Geheimtreffen vom 20. Februar 1933


Geheimtreffen vom 20. Februar 1933
Der Ort des Treffens - Das Reichstagspräsidentenpalais

Das Geheimtreffen vom 20. Februar 1933 war eine Zusammenkunft Adolf Hitlers nach der Machtübernahme mit 27 Industriellen in Hermann Görings Amtssitz im Reichstagspräsidentenpalais zur Finanzierung des Wahlkampfes der NSDAP bei den halbfreien Reichstagswahlen.

Auf diesem Treffen wurde für den laufenden Wahlkampf zur Reichstagswahl am 5. März 1933, mit der die NSDAP zusammen mit der Kampffront Schwarz-Weiß-Rot die notwendige Zweidrittelmehrheit für das Ermächtigungsgesetz erreichen wollte und die sich als letzte Mehrparteien-Reichstagswahl des Deutschen Reichs erweisen sollte, ein Wahlfonds von drei Millionen Reichsmark für die NSDAP und die Kampffront Schwarz-Weiß-Rot beschlossen. 75% der Summe ging an die NSDAP. Davon sind mehr als zwei Millionen Reichsmark direkt als Einzahlung an die NSDAP nachweisbar.

Inhaltsverzeichnis

Teilnehmer

Der Organisator des Treffens: Hjalmar Schacht

Am Treffen nahmen die folgenden Wirtschaftsvertreter teil: [1]

  1. Hjalmar Schacht, ehemaliger und zukünftiger Reichsbankpräsident
  2. Gustav Krupp von Bohlen und Halbach
  3. Albert Vögler, erster Vorstandsvorsitzender der Vereinigte Stahlwerke AG
  4. Fritz Springorum, Hoesch AG
  5. Ernst Tengelmann, Vorstandsvorsitzender der Gelsenkirchener Bergwerks-AG
  6. August Rosterg, Generaldirektor der Wintershall AG
  7. Ernst Brandi, Vorsitzender des Bergbauvereins
  8. Karl Büren, Generaldirektor der Braunkohlen- und Brikettindustrie AG, Vorstandsmitglied der Vereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände
  9. Günther Heubel, Generaldirektor der C. Th. Heye Braunkohlenwerke AG, Vorstandsmitglied der Deutschen Arbeitgeberverbände
  10. Georg von Schnitzler, Vorstandsmitglied der I.G. Farben
  11. Hugo Stinnes junior, Vorstandsmitglied des Reichsverband der Deutschen Industrie, Mitglied des Aufsichtsrats des Rheinisch-Westfälischen Kohlen-Syndikats
  12. Eduard Schulte, Generaldirektor Giesches Erben, Zink und Bergbaubetrieb, später Widerständler
  13. Fritz von Opel, Vorstandsmitglied der Adam Opel AG
  14. Ludwig von Winterfeld, Vorstandsmitglied der Siemens & Halske AG und Siemens-Schuckert-Werke AG
  15. Wolf-Dietrich von Witzleben, Leiter des Büros von Carl Friedrich von Siemens
  16. Wolfgang Reuter, Generaldirektor der Demag, Vorsitzender des Vereins Deutscher Maschinenbau-Anstalten, Präsidialmitglied des Reichsverbands der Deutschen Industrie
  17. Günther Quandt, Großindustrieller, aufgrund seiner Unterstützung des Regimes späterer Wehrwirtschaftsführer.
  18. August Diehn, Vorstandsmitglied der Wintershall AG
  19. Hans von und zu Löwenstein, geschäftsführendes Vorstandsmitglied des Bergbauvereins
  20. Ludwig Grauert
  21. Friedrich Flick[2]
  22. Kurt Schmitt, Vorstandsmitglied der Allianz AG[3]
  23. August von Finck, war in zahlreichen Aufsichtsräten und Fachgremien[3]
  24. Erich Fickler, Generaldirektor der Harpener Bergbau AG, Aufsichtsratsvorsitzender Rheinisch-Westfälischen Kohlen-Syndikats, Vorstandsmitglied des RDI, Mitglied diverser Aufsichtsräte[4]
  25. Paul Stein, Vorsitzender und Generalbevollmächtigter der Gewerkschaft Zeche Auguste Victoria in Marl-Hüls und Verwaltungsratsmitglied der I.G. Farben[5]
  26. Herbert Kauert, Vorstandsmitglied der Gelsenkirchener Bergwerks-AG[6]

Der eingeladene Paul Reusch nahm nicht teil; er gab an auf Auslandsreise zu sein.[7] Carl Friedrich von Siemens hat sich durch seinen Privatsekretär Wolf-Dietrich von Witzleben vertreten lassen.[8] Robert Bosch hat die Einladung in einem Brief offen abgewiesen.[9]

Ablauf

Zuerst hielt Hermann Göring in Begleitung von Walther Funk eine kurze Ansprache, in der er auf die Bedeutung des laufenden Wahlkampfes hinwies. Dann erschien Hitler in Begleitung von Otto Wagener und hielt eine eineinhalbstündige frei gehaltene Rede. Er bekannte sich zum Privateigentum und behauptete, die NSDAP wäre die einzige Rettung vor der kommunistischen Gefahr. Die Grundlage der NSDAP sei die völkische Idee und der Gedanke der Wehrhaftigkeit. Das Leben sei ein fortgesetzter Kampf, den nur ein wehrhaftes Volk bestehen könne und nur eine wehrhafte Nation könne eine blühende Wirtschaft haben.[1]

In seiner Rede erklärte Hitler, die Demokratie sei Schuld am Aufkommen des Kommunismus. In einer erhalten gebliebenen Aufzeichnung seiner Rede heißt es:

„Wir stehen heute vor folgender Situation: Weimar hat uns eine bestimmte Verfassungsform aufoktroyiert, mit der man uns auf eine demokratische Basis gestellt hat. Damit ist uns aber keine leistungsfähige Regierungsgewalt beschert worden. Im Gegenteil, der Kommunismus mußte sich nach dem, wie ich eingangs die Demokratie kritisiert habe, immer tiefer in das Volk hineinbohren.“[10]

Dann erklärte Hitler, er brauche die gesamten Machtmittel des Staates, um den Kommunismus niederzuwerfen:

„Wir müssen erst die ganzen Machtmittel in die Hand bekommen, wenn wir die andere Seite ganz zu Boden werfen wollen. […] Wir müssen in Preußen [Anm.: zeitgleiche Landtagswahl] noch 10, im Reich noch 33 Mandate erringen. Das ist, wenn wir alle Kräfte einsetzen, nicht unmöglich. Dann beginnt erst die zweite Aktion gegen den Kommunismus.“[10]

Nach Hitlers Rede sprach Krupp den Dank der Beteiligten aus und hob besonders das Bekenntnis zum Privateigentum und zur Wehrhaftigkeit hervor. Danach verließ Hitler das Treffen. Göring hielt eine kurze Rede, in der er darauf hinwies, dass die Kassen der NSDAP leer seien, und bat die anwesenden Herren um Abhilfe. Dann verließ Göring die Versammlung und Hjalmar Schacht ergriff das Wort. Schacht forderte, drei Millionen Reichsmark aufzubringen. Auf Vorschlag von Fritz Springorum wurde der Verteilungsschlüssel 75% NSDAP und 25% Kampffront Schwarz-Weiß-Rot beschlossen.[1]

Über die Bedeutung dieser Wahlkampfspende für die NSDAP notierte am selben Tag Joseph Goebbels in seinem Tagebuch:

„Wir treiben für die Wahl eine ganz große Summe auf, die uns mit einem Schlage aller Geldsorgen enthebt. Ich alarmiere gleich den ganzen Propagandaapparat, und eine Stunde später schon knattern die Rotationsmaschinen. Jetzt werden wir auf Höchsttouren aufdrehen. Wenn keine außergewöhnliche Panne mehr unterläuft, dann haben wir bereits auf der ganzen Linie gewonnen.“[11]

Am nächsten Tag schrieb Fritz Springorum an Paul Reusch:

„In dieser Besprechung hat Herr Hitler eine Darstellung der politischen Entwicklung der letzten vierzehn Jahre gegeben und seine grundsätzliche Einstellung zu den politischen Geschehnissen, sowie zur Wirtschaft, Einzelpersönlichkeit und zum Privateigentum in einer Weise dargelegt, daß er wohl die restlose Zustimmung aller 27 Herren, die zugegen waren, erhalten hat.“[4]

Spenden

Das Geld wurde auf das Konto „Nationale Treuhand, Dr. Hjalmar Schacht“ beim Bankhaus Delbrück Schickler & Co. eingezahlt. Das Geld wurde anschließend an Rudolf Heß und an den Franz-Eher-Verlag überwiesen.

Ein in den I.G.-Farben-Prozess eingebrachter Auszug aus dem Konto belegt Zahlungen in Höhe von 2.021.000 Reichsmark, davon 1.660.000 Reichsmark bis vor dem Wahl-Termin. Übergeht man gestaffelte Einzahlungen, dann waren bis zum Wahltag über 95% der letztendlich erreichten Endsumme eingetroffen. Einzelne Einzahler traten mehrfach in Aktion, so speziell der Bergbauverein mit seinem Rekord-Beitrag von insgesamt 600.000 Reichsmark. Insgesamt gab es 14 verschiedene Einzahler. Eine Zuordnung zu den Teilnehmern des Treffens ist nicht immer unmittelbar ersichtlich. Bei „Karl Hermann“ handelt es sich wahrscheinlich um Karl Hermann (DDP) als Vertreter des Mittelstands. In der Quelle „Nürnberger Prozess“ nicht gelistet ist eine Wahlkampf-Spende von Kurt Schmitt in Höhe von 10000 Mark.[12]

Eingegangene Zahlungen auf das Konto „Nationale Treuhand, Dr. Hjalmar Schacht“ beim Bankhaus Delbrück Schickler & Co.[13]
Datum Einzahler Summe
23. Februar Bergbauverein 200.000 Reichsmark
24. Februar Karl Hermann 150.000 Reichsmark
Automobil-Ausstellung, Berlin 100.000 Reichsmark
25. Februar Dir. A. Steinke 200.000 Reichsmark
Demag 50.000 Reichsmark
27. Februar Telefunken 35.000 Reichsmark
Osram 40.000 Reichsmark
28. Februar I.G. Farben 400.000 Reichsmark
1. März Hjalmar Schacht 125.000 Reichsmark
3. März Dir. Karl Lange, Maschinenindustrie (in zwei Einzelposten) 50.000 Reichsmark
Bergbauverein 100.000 Reichsmark
Karl Hermann, Berlin Dessauer Str. 150.000 Reichsmark
AEG 60.000 Reichsmark
Zwischensumme am Wahltag 1.660.000 Reichsmark
7. März Fritz Springorum 36.000 Reichsmark
Accumulatorenfabrik AG, Berlin (Inhaber: Günther Quandt) 25.000 Reichsmark
13. März Bergbauverein 300.000 Reichsmark
Gesamt 2.021.000 Reichsmark

Folgeentwicklungen

Die weiteren Umstände waren für die NSDAP dann günstig, so dass sie bei der Reichstagswahl am 5. März 1933 deutliche Gewinne verbuchen konnte, verfehlte aber – für viele Beobachter überraschend – die absolute Mehrheit. Den eigentlichen Abschluss fand diese durch das Treffen und die damit bewirkten Zahlungen zentral gestützte Entwicklung in der Machtergreifung durch Reichskanzler Hitler durch das Ermächtigungsgesetz vom 23. März 1933.

Bewertung in der Forschung

In der marxistischen Forschung, darunter Kurt Pätzold, gilt dieses Treffen als weiterer Beleg für die Finanzierung der NSDAP durch die Großindustrie.[14]

Dagegen weist der Historiker Henry Ashby Turner zwar darauf hin, dass die Spendenbereitschaft der Unternehmer nicht ganz freiwillig gewesen sei, bezeichnet das Treffen aber doch als „Meilenstein: der erste bedeutende materielle Beitrag von Organisationen der Großindustrie für die nationalsozialistische Sache.“[7] Auch der britische Historiker Ian Kershaw wertet in seiner Hitler-Biographie, dass die Zahlung durch „politische Erpressung“ zustande gekommen sei.[15]

Der britische Historiker Adam Tooze schreibt hingegen:

„Einmal ganz abgesehen von seinen Folgen, zählt dieses Treffen vom 20. Februar zu den berüchtigsten Beispielen für die Bereitschaft des deutschen Großunternehmertums, Hitler bei der Aufstellung seines diktatorischen Regimes beizustehen. Die Beweise dafür sind nicht aus der Welt zu schaffen“[16]

Siehe auch

Einzelnachweise

  1. a b c Aufzeichnung von Martin Blank für Paul Reusch gedruckt in: Dirk Stegmann: Zum Verhältnis von Großindustrie und Nationalsozialismus 1930–1933. In: Archiv für Sozialgeschichte. Band XIII, Bonn-Bad Godesberg 1973, S. 477 ff.
  2. http://www.mazal.org/archive/nmt/06/NMT06-T0044.htm
  3. a b Gerald Feldmann: Die Allianz und die Versicherungsgesellschaft 1933–1945. München 2001, S. 92.
  4. a b Schreiben von Fritz Springorum an Paul Reusch vom 21. Februar 1931, gedruckt bei: Stegmann, S. 480 f.
  5. Georg von Schnitzler über Hitlers Appell an führende deutsche Industrielle am 20. Februar 1933 (eidesstattliche Erklärung, 10. November 1945). Abgerufen am 24. Mai 2008.
  6. Nürnberger Dokument PS-2828, Verhör Funk vom 4. Juni 1945
  7. a b Henry Ashby Turner: Die Großunternehmer und der Aufstieg Hitlers. Siedler, Berlin 1985, S. 393–396
  8. Adam Tooze: Ökonomie der Zerstörung, Die Geschichte der Wirtschaft im Nationalsozialismus. Siedler, München 2007, ISBN 978-3-88680-857-1, S. 134.
  9. Theodor Heuss: Robert Bosch, Leben und Leistung. Stuttgart 1948, S. 633.
  10. a b Nürnberger Dokument D-203, zitiert nach: Reinhard Kühnl: Der deutsche Faschismus in Quellen und Dokumenten. Köln 1978, S. 202 f.; englischsprachige Version online verfügbar bei The Mazal Library: NMT, Volume VII, pp. 557 (Dokument D-203 findet sich auf den Seiten 557–562), The Farben Case
  11. Elke Fröhlich: Die Tagebücher von Joseph Goebbels, Sämtliche Fragmente. München, New York, London, Paris 1987, Teil 1, Band 2, S. 380.
  12. siehe dessen Namensartikel; leistete danach außerhalb des Wahlkampfs weit größere Spenden an die NSDAP
  13. Nürnberger Dokument NI-391; gedruckt in: Eberhard Czichon: Wer verhalf Hitler zur Macht. Köln 1967, S. 82 f; (Czichon bezeichnet dieses Dokument irrtümlicherweise als NI 9550); englischsprachige Version online verfügbar bei The Mazal Library: NMT, Volume VII, pp. 567 (Dokument NI-391 findet sich auf den Seiten 565–568), The Farben Case
  14. Kurt Pätzold, Manfred Weißbecker: Hakenkreuz und Totenkopf, Die Partei des Verbrechens. Berlin 1981, S. 213.
  15. Ian Kershaw: Hitler 1889–1936. Stuttgart 1998, S. 567.
  16. Tooze, S. 129.

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