Galicische Sprache


Galicische Sprache
Galicisch (galego)

Gesprochen in

Spanien
Portugal
Sprecher 3,5 Millionen
Linguistische
Klassifikation
Offizieller Status
Amtssprache von Spanien (Autonome Gemeinschaft Galicien)
Sprachcodes
ISO 639-1:

gl

ISO 639-2:

glg

ISO 639-3:

glg

Die galicische Sprache (Galicisch, galicisch Galego, spanisch Gallego) wird in der spanischen autonomen Gemeinschaft Galicien gesprochen und ist seit 1982 in dieser Region, neben dem Spanischen, Amtssprache. Das Galicische weist aufgrund seines gemeinsamen Ursprungs aus dem Galicisch-Portugiesischen eine sehr hohe Ähnlichkeit mit der portugiesischen Sprache auf, abgesehen von der kastilischen Desonorisierung und der Entnasalisierung der Nasalvokale. Im Galicischen lassen sich drei Mundartzonen differenzieren: das Westgalicische, das Zentralgalicische und das Ostgalicische.

Die internationale Sprachkennung ist gl bzw. glg (nach ISO 639).

Inhaltsverzeichnis

Geschichte

Entstehung der galicischen Sprache

Ausgangspunkt der galicischen Sprache ist die lateinische Sprache bzw. das sogenannte Vulgärlatein. Der Übergang von der lateinischen zur galicischen Sprache erfolgte sukzessive. Wann der Wechsel von Latein zum Galicischen erfolgte, lässt sich dementsprechend nicht exakt festlegen. Einige galicische Sprachforscher gehen allerdings davon aus, dass bereits im 8. Jahrhundert eine spürbare Lücke zwischen der kirchlichen Amtssprache Latein und der Sprache der einfachen Bewohner Galiciens bestand. Ab dem 8. Jahrhundert gab es möglicherweise bereits die zwei parallelen Sprachsysteme Latein und Galicisch.

12.–15. Jahrhundert: Galicisch wird zur Sprache der Lyrik der Iberischen Halbinsel

Ab dem 12. Jahrhundert begünstigten die soziopolitischen Rahmenbedingungen die Verbreitung von Trobadors und ihrer Trobadordichtung in Galicien. Die galicische Sprache wird ab dem 12. Jahrhundert zur herausragenden lyrischen Sprache der iberischen Halbinsel; aus dem Munde der Trobadors erklang die Dichtung in galicischer Sprache an vielen spanischen Höfen. Auch außerhalb Galiciens übernahmen viele Dichter der iberischen Halbinsel die galicische Sprache als Grundlage für ihre Werke. Ein 1196 komponierter Lobgesang von Joam Soares de Pavia mit dem Titel Ora faz ost’o senhor de Navarra ist der älteste bekannte und noch erhaltene literarische Text in galicischer Sprache. Insgesamt sind 170 Autoren mittelalterlicher Lobgesänge bekannt.

Zusätzlich zu seinen übrigen Leistungen gab Alfons X. (falls er nicht selbst daran mitarbeitete) viele schriftstellerische Werke in Auftrag, zum Beispiel die Cantigas de Santa Maria, mehr als 400 galizische Lieder von europäischer Bedeutung über die Jungfrau Maria, und 1283 das Libro de los juegos („Buch der Spiele“, auch „Codex Alfonso“), das als erste und bedeutendste Schachproblemsammlung des Mittelalters gilt und heute im Escorial aufbewahrt wird.

Die dunklen Jahrhunderte

Obwohl die galicische Sprache während des 16. bis 18. Jahrhunderts weiterhin die verbreitetste Sprache in Galicien war, gibt es für diesen Zeitraum kaum schriftliche Nachweise und Zeugnisse, die die Situation und weitere Entwicklung des Galicischen belegen; dieser Zeitraum wird in Galicien als die „dunklen Jahrhunderte“ (galicisch: Os Séculos Escuros) bezeichnet.

Die sprachlich-literarische Wiedergeburt: Rosalía, Curros und Pondal

Das Jahr 1863 kennzeichnet den Beginn des sogenannten Rexurdimento, der sprachlich-literarischen Wiedergeburt der galicischen Sprache. In diesem Jahr wird das Werk Cantares gallegos („Lieder aus Galicien“) von Rosalía de Castro veröffentlicht. Das Werk dieser Lyrikerin, zusammen mit den Werken Curros Enríquez (Aires da miña terra, 1880) sowie Eduardo Pondal (Queixumes dos pinos, 1886), stellt die Wiedergeburt des Galicischen in der spanischen Literatur dar. In den Werken dieser Autoren und insbesondere bei Pondal drücken sich deutliche Bestrebungen galicischer Literaten aus, die galicische Sprache zu einer anerkannten und kultivierten Sprache weiterzuentwickeln.

Ab 1975: Legalisierung und Normenstreit

Mit der Machtübernahme durch den Diktator Francisco Franco, selbst von Geburt Galicier, war die offizielle Verwendung der galicischen Sprache untersagt. Hintergrund dieses Verbotes war das Bestreben Francos, Spanien zentralistischer auszurichten, um damit den regionalen Nationalismen insbesondere in Galicien, dem Baskenland und Katalonien zu begegnen. Das Verbot der Verwendung der regionalen Sprachen in Spanien – und sonstiger kultureller Eigenheiten – schien dem Franco-Regime ein geeigneter Schlüssel hierzu zu sein. Erst in den letzten Jahren des Regimes und vor allem nach dem Tod Francos im Jahr 1975 setzte ein Prozess der sprachlichen Normalisierung im Umgang mit dem Galicischen ein. Dieser Normalisierungsprozess war lange Gegenstand teils polemischer Auseinandersetzungen der unterschiedlichen Sichtweisen über Ansatzpunkte für einen Standard des Galicischen.

Auf der einen Seite stehen die sogenannten Reintegrationisten, die für die Eingliederung des Galicischen in den portugiesischen Sprachraum eintreten. Auf der anderen Seite befinden sich die Autonomisten, deren Ziel die endgültige Positionierung des Galicischen als eigenständige romanische Sprache neben dem Spanischen und dem Portugiesischen war. Neben diesen beiden Hauptgruppen gab und gibt es noch diverse weitere Strömungen, vor allem innerhalb der Reintegrationisten. Die Uneinigkeit über den galicischen Standard hat zu einer kontroversen Auseinandersetzung geführt, in der es in erster Linie um orthografische, aber ebenso um morphologische und lexikalische Fragen sowie um verschiedene Einschätzungen von Geschichte und Gegenwart des Galicischen ging. Der Normenstreit spielt sich bis heute sowohl auf politischer Ebene als auch in der allgemeinen öffentlichen Diskussion und in den Medien ab.

Sprachstruktur

  • definiter Artikel: o, os (mask. Sg./ Pl.); a, as (fem. Sg./ Pl.)
  • indefiniter Artikel: un, uns (mask. Sg./ Pl.); unha, unhas (fem. Sg./ Pl.)
  • Pluralbildung: in der Regel sigmatischer Plural, also durch Anhängen von -s: o can, os cans (Hund, Hunde)
  • Personalpronomen: eu, ti, el/ela/vosté, nós, vós, eles/elas/vostés (ich, du, er/sie/Sie, wir, ihr, sie/sie/Sie)
  • Possessivpronomen: diese stehen wie im Italienischen und Korsischen mit dem definiten Artikel: o meu can (mein Hund), a miña amiga (meine Freundin)
  • Verben: drei Konjugationsklassen (auf -ar, -er, -ir)
  • Das Verb „sein“: wie im Spanischen und Portugiesischen gibt es hierfür zwei Wörter, nämlich ser (für unveränderliche Eigenschaften und Merkmale) und estar (für vorübergehende Zustände).
  • Zukunft und Vergangenheit: das Galicische verwendet das historische Perfekt und das Imperfekt für Vergangenes: falou „er redete“ (Perfekt), falaba „er redete“ (Imperfekt). Wie Französisch, Spanisch und Portugiesisch verfügt auch das Galicische über zwei Futurformen, eine auf dem lat. Typ Infinitiv + HABERE basierende und ein go-future, der in der Umgangssprache verwendet wird. Dieser basiert auf dem Typus gehen + Infinitiv: vou falar „ich werde sprechen“.
  • Das Galicische ist wie das Portugiesische relativ reich an sogenannten Artikelpräpositionen, d. h. an Verbindungen zwischen definiten und indefiniten Artikeln mit verschiedenen Präpositionen, z. B. a (zu) + o (der) = ó, de (von) + unha (eine) > dunha. Sogar Demonstrativa verschmelzen mit der Präposition: disto < de (von) + isto (dieser).

Sprachvergleich

Auszug aus „O Principiño“ (Der Kleine Prinz):

Ah, meu principiño, así, aos poucos, fun comprendendo a túa melancólica vidiña! Durante moito tempo, a túa única distracción foi a beleza dos crepúsculos. Fiquei a sabelo na mañá do cuarto día, cando me dixeches: Gosto moito dos pores do Sol.

Auf Spanisch aus „El Principito“:

¡Ah, pequeño príncipe, he comprendido muy lentamente tu modesta vida melancólica! Durante largo tiempo, no tuviste más distracción que la dulzura de las puestas de sol. Supe este nuevo detalle la mañana del cuarto día, cuando me dijiste: ¡Me encantan las puestas de sol!

Auf Portugiesisch aus „O Principezinho“:

Ah, Principezinho! Assim, aos poucos, fui ficando a conhecer a tua melancólica vidinha! Durante muito tempo, a tua única distracção foi a beleza dos crepúsculos. Fiquei a sabê-lo na manhã do quarto dia, quando me disseste: Gosto muito dos pores do Sol.

Siehe auch

Weblinks


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