Fayence


Fayence

Fayence ist die Bezeichnung für einen Teilbereich kunsthandwerklich hergestellter Keramik, nämlich ungesinterter Tonware, deren gelblich-grauer oder rötlicher bis bräunlicher, poröser Scherben mit einer weiß (selten farbig) deckenden Glasur, deren wesentlicher Bestandteil Zinnoxid ist, überzogen ist. Fayencen sind meist blau oder mehrfarbig bemalt.

Inhaltsverzeichnis

Begriff und Abgrenzung

Das Wort ist vom französischen faïence [fa´jã:s] übernommen, das seinerseits im 16. Jahrhundert von dem italienischen Produktionsort Faenza hergeleitet wurde.
Arbeiten aus Tonware (Irdenware), die mit einer Engobe aus hellem Tonschlicker und darüber einer transparenten Bleiglasur überzogen wurden, sind keine echten Fayencen, obwohl sie gelegentlich ungenau als "Halbfayencen" oder "Mezza-Majolika" bezeichnet wurden.
Teils in Abgrenzung zur Fayence, teils als deren Unterbegriff wird als Majolika im kunstgeschichtlichen Sprachgebrauch die mit Scharffeuerfarben bemalte, spanische und italienische zinnglasierte Tonware vor allem aus deren Blütezeit im 15. bis 17. Jahrhundert bezeichnet. In Keramiktechnologie und Umgangssprache wird bis heute Majolika für verschiedene Arten von glasierten Tonwaren verwendet, seit gegen Ende des 19. Jahrhunderts im Zuge des Historismus die weitgehend untergegangene Produktion von zinnglasierter Ware wieder aufgegriffen wurde und auch deren Hersteller sich gern Majolika-Manufakturen nannten.
Was wir heute unter Fayence verstehen, wurde im Sprachgebrauch des 16.-19. Jahrhunderts bedenkenlos auch "porceleyne" genannt, von dem es sich - nach heutiger Terminologie - durch den hochweissen, durchscheinenden, härter gebrannten Scherben aus Kaolinton unterscheidet.

Material und Technik

Rohstoff der Fayence ist gelblich-grauer oder rötlich bis bräunlich brennender Ton. Um die Farbe des Scherbens abzudecken, dem Weiss des Porzellans nahezukommen, einen geeigneten Malgrund zu schaffen und die Oberfläche undurchlässig und schmutzunempfindlich zu machen, wird eine Glasur aufgebracht: Die geformte und lederhart getrocknete Ware wird dazu bei ca. 800° einem ersten Ofendurchgang, dem Schrühbrand ausgesetzt. Auf den dann porösen Ton wird durch Tauchen oder Begießen ein wässeriger Glasurbrei aus Zinnoxid aufgetragen. Nach dem Trocknen bietet dieser noch matte Überzug einen idealen Untergrund für die Bemalung mit Scharffeuerfarben (Kobaltblau, Kupfergrün, Antimongelb, Manganviolett oder -braun). Bei einem zweiten Brand ("Garbrand") schmilzt bei 900° bis 1050° die Glasur zu einem glatten weissen Überzug und die Farben treten leuchtend hervor. Eine erweiterte Farbskala bieten die Muffelfarben, die auf die Glasur aufgetragen werden und bei einem dritten Brand anschmelzen. Lackfarben und Gold werden nicht gebrannt ("kalte Bemalung").

Geschichte der Fayence in Europa

Die Sintflut, Fayencefliesentableau von Masséot Abaquesne, um 1550. Museum der Renaissance in Ecouen.
Delfter Fayencevase mit Deckel. 17. Jahrhundert. Marienburg.

Fayenceähnliche Techniken gibt es schon seit dem 4. Jahrtausend v. Chr., vor allem in der ägyptischen Baukeramik (siehe Hippopotamus William, 2. Jt. v. Chr.,). Echte Fayencetechnik mit Zinnglasur wurde jedoch erst in Mesopotamien zu islamischer Zeit, im 9. Jahrhundert, für Gefäßkeramik verwendet und verbreitete sich über Persien in die islamischen Regionen Nordafrikas und Spaniens.
Die maurischen Erzeugnisse gelangten im 14. und 15. Jahrhundert über den Umschlagplatz Mallorca nach Italien, wo in der Renaissance eine künstlerisch bemerkenswerte eigene Tradition mit der hier Majolika genannten, technisch identischen Keramik begründet wurde.
Neben Urbino war Faenza ein bedeutender Produktionsort für Majolika und so nannte man in Frankreich die von dort importierte Luxuskeramik faïence. Eine eigene Produktion in den Werkstätten des 16. Jahrhunderts ist noch von italienischen Handwerkern und Einflüssen bestimmt; doch in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts bilden die französischen Manufakturen (vor allem Nevers, Rouen, Marseille Lunéville und Moustiers) spezifische Eigenarten aus. Ein Austausch von Mustern und Motiven mit deutschen Manufakturen ist das ganze 18. Jahrhundert hindurch zu beobachten.

Eine ganz eigene Entwicklung der Fayencekunst ist in Portugal bis zum heutigen Tage sichtbar: die Fliesenkunst der Azulejos, die das Innere und Äußere so vieler Häuser schmücken.
Auch in den Niederlanden hatten italienische Handwerker die Fayencetechnik schon im 16. Jahrhundert etabliert. Doch eine enorme kulturgeschichtliche Breitenwirkung erreichten erst ab der Mitte des 17. Jahrhunderts die Delfter Fayencen mit ihren in zahlreichen Werkstätten produzierten Fliesen und Geschirren. Die Formen und Motive des aus China (meist Wan-Li-Stil) importierten blau-weissen Porzellans, das im 17. Jahrhundert mit der Ostindischen Kompanie nach Holland kam, wurden so in Europa popularisiert. Auch umgekehrt passten sich die chinesischen und japanischen Hersteller den holländischen Kunden an: Sie kopierten und malten im Delfter Stil. Bislang unerhörte Mengen von Fliesen aus Delfter und anderen nordniederländischen Werkstätten fanden in dem wirtschaftlich prosperierenden Lande selbst, aber auch in Deutschland und England Absatz und wurden auch hier wieder imitiert. Im 18. Jahrhundert wurden auch in Holland neben der blauen auch die anderen Scharffeuerfarben, rot, gelb und grün, wieder mehr verwendet. Man fertigte in den etwa dreißig Manufakturen nicht nur Gebrauchsgegenstände (Fliesen, Krüge, Schüsseln, Körbe, Schalen, Blumenvasen, Tulpenständer, Spucknäpfe), sondern auch Menschen- und Tierfiguren, sowie andere Vitrinenobjekte und Tafeldekorationen. Nach dem Niedergang der meisten Fayencemanufakturen im 19. Jahrhundert hatte 1876 Joost Thooft eine alte Töpferwerkstatt erworben und einen Professor für Dekorative Kunst zur Mitarbeit bewogen – beiden gelang eine künstlerische Wiederbelebung der Tradition. Ihre Fabrik – De Porceleyne Fles – produziert bis in die Gegenwart.
In Skandinavien wurde Rörstrand aus Schweden berühmt, aber auch Königlich Kopenhagen produziert bis heute neben feinstem Porzellan auch (wieder) Fayencen.

Geschichte der Fayence in Deutschland

Im deutschen Sprachraum sind eigene Fayencen vor 1600 nur ganz vereinzelt festzustellen. Punktuell gab es Töpferwerkstätten, die neben bleiglasierter Hafnerware wohl auch mit Zinnweiss bemalte Stücke herstellten. Die Situation änderte sich grundlegend mit der Entstehung von Manufakturen, die von fürstlichen oder bürgerlichen Kapitalgebern betrieben wurden. Arbeitsteilung, Serienfertigung und überregionaler Absatzmarkt sind ihre ökonomischen Kennzeichen. Die erste deutsche Fayence-Manufaktur wurde im Jahr 1653 im westfälischen Ahaus nahe der holländischen Grenze gegründet, ging aber schon 1657 ein. Bedeutendere Manufakturen entstanden unter anderem in Kassel, Hanau, Frankfurt am Main, Berlin, Braunschweig, Dresden, Ansbach/Bruckberg, Nürnberg, Bayreuth, Kelsterbach, Memmingen mit den Künersberger Fayencen, Schrezheim und Abtsbessingen. Die norddeutsche Fayence wurde insbesondere durch die Manufakturen in Kellinghusen, Stockelsdorf und Stralsund) geprägt. Anfänglich von holländischen Facharbeitern unterstützt, produzieren die frühen Betriebe Nachahmungen niederländischer Erzeugnisse. Doch bald bilden sich lokale Eigenarten heraus, die es dem Kenner heute erlauben, auch ungemarkte Stücke bestimmten Entstehungsorten zuzuweisen (zum Beispiel: Laubgrün und Violett: Magdeburg, kleisterblaue Glasur: Hanau, birnförmige Krüge: Durlach, hervorragende Blumenmalerei: Straßburg). Spätestens gegen Ende des 18. Jahrhunderts konnte die Fayence dem Konkurrenzdruck des qualitätvolleren Porzellans und des preisgünstigeren Steinguts nicht mehr standhalten, die meisten Manufakturen gingen ein oder verlegten sich noch eine Zeitlang auf andere keramische Produkte.

Fischterrine, Fayencemanufaktur Schramberg, um 1920-1930

In den Jahrzehnten um 1900 erlebte die künstlerische Fayence eine vorübergehende Nachblüte. "Majolikamanufakturen" wurden neu gegründet und noch in den 1920er Jahren schufen Max Laeuger und Bernhard Hoetger bemerkenswerte Arbeiten in diesem Material. Die prominenten Keramiker nach dem Zweiten Weltkrieg allerdings wandten sich härter brennbaren Werkstoffen und dem Reiz irregulärer Glasurverläufe zu.

Produktion, Vertrieb, Markenwesen

Die Manufakturen waren auf der Grundlage feudalen oder kaufmännischen Kapitals entstanden. So konnten in einem Zuge ausgedehnte bauliche und technische Anlagen entstehen und eine zahlreiche, fachlich spezialisierte Belegschaft eingesetzt werden. Zu den Tonzubereitern, Drehern, Modelleuren, Formern, Glasierern, Malern und Vergoldern, den Arbeitern in den Tongruben und am Brennofen traten Tagelöhner und Handlanger.
Die Produktionsweise war auf Serienfertigung, wenn nicht, wie bei den Fliesen, gar auf Massenware hin ausgelegt. Zu Lieferungen auf Bestellung hatten nur der Hof oder lokale Kunden Gelegenheit. Sie sind an Wappen und Inschriften zu erkennen. Die Masse der Produkte jedoch wurde auf Vorrat hergestellt. Der Absatz auf Märkten und Messen erforderte zusätzliche Mitarbeiter.
Im Gegensatz zu Silber und Zinn, selbst zu Porzellan und Steingut sind Fayencen nicht prinzipiell und regelmäßig gemarkt. Nur gelegentlich weisen mit dem Pinsel unter die Gefäße gezeichneten Zeichen und Monogramme auf die Herstellermanufaktur hin (z.B. Augsburg:Pinienzapfen; Bayreuth:BK oder BP; Hannoversch Münden: 3 Halbmonde; Köln: Anker; Schrezheim: Buchszweig in Pfeilform). Noch seltener sind Monogramme als Malersignaturen. Das gering ausgeprägte Markenwesen mag damit zusammenhängen, dass die jeweiligen Absatzgebiete der Manufaktur zwar weit ausgriffen, aber nur unter mäßigem Konkurrenzdruck standen, zumal wenn sie durch Privilegien geschützt waren. Malersignaturen dienten in erster Linie als manufakturinterner Nachweis.

Bekannte Fayencemanufakturen

Literatur

  • Reallexikon zur Deutschen Kunstgeschichte, Bd. 7, München 1981, Artikel Fayence, Sp. 876-905
  • Henry-Pierre Fourest: Delfter Fayencen. Belser Verlag, Stuttgart/Zürich, ISBN 3-7630-1756-9

Einzelnachweise


Weblinks

 Commons: Fayence – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

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