Georg Schramm


Georg Schramm
Georg Schramm, 2006
als Rentner Lothar Dombrowski
Georg Schramm, 2007
als Oberstleutnant Sanftleben

Georg Schramm (* 11. März 1949 in Bad Homburg vor der Höhe) ist ein deutscher Diplom-Psychologe und Kabarettist.

Inhaltsverzeichnis

Leben

Schramm besuchte als einziges Arbeiterkind seiner Schulklasse das Gymnasium. Nach dem Abitur verpflichtete er sich zunächst als Zeitsoldat bei der Bundeswehr. Er wurde Jahrgangsbester beim Einzelkämpferlehrgang.[1] An der Heeresoffiziersschule fiel er wegen „charakterlicher Nichteignung“ durch einen Lehrgang. Nach seiner Entlassung aus der Bundeswehr als Fähnrich wurde er zum Leutnant der Reserve befördert.[2]

Danach studierte er Psychologie an der Ruhr-Universität Bochum und schloss das Studium mit einem Diplom ab. Von 1976 bis 1988 arbeitete er als Psychologe in einer Reha-Klinik in Allensbach am Bodensee. Er wurde Betriebsratsmitglied, gewerkschaftlicher Vertrauensmann[3] und entschied sich erst „im letzten Moment“ gegen eine Laufbahn als hauptamtlicher ÖTV-Gewerkschaftssekretär.[2] 1988 nahm er eine zweijährige Auszeit beim Klinikum und tourte erfolglos als Solo-Kabarettist.[2] Erst ein Auftritt beim Fernsehsender SFB (heute RBB) zog weitere Engagements in Norddeutschland nach sich.[2] Von da an wurde das Kabarett zu seinem Beruf.

Georg Schramm lebt in Badenweiler im Markgräflerland, er ist zum zweiten Mal verheiratet und Vater von drei Kindern.[4]

Kabarett

Schramm gilt als einer der besten und schärfsten Vertreter des politischen Kabaretts.[5] In seinen polemischen Texten kritisiert er häufig das kapitalistische Wirtschaftssystem und den herrschenden Zeitgeist, indem er diesen mit den klassischen Bildungsidealen konfrontiert und dabei die Grenze zwischen Spaß und Ernst verwischt. Seine leidenschaftliche Darstellung der energischen Figur des „Lothar Dombrowski“ inspirierte Kritiker wie Bewunderer dazu, Schramm als „die Stalinorgel des deutschen Kabaretts“ zu bezeichnen.

Er spielt in seinen Auftritten vor allem die Kunstfiguren

  • Lothar Dombrowski, einen renitenten, einarmigen und altpreußischen Rentner,
  • Oberstleutnant Sanftleben, einen vom langen Militärdienst gezeichneten Presseoffizier und Kommunikationsbeauftragten,
  • Drucker August, einen mental in der Vergangenheit lebenden hessischen Sozialdemokraten und Gewerkschafter, der bald in Rente geht (eine Figur, die in Teilen seinem verstorbenen Vater ähnelt),[6]
  • einen stets rheinischen Frohsinn versprühenden, ewig kalauernden Pharmareferenten.

Insbesondere Schramms bekanntere Bühnenfiguren sind dabei keine bloßen Skizzen funktionalisierter Typen, „sondern bis ins Detail ausgearbeitete Charaktere.“[7]

Im Jahr 1998 trug Georg Schramm auf Initiative von Matthias Deutschmann im Rahmen eines Festaktes zum 150-jährigen Jubiläum der Badischen Revolution zwei Vorträge zum Projekt „Bunter Abend für Revolutionäre“ bei: „Die Bedeutung der Militärmusik bei den Scharmützeln im badischen Raum anno 1848“ und „Die Paulskirchenlüge“, wo er sich unter anderem polemisch mit Deutschtümelei und dem zunehmenden Nationalismus auseinandersetzte. Der Titel der Veranstaltung wurde dem Werk Asyl im Domizil. Bunter Abend für Revolutionäre (1968) von Wolfgang Neuss entlehnt. Mitschnitte des Abends erschienen als Hörbuch.

Schramm trat von 2000 bis 2006 als ständiges Ensemblemitglied in der Fernsehsendung Scheibenwischer im Ersten auf, die er nach Dieter Hildebrandts Abschied seit 2003 mit leitete. Am 24. April 2006 kündigte er nach konzeptionellen und persönlichen Differenzen mit Mathias Richling und Bruno Jonas seinen Ausstieg aus der Sendereihe an. Richling plante, das Konzept vom politischen Kabarett hin zur Comedy-Unterhaltung zu verändern. Schramms Nachfolge übernahm am 29. Juni 2006 der Kabarettist Richard Rogler.

Im Jahr 2004 war Georg Schramm zudem in einer kleinen Rolle in Jo Baiers Stauffenberg-Verfilmung zu sehen.

Von Januar 2007 bis Juni 2010 (in der Regel einmal im Monat) empfing er zusammen mit Urban Priol in der Kabarett-Reihe Neues aus der Anstalt im ZDF Kollegen und Gäste und analysierte dort aus der Sicht einer psychiatrischen Tagesklinik das aktuelle politische Geschehen.[8] Neben seinen übrigen Figuren trat er dabei vor allem als Lothar Dombrowski in der Rolle des Patientensprechers der Klinik auf. Am 25. Mai 2010 gab Georg Schramm bekannt, dass er die Kabarettreihe verlassen werde, um sich nach zehn Jahren intensiver Fernsehpräsenz wieder ganz auf sein Bühnenprogramm konzentrieren zu können.[9] Am 8. Juni 2010 war Schramm nach 36 Folgen zum letzten Mal in der Sendung zu sehen. In Folge 37 trat Frank-Markus Barwasser alias Erwin Pelzig die Nachfolge Schramms als festes Mitglied der Sendung an.

Im September 2007 erschien Schramms bisher einziges Buch Lassen Sie es mich so sagen – Dombrowski deutet die Zeichen der Zeit, in dem er die Geschichte der Bundesrepublik Deutschland aus der Sicht Lothar Dombrowskis anhand von Texten aus seinen Kabarettprogrammen von 1983 bis 2007 Revue passieren lässt.

Im Januar 2008 wurde Georg Schramm in seiner Rolle als Oberstleutnant Sanftleben von Alexander Kluge im Rahmen der Sendung NEWS & STORIES unter dem Titel „Das Weichziel ist der Mensch. Oberstleutnant Sanftleben erläutert Kernprobleme der Truppe“ interviewt.[10]

Seit der Premierenvorstellung am 1. September 2010 in Freiburg ist Schramm mit seinem neuen Programm Meister Yodas Ende – Über die Zweckentfremdung der Demenz, das am 25. September 2011 auch von 3sat ausgestrahlt wurde, wieder auf Tournee.

Zusammen mit Urban Priol trat er am 25. Oktober 2010 auf der 50. Montagsdemonstration gegen Stuttgart 21 in der Figur des Lothar Dombrowski auf.[11] Ein weiterer Auftritt Schramms folgte am 14. März 2011 auf der 67. Montagsdemonstration.[12] Im Rahmen der Großdemonstration von Occupy Frankfurt trat er am 12. November 2011 in Frankfurt vor den Türmen der Deutschen Bank auf.[13]

Ende April 2011 trat Schramm bei der Verleihung des 25. Kleinkunstpreises von Baden-Württemberg im Europa-Park Rust als Rentner Dombrowski auf.[14] Vor 300 geladenen Gästen verarbeitete er die Vorgänge um die gerade abgewählte CDU-Landesregierung und die Tätigkeit der baden-württembergischen Lottogesellschaft satirisch. Das Publikum, das überwiegend aus Vertretern dieser beiden Hauptsponsoren des Kleinkunstpreises bestand, reagierte mit teilweise derben Schmährufen. Besucher aus den hinteren Reihen des Saals feierten Schramm dagegen für seinen Auftritt, während dieser den Eklat zum Teil bedauerte, jedoch betonte, nichts zurücknehmen zu wollen. Das Preisgeld in Höhe von 5000 Euro spendete Schramm, wie schon mehrfach, an Medico International für Flüchtlingshilfe.[15]

TV-Serie

  • Hühnerfieber oder Stille Tage bei Wutzkes, 1991/92, 10 Folgen. Deutsche Erstausstrahlung: 2. Juli 1992 (N3). SFB Kabarett-Soap, mit den Missfits und Erwin Grosche. Idee und Buch: Georg Schramm und Hilde Schneider.

Soloprogramme seit 1985

  • 1985 Solche Männer hat das Land
  • 1989 Dein Platz an der Sonne
  • 1996 Schlachtenbummler
  • 2001 Ans Eingemachte – Best of
  • 2001 bis 2004 Mephistos Faust (Co-Autorin und Regie: Hilde Schneider)
  • 2005 bis 2009 Thomas Bernhard hätte geschossen (Regie: Rainer Pause)
  • seit 2010 Meister Yodas Ende. Über die Zweckentfremdung der Demenz (Regie: Rainer Pause)[16]

Publikationen

  • 1998 Bunter Abend für Revolutionäre: Ein satirischer Festakt zur 1848er Revolution. (Audio-CD, mit Matthias Deutschmann, Georg Schramm und Helmut Lörscher)[17]
  • 2000 Störtebeker. Ein Schwank in zwei Akten (DVD, aufgezeichnet beim 3satfestival 2000)
  • 2002 Mephistos Faust (DVD, aufgezeichnet beim 3satfestival 2002, ISBN 3-9810337-0-1)
  • 2005 Thomas Bernhard hätte geschossen (Audio-CD, aufgezeichnet 2005 in der Comedia Köln, ISBN 978-3-98103-372-4)
  • 2006 Schlachtenbummler (Audio-CD, aufgezeichnet 1996 im Freiburger Vorderhaus, unveränderte Neuauflage, ISBN 978-3-86604-145-5)
  • 2006 Thomas Bernhard hätte geschossen (DVD, aufgezeichnet beim 3satfestival 2006, ISBN 978-39810337-3-1)
  • 2007 Lassen Sie es mich so sagen. Dombrowski deutet die Zeichen der Zeit. Karl Blessing-Verlag, München, ISBN 978-3-89667-348-0.
  • 2008 Thomas Bernhard hätte geschossen, Update 2008 (Audio-CD, aufgezeichnet am 28. September 2008 im Pantheon-Theater Bonn, ISBN 978-3-98103-375-5)
  • 2011 Meister Yodas Ende. Über die Zweckentfremdung der Demenz (Audio-CD, aufgezeichnet im Juni 2011 im Pantheon-Theater Bonn, ISBN 978-3-98103-377-9)

Interviews

Auszeichnungen

Weblinks

 Commons: Georg Schramm – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. Martin Zips: „Der Bissigste von allen“, Süddeutsche Zeitung, 29. März 2005 (abgerufen am 10. Februar 2010)
  2. a b c d „Drei Kinder - da braucht man keinen Anlageberater“, Interview in der Süddeutschen Zeitung, 10. Juli 2009
  3. Michaela Böhm: „Ein glänzender Grantler“, ver.di Publik, August/September 2008
  4. Autobiographische Angaben, georg-schramm.de
  5. Badische Zeitung: Premiere Meister Yodas Ende badische-zeitung.de, September 2010
  6. W. Perger: „Ausbeuter!“ Zum Heulen: Der Kabarettist Georg Schramm spielt den alten Sozialdemokraten August, Die Zeit, 15. Juli 2004
  7. C. Schütte: Denkwürdig, FAZ, 10. Oktober 2010
  8. Marc Neller: „Einer fliegt übers Grundgesetz“, Der Tagesspiegel, 21. Januar 2007
  9. jbh: „Neues aus der Anstalt“: Georg Schramm verlässt ZDF-Kabarett, Tagesspiegel, 25. Mai 2010
  10. News & Stories: Das Weichziel ist der Mensch, youtube.de
  11. Georg Schramm bei der 50. Montagsdemonstration gegen Stuttgart 21, youtube.de, 25. Oktober 2010
  12. Georg Schramm bei der 67. Montagsdemonstration gegen Stuttgart 21, youtube.de, 14. März 2011
  13. Georg Schramm bei Occupy Frankfurt, youtube.de, 12. November 2011
  14. Auftritt Kleinkunstpreis Baden-Württemberg 2011 (Audio-Mitschnitt), youtube.de
  15. a b Heinz Siebold: Georg Schramm sorgt für Eklat im Europa-Park. In: Badische Zeitung Online. 1. Mai 2011. Abgerufen am 2. Mai 2011.
  16. Ankündigung des neuen Programms Meister Yodas Ende für September 2010, georg-schramm.de
  17. [1]
  18. Stern des Jahres 2001, georg-schramm.de
  19. Schweizer Kabarett-Preis Cornichon 2005, georg-schramm.de
  20. Prix Pantheon 2010, pantheon.de
  21. Kleinkunstpreise an Schramm und Uthoff. In: Saarbrücker Zeitung (Kultur) vom 10. November 2011, S. B5

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