Genremalerei


Genremalerei
Gaspare Traversi: „Die Wahrsagerin“, um 1750
Rudolf Epp: „Junge Frau beim Häkeln“, um 1890
Carl Spitzweg: „Zeitungsleser im Garten“, 1847

Ein Genrebild (franz.; zu lat.: genus ‚Art‘, ‚Geschlecht‘) ist die gemalte Abbildung einer Alltagsszene – zum Beispiel Menschengruppen, Szenen und Handlungen – als Schilderung von Lebensformen eines Volkes und seiner landschaftlichen Umgebung.

Vorläufer dieser Malerei waren insbesondere die genrehaften Szenen der Monatsbilder, vor allem in den flämischen Stundenbüchern des 15. Jahrhunderts. Aber auch alte Meister wie beispielsweise Pieter und Jan Bruegel d. Ä. sowie Lucas von Leyden schufen schon im 16. Jahrhundert Gemälde mit den typischen Bauern- und Familienszenen.[1] Der Schwerpunkt lag dabei auf der Darstellung von drastischen Negativbeispielen menschlicher Verhaltensweisen wie Trunksucht, Streit oder Kuppelei. Ihren Höhepunkt erlebte die Genremalerei nach einem entscheidenden Wandel hin zur Reflexion der Wertvorstellungen gehobenerer Bevölkerungsschichten in der niederländischen Malerei des 17. Jahrhunderts. Die moralischen Appelle offenbaren sich dem Betrachter seither nur noch über einen versteckten Sinn.[2] Zu dieser Zeit entstanden auch die Genrebilder von Jan Vermeer.

Frühere Untersuchungsansätze interpretierten die Darstellungen des sogenannten Gouden Eeuw oft als Momentaufnahmen des Alltags, denen sie den Wert eines kulturhistorischen Zeugnisses beimaßen. In den letzten dreißig Jahren gelang es jedoch, mehr den ikonographischen Kontext zu entschlüsseln. Es wurde dabei deutlich, dass die Genrebilder vielmehr beispielhaft eine alltägliche Szene wiedergeben, hinter der sich jedoch fast immer eine tiefere Aussage verbirgt. Demnach sind sie im Sinne der populären Bildsprache des Barocks in der Regel als Allegorien, teils mit komplexen mehrdeutigen Aussagen, aufzufassen.[3]

Viele vermeintliche Alltagsszenen haben ihre Grundlage eher in populären komischen Theaterstücken oder Sprichwörtern und sind damit häufig – wenn nicht sogar immer – erzählenden Charakters. Ein italienischer Genremaler, der Neapolitaner Gaspare Traversi, schuf seine Bilder beispielsweise parallel zur Entwicklung und Blütezeit der „Opera buffa napolitana“ um die Mitte des 18. Jahrhunderts, bei der das Alltagsleben des niederen sozialen Milieus durch entlarvende Situationen der Lächerlichkeit preisgegeben wurde. Dadurch wurde eine moralische Botschaft an das Publikum entsandt. Die meisten Genrebilder haben ebenfalls eine didaktische Relevanz, weil sie einen stark moralischen Gehalt aufweisen. Die Darstellung negativer Verhaltensweisen sollte dabei abschrecken und zu besserem Verhalten animieren und positive Beispiele sollten dem Betrachter einen Anreiz zum Nachahmen geben. Natürlich kann den Bildern auch der visuell unterhaltende Wert nicht abgesprochen werden. Aufgrund der den Bildern inhärenten lehrhaft-moralisierenden Deutungsansätze waren ihre Besitzer in der Lage, damit ihren kulturellen Hintergrund zu betonen. Die Auftraggeber für diese Art von Kunst kamen daher ausschließlich aus dem bürgerlich-weltlichen Milieu.[4]

In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts (Biedermeier) lebt das Genrebild als soziales Tendenzbild erneut auf, diesmal im Zusammenhang mit einer stärkeren Hinwendung zum Realismus. Die Genremalerei ist als Wegbereiter der modernen Kunstrichtungen wie des Impressionismus anzusehen. Eine rasch wachsende Zahl von kunstinteressierten Käuferschichten vor allem aus bürgerlichen Haushalten erfüllte sich den Wunsch nach dem eigenen Kunstwerk an der Wand. Besonders das im Zuge der zunehmenden Reisetätigkeit in Mode gekommene bäuerliche Landleben fand, dargestellt auf mittelgroßen Formaten, auch in den USA reißenden Absatz. In Kunstmetropolen wie München versammelten sich Kunstmaler in großer Zahl aus ganz Europa, um mit der Genremalerei ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Zu den bekanntesten Genremalern, deren Werke auch in Monatszeitschriften Verbreitung fanden, gehörten Vertreter der Münchner Schule wie Franz Defregger, Rudolf Epp und Hermann von Kaulbach.

Einzelnachweise

Wallfahrer (Franz Defregger)
  1. http://www.uni-muenster.de/NiederlandeNet/nl-wissen/kultur/vertiefung/malerei17jhd/genremalerei.html
  2. Henning Bock und Thomas W. Gaehtgens (Hrsg.): Holländische Genremalerei im 17. Jahrhundert. Jahrbuch Preussischer Kulturbesitz, Sonderband 4, Berlin 1984. S. 5
  3. Henning Bock und Thomas W. Gaehtgens (Hrsg.): Holländische Genremalerei im 17. Jahrhundert. Jahrbuch Preussischer Kulturbesitz, Sonderband 4, Berlin 1984. S. 3
  4. http://www.uni-muenster.de/NiederlandeNet/nl-wissen/kultur/vertiefung/malerei17jhd/genremalerei.html

Literatur

  • Jeroen Giltaij (Hrsg.): Der Zauber des Alltäglichen. Holländische Malerei von Adriaen Brouwer bis Johannes Vermeer. Hatje Cantz Verlag, 2005, ISBN 978-3775715225

Weblinks

 Commons: Genrebilder – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

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