Gepiden


Gepiden
539–551

Die Gepiden waren ein ostgermanischer Stamm im heutigen Rumänien, der möglicherweise mit den Goten verwandt war. Sie wurden bekannt, als sie unter Ardarich in der Schlacht am Nedao (454 oder 455) die Söhne Attilas aus dem heutigen Ungarn vertrieben. Das danach errichtete Gepidenreich an der mittleren Donau bestand noch bis ins 6. Jahrhundert.

Inhaltsverzeichnis

Geschichte

Die Quellenlage zur Geschichte der Gepiden ist relativ schlecht. Überlieferte Ausschnitte stammen unter anderem aus den Getica des Jordanes und den Historien des Prokopios von Caesarea, wobei besonders der Bericht des Jordanes problematisch ist.[1]

Die Gepiden werden in spätantiken Quellen oft als Verwandte der Goten bezeichnet, doch ist ihre genaue Herkunft unbekannt. Annahmen in der älteren Forschung, sie könnten aus Skandinavien stammen, haben sich als nicht fundiert erwiesen, zumal diesbezügliche Aussagen in manchen Quellen als Topos zu werten sind. Im Rahmen solcher gentiler Erzählungen (siehe Origo gentis) wurden oft derartige Abstammungen konstruiert. Es ist aufgrund der archäologischen Befunde nicht möglich, eindeutige gepidische Funde aus der frühen römischen Kaiserzeit zu erfassen. Es ist daher gut möglich, dass sich die Gepiden erst im 3. Jahrhundert als eigenständige Gruppe herausbildeten.

Mitte des 3. Jahrhunderts, zur Zeit der Reichskrise des 3. Jahrhunderts und der damit einhergehenden Schwächephase des Imperiums, stießen die Gepiden unter ihrem König Fastida über die Weichsel nach Süden vor. Sie sollen in diesem Zusammenhang die Burgunden vernichtend geschlagen haben und erreichten schließlich das nördliche Siebenbürgen. Ein Teil zog dann mit den Goten ans Schwarze Meer. Es ist aber unwahrscheinlich, dass sich die Gepiden an den damit zusammenhängenden Einfällen ins Imperium beteiligten. Nur in der sehr umstrittenen Historia Augusta werden sie diesbezüglich zweimal erwähnt. In den Quellen wird aber berichtet, dass die Gepiden Ende des 3. Jahrhunderts in Kämpfe mit den Goten verwickelt waren.

Über Auseinandersetzungen mit den Römern im 4. Jahrhundert liegen keine Berichte vor. Anscheinend waren die Gepiden damit beschäftigt, sich im Konflikt mit ihren gentilen Nachbarn zu behaupten. In der Zeit der Völkerwanderung zog im frühen 5. Jahrhundert vielleicht ein Teil der Gepiden mit den Vandalen nach Gallien (siehe Rheinübergang von 406). Der Großteil der inzwischen unter die Herrschaft der Hunnen geratenen Gepiden blieb aber im Theißraum zurück. In der Schlacht auf den Katalaunischen Feldern wurden die auf hunnischer Seite kämpfenden Gepiden von den auf römischer Seite stehenden Franken vernichtend geschlagen.

Ardarich und sein ostgotischer Gegenpart Valamir waren enge Anhänger Attilas gewesen. Als Attila 453 starb, hinterließ er eine Anzahl jugendlicher Söhne, deren ältester Ellac war. Die neuen, untereinander uneinigen Hunnenführer verteilten dabei kriegserfahrene Könige wie die Dienerschaft eines Hauses und provozierten so einen Aufstand der Skiren, Rugier, Heruler, Goten, Gepiden und anderer Gruppen, an dessen Spitze sich der Gepide Ardarich setzte. Ardarich erlangte die wohlwollende Neutralität Valamirs und siegte am Nedao (454 oder 455). Ellac fiel mit mehreren seiner Krieger. Damit war die hunnische Vorherrschaft in diesem Raum gebrochen und das ohnehin nur locker aufgebaute Hunnenreich zerfiel rasch. Die Gepiden übernahmen das heutige Siebenbürgen. Das so entstandene Gepidenreich unter Ardarichs Führung etablierte sich rasch als wichtiger Machtfaktor in diesem Raum. Doch schon bald begann auch der Verfall ihrer gerade errungenen Machtstellung. Die Ostgoten ließen sich in Pannonien nieder und übten einigen Druck auf ihre Nachbarn aus. 469 unterlag eine Koalitionsstreitmacht, zu der auch die Gepiden gehört hatten, in der Schlacht an der Bolia den Ostgoten. Dennoch gaben diese um 473 ihren pannonischen Herrschaftssitz auf. Einige Teile traten in römische Dienste über, andere bildeten ein römisches Föderatenreich auf dem Balkan. Nach dem Abzug der Ostgoten konnten die Gepiden wieder einigen Einfluss in diesem Raum gewinnen. Sie besetzten auch Sirmium, wo die gepidischen Könige in der Folgezeit residierten.[2]

488 stellten sich die Gepiden erfolglos dem Zug des Ostgoten Theoderich entgegen, der mit oströmischer Billigung in Italien einfallen wollte, um dort Odoaker zu stürzen. Der Gepidenkönig Thraustila fiel in diesen Kämpfen. Nach dessen Tod scheint das Gepidenreich geteilt gewesen zu sein: Während Thraustilas Sohn Thrasarich weiter in Sirmium residierte, herrschte ein gewisser Gunderith über die Theißgepiden. 504 wurde Thrasarich von Theoderich, der sich inzwischen in Italien durchgesetzt hatte, aus Sirmium verjagt. Nach dem Tod Theoderichs versuchten die Gepiden, Sirmium zurückzuerobern. Nachdem dies 530 zunächst gescheitert war, gelang die Einnahme schließlich doch noch, nachdem die Goten in Italien gegen oströmische Truppen zu kämpfen hatten (siehe Gotenkriege). Die Stellung der Gepiden an der mittleren Donau schien wieder gestärkt zu sein, doch wurden gegen Mitte des 6. Jahrhundert die Langobarden zu Gegenspielern der Gepiden, wobei Ostrom die Langobarden als Gegengewicht zu den Gepiden aufzubauen versuchte.

549 brach zwischen Gepiden und Langobarden ein offener Krieg aus. Der oströmische Kaiser Justinian I. war offenbar vor allem daran interessiert, die Gepiden als störenden Machtfaktor in diesem Raum auszuschalten, wobei er teils vorgab, die Gepiden zu unterstützen, aber heimlich den Langobarden half. 552 erlitten die Gepiden in einer entscheidenden Schlacht eine schwere Niederlage, der Sohn ihres Königs Turisind fiel. Daraufhin kam ein Friedensvertrag zustande, doch blieben die Spannungen bestehen. Im Jahr 567 wurden die Gepiden unter ihrem König Kunimund von den Langobarden unter Alboin vernichtend geschlagen und dieser getötet. Vorher hatte Alboin ein Bündnis mit den Awaren, dem neuen Machtfaktor in diesem Raum, vereinbart, wodurch die Gepiden von zwei Seiten bedroht wurden.[3] Um einen Zweifrontenkrieg zu vermeiden hatten die Gepiden die Langobarden angegriffen, wobei sie unterlagen. Angeblich wurde der Gepidenkönig eigenhändig von Alboin erschlagen. Bereits diese Niederlage brachte das Gepidenreich zum Einsturz, weshalb die Awaren gar nicht in die Kämpfe eingreifen mussten. Der Untergang des Gepidenreichs hing auch mit dem Tod Justinians und der veränderten oströmischen Außenpolitik unter dessen Nachfolger Justin II. zusammen. Bereits im Jahr 565 lehnte dieser ein Hilfsgesuch der Gepiden ab. Die Langobarden wiederum überließen nach ihrem Sieg den Awaren das Gepidenreich, sowie auch ihr eigenes Stammesgebiet in Westpannonien und zogen 568 nach Italien ab.[4]

Der Hauptteil der überlebenden Gepiden (und Kunimunds Tochter Rosamunde) zogen mit den Langobarden nach Italien ab, andere verblieben unter awarischer Herrschaft zurück oder traten auf oströmisches Reichsgebiet über. Denkbar ist, dass Alboin mit der vereinbarten Besetzung der Gepidia durch die Awaren erreichen wollte, dass sich ein Großteil der Gepiden ihm anschloss. Möglicherweise plante er bereits zur Zeit des Gepidenkrieges den Marsch nach Italien, wobei es von Vorteil war, möglichst viele Kriegerverbände des Karpatenbeckens in seinen langobardischen Verbund zu integrieren.

Die gepidische Königsstadt Sirmium fiel nach der Niederlage gegen die Langobarden anscheinend kampflos in oströmische Hand. Ihr gepidischer Kommandant Usdibad sowie Kunimunds Neffe Reptila und der arianische Bischof Thrasarich hatten den Königsschatz der Gepiden an Ostrom ausgeliefert und waren ins Exil gegangen. Als die Awaren das Gepidenland in Besitz nahmen, belagerten sie erfolglos die Stadt und forderten die Herausgabe Usidbads. 599 und 601 wurden viele gepidisch besiedelte Landstriche im Rahmen der Balkanfeldzüge des Maurikios durch die oströmischen Feldherren Priskos, Petros und Komentiolos verwüstet. Danach verlieren sich die Spuren der Gepiden.

Anführer und Könige der Gepiden

  • Fastida (Mitte des 3. Jahrhunderts)
  • Ardarich (Mitte des 5. Jahrhunderts)
  • Thraustila (488 im Kampf gegen die Goten gefallen)
  • Thrasarich (um 500)
  • Turisind -560
  • Kunimund -567

Archäologie

Aus dem historisch überlieferten Siedlungsgebiet der Gepiden östlich in Siebenbürgen und im Ungarischen Tiefland östlich der Theiß sind Schatzfunde und Gräberfelder bekannt, die mit diesem Volksstamm in Verbindung gebracht werden können. Dazu gehören der Schatzfund von Szilágysomlyó und die reichen Gräber von Apahida, frühmittelalterliche Reihengräberfelder mit zahlreichen Grabbeigaben wie Waffen oder Fibeln fanden sich beispielsweise in Szentes-Nagyhegy und in Hódmezövásárhely-Kishomok.

Quellen

  • Pál Lakatos: Quellenbuch zur Geschichte der Gepiden. Szeged 1973 (lateinische und griechische Quellen, keine Übersetzung).

Literatur

  • István Bóna: Der Anbruch des Mittelalters. Gepiden und Langobarden im Karpatenbecken. Budapest 1976.
  • István Bóna, Margit Nagy: Gepidische Gräberfelder im Theissgebiet. 2 Bände. Budapest 2002/2005.
  • Wilfried Menghin, Tobias Springer, Egon Wamers (Hrsg.): Germanen, Hunnen und Awaren. Schätze der Völkerwanderungszeit. Ausstellungskatalog, Nürnberg u. Frankfurt/M. 1987.
  • Walter Pohl: Die Gepiden und die Gentes an der mittleren Donau nach dem Zerfall des Attilareiches. In: Herwig Wolfram, Falko Daim (Hrsg.): Die Völker an der mittleren und unteren Donau im fünften und sechsten Jahrhundert. Wien 1980, S. 239-305.
  • Walter Pohl: Die Awaren, Ein Steppenvolk in Mitteleuropa 567–822 n. Chr. 2 Aufl. München 2002, ISBN 3-406-48969-9.
  • Dieter Quast: Goten und Gepiden. Sonderheft Archäologie in Deutschland. Stuttgart 2005.
  • Ágnes B. Tóth: Gepidische Siedlungen im Theissgebiet. Monumenta Germanorum Archaeologica Hungariae. Bd. 4. Budapest 2006.

Weblinks

Anmerkungen

  1. Vgl. zu Jordanes Arne Sǿby Christensen: Cassiodorus, Jordanes and the History of the Goths. Studies in a Migration Myth. Kopenhagen 2002.
  2. Grundsätzlich zu dieser Zeit siehe Pohl, Die Gepiden und die Gentes an der mittleren Donau nach dem Zerfall des Attilareiches.
  3. Vgl. Pohl, Die Awaren, S. 52ff.
  4. Walter Pohl: Die Völkerwanderung. Eroberung und Integration. Stuttgart 2002, ISBN 3-17-015566-0, S. 195 f.

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