Failing States

Failing States

Als Schwacher Staat werden Regime in der Dritten Welt, vor allem Afrika, bezeichnet, die aufgrund ihrer Finanzpolitik und Verwaltung nicht in der Lage oder nicht Willens sind, von der Bevölkerung als legitim betrachtete, dem Gemeinwohl dienende Entscheidungen zu treffen und/oder in ihrem Staatsgebiet das Gewaltmonopol aufrechtzuerhalten.

Nachdem sich in den 1960er und 70er Jahren nur in wenigen Entwicklungsländern demokratische Regime gegenüber putschenden Armeen durchsetzen konnten, wurde seit Beginn der 80er Jahre der Staat von Entwicklungs- und Modernisierungstheoretikern ins Zentrum der Diskussion gerückt. Während Liberale die wirtschaftliche Unterentwicklung anfangs durch übermächtig gewordene Staatsapparate erklärten, die für das Abwürgen freier, privatwirtschaftlicher Entwicklung verantwortlich seien, und man schon Diktaturen als Staatsmodell für die Dritte Welt befürchtete, kam die politikwissenschaftliche Forschung zu dem Ergebnis, dass die meisten dieser Regime auch politisch-institutionell unterentwickelt waren. In den 1990er Jahren wurde der Begriff der Gescheiterten Staaten für besonders schwache Staaten geprägt, die nun auch als Gefahrenquelle für die internationale Gemeinschaft erkannt wurden (Flüchtlingsbewegung, Terrorismus).

Inhaltsverzeichnis

Entwicklungsgeschichte schwacher Staaten

In den nachkolonialen Staaten bildete der starke Staat (v.a in Ost- und Südostasien), der repressiv war und die wirtschaftliche Entwicklung vorantrieb, die Ausnahme. In den übrigen Entwicklungsländern existierten unterschiedlichste autokratische Regime, deren Fähigkeit zur Repression zwar stark, die entwicklungspolitisch aber sehr schwach waren. Während die Länder Lateinamerikas auf eine längere Entwicklungsgeschichte zurückblicken konnten und ein differenziertes Institutionengefüge besitzen, die Golfstaaten mit ihren feudalistischen Monarchien auch eine gewisse Stabilität aufwiesen, zeigten sich die kolonialen Staatsschöpfungen in Afrika als besonders anfällig. Auch in einigen GUS-Ländern besteht die Problematik eines schwachen Staatsapparates.

Eigenschaften schwacher Staaten

Die nachkolonialen Regime, vor allem in Afrika, blieben zumeist ihren kolonialen Vorläufern treu und fungierten primär als Herrschafts- und Abschöpfungsapparate. Militär- und Polizeiapparate wurden aufgebläht und der Aufbau einer Entwicklungsverwaltung nicht energisch genug vorangetrieben. Darüber hinaus wurden die untergeordneten Verwaltungsebenen zugunsten zentralstaatlicher Bürokratien geschwächt. Ein Großteil der Finanzen wird dabei für Personal und den laufenden Betrieb eingesetzt, für Entwicklung aus eigenen Quellen bleibt nichts übrig. Die Vernachlässigung der eigenen Entwicklungsaufgaben und den somit fehlenden Verwaltungskompetenzen in dieser Hinsicht führt dazu, dass auch fremde Entwicklungsgelder nicht sachgemäß bearbeitet und weitergeleitet werden (können). Darüber hinaus sind vier Eigenschaften schwacher Staaten zu konstatieren.

„Der Staat ist schwach, weil er arm ist; er ist aber auch arm, weil er schwach ist.“[1] Von den armen Bevölkerungsschichten können keine Steuern eingetrieben werden, während die Einkommen von Habenden durch die schlecht organisierte Finanzverwaltung nur lückenhaft erfasst, oder aufgrund von Korruption zu gering besteuert werden. Ausländische Unternehmen können aufgrund der ökonomischen Abhängigkeit der Regime von ihren Investitionen meist Steuervergünstigungen aushandeln. Das Ausweichen auf andere Steuerquellen ist mit großen entwicklungspolitischen Nachteilen verbunden. Indirekte Konsumsteuern belasten insbesondere die Armen, hohe Zölle führen meist nur zu erhöhtem Schmuggel über schwer zu überwachende Grenzen und das Abschöpfen der kleinen Gewinne der Bauern über das Instrument staatlich vorgeschriebener Preise sichert zwar die Nahrungsmittelversorgung der städtischen Bevölkerung, nimmt den Bauern aber den Anreiz, ihre Produktion zu erhöhen.

Schwache Staaten haben zumeist auch einen Mangel an qualifiziertem Verwaltungspersonal. Selbst wenn, wie in Asien und Lateinamerika, genügend ausgebildete Personen vorhanden sind, führt die häufige Auswahl nach Klientelverhältnissen (beispielsweise Verwandte, Geschäftspartner) statt nach Können zu ineffizienten Verwaltungsabläufen. Auch der häufig schlechte Zustand der Infrastruktur (Straßen, Telefon) und Sprachschwierigkeiten tragen zur mangelnden Durchsetzungsfähigkeit des Staates bei.

Schwach sind die Staaten ferner hinsichtlich ihrer Verhandlungsposition gegenüber Erpressungsdruck aus In- und Ausland, besonders in Bezug auf ausländische Investitionskapital- und Kreditgeber. Diese Wehrlosigkeit des Staates gegenüber Partialinteressen kennzeichnet man auch gelegentlich mit dem Wort Bananenrepublik.

Die „Bürokratien sind nicht modern“, im Weber'schen Sinne. Statt nach rationalen, sachbezogenen Organisationsregeln zu arbeiten, ist der schwache Staat in ein Gestrüpp aus persönlichen und ethnischen Klientel- und Patronagebeziehungen eingebunden. Er wird zur Beute von Machtgruppen, die den Staat benutzen, um ihre Privatinteressen gegenüber gemeinwohlorientierten Entscheidungen durchzusetzen. Wenn dieses Phänomen besonders ausgeprägt ist, bezeichnet man ein solches politisches System auch gelegentlich als Kleptokratie. Die Herrschaftsform solcher Staaten wird auch als Neopatrimonialismus bezeichnet.

Besonders schwache Staaten: Gescheiterter Staat

Der Begriff des Gescheiterten Staates (engl. failed state) ist zwar wissenschaftlich kontrovers, aber dennoch in der politischen Debatte seit den 1990er Jahren prominent. Er bezeichnet einen schwachen Staat, in dem die Zentralregierung in zunehmendem Maße die Kontrolle über große Teile des eigenen Territoriums verliert. Häufig finden sich in solchen Staaten eine weit verbreitete Kriminalität, bewaffnete Konflikte oder schwere humanitäre Krisen. Diese können auch die Stabilität der Nachbarstaaten bedrohen.

Allerdings ist es schwer klar festzulegen, wann ein Staat sein Gewaltmonopol nicht mehr auszuüben vermag. Deshalb gründete die US-Regierung 1994 auf Anraten von Vizepräsident Al Gore die State Failure Task Force. Laut diesem Expertenzirkel zeichnet sich ein staatlicher Zusammenbruch durch folgendes aus:

  1. Revolutionskriege: Aufständische wollen die Zentralregierung entmachten.
  2. Völkermord und politische Morde: durch den Staat selbst oder durch von ihm gedeckte Gruppen
  3. zerstörerische Regimewechsel: plötzliche Veränderungen im Regierungsverhalten, hohe Instabilität und Verstärkung repressiver, autoritärer Regierungsmethoden.
Gescheiterte Staaten 2006 (2005)
aus Foreign Policy
  1. Sudan (3)
  2. DR Kongo (2)
  3. Elfenbeinküste (1)
  4. Irak (4)
  5. Simbabwe (15)
  6. Tschad (7)
  7. Somalia (5)
  8. Haiti (10)
  9. Pakistan (34)
  10. Afghanistan (11)

siehe Weltkarte
und Ländertabelle

Die US-amerikanische Zeitschrift Foreign Policy stellt jährlich einen Index der Gescheiterten Staaten zusammen, der sich auf zwölf Faktoren stützt: starkes Bevölkerungswachstum, große Flüchtlingsbewegungen, Racheabsichten verfeindeter Gruppen, ungleich verteiltes ökonomisches Wachstum und Teilhabe entlang (ethnischer) Gruppenzugehörigkeiten, starke Verluste an Wirtschaftskraft, zunehmende Kriminalisierung und folgende Delegitimation des Staates, voranschreitender Verfall der öffentlichen Dienstleistungen und Verwaltungstätigkeiten, weit verbreitete Menschenrechtsverletzungen, der Sicherheitsapparat wird zum Staat im Staate, Zersplitterung der Eliten und Interventionen durch andere Staaten.

Aus den Erfahrungen der letzten Jahrzehnte ergeben sich bestimmte Gemeinsamkeiten zusammenbruchgefährdeter Staaten:

  1. Einzelne Bevölkerungsteile sind verfeindet.
  2. Ausbeutung der eigenen Bevölkerung durch das Regime (z.B. Mobutu-Regime in Kongo)
  3. Regionen an der Peripherie des Staatsgebiets können nicht überwacht werden.
  4. Gewalttätige Übergriffe auf die Bevölkerung werden nicht vom Staat unterbunden. Die vom einfachen Volk als Alternative auserkorenen Warlords oder Stammesinstitutionen bieten oft weniger Schutz als erhofft und hebeln jede rechtsstaatliche Willkürkontrolle aus.
  5. Außer der Exekutive funktionieren die staatlichen Institutionen nicht mehr. Es gibt weder demokratische Diskussionsprozesse noch eine unabhängige Justiz und keine gleichheitswahrende, rationale Verwaltungstätigkeit seitens der staatlichen Bürokratie.
  6. Die Bildungs- und Gesundheitssysteme sind informell privatisiert worden.
  7. Korruption auf allen staatlichen Ebenen.
  8. Das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf sinkt.
  9. Es drohen ständig Nahrungsmittelknappheit und Hungersnöte.

Ausblick

Nachdem der US-Präsident George W. Bush und seine neokonservativen Vordenker nach den Terroranschlägen von 2001 den Krieg gegen den Terror ausgerufen hatten, hat sich die Perspektive der herrschenden Politik auf die Bekämpfung so genannter Schurkenstaaten verschoben, die angeblich aktiv Terroristen unterstützen. Da dieses Konzept aber völlig unscharf ist, ist eine Zuordnung letztlich willkürlich und vom jeweiligen Standpunkt (in diesem Fall: dem der US-Regierung) abhängig.

Bei der Definition der schwachen und zerfallenden Staaten wird noch zu wenig beachtet, dass ein Staat auch dann versagt hat, wenn er von seiner eigenen Bevölkerung nicht mehr als legitim erachtet wird, was zum Beispiel in Autonomiebestrebungen zum Ausdruck kommt. Diese Delegitimierung kann durch überbordende Korruption, bis unter den höchsten politischen Führern, ausgelöst werden. Es besteht aber auch die Gefahr, dass eine weitere Quelle der Delegitimation, gerade das entwicklungspolitische Ziel des Minimalstaates im Rahmen des an sich sinnvollen Good-Governance-Konzeptes werden kann. Nicht nur die postkolonialen Staatseliten dürften so ihre kostspieligen Privilegien verlieren. Der (Minimal-)Staat ist immer weniger in der Lage, neben seinen Aufgaben der inneren und äußeren Sicherheit durch sozialstaatliche und andere Maßnahmen auch ein Minimum an politischer Loyalität zum System sicherzustellen. „Wenn die finanzielle Basis des Staates über ein kritisches Minimum hinaus beschnitten wird, kann er seine Funktion für die Gesellschaft nicht mehr erfüllen: politische Stabilisierung und soziale Integration.“[2]

Siehe auch

Literatur

  • Franz Nuscheler: Lern- und Arbeitsbuch Entwicklungspolitik. 5. Auflage. Dietz, Bonn 2004, ISBN 3-8012-0350-6.
  • Bundeszentrale für politische Bildung (Hrsg.): Zerfallende Staaten. In: Politik und Zeitgeschichte. 28-29/2005. (Online abrufbar)
  • Ralf Dahrendorf: Anfechtungen liberaler Demokratien. Festvortrag zum zehnjährigen Bestehen der Stiftung Bundespräsident-Theodor-Heuss-Haus (Stiftung-Bundespräsident-Theodor-Heuss-Haus, Kleine Reihe 19), Stuttgart 2007.
  • Ulf-Manuel Schubert: Staatszerfall als Problem des internationalen Systems. Marburg: Tectum 2005.

Weblinks

Referenzen

  1. Franz Nuscheler(1995): S. 339
  2. Rainer Tetzlaff (1995): Good governance. In: Entwicklung und Zusammenarbeit 5/6.

Wikimedia Foundation.

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