Galater

Galater
Die römische Provinz Galatia

Galater (griech. Γαλάται, Galatai) ist die Bezeichnung für die Nachfahren der 20.000 keltischen Söldner vom Stamm der Volcae, die 278 v. Chr. von König Nikomedes I. von Bithynien angeheuert wurden. Sie ließen sich im Gebiet um Gordion und Ancyra (das heutige Ankara) nieder, das später nach ihnen Galatien genannt wurde. Sie teilten sich in drei Stämme, die Tolistobogier (Τολιστβόγιοι, Tolistobogii), die Tektosagen (Τεκτόσαγες, Tectosages) und die Trokmer (Τρόκμοι, Trocmi).

Die Galater werden auch im Neuen Testament erwähnt, und zwar im Brief des Paulus an die Galater.

Inhaltsverzeichnis

Geschichte

Ein Galater tötet sich und seine Frau, nachdem Attalos I. von Pergamon die Galater besiegt hatte (Museo nazionale romano di palazzo Altemps)

Im Jahre 279 v. Chr. fielen Kelten in den Balkan ein und plünderten unter anderem Delphi. 278 wurden diese von Nikomedes I. von Bithynien (280–255/3 v. Chr.) als Söldner eingeladen, um den Kampf gegen seinen Bruder, den Usurpator Zipoites zu gewinnen. Darauf überschritten Tolistobogier unter Leonnorius (Λεωννώριος, Lonorius) und Trokmer unter Lutarius (Λουτούριος, Lutarius) den Hellespont (Marmarameer) und fielen in Kleinasien ein, im ganzen rund 20 Tausend Menschen, die Hälfte davon Krieger. Sie halfen Nikomedes sich zu behaupten.

Nachdem sie von Nikomedes aus dem Dienst entlassen wurden, begannen sie die umliegenden Länder zu plündern. Die Trokmer heerten am Hellespont und die Tolistobogier in Äolien und Ionien, wobei sie 277 v. Chr. den Tempel des Apollon von Didyma bei der Stadt Milet plünderten. Die Tektosagen verheerten dagegen im Gebiet der Phryger. Der Seleukidenkönig Antiochos I. (281-261 v. Chr.) trat gegen sie an. Im Jahr 275 v. Chr. kam es zur entscheidenden Schlacht, der so genannten Elefantenschlacht, in der Antiochos über die zahlenmäßig überlegenen Galater durch den Einsatz von Kriegselefanten siegte.

Den besiegten Galatern wurden feste Wohnsitze zugeteilt. Die Tolistobogier wurden im Kern des alten Phrygerreiches angesiedelt, mit den alten Städten Gordion und Pessinus, die Tektosagen um Ankyra und die Trokmer um Tavium. Seither wurde das Land Galatia (Γαλατία) genannt. Damit die Galater nicht mehr das Land verheerten, führte Antiochos II. (261-246 v. Chr.) eine »Keltensteuer« (Γαλατικά) ein, die den Galatern ausbezahlt wurde, Doch Attalos I. von Pergamon (241–197 v. Chr.) verweigerte die Zahlungen und bedrängte die Galater militärisch solange, bis sie aufhörten in das Reich von Pergamon einzufallen.

Im Jahre 196 v. Chr. bat die Stadt Lampsakos die Römer um Hilfe gegen die Tolistobogier. 5500 Galater verbanden sich mit dem Seleukiden Antiochos III. (223-187 v. Chr.) um die Römer zu bekämpfen. Rom mobilisierte ein großes Heer und schlug im Jahre 189 die Galater in die Flucht. Die Tolistobogier verschanzten sich auf dem Berg Olympos, die Tektosagen und Trokmer auf dem Berg Magaba bei Ankyra. Die Römer blieben aber siegreich und machten 40 Tausend Gefangene, die als Sklaven verkauft wurden. Dabei hat sich Chiomara (Χιομάρα), die Frau des Tetrarchen Ortiagon (᾿Ορτιάγων, Ortiago) heldenhaft selbst befreien können. Die besiegten Galater gingen mit Rom ein Bündnis ein.

Drei Jahre später versuchte Ortiagon alleiniger Herrscher über die Galater zu werden, wurde aber von Eumenes II. von Pergamon (197–159 v. Chr.) besiegt. Die Römer, die Eumenes gegenüber feindlich eingestellt waren, nutzten diese Gelegenheit und unterstützten die mit ihnen verbündeten Galater, die unter Solovettius ins Reich von Pergamon einfielen. Im Jahre 166 v. Chr. erklärten die Römer die Galater als autonom, unter der Bedingung, dass sie im eigenen Land verblieben.

Nachdem die Römer im Jahre 129 v. Chr. das Reich von Pergamon als Provinz Asia ins Römische Reich eingegliedert hatten, unterwarf Mithridates VI. von Pontos (132-63 v. Chr.) die Galater. Weil diese aber aufständisch blieben, ließ er im Jahre 86 v. Chr. sämtliche galatischen Adlige ermorden, mit Ausnahme dreier Tetrarchen und eines hübschen Jünglings, aber schon ein Jahr darauf verzichtete Mithradates auf Galatien und Rom begann sich wieder in die galatische Politik einzumischen.

Einer der drei überlebenden Adligen war Deiotaros Philorhomaios (86-40 v. Chr.; Δηιοτάρος Deiotarus), der Tetrarch der Tolistobogier. Er versuchte alleiniger Herrscher über die Galater zu werden und verheiratete zwei seiner Töchter dem Brogitaros (Βρογιτάρος, Brogitarus), Tetrarch der Trokmer, und dem Kastor Tarkondarios (Κάστωρ Ταρκονδάριος), Tetrarch der Tektosagen. 52 v. Chr. ließ er dann seinen Schwiegersohn Brogitaros verschwinden und erlangte so die Herrschaft über die Trokmer. Doch Julius Cäsar teilte darauf die Trokmer dem Mithridates von Pergamon (Μιθριδάτης ο Περγαμήνος) zu, einem Neffen des Brogitaros. Nach der Ermordung Cäsars ließ Deiotaros nicht nur seinen zweiten Schwiegersohn Kastor Tarkondarius umbringen, sondern auch seine mit diesem verheiratete Tochter. Mithridates kam schon 46 v. Chr. um, und so wurde Deiotaros 44 v. Chr. alleiniger Herrscher über alle Galater, starb aber vier Jahre später. Da sein Sohn Deiotaros Philopator schon drei Jahre tot war, ging die Herrschaft auf seinen Enkel Kastor II. (40-36 v. Chr.), dem Sohn von Kastor Tarkondarios, über. Nach diesem wurde Amyntas (36-25 v. Chr.) galatischer König. Nach dessen Tod wurde Galatien ins Römische Reich eingegliedert.

Die Ausdehnung der römischen Provinz Galatia wurde mehrmals geändert, die Hauptstadt war Ancyra. Die Galater hatten lange Eigenheiten ihrer angestammten Kultur beibehalten, natürlich mit einem starken hellenistischen Einschlag. Noch im Jahr 400 n. Chr. bezeugte Kirchenvater Hieronymus die Existenz keltisch sprechender Völker in der Gegend.

Politische Organisation

Die Galater waren in drei Stämme gegliedert: Tolistobogier, Tektosagen und Trokmer. Jeder Stamm war in vier Gruppen gegliedert, denen je ein Tetrarch obstand. Jedem dieser zwölf Tetrarchen unterstanden ein Priester und ein Feldherr, dem zudem noch zwei Befehlshaber untergeordnet waren. Der Gesamtrat der Galater bestand aus 300 Männern, die im gemeinsamen Versammlungsplatz Drynemeton (Δρυνέμετον "Heiliger Eichenhain") zusammenkamen [1]. Später gab es nur noch drei Tetrarchen, für jeden Stamm einen. Diese rangen um die Alleinherrschaft, so dass schließlich nur noch ein Tetrarch, nun auch König genannt, über die Galater herrschte.

Die Tolistobogier (agr. Τολιστβόγιοι; lat. Tolistobogii) wohnten im Westen am Fluss Sangarios mit dem Vorort Gordion und Pessinus, der damals eines der bedeutendsten Heiligtümer Kleinasiens war. In der Mitte siedelten die Tektosagen (agr. Τεκτόσαγες; lat. Tectosages) mit der Hauptstadt Ankyra (heute Ankara). Die Grenze zu den im Osten siedelnden Trokmer (agr. Τρόκμοι; lat. Trocmi) bildete der Fluss Halys (heute: Kızılırmak). Ihr Hauptort war Tavium.

Wirtschaft

Galatien besitzt ein ungünstiges Klima mit heißen trockenen Sommern und lange kalten und schneereichen Wintern. Die fruchtbaren Flussniederungen und die weite Steppe mit würzigen Kräutern sind geeignet für Bienenzucht und Schafhaltung, die Fleisch, Milch und feine Wolle lieferten, während der Mist als Heizmaterial verwendet wurde. Ölbäume lieferten Öl und Oliven, während die Läuse der Kermeseiche (galatisch: ὕς, hys) zu rotem Farbstoff verarbeitet wurden. An Edelsteinen lieferte das Land Opal und Rauchtopas.

Ein besonders wichtiger Erwerb war aber bei den Galatern stets der Kriegsdienst und die Galater hätten bei jedem Krieg der Region als Söldner mitgekämpft [2]. In kriegsfreien Zeiten drohten die Galater Plünder- und Raubzüge an und erpressten so Tributgelder. Eine wichtige Einnahmequelle bot zudem die wichtige Kultstadt Pessinus, die von den Galatern kontrolliert wurde.

Religion und Bräuche

Die Galater übernahmen offensichtlich rasch kleinasiatische Kulte, allen voran der pessinuntische Kult von Kybele und Attis und der galatische Tetrarch Brogitaros (Βρογιτάρος, Brogitarus) erkaufte sich die Priesterschaft von Pessinus für teures Geld. Die galatische Königin Kamma (Κάμμα) war Priesterin der Artemis, die die Galater von allen Gottheiten am meisten verehrt haben sollen [3]. In Tavium, dem Hauptort der Trokmer, wurde eine große Statue des Zeus verehrt. Dieser wird in zwei Inschriften aus der Nähe von Ankara mit dem keltischen Namen Zeus Bussurigios (Βουσσουριγίος) genannt [4].

Antike Schriftsteller berichten, dass die Galater Kriegsgefangene geopfert haben, was durch die Archäologie bestätigt werden kann. Neben Menschopfern wurden auch Pferde, Rinder und Hunde geopfert. Die Angabe, dass die Galater 189 v. Chr. völlig nackt in den Kampf gezogen seien, ist ein alter bezeugter gallischer Brauch. Was die Grabsitten angeht, so übernahmen die Galater sehr früh anatolische Sitten.

Sprache

Hauptartikel: Galatische Sprache

Das Galatische war eine Keltische Sprache, von der aber nur einige Glossen und Namen von Personen, Stämmen und Ortschaften überliefert sind. Diese spärlichen Zeugnisse zeigen, dass das Galatische ein Gallischer Dialekt war. Noch um 400 sagte Hieronymus: »Die Galater haben neben dem Griechischen, das alle Personen im Osten sprechen, noch ihre eigene Sprache, ziemlich ähnlich wie die der Treverer«. [5].

Viele galatische Eigennamen können eindeutig aus dem Gallischen gedeutet werden: Deiotaros »Göttlicher Stier«; Brogitaros »Landesstier«; Sinorix »Alter König«; Eporedorix »Rosswagenkönig«; Eposognatos »Pferdevertrauter«; Artiknos »Bärling«. Unter den Ortsnamen sind typisch keltisch: Ecobriga, Drynemeton »Heiliger Eichenhain« und Vindia (Οὐινδία) »Weisse«.

Literatur

  • Karl Strobel: Die Galater: Geschichte und Eigenart der keltischen Staatenbildung auf dem Boden des hellenistischen Kleinasien. Band 1, Untersuchungen zur Geschichte und historischen Geographie des hellenistischen und römischen Kleinasien (Berlin: Akademie-Verlag 1996).
  • Wolfgang Meid: Die Kelten; Reclam 2007. ISBN 978-3-15-017053-3
  • Philip Freeman: The Galatian Language«; New York 2001. ISBN 0-7734-7480-3.

Einzelbelege

  1. Strabon: Geographike 12,5,1.
  2. Pompeius Trogus: Epitoma 25,2,8ff.
  3. Plutarch: de mul. vir 257
  4. Inschriften aus Akçataş & Karahüyük (RECAM 203, 204)
  5. Hieronymos: Commentarius in Epistulam ad Galatas 2,3

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См. также в других словарях:

  • Galăter [1] — Galăter, s.u. Galatia u. Celten …   Pierer's Universal-Lexikon

  • Galăter [2] — Galăter, Brief an die G., s.u. Paulus …   Pierer's Universal-Lexikon

  • Galăter — Galăter, griech. Form des Namens der Kelten oder Gallier, bezeichnet besonders den keltischen Volksstamm, der das nach ihm benannte Galatien in Kleinasien bewohnte. Als die Scharen der Kelten, die um 280 v. Chr. unter Anführung des Belgius und… …   Meyers Großes Konversations-Lexikon

  • Galater — Galăter, Kelten, die 278 277 v. Chr. nach Kleinasien einwanderten und um 235 durch König Attalos I. von Pergamon zu fester Niederlassung in der nach ihnen Galatien (Galatia) genannten Landschaft genötigt wurden; 189 v. Chr. von den Römern… …   Kleines Konversations-Lexikon

  • Galater — Ga|la|ter 〈Pl.〉 mehrere kelt. Volksstämme, die in der nach ihnen benannten kleinasiat. Landschaft Galatien um 235 v. Chr. angesiedelt wurden * * * Ga|la|ter <Pl.>: keltisches Volk in Kleinasien. * * * Galater,   lateinisch Gạlatae,… …   Universal-Lexikon

  • galater — s, pl HIST folkgrupp från forntida Galatien …   Clue 9 Svensk Ordbok

  • Galater — Ga|la|ter Plural (griechischer Name der Kelten in Kleinasien) …   Die deutsche Rechtschreibung

  • Galater-Brief — Neues Testament Evangelien Matthäus Markus Lukas Johannes Apostelgeschichte des Lukas Paulusbriefe …   Deutsch Wikipedia

  • Galater (Brief) — Neues Testament Evangelien Matthäus Markus Lukas Johannes Apostelgeschichte des Lukas Paulusbriefe …   Deutsch Wikipedia

  • Brief des Paulus an die Galater — Neues Testament Evangelien Matthäus Markus Lukas Johannes Apostelgeschichte Paulusbriefe Römer 1. Korinther 2. Korinther …   Deutsch Wikipedia


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