Ernst Klee


Ernst Klee

Ernst Klee (* 15. März 1942[1] in Frankfurt am Main) ist ein deutscher Investigativjournalist und Schriftsteller. Er wurde bekannt durch seine Aufdeckung von bisher unbekannten Medizinverbrechen des Nationalsozialismus, insbesondere im Zusammenhang mit der Aktion T4.

Inhaltsverzeichnis

Leben

Klee machte zuerst eine Lehre als Sanitär- und Heizungstechniker, danach holte er das Abitur nach und studierte Theologie und Sozialpädagogik.

In den 1970er Jahren befasste er sich als Journalist mit gesellschaftlich ausgegrenzten Gruppen wie Obdachlosen, Psychiatriepatienten und behinderten Menschen. In dieser Zeit arbeitete er mit Gusti Steiner zusammen, der damals den Grundstock für die bundesdeutsche emanzipatorische Behindertenbewegung legte.

Für das Buch Auschwitz, die NS-Medizin und ihre Opfer erhielt er 1997 den Geschwister-Scholl-Preis. Der Historiker Michael Burleigh urteilte, das Buch liefere „zahlreiche neue Erkenntnisse“ und stelle „zweifellos die bislang bedeutendste Untersuchung zur Rolle der Medizin im Dritten Reich“ dar.[2]

Die Stadt Frankfurt am Main ehrte Klee 2001 für das Buch Deutsche Medizin im Dritten Reich. Karrieren vor und nach 1945 mit der Goetheplakette. In der Begründung heißt es, Klees Gesamtwerk sei „geeignet, bürgerliche Freiheit, moralischen und intellektuellen Mut zu fördern und dem Gegenwartsbewusstsein wichtige Impulse zu geben“.

Mit seinem „Personenlexikon zum Dritten Reich“ sei Klee „ein Standardwerk gelungen“, lobte Willi Jasper.[3] Darin versucht Klee personelle Kontinuitäten zwischen dem Dritten Reich und dem Nachkriegsdeutschland aufzuzeigen.

Klees Einsatz für die Belange behinderter Menschen war ausschlaggebend dafür, dass sich die vormalige Westfälische Schule für Körperbehinderte in Mettingen im Jahr 2005 ihm zu Ehren in Ernst-Klee-Schule umbenannte.

Klee schreibt für die Wochenzeitung Die Zeit. Zwischen 1974 und 1995 erschienen von ihm dort 27 Artikel.[4] Exemplarisch sei auch auf die 2003 publizierte Kritik an der Beschönigung von Nazi-Karrieren in der DBE verwiesen[5] oder auf seine Darstellung vom Verhältnis deutscher Künstler zu den Vernichtungslagern.[6] Zeit-Redakteur Karl-Heinz Janßen würdigte Ernst Klee: „Auch die Zeitgeschichtsforschung ließ dieses Thema [Medizinverbrechen in der NS-Zeit] links liegen; […] wäre da nicht der freie Journalist Ernst Klee gewesen, der sich die Mühe macht, Tausende von Prozessakten zu lesen und die Anstaltsarchive zu durchwühlen, wüsste man heute fast nichts über eine der schauerlichsten Untaten dieses Jahrhunderts.“[7]

Auszeichnungen (Auszug)

Werke (Auswahl)

als Autor

  • Wege und Holzwege. Evangelische Dichtung des 20. Jahrhunderts. Stelten Verlag, Bremen 1969.
  • Die im Dunkeln … Sozialreportagen. Patmos-Verlag, Düsseldorf 1971 (Dokumente und Manifeste).
  • Fips schafft sie alle. Schwann, Düsseldorf 1972, ISBN 3-508-00206-3 (illustriert von Bettina Anrich-Wölfel).
  • Knast-Reportagen. Laetare-Verlag, Stein bei Nürnberg 1973, ISBN 3-7839-0057-3.
  • Randgruppenpädagogik. Grundlagen zum Umgang mit Randgruppen, Aussenseitern und Gestörten. Patmos-Verlag, Düsseldorf 1974, ISBN 3-491-00399-7 (Topos-Taschenbücher; 9).
  • Gastarbeiter-Reportagen. Laetare-Verlag, Stein bei Nürnberg 1973, ISBN 3-7839-0044-1 (Übersetzung der griech. Texte durch Homeros Anagnostidis).
  • Der Zappler. Der körperbehinderte Jürgen erobert seine Umwelt; ein grosses wagemutiges Abenteuer. 3. Aufl. Schwann, Düsseldorf 1981, ISBN 3-590-37102-1 (illustriert von Bettina Anrich-Wölfel).
  • Behindertsein ist schön. Unterlagen zur Arbeit mit Behinderten. Patmos-Verlag, Düsseldorf 1974, ISBN 3-491-00436-5 (Topos-Taschenbücher; 25).
  • Behinderten-Report. Fischer-Taschenbuch-Verlag, Frankfurt/M. 1974 ff. (Informationen zur Zeit).
  1. Behinderten-Report. 1979, ISBN 1974, ISBN 3-436-01807-4.
  2. „Wir lassen uns nicht abschieben“. Bewußtwerdung und Befreiung der Behinderten. 1979, ISBN 3-596-21747-4.
  • Miteinander leben. Behinderte unter uns. Evangelische Akademie, Bad Boll 1976 (Aktuelle Gespräche; 2).
  • Der Schrotthaufen der Menschlichkeit. Ein Lesebuch zur sozialen Wirklichkeit in der Bundesrepublik Deutschland; Reports und Reportagen. Patmos-Verlag, Düsseldorf 1976, ISBN 3-491-77438-1.
  • Gefahrenzone Betrieb. Verschleiß und Erkrankung am Arbeitsplatz. Fischer-Taschenbuch-Verlag, Frankfurt/M. 1977, ISBN 3-596-21933-7 (Informationen zur Zeit).
  • Sozialprotokolle. Wie wir leben, wie wir sterben; Lehrstücke zum Umgang mit Menschen. Patmos-Verlag, Düsseldorf 1978, ISBN 3-491-77392-X.
  • Psychiatrie-Report. Neuaufl. Fischer-Taschenbuch-Verlag, Frankfurt/M. 1981, ISBN 3-596-22026-2 (Informationen zur Zeit).
  • Pennbrüder und Stadtstreicher. Nichtsesshaften-Report. Neuaufl. Fischer-Taschenbuch-Verlag, Frankfurt/M. 1981, ISBN 3-596-24205-3 (Informationen zur Zeit).
  • Gottesmänner und ihre Frauen. Geschichten aus dem Pfarrhaus. Fischer-Taschenbuch-Verlag, Frankfurt/M. 1980, ISBN 3-596-26402-2.
  • Behindert. Über die Enteignung von Körper und Bewusstsein; ein kritisches Handbuch. Fischer-Taschenbuch-Verlag, Frankfurt/M. 1987, ISBN 3-596-23860-9.
  • „Euthanasie“ im NS-Staat. Die „Vernichtung lebensunwerten Lebens“. Neuaufl. Fischer-Taschenbuch-Verlag, Frankfurt/M. 2010, ISBN 978-3-596-18674-7 (Fischer - Die Zeit des Nationalsozialismus).
  • Was sie taten – was sie wurden. Ärzte, Juristen und andere Beteiligte am Kranken- oder Judenmord. 12. Aufl. Fischer-Taschenbuch-Verlag, Frankfurt/M. 2004, ISBN 3-596-24364-5 (Fischer - Die Zeit des Nationalsozialismus).
  • Heinrich Kratzmeier (Hrsg.): Querschnittgelähmt – kein Leben vor dem Tod? Hilfen für eine positive Antwort. Mit einer Anzeige von Claudio Kürten. Verlag für Medizin Fischer, Heidelberg 1987, ISBN 3-88463-100-4 (Hilfe zur Selbsthilfe; 6).
  • „Die SA Jesu Christi“. Die Kirchen im Banne Hitlers. Neuaufl. Fischer-Taschenbuch-Verlag, Frankfurt/M. 1990, ISBN 3-596-24409-9.
  • „Durch Zyankali erlöst“. Sterbehilfe und Euthanasie heute. Fischer-Taschenbuch-Verlag, Frankfurt/M. 1990, ISBN 3-596-10225-1.
  • Persilscheine und falsche Pässe. Wie die Kirchen den Nazis halfen. Fischer-Taschenbuch-Verlag, Frankfurt/M. 1991, ISBN 3-596-10956-6.
  • „Euthanasie“ im Nationalsozialismus. Dachs-Verlag, Wien 1994, ISBN 3-224-12971-9 (Zeitgeschichte; Bd. 21, Heft 5/6).
  • Eine feine Gesellschaft. Soziale Wirklichkeit Deutschland. Patmos-Verlag, Düsseldorf 1995, ISBN 3-491-72336-1.
  • Auschwitz, die NS-Medizin und ihre Opfer. Fischer-Taschenbuch-Verlag, Frankfurt/M. 2001, ISBN 3-591-14906-1 (Fischer - Die Zeit des Nationalsozialismus).
  • Deutsche Medizin im Dritten Reich. Karrieren vor und nach 1945[8]. Fischer-Taschenbuch-Verlag, Frankfurt/M. 2001, ISBN 3-10-039310-4.
  • Das Personenlexikon zum Dritten Reich. Wer war was vor und nach 1945?[9]. 3. Aufl. Fischer-Taschenbuch-Verlag, Frankfurt/M. 2011, ISBN 978-3-596-16048-8.
  • Das Kulturlexikon zum Dritten Reich. Wer war was vor und nach 1945[10]. Vollständig überarbeitete Ausg. Fischer-Taschenbuch-Verlag, Frankfurt/M. 2009, ISBN 978-3-596-17153-8 (mit 3600 Einträgen).

als Herausgeber

  • Thema Knast. Stelten Verlag, Bremen 1969.
  • Prügelknaben der Gesellschaft. Häftlingsberichte. Patmos-Verlag, Düsseldorf 1971, ISBN 3-491-00318-0 (Dokumente und Manifeste).
  • Die Nigger Europas. Zur Lage der Gastarbeiter. Eine Dokumentation. 2. Aufl. Patmos-Verlag, Düsseldorf 1971, ISBN 3-491-00287-7.
  • Gastarbeiter. Analysen und Berichte. Suhrkamp, Frankfurt/M. 1972.
  • Die armen Irren. Das Schicksal der seelisch Kranken. Patmos-Verlag, Düsseldorf 1972, ISBN 3-491-00361-X.
  • Resozialisierung. Ein Handbuch zur Arbeit mit Strafgefangenen und Entlassenen. Claudius-Verlag, München 1973, ISBN 3-532-61808-7.
  • Behinderte im Urlaub? Das Frankfurter Urteil; eine Dokumentation. Fischer-Taschenbuch-Verlag, Frankfurt/M. 1980, ISBN 3-596-24229-0 (Informationen zur Zeit).
  • Dokumente zur „Euthanasie“. Neuaufl. Fischer-Taschenbuch-Verlag, Frankfurt/M. 1986, ISBN 3-596-24327-0.
  • „Schöne Zeiten“. Judenmord aus der Sicht der Täter und Gaffer. S. Fischer, Frankfurt/M. 1988, ISBN 3-10-039304-X.
  • „Gott mit uns“. Der deutsche Vernichtungskrieg im Osten 1939–1945. S. Fischer, Frankfurt/M. 1989, ISBN 3-10-039305-8 (zusammen mit Willi Dressen und Volker Riess).

Film-Dokumentation

  • Die Hölle von Ückermünde. Psychiatrie im Osten. Reportage, 43 Min., Buch und Regie: Ernst Klee, Produktion: ARD, Erstsendung: 1993
    Diese Reportage wurde 1993 in der ARD ausgestrahlt. In 43 Minuten wird am Beispiel zweier Anstalten in den neuen Bundesländern die Entwicklung der Psychiatrie „im Jahre 3 nach der Wiedervereinigung“ gezeigt. Ein Prüfstein für die gesamte Psychiatrie und Behindertenhilfe bis heute. Der Film zeigt einen schockierenden Umgang mit behinderten Menschen. Dabei bedient sich die Kommentierung der Sicht der Betroffenen. 50 Jahre nach der Euthanasie in Deutschland erinnert diese Dokumentation erneut daran. Im Rahmen der Psychiatrie-Kritik nimmt Klees Dokumentation eine gleich hohe Bedeutung ein neben den Spielfilmen Freaks, „Shock Corridor“ und Einer flog über das Kuckucksnest.

Einzelnachweise

  1. Doderer II (1984), 220f.
  2. M. Burleigh: Menschen als Versuchskaninchen. In: Die Zeit, 22. August 1997
  3. W. Jasper: Die Gehilfen des Massenmords. Mehr als ein „Who’s who“ des „Dritten Reiches“. Ernst Klee ist ein Standardwerk gelungen. In: Die Zeit Nr. 44/2003 vom 23. Oktober 2003
  4. „50 Jahre Berichterstattung über NS-Verbrechen von Ärzten in SPIEGEL und ZEIT“, Diplomarbeit 1997
  5. „DBE: Von deutschem Ruhm“, Die Zeit, 25. September 2003, Nr. 40
  6. „Heitere Stunden in Auschwitz“, in: Die Zeit, Nr. 5, 25. Januar 2007
  7. „Der Essener Kindermord“, Die Zeit, 27. Februar 1987
  8. Rezension, Die Zeit, Nr. 44, 2001
  9. Rezension, Die Zeit, 23. Oktober 2003
  10. Rezensionen «Das Kulturlexikon zum Dritten Reich»: Esteban Engel: „Über ‚Gottgegnadete‘“, dpa 7. März 2007
    und Fritz J. Raddatz: „Alphabet der Schändlichkeit“, Die Zeit, 1. März 2007, Nr. 10, Seite 54

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