Geiselnahme von München


Geiselnahme von München
Gedenktafel vor dem Quartier der israelischen Mannschaft

Die Geiselnahme von München, oft auch als Olympia-Attentat oder im nicht deutschsprachigen Ausland sinngemäß als München-Massaker oder Massaker von München bezeichnet, ist der Angriff palästinensischer Terroristen auf die israelische Mannschaft während der Olympischen Sommerspiele von 1972 in München. Die palästinensische Terrororganisation Schwarzer September nahm elf Athleten der israelischen Mannschaft als Geiseln. Zwei der Geiseln wurden bereits bei der Geiselnahme ermordet, bei einem gescheiterten und unzulänglichen Befreiungsversuch der deutschen Behörden wurden alle anderen Geiseln, ein deutscher Polizist und fünf Terroristen getötet. Insgesamt kamen somit in München und am Flugplatz Fürstenfeldbruck 17 Menschen ums Leben. Bei nachfolgenden israelischen Vergeltungsaktionen wurden wiederum einige weitere direkt und indirekt an dem Anschlag Beteiligte sowie mindestens zwei Unschuldige in den Jahren nach 1972 getötet.

Inhaltsverzeichnis

Die Geiselnahme

Um 4:10 Uhr am Morgen des 5. September 1972 kletterten acht Mitglieder der palästinensischen Terrororganisation Schwarzer September über den Zaun bei Tor 25A und betraten das Olympische Dorf. Sie drangen in das Appartement der israelischen Olympiamannschaft in der Connollystraße 31 ein. Die mit Sturmgewehren vom Typ AK-47 bewaffneten Geiselnehmer hatten keine Mühe, die israelischen Sportler zu überwältigen, da diese die Türen nicht abgeschlossen hatten und die Sicherheitsbedingungen während der Olympischen Spiele bewusst locker gehalten wurden, um die positive Veränderung zu demonstrieren, die sich in Deutschland seit den Olympischen Spielen 1936 vollzogen hatte. Die Terroristen nahmen elf Geiseln: David Mark Berger, Ze'ev Friedman, Yossef Gutfreund, Eliezer Halfin, Josef Romano, André Spitzer, Amitzur Schapira, Kehat Shorr, Mark Slavin, Yakov Springer und Mosche Weinberg. Weinberg und Romano wurden gleich zu Beginn der Aktion verwundet. Weinberg wurde wenig später bei einem Fluchtversuch erschossen. Romano starb etwa zwei Stunden, nachdem er angeschossen wurde, an seinen Verletzungen, da kein Arzt zu ihm gelassen wurde.

Die Terroristen verlangten bis 9.00 Uhr morgens die Freilassung und das freie Geleit von 232 Palästinensern, die in israelischen Gefängnissen ihre Haft verbüßten, sowie die Freilassung der deutschen Terroristen Andreas Baader und Ulrike Meinhof und des japanischen Terroristen Kozo Okamoto. Israel lehnte die Erpressung ab, um nach Aussage von Ministerpräsidentin Golda Meir nicht für alle Zukunft das Leben israelischer Staatsbürger im Ausland zu riskieren.

Mahnmal für die Opfer

Die gescheiterte Geiselbefreiung

Der Bürgermeister des Olympischen Dorfes Walther Tröger, NOK-Präsident Willi Daume, Polizeipräsident Manfred Schreiber, der Sicherheitschef der XX. Olympischen Spiele, der bayerische Innenminister Bruno Merk und auch der damalige Bundesinnenminister Hans-Dietrich Genscher boten sich den Terroristen als Ersatzgeiseln an. Dies wurde jedoch nicht akzeptiert.

Eine Viertelstunde vor Ablauf des ersten Ultimatums wurde mit den Terroristen eine Verlängerung um drei Stunden ausgehandelt. Als dieses Ultimatum ablief, verhandelte der Krisenstab erneut mit dem Anführer der Terroristen, der sich „Issa“ nannte. Mit Hilfe eines Abgesandten der Arabischen Liga und des Missionschefs der ägyptischen Delegation gelang es, das Ultimatum um weitere fünf Stunden bis 17 Uhr zu verlängern. Die Terroristen hatten unterdessen aus Radio und Fernsehen vom Aufmarsch der Polizei erfahren, die eine Befreiungsaktion geplant hatte. Man hatte versäumt, den Terroristen den Strom abzustellen und die Presse aus dem Olympischen Dorf entfernen zu lassen. Die Befreiungsaktion musste deshalb ausgesetzt werden.

Denkmal für die Opfer der missglückten Geiselbefreiung im Jahr 1972 vor dem Fliegerhorst Fürstenfeldbruck. Die Namen der Opfer sind in Bronze eingraviert.

Danach verlangten die Terroristen, nach Kairo ausgeflogen zu werden. Die deutschen Verhandlungspartner gaben vor zuzustimmen. Zwei Hubschrauber des Bundesgrenzschutzes (BGS) transportierten die Terroristen und ihre Geiseln zum nahe gelegenen Fliegerhorst Fürstenfeldbruck, wo eine Boeing 727 vollgetankt und mit laufenden Triebwerken auf sie wartete.

Die deutschen Polizeibehörden planten, die Terroristen am Flughafen anzugreifen. Dort befanden sich jedoch nur fünf Scharfschützen, da nur von fünf Geiselnehmern ausgegangen worden war. Tatsächlich waren es insgesamt jedoch acht. Es befand sich auch noch ein Freiwilligenkommando der Polizei (bestehend aus normalen Streifenpolizisten) – getarnt als Besatzung – im Flugzeug. Das Kommando beendete nach Abstimmung die Aktion eigenmächtig und kurzfristig, da sich die Mitglieder für nicht ausreichend ausgebildet hielten. Die auf dem Dach des Flughafengebäudes und auf dem Rollfeld postierten Polizeibeamten waren einfache Streifenbeamte und nicht als Präzisionsschützen ausgebildet. Man hatte sie nur notdürftig mit ausgesuchten Sturmgewehren vom Typ Heckler & Koch G3 ausgestattet, obwohl die Münchner Polizei 1972 bereits Scharfschützengewehre des Typs Steyr SSG 69 in ihren Beständen führte. Allerdings waren damals noch keine eigenen Scharfschützen ausgebildet. Die Bereitstellung von Sonderwagen war völlig versäumt worden. Erst während der folgenden zweistündigen Schießerei wurden sie als Verstärkung gerufen. Sie trafen allerdings wegen des starken Verkehrs und der vielen Schaulustigen erst eine Stunde später ein, als die Kämpfe fast vorbei waren.

, Gedenkstein und -tafel für die Opfer des Anschlags auf dem Gelände des Münchener Olympiaparks

Zwei der Terroristen, die sich selbst „Issa“ und „Tony“ nannten, stellten fest, dass sich keine Besatzung an Bord befand. Gegen 23 Uhr, als sie zu den Hubschraubern zurückeilten, eröffneten die Scharfschützen das Feuer. In diesem Moment schaltete die Polizei große Scheinwerfer ein und bestrahlte damit das Rollfeld. Die Terroristen ihrerseits beschossen die Scheinwerfer. Die Scharfschützen hatten keinen Funkkontakt zueinander und schossen ohne Zielabsprache. Zudem hatten sie weder Nachtsichtgeräte noch Helme. So wurde mit der ersten Salve nur ein Terrorist getroffen, nämlich der stellvertretende Kommandoführer, der mit „Issa“ zuvor das Flugzeug kontrolliert hatte. „Issa“ ließ den Verletzten liegen und gelangte zurück zu den übrigen Terroristen. Drei von ihnen begannen, verdeckt hinter den Hubschraubern und außerhalb des Sichtfelds der Scharfschützen, das Feuer zu erwidern. Der Kampf zog sich über 45 Minuten hin, bis die aus München angeforderten Panzerfahrzeuge der Polizei eintrafen.

Durch den Anblick der Panzerfahrzeuge wurde einem der Terroristen die Ausweglosigkeit der Entführung offensichtlich bewusst. Er eröffnete das Feuer auf die wehrlosen Geiseln des ersten Hubschraubers und gab damit zwei anderen Terroristen die Gelegenheit, aus der Deckung aufzutauchen. Er sprang aus dem Hubschrauber und ermordete mit einer Handgranate die Geiseln im Hubschrauber. Alle drei Terroristen starben durch die Schüsse der Scharfschützen. Die anderen fünf Geiseln im zweiten Hubschrauber wurden während des Kampfes ebenfalls getötet.

Die beiden Hubschrauber sollten mit den Türen zum Kontrollturm landen, damit alle fünf Scharfschützen ein freies Schussfeld hatten. Aus unbekannten Gründen landeten beide Helikopter mit der Schnauze zum Kontrollturm, wodurch der fünfte Scharfschütze im Schussfeld von Schütze eins, zwei und drei lag. Er hatte deshalb bislang nicht in den Kampf eingegriffen. Außerdem lag er völlig ungedeckt ohne Helm und Schutzweste hinter einer knöchelhohen Mauer auf dem Rollfeld, die Hubschrauber und die Terroristen zwischen sich und seinen Kollegen. Um von diesen nicht irrtümlich beschossen zu werden, gab er während der Aktion keinen Schuss ab. Erst als ein flüchtender Terrorist versehentlich direkt auf ihn zulief, tötete er diesen durch einen Kopfschuss. Dadurch aber erregte er die Aufmerksamkeit der frisch eingetroffenen Polizeiverstärkung, welche die Positionen der eigenen Scharfschützen nicht kannte. Für einen der Entführer gehalten, wurden er und ein neben ihm Schutz suchender Hubschrauberpilot unter „Freundbeschuß“ genommen und schwer verletzt.

Die Aktion endete im Fiasko: Sämtliche Geiseln starben, der an der Schießerei unbeteiligte bayerische Polizeiobermeister Anton Fliegerbauer, der das Geschehen von einem Erdgeschossfenster des Kontrollturms beobachtet hatte, wurde durch eine verirrte Kugel tödlich am Kopf getroffen. Der Pilot Hauptmann im BGS Gunnar Ebel, der als Verbandsführer einen der beiden Hubschrauber vom Typ Bell UH-1D flog, musste mit schweren Verletzungen, die ein Geschoss verursacht hatte, ins Krankenhaus.

Vermutungen, Thesen, offene Fragen

Die Untersuchung der bayerischen Polizei schloss nicht aus, dass einige der Geiseln versehentlich von der Polizei erschossen worden sein könnten. Genauso ist es möglich, dass einer der Terroristen alle Geiseln erschoss. Eine definitive Aufklärung des Falles konnte wegen der stark verbrannten Körper nicht durchgeführt werden.

Die Entscheidung, eine Geiselbefreiung zu versuchen, war umstritten. Erich Fried schrieb darüber:

„Verantwortliche für die Aktion von Fürstenfeldbruck haben sich seither in Widersprüche verwickelt und einerseits behauptet, sie hätten gewusst, die Hoffnung, die gefangenen Israelis durch den Feuerüberfall lebend zu befreien, sei nur eins zu neunundneunzig gewesen, andererseits aber erklärt, die Gefangenen mit den Guerilleros abfliegen zu lassen (wie sie versprochen hatten!) wäre für die Gefangenen das sichere Todesurteil gewesen. (Dies, obwohl zweimal Flugzeuge mit zahlreichen Israelis in die Hand arabischer Guerilleros fielen und in beiden Fällen die Israelis unverletzt freigelassen wurden.) Gegen die für ‚Fürstenfeldbruck‘ Verantwortlichen ist kein Verfahren eröffnet worden. Auch Israels Behörden haben es offenbar vorgezogen, die gefangenen Sportler sterben zu lassen.“[1]

Der Münchner Kriminalpsychologe Georg Sieber behauptet im Film "1972" (Sarah Morris), dass der gesamte Polizeieinsatz unter israelischer Regie gestanden habe. Durch deren Unkenntnis der Verhältnisse vor Ort sei es zu der Eskalation gekommen. Sieber hatte im Vorfeld der Olympischen Spiele von 1972 unter anderem das Szenario eines PLO-Attentats entwickelt, dem das spätere Attentat ziemlich genau entsprach.[2]

Die drei überlebenden Geiselnehmer wurden nie vor Gericht gestellt. Sie wurden wenige Wochen später gegen Passagiere und Besatzung der entführten Lufthansa-Maschine „Kiel“ ausgetauscht. Im Nachhinein wurden jedoch viele der vermeintlichen Drahtzieher und Beteiligten in einer Reihe israelischer Geheimdienstaktionen von der eigens gebildeten Sondereinheit Caesarea getötet, unter ihnen offenbar auch zwei der drei überlebenden palästinensischen Geiselnehmer.

Die Konsequenzen

Für die Spiele

Zu Beginn der Geiselnahme wurden die Spiele zunächst fortgesetzt und erst nach Protesten zahlreicher Teilnehmer und Besucher unterbrochen. Nach dem Tod der israelischen Sportler blieben die Spiele für einen halben Tag unterbrochen und nach einer Gedenkstunde im Olympiastadion ließ IOC-Präsident Avery Brundage sie fortführen; dies wurde auch von der israelischen Regierung gebilligt. Trotzdem wurde die Entscheidung von vielen kritisiert, aber nur wenige Athleten reisten ab. Die Sprinterin Esther Roth-Shachamarov und die anderen überlebenden Mitglieder der israelischen Olympia-Mannschaft verließen München nach der gescheiterten Befreiungsaktion.

Willi Daume begründete die Entscheidung mit dem Satz: „Es ist schon so viel gemordet worden – wir wollten den Terroristen nicht erlauben, auch noch die Spiele zu ermorden“. Berühmt wurde auch der Ausspruch Brundages „The games must go on“. Das IOC will bis heute keine Referenz auf das Ereignis bei folgenden Olympischen Spielen, da dies andere Mitglieder der Olympischen Gemeinschaft vor den Kopf stoßen könne.

Für die Politik Israels (Operation „Zorn Gottes“)

Hauptartikel: Caesarea (Mossad-Sondereinheit)

Die Leichen der fünf im Feuergefecht von Fürstenfeldbruck getöteten Geiselnehmer wurden nach Libyen überführt, wo sie eine Heldenbestattung mit großen militärischen Ehren erhielten. Die drei überlebenden Terroristen blieben jedoch nur kurze Zeit im Gefängnis, da sie nach der Entführung einer Lufthansa-Maschine, in der sich nur zwölf Passagiere befanden, am 29. Oktober 1972 ungewöhnlich rasch und ohne Konsultation Israels freigelassen wurden. Es wird vermutet, dass die Bundesrepublik Deutschland wegen der Befürchtung weiterer Terroranschläge bereit war, auf die Forderungen der Flugzeugentführer einzugehen und Beweise für ihr Versagen bei der Befreiungsaktion zu beseitigen.

Noch bevor klar wurde, dass Deutschland die Täter juristisch nicht belangen würde, autorisierten die israelische Premierministerin Golda Meïr und das Sicherheitskabinett den Auslandsgeheimdienst Mossad, die Verantwortlichen aufzuspüren und zu töten. Der Mossad stellte dazu die Sondereinheit „Caesarea“ auf, deren Kommandeur der spätere Premierminister Ehud Barak war. Die Mission wurde später als „Operation Zorn Gottes“ öffentlich bekannt. Nach Angaben des damaligen Mossad-Direktors Zvi Zamir sollte die Operation allerdings kein Rachefeldzug sein, sondern ein gezielter Schlag gegen die Strukturen des palästinensischen Terrorismus und ein unmissverständliches Signal an alle Terrorgruppen, dass der Staat Israel Angriffe auf seine Bürger weltweit bestraft.

In den nächsten 20 Jahren töteten Mossad-Kommandos zwei der drei Palästinenser, die München überlebt hatten, und mindestens zwölf weitere beteiligte Palästinenser, die sie verdächtigten, den Olympia-Anschlag geplant zu haben:

Am 16. Oktober wurde Wael Zuaitir, der Vertreter der PLO in Italien, erschossen. Am 8. Dezember 1972 starb Muhammad Hamschiri, PLO-Repräsentant in Paris, durch eine ferngezündete Bombe. Weitere mutmaßliche Terroristen wurden in Zypern, Griechenland und wiederum in Paris getötet.

Am 10. April 1973 wurde von der israelischen Spezialeinheit Sayeret Matkal die Operation Frühling der Jugend durchgeführt. Mehrere Sonderkommandos landeten an einem libanesischen Strand und fuhren nach Beirut. Dort erschossen sie Yusuf an-Naddschar (Abu Yusuf, angeblich Stellvertreter Yasir Arafats und einer der Anführer des Terrorkommandos), Kamal Adwan (mutmaßlicher Fatah-Kommandeur) und PLO-Sprecher Kamal Nasir. Weitere Sajeret-Gruppen zerstörten das Hauptquartier der PFLP und eine Sprengstofffabrik der Fatah. Bei der Operation wurde auch eine unbeteiligte Nachbarin, eine 70-jährige Italienerin, getötet.

Am 28. Juni 1973 starb Mohammed Boudia, der Operationschef der Terrorgruppe „Schwarzer September“, in Paris durch eine Autobombe.

Am 21. Juli 1973 leistete sich der Mossad einen schweren Fehler, die „Lillehammer-Affäre“. In dem norwegischen Wintersportort wurde Ahmed Bouchiki ermordet, ein in Norwegen lebender marokkanischer Kellner, der nichts mit dem Olympia-Attentat zu tun hatte. Er wurde nach einem falschen Tipp eines Informanten für Ali Hasan Salameh gehalten, den Chef von Arafats Spezialtruppe „Force 17“ und Mitglied des „Schwarzen September“. Die norwegischen Behörden fassten sechs Mossad-Agenten. Sie wurden zu Gefängnisstrafen verurteilt, aber 1975 begnadigt und nach Israel zurückgebracht.

Salameh starb am 22. Januar 1979 in Beirut bei der Detonation einer ferngezündeten Autobombe.

Am 8. Juni 1992 wurde Atif Bseisu, ein Mitplaner des Olympia-Attentats, in Paris erschossen.

Heute lebt nur noch der Attentäter Jamal Al-Gashey, der sich in Afrika versteckt hält. Mohammed Daoud Oudeh (Abu Daoud), der für die Planung verantwortlich war, starb am 3. Juli 2010 in Damaskus. Er behauptete, der heutige Palästinenserpräsident Mahmud Abbas hätte das Geld für das Attentat zur Verfügung gestellt. Später widersprach er dieser Aussage jedoch in einem Interview.

Für die Terror-Bekämpfung in der Bundesrepublik Deutschland

Die bayerische Polizei war den Ereignissen in keiner Hinsicht gewachsen, was durch die Live-Übertragungen der Medien in aller Welt sichtbar wurde. Der Einsatz der Bundeswehr im Inneren war jedoch nach deutschem Recht zu keinem Zeitpunkt möglich, wobei die Bundeswehr über speziell ausgebildete Scharfschützen verfügt hätte, was auf Seiten der Polizei zu dieser Zeit nicht der Fall war. Der Einsatz des Bundesgrenzschutzes wäre zwar möglich gewesen, nach deutschem Verfassungsrecht obliegt die Polizeihoheit jedoch grundsätzlich den Ländern. Eine Anforderung des Bundesgrenzschutzes durch den Hoheitsträger, den Freistaat Bayern, war nicht erfolgt.

Die deutschen Verantwortlichen, insbesondere Bundeskanzler Willy Brandt (SPD) und Innenminister Hans-Dietrich Genscher (FDP), sollen zudem das Angebot der israelischen Regierung zurückgewiesen haben, eine Spezialeinheit zur Unterstützung zu schicken. Solche unbestätigten Meldungen sind teils dahingehend interpretiert worden, dass die deutschen Behörden der Ansicht waren, die Angelegenheit selbst regeln zu können. Nach Aussage des damaligen bayerischen Innenministers, Bruno Merk, habe es jedoch weder so ein Angebot gegeben noch habe die israelische Spezialeinheit am selben Tag zum Einsatz kommen können. Die Geiselnehmer hätten unbedingt am selben Tag München verlassen wollen, um israelischen Spezialkräften keine Zeit zum Eingreifen zu lassen, die bereits am 9. Mai des Jahres einen palästinensischen Anschlag auf eine Sabena-Maschine in Tel Aviv verhindert hatten.[3] Jüngste Auswertungen der Krisenstabsunterlagen des Auswärtigen Amts lassen es als sicher erscheinen, dass der damalige Mossad-Chef Zvi Zamir in München anwesend war (Dahlke 2006: 16).

Zum Zeitpunkt des misslungenen Zugriffs durch reguläre Polizeikräfte gab es bei den Polizeien in Deutschland noch keine speziell für Anti-Terror-Einsätze trainierte Spezialeinsatzkommandos. Im Ergebnis der Analyse der blutig verlaufenen Geiselnahme von München wurde am 26. September 1972 die Grenzschutzgruppe 9 (heute: GSG 9 der Bundespolizei) gegründet, die im April 1973 ihre Einsatzbereitschaft meldete. Hierzu wurde Oberstleutnant im BGS Ulrich Wegener vom damaligen Bundesinnenminister Hans-Dietrich Genscher mit der Aufstellung der schlagkräftigen Antiterror-Einheit beauftragt. Nach der misslungenen Befreiungsaktion in Fürstenfeldbruck wurde das Szenario von der neu gegründeten GSG 9 unter Aufsicht von israelischen Anti-Terror-Spezialisten neu aufgerollt und mit der neuen deutschen Sondereinheit durchgespielt.

(Innen-)Politische Auswirkungen

Die Geschehnisse in München und Fürstenfeldbruck hatten einige sehr ausschlaggebende Folgen für die Innenpolitik Deutschlands. Eine sehr umstrittene Konsequenz war die größte Ausweisungswelle von Arabern in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland.[4] Diese Ausweisung, überwiegend von Palästinensern, hatte zunehmende Proteste im In- und Ausland zur Folge. Alle potenziellen palästinensischen Terroristen, aus allen Bevölkerungsschichten, konnten ohne größere Untersuchungen abgewiesen und entlassen werden. Sogar arabische Vermittler, die bei der Befreiung der Geiseln in München und Fürstenfeldbruck mitgeholfen hatten, wurden nach wenigen Wochen abgelehnt. Viele palästinensische Organisationen wurden nach den Vorkommnissen verboten, darunter Studentenvereinigungen und Arbeiterverbände, was zeigt, dass sowohl hochgebildete Palästinenser als auch Palästinenser aus unteren Bevölkerungsschichten von den Konsequenzen betroffen waren.

Eine weitere Folge waren verschärfte Kontrollen an den bundesdeutschen Grenzen und Flughäfen. Es wurde außerdem Kritik an den Ermittlungsstrategien der Polizei laut. So zum Beispiel wurden die Postbeamten, die die Terroristen beim Überqueren des Zauns zum Olympischen Dorf beobachtet hatten, viel zu spät befragt. Dadurch kannten die Einsatzkräfte zu spät die tatsächliche Anzahl der Geiselnehmer.

Die DDR unterstützte Abu Daoud und pflegte ihn nach dem misslungenen Anschlag auf ihn in Warschau im DDR-Krankenhaus Berlin-Buch.[5] Sie unterhielt ein enges Verhältnis zur PLO.

Am 7. Juni 1973 besuchte Willy Brandt als erster deutscher Bundeskanzler den Staat Israel. Dennoch war das Attentat auf die israelischen Sportler in München kein offizielles Gesprächsthema.

Verfilmung

  • Ein Tag im September, der Dokumentarfilm von Kevin Macdonald und Produzent Arthur Cohn (USA 1999) gewann 2000 den Oscar als bester Dokumentarfilm, unter demselben Titel arbeitet ein Buch von Simon Reeve die Ereignisse auf.
  • Die 21 Stunden von München, Spielfilm von William A. Graham (USA 1976)
  • Gideons Schwert, ein Film von Michael Anderson, gedreht und produziert 1985/1986 für den US-Fernsehsender HBO.
  • München, ein Film von Steven Spielberg, erschien Ende 2005 in den USA, beschreibt (fiktiv) die Ereignisse nach dem Attentat. München (Munich) gilt als Remake des Filmes von Michael Anderson' "Gideons Schwert (Sword Of Gideon).
  • Der Olympia-Mord, 90-minütige Dokumentation von Sebastian Dehnhardt, Uli Weidenbach und Manfred Oldenburg, ZDF-Sendung vom 15. August 2006; 20:15 Uhr. Hintergründe, Ereignisse und Folgen der Geiselnahme in München.
  • LH 615 - Operation München, Doku-Spielfilm 1975 von Theo Mezger über die Entführung der Lufthansa Maschine "Kiel", um die inhaftierten Palästinenser freizupressen.
  • 1972, von Sarah Morris, Dokumentarfilm, der vor allem ausführlich den damaligen Polizeipsychologen Georg Sieber zu Wort kommen lässt.

Einzelnachweise

  1. zitiert in Joachim Wittkowski: Lyrik in der Presse. Eine Untersuchung der Kritik an Wolf Biermann, Erich Fried und Ulla Hahn. Königshausen & Neumann, 1991, S. 131.
  2. Von verschwundenen Akten und wiedergekehrten Erinnerungen, Susanne Härpfner in telepolis, 2008.
  3. Interview mit dem damaligen bayerischen Innenminister Bruno Merk auf sueddeutsche.de
  4. ZDF: Der Olympia-Mord
  5. Abu Daoud in der ZDF-Dokumentation Der Olympia-Mord über sein Leben in der DDR

Literatur

  • Matthias Dahlke: Der Anschlag auf Olympia '72. Die politischen Reaktionen auf den internationalen Terrorismus in Deutschland. Martin Meidenbauer Verlag, München 2006, ISBN 3-89975-583-9
  • Simon Reeve: Ein Tag im September. Hintergrundbericht zum 21-stündigen Geiseldrama in München 1972. Heyne Verlag, Januar 2006, ISBN 3-453-50012-1
  • Hans-Jürgen Schmidt: Wir tragen den Adler des Bundes am Rock - Chronik des Bundesgrenzschutzes 1972 – 1992 Fiedler-Verlag, Coburg 1994 ISBN 3-923434-21-9

Weblinks


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