Frankenstein (Buch)


Frankenstein (Buch)
Frankenstein (Ausgabe 1831)

Frankenstein oder Frankenstein oder Der moderne Prometheus (Original: Frankenstein or The Modern Prometheus) ist ein Roman von Mary Shelley, der 1818 erstmals anonym veröffentlicht wurde. Er erzählt die Geschichte des jungen Schweizers Viktor Frankenstein, der an der damals berühmten Universität Ingolstadt einen künstlichen Menschen erschafft.

Die Handlung wird durch eine Mischung aus Briefroman und klassischer Ich-Erzählsituation vermittelt. Viktor Frankenstein erzählt dem Leiter einer Forschungsexpedition, zugleich Kapitän des Schiffes, das ihn in der Arktis rettet, seine Geschichte. Der Roman wird so zu einem Lehrstück, gibt Frankenstein doch deutlich zu verstehen, dass seine Erzählung auch eine Warnung an den Zuhörer und damit auch die Leser sein soll: Er warnt vor einer entgrenzten menschlichen Vernunft, die sich selbst zu Gott macht und sich anmaßt, lebendige Materie zu schaffen. Die Figur des Viktor Frankenstein ähnelt damit sowohl dem 'literarischen' Faust als auch dem Prometheus aus der griechischen Mythologie.

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

Die Geschichte beginnt mit den Briefen von Robert Walton an seine Schwester. Er ist mit einem Schiff unterwegs, um eine Passage zum Nordpol zu entdecken, jedoch hat das Eis der Arktis ihn und die Mannschaft eingeschlossen. Während der Wartezeit beobachten sie, wie eine riesenhafte Person auf einem Hundeschlitten in Richtung Norden eilte. Am nächsten Morgen nehmen sie einen Mann an Bord, der schwerkrank und am Ende seiner Kräfte ebenfalls auf dem Weg nach Norden war. Es ist Viktor Frankenstein, der von Walton die nächsten Tage gesund gepflegt wird. Als er sich langsam erholt und den tödlichen Ehrgeiz in den Augen seines Retters erkennt, beginnt er, ihm seine Lebensgeschichte zu erzählen.

Viktor war bereits in seiner Kindheit in Genf (Schweiz) überaus intelligent und von einem unstillbaren Wissensdurst getrieben. Bereits früh kam er in Kontakt mit den Werken des Alchemisten Cornelius Agrippa und seiner Gesinnungsgenossen Albertus Magnus und Paracelsus. Doch bald erkannte er, dass deren Wissen weit überholt und fehlgeleitet war. Mit 17 reiste er nach Ingolstadt (Deutschland), um an der dortigen Universität Naturwissenschaften zu studieren. Während seiner Arbeiten fand er wieder Zugang zu seinen alten Mentoren und in Verbindung mit den derzeitigen Möglichkeiten entdeckte er schließlich das Geheimnis, wie man toten Stoffen neues Leben einhaucht.

Maßlos begeistert von dieser Erkenntnis, beschloss er ein menschliches Wesen zu erschaffen. Monatelang trug er rastlos die notwendigen Materialien und Apparaturen zusammen und verzehrte sich bei seiner Aufgabe. Groß und mächtig sollte es werden, doch Viktor schlampte bei der Zusammenstellung und so war er von seiner Schöpfung bei ihrem ersten Atemzug angeekelt, so hässlich und furchteinflößend wirkte sie. Entsetzt floh er aus dem Labor und traf dabei auf seinen Jugendfreund Henri Clerval. Dieser war ihm nachgereist, um gemeinsam mit ihm zu studieren und weil er sich wegen des Ausbleibens von Nachrichten Sorgen um Viktor machte. Dieser fürchtete sich davor, seinem Freund die Wahrheit zu offenbaren, doch als sie in Viktors Wohnung und Labor eintrafen, war das Wesen verschwunden.

Viktor, von der monatelangen Überarbeitung und dem Schock schwer mitgenommen, erkrankte an Nervenfieber, und nur der fürsorglichen Pflege Henris war es zu verdanken, dass er überlebte. Nachdem er wieder genesen war, widmete er sich gemeinsam mit seinem Freund den Studien und verdrängte alle Gedanken an seine Schöpfung. Kurz bevor er im nächsten Sommer seine Familie besuchen wollte, erreichte ihn ein Brief seines Vaters mit der Mitteilung, dass sein junger Bruder Wilhelm ermordet worden war. Noch in der Nacht seiner Ankunft erblickte er eine riesenhafte Gestalt und war sofort davon überzeugt, dass seine Schöpfung der Täter war. Doch an deren Stelle wurde Justine, das Hausmädchen und Gesellschafterin der Franksteins, des Mordes bezichtigt, weil ein Medaillon, das Wilhelm zum Zeitpunkt seines Todes getragen hatte, bei ihr gefunden wurde. Trotz der nachdrücklichen Fürsprache von Viktor und dessen Adoptivschwester Elisabeth wurde Justine für schuldig befunden und hingerichtet.

Viktor, der den wahren Täter kannte, verging in den nächsten Tagen förmlich vor Schuldgefühlen und Selbstmitleid, wagte es jedoch nicht, die Wahrheit zu offenbaren. Stattdessen unternahm er weite Streifzüge in die Umgebung, um sich abzulenken. Dabei traf er auf das von ihm geschaffene Wesen. Dieses erzählte ihm, dass es durch das versteckte Beobachten einer Bauernfamilie sprechen und lesen gelernt hatte. Doch obwohl es der Familie im Winter durch das Hacken von Brennholz und die Beseitigung des Schnees heimlich geholfen hatte, gerieten die Bauern in Panik, als es sich ihnen schließlich offenbarte. Sie schlugen sie und flohen dann vor ihm. Wütend und enttäuscht machte es sich daher auf den Weg zu seinem Schöpfer.

Dessen Lebensgeschichte und Wohnort kannte es durch Viktors Tagebuch, das es bei seiner Flucht aus dem Labor zufällig mitgenommen hatte. Der Unhold gab zwar zu, dass er Wilhelm erwürgt hatte, doch konnte man dies auch als unglückseligen Unfall betrachten, da er nur die Hilfeschreie des Knaben verhindern wollte und seine Kräfte zu stark waren. Auch betrachtete er sich nur als Opfer der widrigen Umstände, und nur die Ablehnung der Menschen hätte in ihm das Böse entfacht. Daher bat er Viktor, ein zweites Geschöpf zu erschaffen, eine Frau. Er erhoffte sich, durch ein ebenso hässliches Geschöpf wie er es ist, Liebe und Zuneigung zu erfahren. Gemeinsam sollten sie weitab jeder menschlichen Zivilisation ihr restliches Leben verbringen. Von den Worten des Wesens gerührt und um sich von seiner Schuld ihm gegenüber reinzuwaschen, willigte Viktor ein.

Unter einem Vorwand reiste er gemeinsam mit Henri nach England und weiter nach Schottland, um auf einer kleinen Insel der Orkneys sein Werk zu vollenden. Doch er bekam Zweifel und fürchtete, dass das zweite Wesen genauso schlecht und böse sein könne wie das erste. Außerdem argwöhnte er, die beiden Kreaturen könnten Kinder zeugen, welche Generationen später eine Bedrohung für die Menschen werden könnten. Daher vernichtete er sein fast vollendetes Werk vor den Augen des Unholds, der ihm heimlich gefolgt war. Rasend in seinem Zorn und voller Wut erwürgte dieser aus Rache Henri und versuchte, den Mord Viktor in die Schuhe zu schieben, was jedoch misslang. Daraufhin kehrte Viktor nach Genf zurück und heiratete seine geliebte Elisabeth. Doch der Unhold, empört über Viktors abermaligen Versuch, Trost und Liebe zu finden, während er selbst für den Rest seines Lebens alleine und ausgestoßen bleiben musste, ermordete die Braut noch in der Hochzeitsnacht. Als wenige Tage später Viktors Vater, durch die vielen schweren Unglücksfälle gezeichnet, an gebrochenem Herzen starb, machte sich Viktor auf, um sein Geschöpf zu jagen und zur Strecke zu bringen. Wild entschlossen folgte er der Spur, die der Unhold ihm hinterlassen hatte, bis in die weiten Eiswüsten der Arktis. Abgezehrt und schwerkrank traf Viktor schließlich auf das Schiff Waltons.

Ab hier führen abermals Waltons Briefe die Geschichte weiter, denn Viktor Frankenstein stirbt nur wenig später. Walton, der schließlich erkennt, wohin falscher Ehrgeiz und blinder Enthusiasmus führen können, bricht die aussichtslose Expedition ab, nachdem das Eis sein Schiff wieder freigegeben hat, und segelt heimwärts. In einer Nacht kommt Frankensteins Kreatur an Bord und findet seinen Schöpfer tot. In tiefer Trauer um seine schlechten Taten und Abscheu auf sich selbst, kehrt sie auf das Eis zurück, um im Feuer eines Scheiterhaufens letzten Trost zu finden. Das Angebot Waltons an Bord zu kommen, lehnt es dankend ab.

Personen

Viktor Frankenstein (im englischen Original: Victor)

Viktor wird als erstes Kind von Alphonse und Caroline Frankenstein in Neapel (Italien) geboren[1] und wächst schließlich in Genf auf. Bereits als Kind ist er überaus intelligent und erfüllt von unbändigem Wissensdurst. Dieser Wissensdurst führt ihn schließlich an die Universität Ingolstadt, wo er in seinem unüberlegten Eifer das Monster erschafft. Als er das Ausmaß seiner hybriden Tat begreift, schlägt seine Begeisterung in Ekel, Bestürzung und Selbstvorwürfe um. Durch den Versuch, sich der Verantwortung für sein Handeln zu entziehen, wird er schuldig.

Frankensteins Monster (Unhold) (im englischen Original: creature oder daemon)

Welche Materialien Viktor Frankenstein für das Wesen verwendet und auf welche Weise er es zum Leben erweckt, wird nicht näher beschrieben. Wollte er sein Wesen anfangs noch schön und wohlproportioniert formen, konzentrierte sich Viktor in seinem Eifer jedoch zu sehr auf sein eigentliches Ziel (Leben erschaffen), sodass er diesen Bereich schmählich vernachlässigte.

Aussehen

„Die gelbliche Haut verdeckte nur notdürftig das Spiel der Muskeln und das Pulsieren der Adern. Das Haupthaar war freilich von schimmernder Schwärze und wallte überreich herab. Auch die Zähne erglänzten so weiß, wie die Perlen. Doch standen solch Vortrefflichkeiten im schaurigsten Kontraste zu den wässrigen Augen, welche nahezu von derselben Farbe schienen wie die schmutzig weißen Höhlen, darin sie gebettet waren, sowie zu dem runzeligen Antlitz und den schwarzen, aller Modellierung entbehrenden Lippen.[2]
Zudem ist es etwa 8 Fuß (2,44 m) groß und besitzt außerordentliche Kräfte. Kälte und Hitze erträgt es viel leichter als normale Menschen, wohingegen es weitaus weniger Nahrung als diese benötigt.

Charakter

Das (männliche) Monster ist anfangs weder böse noch gut, sondern eher naiv. Erst mit der Zeit lernt es, nimmt seine Umwelt wahr und macht – hierin einem Kinde gleich – Erfahrungen, die schließlich dazu führen, dass es eine Identität, ein „Ich“ herausbilden kann. Es stößt jedoch trotz seiner freundlich gemeinten Annäherungsversuche mehrmals auf feindliches Verhalten der Menschen. Enttäuschung, Traurigkeit und Selbstmitleid finden kein Ventil und schlagen in Hass und tätige Wut gegen den Schöpfer (Viktor Frankenstein) um. Es erkennt, dass das größte Problem seiner missratenen Existenz seine Einsamkeit ist. Es macht sich daher auf die Suche nach seinem Schöpfer, damit dieser ein zweites Geschöpf, eine Frau, schaffen solle. Es erhofft sich von einem ihm ähnlich abschreckenden Geschöpf Liebe und Zuneigung. Als sich diese Hoffnung jedoch nicht erfüllt, kippt das schwankende Gefühlsleben endgültig in den negativen Bereich: Das Monster beschließt, sich bei seinem Schöpfer zu revanchieren. Dabei will es seinen Schöpfer jedoch nicht töten, sondern „nur“ so viel Schmerz zukommen lassen, wie es selbst erleidet. Dass es deswegen andere Menschen, die ausschließlich aus dem Umfeld Viktors stammen, tötet, ist nur Mittel zum Zweck.

Eine Schlüsselszene in Frankenstein ist das Zusammentreffen von dem „Monster“ und seinem Schöpfer in den Alpen. Hier kann man sehr viel über den durchaus tiefgründigen Charakter des Wesens erfahren. Die Identitätskrise, in der sich das „Monster“ befindet, aufgrund der unerklärlichen Herkunft und des Andersseins als andere, spielt eine große Rolle. So bekommt das Wesen während des gesamten Romans keinen Namen. Aber auch die Integrationsprobleme des „Monsters“ in die Gesellschaft sollten als eine Mahnung verstanden werden, die das sogenannte Monster viel weniger zu einem Wesen des Schreckens machen als zu einem hilflosen und verzweifelten Geschöpf, das den gesellschaftlichen Normen nicht entspricht und deshalb nicht akzeptiert wird.

Robert Walton

Robert Walton ist ein ehrgeiziger junger Mann mit dem unbändigen Drang, Großes zu vollbringen. Daher hat er eine Expedition ausgerichtet, um den Nordpol zu erreichen. Während sein Schiff vom Eis eingeschlossen ist, trifft er auf den schwerkranken Viktor Frankenstein, den er pflegt und der ihm daraufhin seine Geschichte erzählt. Waltons Briefe an seine Schwester umrahmen die eigentliche Handlung.

Elisabeth Lavenza

Als Tochter eines Mailänder Edelmannes und einer Deutschen, die bereits im Wochenbett starb, wuchs sie bei Pflegeeltern in ärmlichen Verhältnissen auf. Mit fünf Jahren wird sie von der Familie Frankenstein adoptiert und als Viktors Cousine aufgezogen. Sie ist ruhig und befasst sich mit den Werken der Poeten. Mit dem gleichaltrigen Viktor verbindet sie eine überaus enge Beziehung, die schließlich in eine Heirat mündet. In der Hochzeitsnacht wird sie von dem Monster aus Rache ermordet.

Alphonse Frankenstein

Alphonse Frankenstein ist der Vater von Viktor und dessen Brüdern. Er war früher ein angesehener Ratsherr, ist nun aber alt und kränklich. Die vielen Unglücksfälle setzen ihm schwer zu, und er stirbt nur wenige Tage nach dem Mord an Elisabeth an gebrochenem Herzen.

Wilhelm Frankenstein (im englischen Original: William)

Wilhelm ist der jüngste Bruder von Viktor. Als er beim Versteckspiel mit Ernest auf das Monster trifft, wird er von diesem erwürgt. Es wird nicht eindeutig ersichtlich, ob es sich dabei um einen vorsätzlichen Mord oder um ein Unglück handelt, weil das Monster seine Kräfte nicht richtig kontrollieren konnte. So oder so ist Wilhelm sein erstes Opfer, und es erkennt, dass es auch Trübsal und Unglück verbreiten kann und nicht nur erleiden muss.

Justine Moritz

Justine Moritz wird mit zwölf Jahren durch Caroline Frankenstein in den Haushalt aufgenommen und ist von da an als Dienerin und Gesellschafterin tätig. Sie ist der gesamten Familie sehr zugetan und macht sich daher sofort auf die Suche nach dem vermissten Wilhelm. Als sie vor Erschöpfung in einer Scheune einschläft, schiebt das Monster ihr Wilhelms Medaillon unter. Justine wird daraufhin des Mordes an dem Knaben schuldig gesprochen und hingerichtet. Der Vorname ist möglicherweise eine Anspielung auf das Wort justice (Gerechtigkeit).

Henri Clerval (im englischen Original: Henry)

Er ist der Sohn eines Genfer Handelsmannes. Im Gegensatz zu Viktor interessiert er sich mehr für die geistigen Dinge des Lebens: Moral, Ethik, Politik. Trotzdem verbindet die beiden seit ihrer gemeinsamen Schulzeit eine überaus enge Freundschaft. Er folgt Viktor an die Universität Ingolstadt und begleitet ihn später auch nach England und Schottland, um sich dort weiterzubilden. Von dessen geheimen Aktivitäten weiß er jedoch nichts. Als Viktor sein zweites Geschöpf noch vor dessen Vollendung zerstört, erwürgt das Monster Henri aus blinder Rache. Sein Versuch, diesen Mord Viktor in die Schuhe zu schieben, misslingt jedoch.

Ernest Frankenstein

Ernest Frankenstein ist sieben Jahre jünger als Viktor und der mittlere der Brüder. Er spielt in der Geschichte keine große Rolle, ist am Ende jedoch der Einzige der Familie Frankenstein, der die Tragödie überlebt.

Originalskript von Mary Shelley

Entstehung

Mary Shelley schrieb den Roman in der Villa Diodati in der Nähe des Genfersees. Bei Lord Byron und dessen Leibarzt John Polidori verbrachte sie mit ihrer Stiefschwester Claire Clairmont und ihrem (zukünftigen) Ehemann Percy Bysshe Shelley den Sommer 1816. Dieses Jahr ging aufgrund des Ausbruchs des Vulkans Tambora im Jahr zuvor als das Jahr ohne Sommer in die Geschichte ein. Aufgrund des extrem schlechten Wetters konnten die Anwesenden oft das Haus nicht verlassen. So beschlossen sie, jeweils eine Schauergeschichte zu schreiben und den anderen vorzutragen. Mary Shelley schrieb die Geschichte Frankenstein und John Polidori verfasste Der Vampyr – eine Vampirgeschichte (lange vor dem Entstehen von Bram Stokers Dracula).

Hintergründe

Percy Shelley war als Schüler häufig beim schottischen Arzt James Lind gewesen, der sich im Gefolge von Luigi Galvani – wie auch viele andere zu Anfang des 19. Jahrhunderts – mit „Froschschenkelexperimenten“ beschäftigte. Vorausgegangen war bereits im Jahr 1800 die Erfindung der weltweit ersten Batterie. In Gestalt der Voltaschen Säule, benannt nach dem italienischen Physiker Alessandro Volta, hatte das Zeitalter der Elektrizität begonnen. Mit Voltas Apparatur, die etwa einen halben Meter hoch war, konnten Spannungen bis zu 100 Volt erzeugt werden, was völlig ausreichte, um damit an toten Tierkörpern ebenso wie an menschlichen Leichen Muskelbewegungen auszulösen. Auch Galvanis Neffe Giovanni Aldini gehörte zu den Galvanisten und führte ungewöhnliche Experimente durch. Am Leichnam des am 18. Januar 1803 in London hingerichteten Doppelmörders George Forster rief er heftige Muskelreaktionen hervor. Die Anwesenden erschraken so sehr, dass sie meinten, der Hingerichtete würde geradezu zum Leben wiedererweckt; nach Angaben des Newgate-Kalenders verstarb sogar einer der Anwesenden kurz darauf zuhause.

Somit war im Jahr 1818 grundsätzlich die Zeit reif für eine literarische Verarbeitung eines solchen Themas. Darüber hinaus dürfte die junge Autorin aber auch einen sehr konkreten und persönlichen Zugang zu ihrem Stoff gehabt haben – und zwar schon ein halbes Jahrzehnt vor dem anonymen Erscheinen ihrer Geschichte. Durch ihren Ehemann Percy Shelley, den sie 1813 im Alter von sechzehn Jahren kennengelernt hatte und 1816 heiratete, hatte Mary Shelley einen Kenner der Materie in ihrer allernähesten Umgebung, der mit ihr über die Galvani-Experimente sprach. Die Elektrizität spielt angesichts ihrer Entdeckung zu Anfang des 19. Jahrhunderts eine zentrale Rolle im Roman, wo sie als Instrument der Wiederbelebung genutzt wird. Als weitere Quelle der Inspiration Shelleys gelten die Experimente von Andrew Ure.

In Ingolstadt, dem Handlungsort, erinnert heute noch eine nächtliche Frankenstein-Stadtführung (seit 1995) an den berühmten fiktiven Studenten. 1800 wurde die Universität nach Landshut und 1826 nach München verlegt – die direkte Nachfolgerin der Universität Ingolstadt ist somit die heutige Ludwig-Maximilians-Universität München.

Nach einer Theorie des Buchautors Walter Scheele entlehnte Shelley den Namen des Mannes, der das Monster erschafft, von der Burg Frankenstein an der Bergstraße in der Nähe von Darmstadt[3]. Shelley hatte ihre Reise von Basel zurück nach London auf dem Rhein unternommen, der in Sichtweite des Berges (etwa 20 km) fließt. Die Burg gesehen hat sie wohl nicht, da sie mitten in der Nacht vorbeifuhr. Der auf der Burg geborene Alchemist Johann Konrad Dippel hätte demnach als Vorbild für den Roman gedient. Als Beleg dafür führt Scheele die örtliche Folklore an, die Dippel düstere Legenden angedichtet hatte, indem ihm unter anderem zweifelhafte Experimente mit Leichen nachgesagt wurden, wobei er jedoch keine Belege anführen kann für die Existenz solcher Legenden vor dem Erscheinen von Shelleys Roman.

Ein weiterer Beleg wäre zudem ein Brief von Jacob Grimm an Mary Shelleys Stiefmutter, Mary Jane Clairmont, die die Übersetzungen für einige Geschichten der Brüder ins Englische geliefert haben soll, der angeblich eine dieser Legenden als umgewandelte Schauergeschichte über einen Zauberer, der auf Burg Frankenstein lebt und aus gestohlenen Leichenteilen ein neues Wesen erschafft, beinhaltet. Der internationalen Grimm-Forschung ist ein solcher Brief allerdings genauso wenig bekannt wie der angebliche Übersetzungsauftrag an Mary Jane Clairmont[4].

Dass die Burg Frankenstein Namenspatron für Victor Frankenstein und Dippel dessen reales Vorbild gewesen sein könnte, vertrat vor Scheele zudem bereits der Historiker Radu Florescu in seinem Buch In Search of Frankenstein. Wie Scheele im deutschsprachigen Raum, folgte im englischsprachigen Raum aber auch kein weiterer Historiker dieser These. Auf einer Seite fehlen handfeste Belege dafür, auf der anderen Seite widerspricht diese These Shelleys Tagebuch, in der die Burg Frankenstein nicht erwähnt wird und aus dem hervorgeht, dass sie die Strecke von Mannheim nach Mainz bei Nacht zurücklegte (mit einem gerade einmal dreistündigen Aufenthalt in Gernsheim). Shelley hatte also überhaupt keine Möglichkeit gehabt, die Burg Frankenstein zu besuchen.

Dass Shelleys Buch auf eine Sage von der Burg Frankenstein zurückgeht, wird dagegen erstmals bei Roland Eggleston[5] gemutmaßt. Dieser beruft sich aber offenbar auf eine nur oberflächige und ungenaue Wiedergabe der schon früh belegten Sage vom Ritter Georg von Frankenstein. Bei korrekter Wiedergabe ist diese Sage aber eine Abwandlung der Sage vom Heiligen Georg und behandelt den Kampf eines Ritters mit einem Lindwurm. Eggleston vereinfachte den Lindwurm auf ein „Monster“, um eine Verbindung zu Shelleys Roman herstellen zu können.

Walter Scheele sieht außerdem Parallelen zwischen Mary Shelleys Biographie und dem Schicksal des Monsters. Die Schriftstellerin wurde schon kurz nach ihrer Geburt mit dem Tod konfrontiert, weil ihre Mutter noch im Kindbett starb. In den folgenden Jahren verlor Shelley weitere Verwandte. Wie Frankenstein verspürte sie den Wunsch, Tote wiederzubeleben. Ihre Verzweiflung und Schuldgefühle könnten durch das Monster, das ziellos durch die Alpen wandert, symbolisiert werden.

Verfilmungen

Das Buch erfährt seine erste filmische Adaption bereits 1910 als eine Produktion der Edison Company. 1931 adaptiert dann James Whale in dem Film Frankenstein den Stoff relativ frei für Universal Pictures unter Aufgriff filmexpressionistischer Ästhetik und Verfahrensweisen mit Boris Karloff in der Hauptrolle und verhilft dem Wesen durch die Arbeit der Maskenbildnerlegende Jack Pierce zu seinem bis heute charakteristischen Antlitz. 1935 folgt die Fortsetzung Frankensteins Braut, welche die im vorangegangenen Film übersehenen Aspekte der literarischen Vorlage aufgreift und nahtlos an die Ereignisse des ersten Films anschließt. In dem folgenden Film Frankensteins Sohn tritt Boris Karloff zum letzten Mal auf der Kinoleinwand als Frankensteins Monster auf. In einigen weiteren Universal-Filmen der 1930er und 1940er Jahre wird der Stoff kommerziell für zum Teil nur zweitklassige Produktionen ausgeschlachtet. Erst 1958 gelingt es den britischen Hammer-Studios mit dem Film Frankensteins Fluch das Motiv unter Rekurs auf die klassischen Filme der Universal-Periode wieder zu popularisieren. Der Film nimmt in vielerlei Hinsicht eine Schlüsselposition ein: Er ist nicht nur Auftakt einer kaum überschaubaren Serie von Horrorfilmen und Fortsetzungen, für die der Name der Produktionsgesellschaft trotz zahlreicher Ausflüge in andere Genre bis heute Synonym ist, er stellt auch die Weichen der eng miteinander verknüpften Karrieren von Peter Cushing und Christopher Lee. Beide sind in den folgenden Jahren oft, meist als Antipoden, vor der Kamera zu sehen. Ferner wird das erstmalige Auftauchen von tiefrotem Blut in diesem Film von der heutigen Kulturwissenschaft als das Anheben des Splatterfilms gewertet. Dem großen finanziellen Erfolg des Films folgen weitere Fortsetzungen, in denen die Geschichte lose weitererzählt, aber auch stark variiert wird. In den 70er Jahren kommt die Serie schließlich, wie auch der klassische Horrorfilm an sich, unter den Eindrücken des erstarkenden Splatterfilms und den ungleich spekulativeren so genannten Eastern zum Erliegen. Der Stoff scheint ausgebrannt und nur mehr für zweitklassige Fernsehstücke verwertbar. Im Jahr 1994 kommt schließlich der Film Mary Shelley's Frankenstein mit Robert de Niro als Kreatur in die Kinos, der sich damit Legitimation verleiht, die Geschichte erstmals dicht an der literarischen Vorlage filmisch aufzubereiten. Trotz einiger deutlichen Abweichungen kann der ambitionierte, aber nicht immer gelungene Film vor dieser Selbsteinschätzung im Wesentlichen standhalten. Regie führte Kenneth Branagh, der auch die Rolle des Viktor Frankensteins übernahm.

Die Entstehung des Buches (siehe Abschnitt: Entstehung) diente Ken Russell als Vorlage für seinen Film Gothic.

Zu erwähnen ist auch noch die amerikanische Fernsehserie aus den 60er Jahren The Munsters. Hier wird im Familienoberhaupt Herman Munster die Frankenstein-Vorlage in Form einer Persiflage adaptiert und - moralisch gesehen - ins Positiv-Ironische gewendet.

Bekannte filmische Freiheiten

  • Wiewohl die Bezeichnung Frankensteins Monster oder Unhold ausgehend von der literarischen Vorlage die passende wäre, bürgerte sich im Zuge der zahlreichen Filme auch für die Kreatur selbst der Name Frankenstein ein – eine Verschiebung, die von den Filmen nach Whales Erfolgsfilm weitergeführt wurde: Dort taucht der Name mithin bereits im Titel als Synonym für die Kreatur selbst auf (Beispiel: Frankenstein trifft den Wolfsmenschen von 1943).
  • Im ersten Frankenstein-Film setzte man dem Monster zur Kennzeichnung Schrauben in den Hals, da es zu dieser Zeit noch keine farbigen Filme gab. Außerdem versah man es mit einem abgeplatteten Kopf mit hoher Stirn, um es größer wirken zu lassen. Ebenso wie die wulstigen übergroßen Narben werden diese so nicht in der Vorlage erwähnt.
  • In der Buchvorlage fällt zwar in der schicksalhaften Novembernacht Regen, jedoch wird nicht näher beschrieben, wie Viktor Frankenstein die Kreatur tatsächlich zum Leben erweckt. Die bekannten mächtigen Blitze samt langer Blitzableiter, zusammen mit den Lichtbogen überschlagender Elektrizität, sind daher wohl in erster Linie filmische Effekthascherei, im Hinblick auf die „Froschschenkelexperimente“ jedoch einigermaßen nachvollziehbar.
  • Den vielgeliebten und -zitierten Ausruf „Es lebt! Es lebt!“ schrie Henry Frankenstein (Namensänderung) erst 1931 im Film Frankenstein. Im Buch ist Viktor Frankenstein jedoch quasi „sprachlos“ vom „Erfolg“ seiner Bemühungen.
  • Igor (oder Ygor) ist ebenfalls eine Erfindung der Filmindustrie. 1939 spielte in Frankensteins Sohn Bela Lugosi erstmals den buckligen Gehilfen. Tatsächlich arbeitete Viktor Frankenstein vollkommen alleine an seinem Projekt.
  • Viktor Frankenstein hatte keine Geliebte, und seine Frau wurde noch in der Hochzeitsnacht ermordet. Es existieren daher keinerlei Nachkommen von ihm, weder Söhne noch Töchter. Ernest Frankenstein (sein jüngerer Bruder) ist der einzige Überlebende der Familie, jedoch könnten auch dessen Nachkommen kein Wesen erschaffen, da sämtliche Aufzeichnungen darüber vernichtet wurden.
  • Alphonse Frankenstein, der Vater Viktors, war Ratsherr und bekleidete mehrere öffentliche Ämter (genauso wie seine Vorfahren). Weder er noch seine Söhne waren Barone, Fürsten oder sonstige Adelige.
  • Viktor Frankenstein arbeitete an seinem Wesen in einer Kammer seines Hauses mitten in Ingolstadt. Da dieses Gebäude nicht näher beschrieben wird, kann man davon ausgehen, dass es sich nicht wesentlich von all den anderen Häusern in seiner Umgebung unterschied. Die in den Filmen so gerne gezeigten Burgen und großartigen Gemäuer (intakt oder halb verfallen), meistens hoch über einer Stadt thronend oder mitten in der Wildnis, sind demnach frei erfunden.
  • Viktor Frankenstein studierte in Ingolstadt Naturwissenschaften, insbesondere Chemie, später Orientalistik. Ob er tatsächlich Arzt/Mediziner werden wollte und/oder den Titel Doktor erlangte, ist nicht schriftlich belegt. Es entsteht allerdings der Eindruck, dass er seine Studien nie abgeschlossen hatte.

Multimediale Umsetzungen

Frankenstein – through the eyes of the monster ist ein von der Firma Interplay im Jahr 1996 entwickeltes Computerspiel, das in erster Linie die Geschichte „durch die Augen des Monsters“ erzählt: Der Protagonist erwacht, nach Vollstreckung seines Todesurteils und der darauffolgenden Wiederbelebung durch Victor Frankenstein, in dem Labor einer verlassenen Burg. Er erfährt über die dunklen Machenschaften Richter Rothebuschs und des Doktors, der durch Maschinen und Leichenteile Tote zum Leben erweckt. Im Laufe des Spiels trifft er auf Sarah, die ihm bei der Flucht helfen möchte. Das Spiel nimmt kaum Bezug auf die Romanvorlage. Da die Geschichte mit der Wiederbelebung des Monsters beginnt und mit der Flucht Victor Frankensteins endet, ist es als dessen Vorerzählung zu sehen, die die Situation des Monsters intensiver zu erklären versucht.

Adaption durch Dean Koontz

Am 25. Januar 2005 erschien der erste Band von Frankenstein, im Originaltitel "Prodigal Son", in den USA. Ursprünglich sollte Dean Koontz ein Drehbuch für eine Fernsehserie schreiben, die Mary Shelly´s Frankenstein neu aufarbeitet. Jedoch entschloss sich Koontz, als die Macher Veränderungen an seiner Geschichte beschlossen, aus dem Projekt auszusteigen und das Drehbuch als Roman zu veröffentlichen. In der Trilogie ist die Geschichte in die jetzige Zeitepoche verlagert, wobei Viktor von Frankenstein im Gegensatz zum Ursprungsroman deutlich negativer dargestellt wird. Inzwischen erschien der zweite Band "City of Nights" am 26. Juli 2005. Der dritte Teil soll laut seiner Webpage erst 2009 veröffentlicht werden.

Literatur

  • Mary W. Shelley: Frankenstein. area verlag gmbh, Erftstadt 2006, ISBN 3-89996-836-0. (Deutsche Übersetzung: Carl Hanser Verlag, München/Wien 1970)

Einzelnachweise

  1. Ein kurioser Widerspruch besteht darin, dass er im ersten Satz des 1. Kapitels erklärt, er sei „Genfer von Geburt“, und fünf Absätze später behauptet, er sei als erstes Kind seiner Eltern in Neapel geboren.
  2. Frankenstein. ISBN 3-89996-836-0, S. 66.
  3. W. Scheele: Burg Frankenstein: Mythos, Wahrheit, Legende, Societätsverlag Frankfurt, ISBN 3-7973-0786-1
  4. http://grimmforum.zide.net/viewtopic.php?p=343
  5. Fischer, Heinz (Hrsg.): Deutsche Kultur, Eine Einführung, Berlin 1977

Weblinks


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