Fredegar


Fredegar

Fredegar (auch Fredegarius Scholasticus) ist der überlieferte, aber nicht gesicherte Name des Verfassers einer frühmittelalterlichen lateinischen Chronik. Die Fredegar-Chronik ist neben dem im frühen 8. Jahrhundert unabhängig von Fredegar verfassten Liber Historiae Francorum eine Hauptquelle für die Geschichte des Frankenreichs im 7. Jahrhundert.

Die Chronik ist seit dem 19. Jahrhundert Gegenstand von Forschungsdiskussionen. Dabei stehen die Verfasserfrage und die Sprache der Chronik im Mittelpunkt des Interesses.[1]

Inhaltsverzeichnis

Zur Person

Der Name Fredegar taucht in der Überlieferung erst im 16. Jahrhundert auf. Er kann somit keineswegs als gesichert angesehen werden. Ebenso ist unklar, wie viele Personen sich hinter diesem Namen tatsächlich verbergen. Bruno Krusch, der auch die maßgebliche Textausgabe herausgab, ging von drei Schreibern aus, die die Chronik in Etappen verfasst bzw. fortgesetzt haben, wobei der letzte Verfasser die älteren Vorlagen überarbeitete und der Chronik ihre heutige Form gab.[2] Diese These fand sowohl Befürworter als auch Gegner; John Michael Wallace-Hadrill und andere Forscher modifizierten die These Kruschs und nahmen zwei Verfasser an. Die neuere Forschung geht jedoch wieder mehrheitlich davon aus, dass es sich nur um einen einzigen Verfasser gehandelt hat, der das Werk um 659 verfasste.[3] Allgemein wird außerdem davon ausgegangen, dass der Autor aus adligen Kreisen stammte, eventuell aus der Verwaltung, da die Texte ein eindeutiges Interesse für diese Bereiche vermuten lassen. Ob er allerdings wirklich Laie war, wie Wallace-Hadrill vermutet hat, muss dahingestellt bleiben.

Meistens wird zudem vermutet, dass der Autor ursprünglich aus Burgund stammte – auch Krusch nahm bei seiner These an, dass zwei der von ihm vermuteten drei Verfasser aus Burgund stammten –, später aber in das fränkische Teilreich Austrasien übersiedelte. Das Werk war wohl für das austrasische Publikum bestimmt. Recht wahrscheinlich ist die Annahme, dass es speziell den Interessen der Pippiniden dienen sollte, die in dieser Zeit den Sturz des mächtigen Hausmeiers Grimoald verkraften mussten.[4]

Zur Chronik

Seite aus einer Abschrift der Fredegar-Chronik. Paris, Nationalbibliothek.

Bei der Chronik des sogenannten Fredegar handelt es sich um eine Weltchronik, die 642 abrupt endet; einzelne Angaben reichen jedoch bis um 658 n. Chr. Die ersten fünf Chroniken (Buch I-III) bauen auf älteren Werken auf. Unter anderem dienten Hippolyt von Rom (genauer gesagt eine überarbeitete lateinische Übersetzung seiner griechischen Chronik, der sogenannte Liber Generationis), Isidor von Sevilla, Hieronymus, Hydatius von Aquae Flaviae und Gregor von Tours der Chronik als Quelle. Von Bedeutung ist vor allem das vierte und letzte Buch der Chronik, das, trotz vieler Probleme, eine wichtige Quelle zur fränkischen Reichsgeschichte des 7. Jahrhunderts darstellt.

Das Interesse des Autors galt vor allem den Herrschern, deren Schwächen er pointiert (und bisweilen wohl übertrieben) herausstellt. Dem Einfluss von Frauen auf die Regierungsgeschäfte steht er meistens (aber nicht generell) feindlich gegenüber.[5] Auch der Aristokratie widmet die Chronik teils breiten Raum. In der Chronik wird erstmals die „fränkische Trojasage“ erwähnt, die angebliche Abstammung der Franken von den mythischen Trojanern (siehe auch Origo gentis). Ebenso wird aber teils Kritik an den Merowingerkönigen geübt.

Die Chronik enthält eine der frühesten europäischen Zeugnisse für die arabischen Eroberungen, darin heißt es:

Die Leute von Hagar, die auch Sarazenen genannt werden, wie das Buch des Orosius bezeugt, sind ein beschnittenes Volk, das schon von alters her an den Abhängen des Kaukasusberges am Kaspischen Meer in einem Land lebte, das Ercolia genannt wurde; als ihre Bevölkerung zu dicht geworden war, griffen sie schließlich zu den Waffen und fielen in die Provinzen des Kaisers Heraklius ein, um sie zu plündern; Heraklius sandte ihnen Soldaten entgegen, um ihnen Widerstand zu leisten. Als es aber zum Kampfe kam, besiegten die Sarazenen die römischen Soldaten und fügten ihnen eine schwere Niederlage zu. In dieser Schlacht sollen 150.000 römische Soldaten von den Sarazenen getötet worden sein. [...] (Fredegar, Chronik IV 66, Übersetzung aus Kusternig/Haupt, Quellen zur Geschichte des 7. und 8. Jahrhunderts, S. 233 [siehe Ausgaben])

Die Fredegar-Chronik berichtet auch über die Beziehungen des Frankenreichs zu den Ländern Mittel- und Osteuropas und überliefert als einzige unabhängige schriftliche Quelle (alle späteren Berichte basieren auf Fredegar) die Existenz des frühslawischen Samo-Reiches.

Das in mangelhaftem Latein abgefasste Werk ist in 38 Handschriften überliefert, die früheste entstand wohl in Metz um 700. Die Einteilung der sechs Chroniken in vier Bücher und Kapitel erfolgte erst später. In karolingischer Zeit wurde die Fredegar-Chronik als amtliche Chronik bis 768 fortgeführt. Diese Fortsetzung wird als Continuationes bezeichnet.

Ausgaben und Übersetzungen

  • Bruno Krusch (Hrsg.): Scriptores rerum Merovingicarum 2: Fredegarii et aliorum Chronica. Vitae sanctorum. Hannover 1888, S. 1–193 (Monumenta Germaniae Historica, Digitalisat)
  • A. Kusternig, H. Haupt: Quellen zur Geschichte des 7. und 8. Jahrhunderts. Die vier Bücher der Chroniken des sogenannten Fredegar. Buch 2, Kapitel 53 bis Buch 4, unwesentlich gekürzt. Die Fortsetzungen des sogenannten Fredegar. Das Buch von der Geschichte der Franken. Das alte Leben Lebuins. Jonas erstes Buch vom Leben Columbans. Darmstadt 1982, ISBN 3-534-01414-6
  • Scholasticus Fredegarius: Chronicorum liber quartus cum continuationibus = The fourth book of the chronicle of Fredegar with its continuations. Transl. from the Latin with introd. and notes by J.M. Wallace-Hadrill. Chronicon. Liber IV. London 1960. (lat. - engl.)

Literatur

  • Roger Collins: Die Fredegar-Chroniken. Monumenta Germaniae Historica Studien und Texte 44. Hannover 2007.
  • Walter A. Goffart: The Fredegar Problem Reconsidered. In: Walter Goffart: Romes Fall and after. London 1989, S. 319ff. [zuerst erschienen 1963 in: Speculum 38, 206-241].
  • Bruno Krusch: Fredegarius Scholasticus - Ouderius? Neue Beiträge zur Fredegar-Kritik. Göttingen 1926.
  • Georg Scheibelreiter: Gegenwart und Vergangenheit in der Sicht Fredegars. In: The Medieval Chronicle. Amsterdam-New York 2002, S. 212-222.
  • Ders.: Justinian und Belisar in fränkischer Sicht. Zur Interpretation von Fredegar, Chronicon II 62. In: Byzantios. Festschrift H. Hunger. 1985, S. 267-280.
  • Gustav Schnürer: Die Verfasser der sogenannten Fredegar-Chronik. Commissionsverl. der Universitaetsbuchhandl. Freiburg (Schweiz) 1900.
  • John Michael Wallace-Hadrill: Fredegar and the History of France. In: The Long Haired Kings and Other Studies in Frankish History. Hrsg. von J. M. Wallace-Hadrill, New York 1962, S. 71-94.
  • Ian N. Wood: Fredegar´s Fables. In: Historiographie im frühen Mittelalter. Hrsg. von Anton Scharer, Georg Scheibelreiter. Wien-München 1994, S. 359-366.

Anmerkungen

  1. Wood, Fredegar´s Fables, S. 359.
  2. Bruno Krusch: Die Chronicae des sogenannten Fredegar. In: Neues Archiv 7 (1882), S. 247ff.; 421ff.
  3. Vgl. Wood, Fredegar's Fables, S. 359f.; siehe vor allem: Goffart, The Fredegar Problem Reconsidered.
  4. Wood, Fredegar´s Fables, S. 366.
  5. Vgl. die Belege bei Wood, Fredegar´s Fables, S. 361f.

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