfen, wie bei einer Musikbox.

Schildkröte

Stahlhelme wurden an Ellenbogen, Knie, Kopf, Bauch und Rücken eines Soldaten gebunden, der dann auf allen Vieren über den Gang (in der Regel gebohnerter und daher sehr glatter Steinfußboden) geschoben wurde. Am Ende des Ganges stieß der Soldat gegen die Wand, was unter Umständen schwere Verletzungen zur Folge haben konnte.

Staubsauger

Ein Soldat musste die Gasmaske (sowjetisches Modell mit Schlauch und Filtertrommel) aufsetzen. Dann wurde ihm kurz der Schlauch zugehalten. Eine bereitgehaltene Schaufel Kehrdreck (z. B. übrig geblieben von der letzten Stubenkontrolle) oder ein voller Aschenbecher wurde beim Öffnen des Schlauches direkt darunter gehalten. Der Soldat versuchte natürlich mit voller Kraft Luft zu atmen …

Tage abbellen

Einem Soldaten des ersten Diensthalbjahres wurde befohlen, auf den Spind zu klettern, sich auf allen vieren hinzustellen und wie ein Hündchen die verbliebenen Tage der EKs abzubellen.

Ruhen auf dem Bett als Privileg

„Sprutzen“ und selbst vielen „Zwischenschweinen“ war es bei Strafe verboten, sich nach Dienstschluss (auch Sonnabend und Sonntag) und vor der Nachtruhe auf ihr Bett zu legen, um sich auszuruhen.

Weiße Weihnacht (auch Kanadischer Winter oder P3-Fete genannt)

Die Entlassungskandidaten streuten im ganzen Korridor großflächig ATA, P3 (Scheuerpulver) oder IMI (Waschmittel) aus. Die Soldaten der niederen Diensthalbjahre mussten damit den Boden schrubben. Beim Aufwischen entstand folgendes Problem: da der Korridor nicht gesperrt wurde, verteilte sich die weiße Pampe immer wieder in zahllosen Fußabdrücken. Das Wischen dauerte somit Stunden. Wurde das Scheuerpulver erst ausgestreut und dann mit Wasser bespritzt, so bildeten sich steinharte Ablagerungen, die mit harten Gegenständen abgekratzt werden mussten. Auch das Vermischen der Reinigungsmittel mit Talkum war sehr beliebt, da das Talkum immer wieder einen weißen Film auf dem Boden hinterließ. P3 hingegen wurde großzügig verstreut und hatte bei Hinzugabe von Wasser die unangenehme Eigenschaft extrem stark aufzuschäumen, wodurch es ewig dauerte, diesen Schaum wieder zu beseitigen. Häufig wurde für diese Art Spielchen der Samstag genutzt, da er ohnehin als Reinigungstag vorgesehen war und sich nur sehr wenige Offiziere in der Kaserne aufhielten.

Deckendurchbruch

Wenn die noch zu absolvierende Dienstzeit die Deckenhöhe des Mannschaftszimmers erreichte (wobei 1 Tag = 1 cm), wurde in einigen Einheiten das „Fest“ des Deckendurchbruches gefeiert. Die „Glatten“ mussten zu Mitternacht aufstehen und ihren Stahlhelm zum „Schutz“ vor dem vermeintlichen herunterfallenden Schutt aufsetzen. Um sie wachzuhalten und zum Geradestehen zu veranlassen, wurde ihnen noch eine Kerze auf den Helm gestellt oder leicht mit flüssigem Wachs angeklebt. Der Deckendurchbruch lag in den meisten Fällen im zweiten Diensthalbjahr, wurde aber von den EKs geleitet. Dabei konnte es den Charakter einer Anerkennung der „Zwischenschweine“ annehmen und selbst von „Glatten“ als Feier der ablaufenden Dienstzeit empfunden werden.

Verbreitung

Die Verbreitung des Kultes lässt sich heute nicht mehr zuverlässig rekonstruieren, weil keine objektiven Statistiken darüber angefertigt wurden. Zudem kursierten über die Schikanen unter den Soldaten zahlreiche Moderne Sagen, die humoristische oder abschreckende Inhalte hatten. Darüber hinaus sind einige der beschriebenen Verfahren auch bei der Bundeswehr bekannt. Zweifellos wurde der Kult aber in den Landstreitkräften und auch zur See viel häufiger und ausgeprägter betrieben, in anderen Truppenteilen wie den Luftstreitkräften war er eher symbolischer Art. In der Führung der NVA wurde dies oft auf das durchschnittliche Bildungsniveau zurückgeführt, das in den Luftstreitkräften höher war, da hier spezialisierte Kräfte gebraucht wurden und bevorzugt Abiturienten und Akademiker eingezogen wurden.

Ein weiterer Grund könnte darin liegen, dass in den Landstreitkräften die Hierarchie in der unteren Ebene flacher war, also viele ähnlich hohe Dienstgrade (Soldaten, Gefreite) zusammen dienten. Bei den Luftstreitkräften war bereits auf unterer Ebene eine hohe Spezialisierung erforderlich, was dazu führte, dass die Soldaten bei ihren Aufgaben (Fallschirmspringen, Luftrettung, Luftraumüberwachung, anspruchsvolle technische Aufgaben) meist mit Unteroffizieren und Fähnrichen gleichberechtigt und konstruktiv zusammenarbeiten mussten. Sie waren stärker aufeinander angewiesen. Die Hierarchie war spitzer, d. h. es arbeiteten auf der unteren Ebene viele verschieden hohe Dienstgrade zusammen. Bei hochspezialisierter Arbeit in Aufgabengruppen war die Dienstzeit nebensächlich, weil das Ansehen Einzelner von ihrer tatsächlichen Leistungsfähigkeit und Verlässlichkeit innerhalb ihrer Gruppe bestimmt wurde, so dass der E-Kult insgesamt einen schlechteren Nährboden fand als bei den Land- oder Seestreitkräften. Maßbänder wurden oft pro forma angelegt, dann aber nicht regelmäßig abgeschnitten oder bei Entlassung in halbfertigem Zustand an jemanden weiter gegeben, der sich kein eigenes anfertigen wollte.

Ebenfalls selten vertreten war der Kult in Stabskompanien größerer Verbände (Division), in denen die Dienstgrade ebenfalls weit gestreut waren und Soldaten, Unteroffiziere, Feldwebel bis hin zu Fähnrichen Zimmer an Zimmer untergebracht waren. Je nach Truppenteil war das soziale Klima dort deutlich entspannter, weil die höheren Dienstgrade, die es auf der Stube mit den Vorschriften selbst nicht so genau nahmen und wenig kontrolliert wurden, auch den Soldaten der eigenen Kompanie, die ihre Fahrer oder Sekretäre waren, keine allzu strengen Vorschriften machten. Man war auch auf die Umsicht und Flexibilität der Soldaten angewiesen, die oft spontan und zu ungewöhnlichen Zeiten zu vielen abwechslungsreichen Diensten herangezogen wurden (Fahraufgaben, Botengänge, spontaner Tausch von Diensten mit anderen, spezielle Erledigungen usw.). Eine strenge Unterdrückung im Sinne der EK-Kultes war dort nicht nötig. Auch in Ausbildungseinrichtungen wie Unteroffiziersschulen, in denen Wehrpflichtige oder Unteroffiziere auf Zeit nur in seltenen Fällen bis zum Ende ihres Wehrdienstes verblieben, gab es kaum eine nennenswerte „EK-Bewegung“.

Häufig und ausgeprägt war der Kult in Kompanien oder Truppenteilen mit flacher Hierarchie, wo viele Soldaten mit gleichen oder sehr ähnlichen, wenig spezialisierten Aufgaben beschäftigt waren. Er war vor allem bei Infanterie (Mot.-Schützen), Wachkompanien und allen Formen der Artillerie verbreitet. Die Hauptbefehlslast lag hier auf den Unteroffizieren, die den Kult zu ihrer eigenen Entlastung tolerierten, sofern er nicht zu sichtbaren oder Aufsehen erregenden Aktionen führte. Der Druck der Soldaten/Gefreiten untereinander konnte schwere Formen annehmen.

Bei den Grenztruppen war der Kult ebenfalls weniger stark ausgebildet, da an der Grenze („Kanten“) nur zwei Diensthalbjahre zum Einsatz kamen (das erste befand sich in der Ausbildung in speziellen Einheiten abseits der Grenze). Das regelmäßige Tragen von Schusswaffen führte zu einer Disziplinierung, so dass Aktionen wie „Musikbox“ an der gesamten Grenze wohl völlig unterblieben. Außerdem achteten die Offiziere darauf, dass die EK-Bewegung minimiert wurde, um Fahnenfluchten von Drangsalierten zu verhindern.

Die EK-Bewegung wurde in einigen Fällen von Gefreiten im 3. Diensthalbjahr abgelehnt. Sie lehnten es beispielsweise ab, an herabwürdigenden Schikanen teilzunehmen und konnten sie in manchen Fällen sogar verhindern. Dies wurde von anderen EKs bis zu einem gewissen Grade geduldet, um das „Ansehen“ und die Einheitlichkeit der EKs nicht zu gefährden. Selbst in diesen Fällen nahmen diese EKs dennoch die Vorteile des EK-Status wahr, wie das Unterlassen von Reinigungsdiensten und das Ruhen auf dem Bett.

Literatur

Sachbücher

  • Udo Grashoff: „In einem Anfall von Depression…“ - Selbsttötungen in der DDR. Ch. Links, Berlin 2006, ISBN 3-86153-420-7.
  • Klaus-Peter Möller: Der wahre E. Ein Wörterbuch der DDR-Soldatensprache. Lukas Verlag, Berlin 2000, ISBN 3-931836-22-3.
  • Christian Thomas Müller: Tausend Tage bei der ‚Asche‘. Unteroffiziere in der NVA. Ch. Links, Berlin 2005, ISBN 978-3861532972.

Literarische Verarbeitungen

Einzelnachweise

  1. Zur Zusammensetzung des Kollegiums siehe Parallel History Project: Findbuch „Kollegiumsprotokolle“, Online verfügbar (Abgerufen am 21. Juli 2008)
  2. a b BA-MA Freiburg, DVW 1, 55608, Bl. 79, zitiert nach: Udo Grashoff In einem Anfall von Depression… Ch. Links, Berlin 2006.

Weblink

 Commons: Entlassungskandidat – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
  • EK-Bewegung in der NVA - eine apologetische Beschreibung des Themas durch einen ehemaligen Berufsoffizier der NVA, der als technischer Offizier in der Teilstreitkraft LSK/LV wenig mit der EK-Bewegung in Berührung kam.

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