Gebärdensprache


Gebärdensprache

Eine Gebärdensprache ist eine eigenständige, visuell wahrnehmbare natürliche Sprache, die insbesondere von gehörlosen und schwerhörigen Menschen zur Kommunikation genutzt wird. Bei Menschen mit Taubblindheit werden Gebärdensprache bzw. Gebärden im Handkontakt über die haptischen Sinneswahrnehmungen Bewegung, Ertastung und Berührung erkannt. Die Sprache zählt zur Gruppe der Minderheitensprachen.

Gebärdensprache besteht aus kombinierten Zeichen (Gebärden), die vor allem mit den Händen, in Verbindung mit Mimik und Mundbild (lautlos gesprochene Wörter oder Silben) und zudem im Kontext mit der Körperhaltung gebildet werden.

Inhaltsverzeichnis

Eigenständigkeit und Verhältnis zur Lautsprache

Die Gebärden werden in vier Parametern zerlegt, die phonemisch weiter analysiert werden, in Handkonfiguration, Handorientierung, Bewegungsausführung und Ort der Bewegung. Viele Gebärden sind stark flektiert. Informationen können pronominal durch verschiedene sichtbare Formen in einer einzigen Gebärde angegeben werden, z. B. die Verbgebärde, glossiert mit ICH-BUCH-GEBEN-DIR-SCHNELL schließt die Bewegungsrichtung von "ich" nach "du", und zwar schnell, und das Halten eines imaginären Buches ein. Die Gebärde, jedoch ausgeführt in der Bewegungsrichtung von "du" nach "ich" ergibt DU-BUCH-GEBEN-MIR-SCHNELL. Die Gebärde kann weiter mit einer anderen Handform abgewandelt werden, abhängig davon, was gegeben wird z. B. ein dickes Buch, eine Flasche, Papier, ein Stapel von Büchern usw. Dazu kommt noch die unterschiedliche Orientierung der Hand bzw. Hände, ob das Objekt horizontal oder vertikal übergeben wird.

Dieses häufig als „Inkorporation“ bezeichnete (in neueren Forschungsansätzen jedoch zur Flexion gezählte) Konzept ist eine wichtige Charakteristik der Gebärdensprache. Dies ist im Unterschied zu vielen Lautsprachen stark bemerkenswert, da Informationen in vielen Lautsprachen gezwungenermaßen aufeinander folgend arbeiten müssen. Wegen der Zerlegbarkeit der Gebärden und Strukturierung innerhalb des Satzes oder der Phrase werden Gebärdensprachen wissenschaftlich als eigenständige und vollwertige Sprachen angesehen. Sie haben eigene grammatikalische Strukturen, die sich von der Lautsprache des jeweiligen Landes grundlegend unterscheiden. Daher lässt sich Gebärdensprache nicht Wort für Wort in Lautsprache umsetzen.

Gebärdensprachen unterscheiden sich von Land zu Land. So gibt es im deutschen Sprachraum die Deutsche Gebärdensprache (DGS), die Österreichische Gebärdensprache (ÖGS) wie auch die Deutschschweizer Gebärdensprache (DSGS). Letztere zum Beispiel ist wiederum in fünf verschiedene Dialekte unterteilt (Zürcher, Berner, Basler, Luzerner und St. Galler Dialekt). Unter diesen kann es wiederum auch regionale Unterschiede geben. In Graubünden zum Beispiel erkennt man Gebärden aus dem Zürcher wie auch aus dem St. Galler Dialekt. Weit verbreitet ist die American Sign Language (ASL).

Die Gebärdensprachen sind sich jedoch untereinander häufig ähnlicher als die verschiedenen Lautsprachen. Auf internationalen Veranstaltungen kommt zunehmend die sogenannte internationale Gebärdensprache zum Einsatz. Diese im Entstehen begriffene Gebärdensprache entwickelt sich durch Konventionen verschiedener länderspezifischer Gebärden nach pragmatischen Aspekten.

Gebärdenschrift

Gebärdensprache hat sich bisher nicht für den Alltagsgebrauch zuverlässig verschriftlichen lassen, obwohl es bereits mehrere Ansätze dazu gibt. Für wissenschaftliche Forschungen existieren jedoch „Notationssysteme“ wie z. B. das HamNoSys (Hamburger Notationssystem); sie arbeiten z. B. mit der Zerlegung jeder Gebärde in Handform, Handstellung, Körperbereich, Bewegungsausführung etc. und der jeweils entsprechenden Darstellung. In der Praxis findet auch die so bezeichnete GebärdenSchrift (Schreibweise in Anlehnung an das englische SignWriting, ursprünglich entwickelt von Valerie Sutton und Teil des Sutton-MovementWriting-Systems) am Landesbildungszentrum für Hörgeschädigte in Osnabrück Anwendung. Sie wird mit Erfolg ab der ersten Klasse eingesetzt.

Manuelle Kodierungssysteme für die deutsche Sprache

Von der Gebärdensprache abzugrenzen sind die sogenannten manuell-visuellen Kodierungssysteme der deutschen Sprache:

Gebärdensprache in nationalen Gesetzen

Es gab und gibt Anstrengungen, die Gebärdensprachen gesetzlich zu verankern. Uganda hat schon vor 2000 dessen Gebärdensprache verfassungsrechtlich anerkannt. Auch ist seit 2006 die Neuseeländische Gebärdensprache (NZSL) neben Englisch und Māori die offizielle Amtssprache Neuseelands. Seit dem 27. Februar 2005 ist im Schweizer Kanton Zürich ist verfassungsmäßig anerkannt, dass die Gebärdensprache auch zur Sprachenfreiheit gehört. Das österreichische Parlament nahm im Juli 2005 die Gebärdensprache als anerkannte Minderheitensprache in die Bundesverfassung (Art. 8, Abs. 3) auf.

Gebärdensprachkurse

Das Erlernen einer Gebärdensprache ist auch für hörende Menschen möglich (z. B. über Volkshochschulen oder Gebärdensprachkurse) und vom Aufwand und Umfang her mit dem Erlernen einer Fremdsprache vergleichbar.

Gebärdensprachdolmetscher

Gebärdensprachdolmetscherin auf einer Bühne beim Cologne Pride 2006 in Köln

Gebärdensprachdolmetscher (nicht: Gebärdendolmetscher) dolmetschen in beide Richtungen für gehörlose und hörende Personen. Es kommt vor, dass in einer Gruppe die Gebärdensprache dominiert und für die hörende, nicht gebärdensprachkompetente Minderheit gedolmetscht wird (als "voicen" bezeichnet), z. B. bei Gehörlosenkonferenzen. Es gibt auch Dolmetscher, die von einer Gebärdensprache in die andere dolmetschen, oder von einer anderen Lautsprache in die lokale Gebärdensprache (z. B. französisch in die Deutschschweizer Gebärdensprache). Gebärdensprachdolmetscherinnen und -dolmetscher, die zwischen zwei Gebärdensprachen dolmetschen, sind häufig selbst gehörlos.

In Deutschland ist spätestens seit 2002 mit Inkrafttreten des Behindertengleichstellungsgesetzes (BGG) der Anspruch gehörloser Menschen auf Gebärdensprachdolmetscher (insbesondere bei Behörden, Polizei und Gericht, aber auch am Arbeitsplatz) und andere Kommunikationshilfen (wie z. B. Schriftdolmetscher) gesetzlich geregelt. In der Schweiz gibt es seit 2004 ein ähnliches Gesetz.

Ausbildungen zum Gebärdensprachdolmetscher werden als Vollzeitstudium, etwa an der Universität Hamburg,[1] an der Hochschule Magdeburg-Stendal,[2] an der Westsächsischen Hochschule Zwickau,[3] als Teilzeitstudium wie an der Hochschule Fresenius in Idstein oder der Hochschule für Heilpädagogik Zürich (FH) oder als berufsbegleitende Weiterbildung, beispielsweise an der Taubstummenanstalt Universität Frankfurt a. Main,[4] dem LINGS NRW[5] Essen, dem Gehörloseninstitut Bayern[6] in Nürnberg und dem Gebärdeninstitut Baden-Württemberg[7] in Winnenden angeboten. Weiterbildungen sind zu dem Zweck eingerichtet worden, damit langjährig tätige Gebärdensprachdolmetscher ohne Ausbildung eine Möglichkeit zur Nachqualifizierung erhalten.

Seit Ende 2006 ist ein qualifizierender Abschluss als Gebärdensprachdolmetscher in vielen Bereichen erforderlich. Eine staatliche Prüfung bieten das Amt für Lehrerbildung in Darmstadt und das Bayerische Kultusministerium[8] an. Für die staatliche Prüfung ist ein Ausbildungsnachweis nicht vorgeschrieben, wohl aber langjährige Berufstätigkeit. Die akademischen Diplome der Universitäten und Fachhochschulen können auf Wunsch und gegen eine Gebühr den staatlichen Prüfungen gleichgestellt werden.

Der Bundesverband der GebärdensprachdolmetscherInnen Deutschlands (BGSD) e.V. ist die berufsständische Vertretung der in Deutschland organisierten Gebärdensprachdolmetscher und -dolmetscherinnen. In der Deutschschweiz ist dies die Berufsvereinigung der GebärdensprachdolmetscherInnen der deutschen Schweiz (bgd).

Siehe auch

Medien

Filme

Eine Auswahl an Filmen, in denen die Gebärdensprache zum Einsatz kommt bzw. vom Leben gehörloser und taubblinder Charaktere handeln:

Spielfilme

Filmtitel Erscheinungsjahr Inhalt
Babel 2006 In einem Erzählstrang von Alejandro González Iñárritus Film versucht eine junge, gehörlose Japanerin die Ablehnung ihrer Mitmenschen durch Drogen, Alkohol oder Partys zu kompensieren (Oscar-Nominierung für Darstellerin Rinko Kikuchi).
Black 2005 Sanjay Leela Bhansalis Drama erzählt von der Geschichte eines jungen, taubblinden Mädchens, das die Gebärdensprache erlernt (Filmfare Award u.a. für Hauptdarstellerin Rani Mukherjee und den Film).
Gottes vergessene Kinder 1986 Melodram um einen jungen Lehrer an einer Schule für gehörgeschädigte Jugendliche, der sich in eine gehörlose Frau verliebt (Oscar für Hauptdarstellerin Marlee Matlin).
Jenseits der Stille 1996 Drama von Caroline Link über eine hörende Tochter gehörloser Eltern, die die Welt der Musik entdeckt (Deutscher Filmpreis für Hauptdarstellerin Sylvie Testud).
Jenseits des Schweigens 1996 Drama von Fred Gerber um eine misshandelte, gehörlose junge Frau die bei einer Sozialarbeiterin aufgenommen wird und die Gebärdensprache erlernt (Originaltitel: Breaking Through bzw. After the Silence).
Licht im Dunkel 1962 Arthur Penns Verfilmung (Originaltitel: The Miracle Worker) über die Kindheit der taubblinden amerikanischen Schriftstellerin Helen Keller (Oscars für die Hauptdarstellerinnen Anne Bancroft und Patty Duke).
Lieber Frankie 2004 Lieber Frankie (Originaltitel: Dear Frankie) ist ein britisches Filmdrama über eine Familie und die Beziehung eines gehörlosen Jungen zu seinem abwesenden Vater..
Mr. Holland’s Opus 1995 Eine Episode der fiktiven Lebensgeschichte des Komponisten und Musiklehrers Glenn Holland (Oscarnominierung für Richard Dreyfuss) behandelt das schwierige Verhältnis zu seinem gehörlosen Sohn, für dessen Liebe zur Musik Holland zunächst kein Verständnis aufbringen kann.
Das Piano 1993 Jane Campions Film über den Selbstfindungsprozess einer verheirateten, schweigenden Mutter, die im Neuseeland des 19. Jahrhunderts eine verbotene Liebesbeziehung eingeht (Goldene Palme von Cannes; Oscar für Hauptdarstellerin Holly Hunter).
Schweigende Lippen 1948 Melodram von Jean Negulesco über eine gehörlose, junge Frau der im Kanada des 19. Jahrhunderts die Gebärdensprache gelehrt wird.
Stille Liebe 2001 Drama von Christoph Schaub über eine gehörlose Nonne (Emmanuelle Laborit).
Unser neuer Bruder 1985 Kinderfilm von Robert Michael Louis über die Freundschaft zwischen einem entlaufenen Orang-Utan und einem gehörlosen Jungen (Originaltitel: A Summer to Remember).
Der Wolfsjunge 1970 Literaturverfilmung François Truffauts über das wahre Leben des Wolfsjungen Victor von Aveyron.
Die Familie Stone – Verloben verboten! 2005 Weihnachtsfilmkomödie, in der der älteste Sohn seine Verlobte der Familie vorstellt. Einer seiner jüngeren Brüder ist gehörlos und homosexuell.
Orphan – Das Waisenkind 2009 Horrorfilm, in dem die kleine Tochter Max fast gehörlos ist.

Kurz- oder Dokumentarfilme

  • DEF (2003): 13-minütiger Kurzfilm von Ian Clark über einen gehörlosen Jungen aus einer englischen Wohnsiedlung, der davon träumt ein Rapstar zu werden.
  • Ich muss dir was sagen (2006): Dokumentarfilm von Martin Nguyen über vierjährige Zwillingsbrüder, von denen einer gehörlos und der andere hörend ist. Dieser Dokumentarfilm zeigt, wie sich die beiden untereinander verständigen, wie die Eltern mit der neuen Situation zurechtkommen und wie sie sich die Zukunft des gehörlosen Jungen vorstellen.
  • Verbotene Sprache (2009), Porträt des Gebärdensprachkünstlers Rolf Lanicca, 40 min.

Literatur

  • Mein Tor in die Welt der Gehörlosen, Sachbuch für Kinder, Österreichischer Gehörlosenbund (Hg.) Wien, 2004, ISBN 3-200-00063-5
  • Wolfgang Müller, Gehörlose Musik, Die Tödliche Doris in gebärdensprachlicher Gestaltung. Die „Übersetzung“ der Musik und Texte der ersten LP der Gruppe von 1981 in Zeichen und Gebärden durch zwei Gebärdensprachdolmetscher auf DVD mit Buch. Edition Kroethenhayn, Berlin 2006.
  • Irene Leber, Jörg Spiegelhalter: Das mini Gebärden-Liederbuch. Mit den Händen singen. Loeper, Karlsruhe 2004. ISBN 3-86059-127-4
  • Oliver Sacks: Stumme Stimmen. Reise in die Welt der Gehörlosen. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2001. ISBN 3-499-19198-9
  • Nora Ellen Groce: Jeder sprach hier Gebärdensprache. Erblich bedingte Gehörlosigkeit auf der Insel Martha's Vineyard. Aus dem Amerikanischen übersetzt von Elmar Bott. Signum, Seedorf 2006. ISBN 3-927731-97-8
  • Susan Schaller: Ein Leben ohne Worte. Knaur, München 1992. ISBN 3-426-75002-3
  • Christian Kleiber: Hanna Hasenöhrl, www.wirsindanders.info, Kinderbuch ISBN 978-3-00-029741-0
  • Bruno Griesser: Ungedruckte Texte zur Zeichensprache in den Klöstern, in: Analecta Cisterciensia 3 (1947), S. 111-137.

Einzelnachweise

  1. Universität Hamburg
  2. Hochschule Magdeburg Stendal
  3. Westsächsischen Hochschule Zwickau
  4. Stiftung Taubstummenanstalt, Universität Frankfurt a. Main
  5. LINGS NRW in Essen
  6. Gehörloseninstitut Bayern
  7. Gebärdeninstitut Baden-Württemberg
  8. Bayerisches Kultusministerium

Weblinks

 Commons: Gebärdensprache – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
Wiktionary Wiktionary: Gebärdensprache – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Weiterführende Links können unter DGS, DSGS und ÖGS gefunden werden.


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