Ganz unten


Ganz unten

Ganz unten ist ein am 21. Oktober 1985 erstmals erschienenes[1], international erfolgreiches Buch des Autors und Journalisten Günter Wallraff, das Menschenrechtsverletzungen und Ausländerfeindlichkeit in der Bundesrepublik Deutschland in den frühen 1980ern darstellt.

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

Anzeigen wie diese wurden im März 1983 von Wallraff in mehreren Zeitungen geschaltet

Das Werk schildert, wie Günter Wallraff in der Rolle des Türken Levent (Ali) Sigirlioğlu (in späteren Ausgaben Sinirlioğlu genannt) in Deutschland verschiedene Arbeiten annimmt und dabei vielerorts Ausbeutung, Ausgrenzung, Missachtung und Hass erfährt.

Wallraff schreibt im Vorwort zu seinem Buch, für das er ab März 1983 zwei Jahre lang recherchierte:

„Sicher, ich war nicht wirklich ein Türke. Aber man muss sich verkleiden, um die Gesellschaft zu demaskieren, muss täuschen und sich verstellen, um die Wahrheit herauszufinden.
Ich weiß immer noch nicht, wie ein Ausländer die täglichen Demütigungen, die Feindseligkeiten und den Hass verarbeitet. Aber ich weiß jetzt, was er zu ertragen hat und wie weit die Menschenverachtung in diesem Land gehen kann.
Ein Stück Apartheid findet mitten unter uns statt – in unserer „Demokratie“.
Die Erlebnisse haben alle meine Erwartungen übertroffen. In negativer Hinsicht. Ich habe mitten in der Bundesrepublik Zustände erlebt, wie sie eigentlich sonst nur in den Geschichtsbüchern über das 19. Jahrhundert beschrieben werden.“

Wallraff muss als Ali Sinirlioğlu bei verschiedenen bekannten Unternehmen schwerste Arbeiten für geringe Stundenlöhne ausführen, unter Schikanierungen durch deutsche Kollegen, ohne Sicherheitsvorkehrungen, bisweilen ohne Papiere, Sozial- oder Krankenversicherung, nicht selten mehrere Schichten hintereinander. Wo deutsche Kollegen Schutzkleidung bekommen (zum Beispiel bei Kanalarbeiten bei Temperaturen unter Null Grad), erhält er keine; Wallraff schildert in diesem Zusammenhang auch, wie türkische Arbeiter in Atomkraftwerken bei ihren Tätigkeiten gefährlich hohe Strahlendosen in Kauf nehmen müssen. Viele haben kaum eine Chance, sich gegen solche Unmenschlichkeiten zu wehren, halten sie sich doch illegal in Deutschland auf oder stehen vor der Ausweisung. Der Autor berichtet von sich selbst, seine Gesundheit sei noch lange Zeit nach den Recherchearbeiten durch die Tätigkeiten, die er als Ali Sinirlioğlu, wenn auch nur kurzzeitig durchführen musste, stark angegriffen gewesen.

Nicht nur auf seinen verschiedenen Arbeitsstellen, auch im täglichen Leben, selbst wenn er fließend Deutsch spricht und selbst noch wenn er bei einem Fußballspiel der Deutschen Nationalmannschaft gegen die Türkei nur die deutschen Spieler anfeuert, muss Wallraff mit seinem südländischen Erscheinungsbild Demütigungen wie „Sieg heil“-, „Deutschland den Deutschen“- und „Türken raus“-Anfeindungen ertragen, es werden ihm Zigaretten ins Haar geworfen und Biere über den Kopf gegossen.

Aus seinem Inhalt erklärt sich die Titelwendung des Buches, die mit „ganz unten“ die Grauzonen der bundesdeutschen Arbeitswelt, in denen Wallraff recherchiert, meint, wo es (dem Klappentext der Erstausgabe folgend) „vom Arbeitsmarkt zum Sklavenmarkt nur ein Schritt ist, wo Arbeit tödlich werden kann und der Mensch aufhört, Mitmensch zu sein“, aber auch die unterste Stufe in der Hierarchie einer Gesellschaft.

Aufbau

Das reportageartige Buch beinhaltet dreizehn Kapitel. In diesen gibt Wallraff seinen Erfahrungsbericht wieder; in Unterkapiteln, welche die großen Abschnitte weiter unterteilen, flicht der Autor immer wieder Erlebnisse und Biografien anderer Kollegen ein, die mal als Erzählung in der Erzählung, mal als dialogische Gesprächswiedergabe erscheinen. Zudem collagiert Wallraff deutlich abgesetzt vom ansonsten nie verlassenen Bericht Alis/Wallraffs ergänzende Sachinformationen liefernde nüchterne Berichte in den Verlauf seines Textes mit ein.

Seine Wut und sein Unglauben, über das, was er erlebt, nutzt Wallraff den gesamten Text hindurch als Stilmittel, um den Leser auf seine Seite zu ziehen oder zumindest Empathie für sein Anliegen zu wecken. Dies gelingt ihm letztlich durch die moralische Überlegenheit, die er durch den eigenen unbequemen Rollenwechsel erwirbt.

Ausgaben

Nach der Erstausgabe, die mit einer Prozessflut (unter anderem einer Unterlassungsklage von Thyssen) bedacht wurde, erschienen mehrere überarbeitete Neuauflagen, in denen bis dahin unveröffentlichtes Recherchematerial gestrichene Passagen auffüllte; seit 1988 erscheint Ganz unten „Mit einer Dokumentation der Folgen” im Anhang. Das Buch wurde in 30 Sprachen übersetzt; der deutsche Verlag Kiepenheuer & Witsch publizierte neben der Originalausgabe auch eine türkischsprachige Ausgabe. Ganz unten erschien auch in der DDR in mehreren Auflagen.

Wirkung

Günter Wallraff in einer Podiumsdiskussion bei den Jugendmedientagen 2006

Ganz unten brachte seinem Autor Beschimpfungen, wie „sozialistischer Hetzer” und „Nestbeschmutzer”, Bespitzelungen und Klagen ein. Unbestreitbar ist, dass die Erfahrungsberichte Wallraffs als Türke Ali weite Teile der deutschen Gesellschaft aufgerüttelt haben: Ganz unten hatte sich in den ersten sechs Wochen nach seinem Erscheinen bereits 1,6 Millionen Mal verkauft. Auch leitet das dem Investigativjournalismus zuzurechnende Werk ein generelles Umdenken der Deutschen in Bezug auf die Behandlung von in Deutschland lebenden und arbeitenden Menschen fremdländischer Abstammung ein. Gleichsam politische Auswirkungen hatte das Buch in Bezug auf das mit ihm bekanntwerdende Procedere der Subunternehmer: Gesetzgebung und Sicherheitsbestimmungen wurden in diesem Zusammenhang verschärft.

In der Arbeitswelt folgte die feste Einstellung vieler Leiharbeiter, zumindest bei Thyssen.

Auf der anderen Seite hat Ganz unten mit seiner einseitig-drastischen Darstellung auch neue Vorurteile gegenüber Türken in Deutschland geschaffen bzw. verstärkt, zum Beispiel indem das Buch sie generell in eine Opferrolle drängte. In diesem Zusammenhang rückte schlechtes Gewissen und von Mitleid geprägtes Wohlwollen in den Vordergrund im Umgang der Deutschen mit türkischen Migranten. Die Schriftstellerin Aysel Özakin bemängelte 1986 in einem Zeitschriftenartikel auch die instrumentalisierende Verwendung des „Türken” in Ganz unten um ein spezielles Anliegen zu transportieren und fragte: „Sind wir alle nur unterdrückt und naiv?” In der Tat zeichnet Wallraffs Werk nicht gerade ein differenziertes Bild türkischer Migranten, sondern unterstützt vielmehr die damals bereits vorherrschende trügerische Tendenz auf deutscher Seite, die erste Generation der türkischen Einwanderer als einförmige, womöglich gar wenig intellektuelle unbestimmte Masse wahrzunehmen. 1997 nahm in diesem Zusammenhang ein in der Türkei erschienenes Handbuch über die wichtigsten türkischstämmigen Unternehmer in Deutschland im Titel direkten Bezug auf Wallraffs Buch: En Üsttekiler (deutsch: „Die ganz oben”).

Sekundärliteratur

Ganz unten zog Folgeveröffentlichungen anderer Autoren nach sich, zum Beispiel Thyssen gegen Wallraff oder: Bericht über den Versuch, einen Autor durch Prozesse und Rufmord zum Schweigen zu bringen (1988) von Frank Berger mit einem Essay von Hans-Ulrich Jörges, Die Reise ins Souterrain (1987) von Bodo Rollka, Ali – Phänomene um einen Bestseller (1986) von Heinz Klaus Mertes oder die von Christian Linder schon ab 1986 herausgegebene, ständig erweiterte Sammlung In Sachen Wallraff, die Berichte, Analysen, Meinungen u. Dokumente auch zu anderen Werken des Autors enthält.

Verfilmung

Im Jahr seiner Veröffentlichung erscheint das Buch auch als Film; der 100-minütige Dokumentarfilm Ganz unten (Regie: Jörg Gförer, 1986), der heimlich gedrehte Dokumentaraufnahmen mit nachträglich entstandenen Interviews montiert, läuft international erfolgreich in den Kinos, wird bei Filmfestivals gezeigt und mehrfach mit Preisen ausgezeichnet; unter anderem erhielt er eine besondere Erwähnung als bester Dokumentarfilm auf dem Valladolid International Film Festival 1987. Von der Filmbewertungsstelle Wiesbaden erhielt der Film das Prädikat „besonders wertvoll“. Die deutsche Erstausstrahlung des Film erfolgte erst 25 Jahre später, am 13. Juli 2011 auf Phoenix.

Laut filmportal.de erreichten die Dokumentarfilme, die sich mit den Problemen der ersten Migrantengeneration befassten mit Ganz unten, „eine Art thematischen Höhe- und Endpunkt – denn drastischere (Dokumentar-)Bilder konnte man für die Diskriminierung der ausländischen (vorwiegend türkischen) Arbeiter kaum finden.“[2]

Literaturwissenschaftliche Einordnung

Vor Ganz unten hatte es bereits verschiedene Werke türkischstämmiger Autoren gegeben, die schlechte Behandlung von zunächst als Gastarbeiter bezeichneten Türken in Deutschland literarisch darstellten – allerdings hauptsächlich nicht in Berichtform, sondern in mehr oder weniger dichterischen Bearbeitung; schon das bereits 1965 geschriebene Almanya Almanya des türkischen Dichters Nevzat Üstün gehört in Teilen dazu, noch mehr jedoch Werke von in Deutschland lebenden Autoren wie Aras Ören oder Yüksel Pazarkaya ab den 1970er Jahren und Textsammlungen wie Deutsches Heim – Glück allein. Wie Türken Deutsche sehen. Ihre ebenso vorhandenen Versuche, auf Missstände aufmerksam zu machen, wurden allerdings kaum wahrgenommen. Wallraff trug sich nach eigenen Angaben ebenfalls bereits seit Anfang der 1970er Jahre mit dem Gedanken an die Darstellung des Themenkreise von Ganz unten und erhielt schließlich als prominenter deutscher Autor für seine Arbeit eine ungleich größere Aufmerksamkeit des deutschen Lesepublikums, als sie einer seiner deutsch-türkischen Kollegen zu diesem Zeitpunkt hätte erreichen können. Das Buch der 1000 Bücher (2002) des Harenberg-Verlags zählt Wallraffs Buch aufgrund seiner Wirkung zu den tausend kulturgeschichtlich bedeutsamsten Büchern der Weltliteratur.

Siehe auch

Einzelnachweise

  1. Die Rolle des Ali: Günter Wallraff stellt vor 20 Jahren seine Sozialreportage "Ganz unten" vor, Kalenderblatt von Frank Kempe, gesendet am 21. Oktober 2010 im Deutschlandfunk, gesehen 22. Oktober 2010
  2. Kino und Migration : Auf Streife durchs Leben – Migrantenschicksale im Dokumentarfilm auf filmportal.de

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