Erich von Drygalski

Erich von Drygalski
Erich Dagobert von Drygalski zwischen 1900 und 1920

Erich Dagobert von Drygalski (* 9. Februar 1865 in Königsberg; † 10. Januar 1949 in München) war ein deutscher Geograph, Geophysiker und Polarforscher.

Inhaltsverzeichnis

Leben

Mit 17 Jahren begann Drygalski 1882 ein Studium der Mathematik und Physik in Königsberg. Bereits nach einem Semester wechselte er zur Geographie an der Universität Bonn, um die Vorlesungen von Ferdinand von Richthofen zu hören. Er folgte seinem Lehrer an die Universitäten von Leipzig und Berlin. Sein Studium schloss er 1887 ab mit der Dissertation „Die Geoid-Deformation der Eiszeit“, einer Studie über die Eisbedeckungen nordischer Regionen. Zwischen 1887 und 1891 war er Assistent am Geodätischen Institut und Zentralbüro der internationalen Erdmessung in Berlin.

Drygalski leitete von 1891 bis 1893 zwei von der Berliner Gesellschaft für Erdkunde ausgerüstete Expeditionen nach Westgrönland, die große Aufmerksamkeit erregten. Mit seinen Forschungsergebnissen habilitierte er sich 1898 für Geographie und Geophysik, und noch im gleichen Jahr wurde er von der „Deutsche Kommission für Südpolarforschung“ zum Leiter der ersten deutschen Antarktisexpedition bestimmt. 1898 wurde er Dozent und 1899 außerordentlicher Professor für Geographie und Geophysik in Berlin. Von 1901 bis 1903 leitete Drygalski die erste deutsche Südpolarfahrt, die Gauß-Expedition. 1906 folgte er einem Ruf nach München, wo er eine Professur für Erdkunde und Geophysik an nahm und bis zu seiner Emeritierung ausübte. Dort war er auch Mitglied des Geographischen Gesellschaft. Er gründete das Geographische Institut und war dessen Leiter bis zu seinem Tod. Drygalski heiratete 1907 und wurde Vater von vier Töchtern. 1910 nahm von Drygalski unter der Leitung von Graf Zeppelin an einer Expedition nach Spitzbergen teil. 1934 ging er in den Ruhestand. Erich von Drygalski starb am 10. Januar 1949 in München. Sein Grab liegt auf dem Friedhof von Partenkirchen.[1] Heute erinnern eine Straße im Süden von München, die Drygalskiallee, und ein Archiv in der Münchener Ludwig-Maximilians-Universität an seine wissenschaftlichen Leistungen. Die Drygalskistraße in Berlin-Dahlem im Bezirk Steglitz-Zehlendorf trägt seit etwa 1910 seinen Namen[2].

Die erste deutsche Südpolarexpedition

Die im Eis eingeschlossene „Gauß“ am 29. März 1902.
Dieses aus einem Fesselballon aufgenommene Foto ist das erste in der Antarktis gemachte Luftbild.

Von 1901 bis 1903 fand unter der Leitung von Drygalski die Gauß-Expedition statt, die erste deutsche Forschungsreise in die Antarktis. Die 32 Teilnehmer, darunter fünf Wissenschaftler (neben Drygalski: Friedrich Bidlingmaier (1875–1914, Erdmagnetik und Meteorologie), Hans Gazert (1870–1961, ärztliche und bakteriologische Arbeiten), Emil Philippi (1871–1910, geologische und chemische Untersuchungen), Ernst Vanhöffen (1858–1918, Botanik und Zoologie)), gingen an Bord der „Gauß“, ein Forschungsschiff, das eigens für diese Expedition gebaut worden war. Entgegen dem Sprachgebrauch wurde das Schiff als der „Gauß“ bezeichnet.

Am 11. August 1901 stach die Expedition von Kiel aus in See und erreichte am 22. November Kapstadt an der Südspitze Afrikas. Am 7. Dezember wurde die Fahrt fortgesetzt, und am 21. Februar 1902 erstmals unbekanntes Land gesichtet. Nach dem deutschen Kaiser erhielt es den Namen Kaiser-Wilhelm-II.-Land. Bereits am nächsten Tag traf das Schiff auf festes Scholleneis, das ein weiteres Vorwärtskommen sehr erschwerte. Wenig später, am 1. März, wurde das Schiff endgültig vom Eis eingeschlossen und fast ein Jahr etwa 50 Meilen vor der Küste festgehalten. Durch die abgerundete Form des Rumpfes (ähnlich der des norwegischen Polarforschungsschiffs „Fram“) wurde das Schiff vom Eis jedoch nicht zerdrückt sondern angehoben.

Die Route der von Drygalski geleiteten Gauß-Expedition (rot markiert

Die Zeit der erzwungenen Unbeweglichkeit wurde für intensive Forschungstätigkeiten genutzt. Viele meteorologische und zoologische Daten und Beobachtungen wurden gesammelt, die später einen insgesamt 22-bändigen Expeditionsbericht füllten. Mit Schlitten wurden sieben Reisen in die Umgebung unternommen, und mit Hilfe eines mit Wasserstoff gefüllten Fesselballons konnte auch der weitere Umkreis beobachtet werden. Bei seinem einzigen Aufstieg am 29. März mit Drygalski an Bord erreichte der Ballon eine Höhe von etwa 500 Metern. Dabei wurde nahe der Küste auch eine dunkle Erhebung gesichtet und zum Ziel einer Erkundungsfahrt. Die Wissenschaftler entdeckten in etwa 80 Kilometer Entfernung einen erloschenen Vulkan, den sie den Namen „Gaußberg“ gaben, und vermaßen seine Höhe mit 371 Metern.

Da das Eis das eingeschlossene Schiff auch im antarktischen Frühling des folgenden Jahres nicht freigab, streute die Besatzung mehrfach Asche in den Bereich zwischen der „Gauß“ und der Eiskante. Die dunkle, das Sonnenlicht absorbierende Ascheschicht schmolz eine Fahrrinne von zwei Metern Tiefe in das Eis. Die „Gauß“ kam am 8. Februar 1903 frei und erreichte am 16. März wieder das freie Wasser. Eine zweite Überwinterung war nicht möglich und darum auch kein weiteres Vordringen nach Süden. Daher ordnete Drygalski einen nördlichen Kurs an, und am 9. Juni traf die „Gauß“ wieder in Kapstadt ein. Da die deutsche Regierung die Mittel für eine weitere Überwinterung nicht bewilligte, trat die Expedition die Heimreise an und erreichte Kiel am 23. November 1903.

Auf den Kerguelen arbeitete parallel zur Hauptexpedition eine geomagnetische und meteorologische Beobachtungsstation in der Baie de l’Observatoire („Beobachtungsbucht“). Diese sammelte Vergleichsdaten für die auf der „Gauß“ erfolgenden Beobachtungen. Die dort tätige Gruppe bestand aus den Wissenschaftlern Josef Enzensperger (Meteorologe), Karl Luyken (Geomagnetiker) und Emil Werth (Botaniker), sowie den Matrosen Urbansky und Wienke.

Die Gauß-Expedition brachte der Wissenschaft zahlreiche neue Erkenntnisse über eine bis dahin nahezu unerforschte Region der Erde und war daher insgesamt ein großer wissenschaftlicher Erfolg. Kaiser Wilhelm II. war jedoch unzufrieden, denn die deutsche Expedition drang nur bis 66°2' südlicher Breite vor, während die Expedition der Briten 82°17' südliche Breite erreicht hatte. An einem „Wettlauf zum Pol“ mochte Drygalski sich nach seiner Rückkehr jedoch nicht beteiligen. Gegenüber seinen Mitarbeitern soll er geäußert haben: „Für die Polarforschung ist es unerheblich, wer als erster am Pol steht“. Die „Gauß“ wurde später nach Québec in Kanada verkauft und für eine Nordpolfahrt genutzt.

Impression aus dem Drygalski-Fjord, Südgeorgien

Der zur selben Zeit in den antarktischen Gewässern fahrende britische Polarforscher Robert Falcon Scott benannte 1902 die Drygalski-Eiszunge nach dem Deutschen. Im Königin-Maud-Land trägt der Gebirgszug der Drygalskiberge seinen Namen[3], und in Südgeorgien gibt es im Süden der Insel den Drygalski-Fjord. 1912 sichtete die Australasiatische Antarktisexpedition unter Leitung von Douglas Mawson vor der Küste Ostantarktikas eine Insel, die sie Drygalski-Insel nannte.[4] Die Bucht Bras Enzensperger auf den Kerguelen ist nach dem bei der Expedition 1903 dort verstorbenen Meteorologen und Bergsteiger Josef Enzensperger benannt.

Auszeichnungen (Auswahl)

  • 1904 erhielt Drygalski die Goldene Gustav-Nachtigal-Medaille in Anerkennung seiner Leistungen als Leiter der 1. deutschen Antarktisexpedition
  • 1933 wurde er von der Gesellschaft für Erdkunde zu Berlin – gemeinsam mit Alfred Philippson und Sven Hedin – mit der Goldenen Ferdinand-von-Richthofen-Medaille ausgezeichnet.

Werke

  • Grönland-Expedition der Gesellschaft für Erdkunde zu Berlin 1891-1893, 2 Bde., Kühl, Berlin 1897
  • Zum Kontinent des eisigen Südens, Verlag Georg Reimer, Berlin, 1904
  • (Hrsg.): Die Deutsche Südpolar-Expedition 1901–1903 im Auftrage des Reichsamtes des Innern., 20 Bde. und 2 Atlanten. Berlin, 1905–1931
  • Die Deutsche Südpolarexpedition. 15 Bände und 3 Atlanten. Berlin, 1915
  • Erich von Drygalski und Fritz Machatschek: Gletscherkunde. Wien, Deuticke, 1942.

Weblinks

Einzelnachweise

  1. Gerd Otto-Rieke: Gräber in Bayern. München 2000.S.28.
  2. Berliner Stadtplanarchiv, Stand 20. Dezember 2008
  3. Brunk, K. (1986): Kartographische Arbeiten und deutsche Namengebung in Neuschwabenland, Antarktis. Dt. Geodät. Kommission, Reihe E, 24/I, 1-24.
  4. Geographic Names of Antartica, United States Board on Geographic Names 1956, S. 111 (abgerufen am 16. Oktober 2011)

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