Experten-Laien-Konflikt


Experten-Laien-Konflikt

FAKKEL ist ein Merkkürzel (in Gestalt eines Akronyms) eines für die Katastrophensoziologie entwickelten und ganze Gesellschaften (makrosoziologisch) einbeziehenden Prozessmodells, mit dem sechs langfristige soziale „Stadien“ bezeichnet werden - beginnend mit einem Stadium der „Friedensstiftung“ innerhalb einer Gesellschaft (in dem die Gefahr von Katastrophen am geringsten ist, weil gerade eine einschneidende Notlage gründlich behoben worden ist), über den Aufbau dieser Gefahr (die Katastrophengenese), den Katastrophendurchlauf selber, endend mit den Katastrophenfolgen. Es wurde erstmals 1983 von Lars Clausen publiziert.[1]

Inhaltsverzeichnis

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Das zentrale analytische Merkmal des FAKKEL-Prozesses ist der soziale Konflikt in der Experten-Laien-Kommunikation, d. h. die (im Katastrophenfall fatale) Trennung und dann immer feindseligere Auseinanderentwicklung der Subkultur der Fachleute („Experten“) von der übrigen Bevölkerung (den „Laien“).

Zur Darstellung dienen Figurationen des sozialen Wandels, die in den drei sozialen Dimensionen

  1. der „Radikalität“ - vom schwachen zum starken Wandel reichend,
  2. der „Rapidität“ - von verlangsamtem bis beschleunigten Wandel reichend - und
  3. der „Ritualität“ - vom realistisch bis magisiert bemeistertem Wandel reichend

modelliert sind.[2] Die „Katastrophe“ selbst liegt in jeder Dimension im Extrembereich, d. h. sie ist extrem gründlich (radikal), beschleunigt (rapide) und dämonisiert (magisiert).

Die Stadien F-A-K-K-E-L

Die sechs Stadien sind

  1. die "Friedensstiftung" - eine einschneidende Notlage ist behoben worden, der soziale Wandel dorthin ist gründlich, schnell und realistisch gewesen, Experten und Laien sind Verbündete;
  2. die "Alltagsbildung", noch unterteilt in „Institutionalisierung“ und „Routinisierung“ - ein infolge dessen unnötig erscheinender und sehr langsamer neuer sozialer Wandel, aber die Expertenrolle etabliert sich mit zunehmendem Abstand von der Friedensstiftung abgesondert von den Laien, d. h. die Gesellschaft magisiert sich ,
  3. die "Klassenformation" - das „Experten-Laien-Syndrom“ - radikalisiert sich, d. h. beide Subkulturen trennen sich voneinander, zunehmend verächtlich (Experten gegenüber Laien) bzw. misstrauisch (umgekehrt), so dass sich neuartige Katastrophenmöglichkeiten unbemerkt aufbauen;
  4. der "Katastropheneintritt" - neuartige Katastrophen treten also unvermutet (rapide) ein;
  5. das "Ende aller Sicherheit" - die soziale Entnetzung greift um sich, die Experten haben alles Vertrauen verloren, aufs Ganze werden die Laien notgedrungen zu kurzsichtig fortwurstelnden und anomischen 'Katastrophenrealisten', das unterbindet weiteren gesamtgesellschaftlichen Wandel, seine Radikalität geht also zurück;
  6. die "Liquidation der Werte", bei praktisch missachteten und nun in Vergessenheit geratenden alten Werthaltungen wird der verzweifelte Zustand stationär, Verlangsamung des Wandels. Die Gesellschaft geht in der Folge unter, teilt sich, schließt sich anderen Gesellschaften (Invasoren) an oder findet doch eine eigne ‚Lösung‘ (= neue „Friedensstiftung“).

Wichtig ist: "Die sechs Stadien folgen nach diesem Modell nicht zwangsläufig aufeinander."[3] Sie sind von den sechs operativen Phasen des Katastrophenschutzes zu unterscheiden, die im Stadium 4 anlaufen (vgl. das Modell LIDPAR).

Anmerkungen

  1. Übergang zum Untergang. Skizze eines makrosoziologischen Prozeßmodells der Katastrophe, in: Lars Clausen, Wolf R. Dombrowsky (Hrsg.): Einführung in die Soziologie der Katastrophen, Zivilschutzforschung, Bd. 14, Bonn 1983, S. 41–79.
  2. Lars Clausen, Tausch, Kösel, München 1978
  3. Clausen 2003, S. 62 et passim

Literatur

  • Lars Clausen, Reale Gefahren und katastrophensoziologische Theorie, in: Lars Clausen, Elke M. Geenen, Elísio Macamo (Hrsg.), Entsetzliche soziale Prozesse, Lit-Verlag, Münster 2003, ISBN 382586832X
  • Elke M. Geenen, FAKKEL. Ein katastrophensoziologisches Prozeßmodell, in: Wolf R. Dombrowsky, Ursula Pasero (Hgg.), Wissenschaft, Literatur, Katastrophe, Westdeuschter Verlag, Opladen 1995, S. 176-186

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