Gerhard Schröder (CDU)


Gerhard Schröder (CDU)
Gerhard Schröder, 1960

Gerhard Schröder (* 11. September 1910 in Saarbrücken; † 31. Dezember 1989 in Kampen auf Sylt) war ein deutscher Politiker (CDU). Der studierte Jurist war von 1953 bis 1961 Bundesminister des Innern, von 1961 bis 1966 Bundesminister des Auswärtigen und von 1966 bis 1969 Bundesminister der Verteidigung.

Schröder galt als dynamisch und höchst kompetent, aber etwas distanziert. Als Außenminister prägte er insbesondere die Ostpolitik und die Partnerschaft der Bundesrepublik Deutschland zu den USA und Großbritannien (Westintegration). Bei der Wahl des deutschen Bundespräsidenten 1969 unterlag er knapp dem SPD-Kandidaten Gustav Heinemann.

Inhaltsverzeichnis

Jugend und Elternhaus 1910-1929

Gerhard Schröder war der erstgeborene Sohn des Eisenbahnbeamten Jan Schröder aus Ostfriesland, der beruflich bedingt zur Zeit der Geburt des Sohnes im Saargebiet lebte. Gerhard Schröder hatte noch eine jüngere Schwester und einen jüngeren Bruder. Seine Schulzeit verbrachte er am Ludwigsgymnasium Saarbrücken, in Friedberg, dem Landgraf-Ludwigs-Gymnasium Gießen und absolvierte das Abitur in Trier im Jahr 1929. Seine Begabungen lagen im geisteswissenschaftlichen Bereich, Mathematik und Physik waren nur genügend benotet worden. Schröder beherrschte aus der Schulzeit folgende Fremdsprachen: Latein, Alt-Griechisch, Englisch, Französisch und freiwillig noch dazu Spanisch.[* 1]

Ein früh prägendes Erlebnis der Jugend Gerhard Schröders war der verlorene Erste Weltkrieg, den er in Saarbrücken auch durch französische Luftangriffe als Kind miterlebt hatte. Die Besetzung des Saargebietes durch die französische Siegermacht musste er ebenso miterleben. Sein Vater war im Kriege an der Ostfront eingesetzt gewesen im Feldbahnwesen und als Kriegsheimkehrer wurde er sofort mit der Reichsbahndirektion von Saarbrücken nach Trier versetzt.[* 2]

Studium und Hochschulpolitik 1929-1933

Daraufhin begann er das Studium der Rechtswissenschaft in Königsberg. Er entschied sich für Königsberg, da es der am weitesten entfernte Studienort von Trier innerhalb des damaligen Deutschen Reiches war.[* 3] Er hatte in den zwei Semestern in Königsberg auch viel Kontakt zu Studentenverbindungen, trat jedoch keiner bei. [* 4]

Später studierte er weiter zwei Semester in Edinburgh. Dort gewann er Freude an der britischen Lebensart, mit der er sich sein weiteres Leben immer gern verbunden gefühlt hatte. Gerade auch der Austausch mit den vielen ausländischen Studenten war für Schröder vom vitalen Interesse.[* 5]

Im Sommersemester 1931 schrieb er sich dann in Berlin ein. In der damaligen Zeit der politischen Unruhe der Weimarer Republik wurde er Zeuge der teilweise blutigen Auseinandersetzungen der radikalen Gruppierungen. [* 6]

Bald darauf ging er nach Bonn[1], wo er das Jurastudium 1932 mit dem ersten und 1936 mit dem zweiten juristischen Staatsexamen mit jeweils magna cum laude[* 7] abschloss. In dieser Zeit engagierte er sich hochschulpolitisch und war Mitglied der Hochschulgruppe der DVP. Für diese zog er auch in den ASTA der Universität ein.[* 8]

Assesorenzeit und Rechtsanwalt in Berlin 1933-1939

1933 promovierte er zum Dr. jur. über das Thema Die außerordentliche Auflösung von Tarifverträgen. Er wurde von der Universität befreit seine Doktorarbeit drucken zu lassen, da die damalige Gesetzgebung die Doktorarbeit überholt hatte und sie nur noch Makulatur war.[2]

Ab 1933 war er zunächst Assistent an der Juristischen Fakultät an der Universität Bonn. Von Oktober 1934 bis 1936 war er Referent am Kaiser-Wilhelm-Institut für ausländisches und internationales Privatrecht in Berlin.[* 9] 1935 musste er das Refrendarlager Hanns Kerrl bei Berlin für drei Monate besuchen. Nach eigenem Bekunden gefiel ihm dort nur der Sport, den er beim Abschluss mit dem SA-Sportabezichen krönte, die politische Indoktrinierung machte ihm weniger Spaß.[* 10] 1936 dann wurde er Anwaltsassessor in einer großen Kanzlei, die jüdisch dominiert war. Sein Kanzleichef und späterer Partner, Walter Schmidt, bescheinigte ihm im Endnazifizierungsverfahren, dass er damals verfolgten und jüdischen Mandanten hilfreich zu Seite gestanden hatte, so dass er des öfteren mit dem Nationalsozialistischen Rechtswahrerbund Probleme hatte.[* 11] Dort war er unter Mitgliedsnummer 013115 geführt worden.[2] 1939 wurde er fertiger Rechtsanwalt mit der Spezialisierung auf Steuerrecht.[* 12][2]

Zweiter Weltkrieg 1939-1945

Im September 1939 wurde er zur Wehrmacht eingezogen und als Funker in der Nähe von Berlin ausgebildet.[* 13] Von September 1940 bis Mai 1941 erhielt er eine Freistellung von der Wehrmacht und war dann in seiner Kanzlei in Berlin tätig.[* 14] Daraufhin wurde er ins besetzte Dänemark nach Silkeborg und auf die Insel Fanø kommandiert.[* 15] Im Russlandfeldzug wurde er im Kessel von Cholm stationiert und dort durch einen Granatsplitter im rechten Unterschenkel verletzt, so dass er bis 1943 kriegsuntauglich war.[* 16] Daraufhin war er Funklehrer in der Nähe von Berlin und ergab sich den US-amerikanischen Truppen 1945 bei Calbe. Er wurde in ein britisches Kiegsgefangenlager bei Bad Segeberg verlegt und war dort Übersetzer. Im Juni 1945 wurde er schon aus der Gefangenschaft entlassen.[* 17]

Ferntrauung und Karrierefolgen in der Wehrmacht 1941

Gerhard Schröder stellt im April 1941 einen Antrag auf Ferntrauung, dem im Mai 1941 zugestimmt worden ist. Seine Ehefrau Brigitte Schröder, deren Bruder ein Freund und Studienkollge Schröders war, galt nach den Nürnberger Gesetzen als „Mischling I. Grades“, da ihr Vater „Halbjude“ war. Die Hochzeit war daher nur mit einer Ausnahmegenehmigung der Wehrmacht möglich. Schröder musste sich schriftlich verpflichten, dass er keinen Dienstgrad bei der Wehrmacht erlangen konnte, deshalb war sein höchster Rang, den er im Krieg bekleidete, der eines Obergefreiten.[* 18][2]

In der Besatzungszeit und deren Folgen 1945-1953

Nach seiner Entlassung aus der Kriegsgefangenschaft traf er seine Frau, die aus Schlesien von Rittergut ihrer Eltern vor der Roten Armee mit den gemeinsamen Kindern geflohen war, in Hamburg wieder. Dort lebten sie erst einmal bei seinen Eltern. Sein Vater Jan starb dort am 24. November 1945.[* 19]

Als Beamter 1945-1947

Über einen ehemaligen Kommulitonen konnte er sich beim Oberpräsident der Rheinprovinz, Hans Fuchs, in Düsseldorf erfolgreich bewerben. Er erhielt eine Anstellung als Oberregierungsrat. Diese behielt er auch, nachdem die britische Besatzungsmacht Fuchs durch Robert Lehr ersetzt hatte. In dieser Zeit knüpfte er auch Kontakte zu Konrad Adenauer und Kurt Schumacher.[* 20]

Zum Jahreswechsel 1945 auf 1946 wurde er Leiter des deutschen Wahlrechtsausschusses in der britischen Besatzungszone. Dieser Ausschuss hatte die Aufgabe der britischen Besatzungsmacht Vorschläge zum Ablauf der ersten Kommunalwahlen zu unterbreiten. Dabei lernte er auch persönlich General Robertson kennen, den späteren Hohen Kommissar, der sich danach sehr anerkennend über Schröders Arbeit geäußert hatte.[* 21]

Mit der Gründung des Landes Nordrhein-Westfalen wurde er ins Innenministerium versetzt und war dort auch für Wahlfragen auf Landesebene zuständig. Mit dem damaligen SPD-Minister Walter Menzel kam es zu keiner erquicklichen Zusammenarbeit, was auch an dessen Festhalten am Verhältniswahlrecht seinen Ausschlag fand.[* 22] Schröder äußerte sich mehrmals enttäuscht über die deutschen Politiker der damaligen Zeit öffentlich in Zeitungsartikeln.[* 23] Als ein ehemaliges Mitglied der SS namens Zech-Nenntwig, der unter seinem neuen Namen Nansen als britischer Agent tätig war, zum Berater des Innenministers wurde, sorgte Schröder für dessen Entlassung, quittierte aber selbst daraufhin den Dienst, da das Vertrauensverhältnis zu seinem Dienstherren nicht mehr gegeben war. Zech-Nenntwig wurde später wegen Kriegsverbrechen rechtskräftig verurteilt.[* 24]

North German Iron and Steel Control 1947-1953

Ab 1947 arbeitete er bis 1953[1] als Rechtsanwalt und als Abteilungsleiter bei der „North German Iron and Steel Control“. Er war der Berater von Heinrich Dinkelbach, dem Chef der NGISC. Er war in dieser Zeit auch Aufsichtsrat zweier Stahlwerke geworden, des Hüttenwerkes Haspe AG in Hagen und der Duisburger Ruhrort-Meiderich AG. Aus dieser Zeit stammte auch seine Ablehnung gegenüber der KPD, die in beiden Aufsichtsräten stark vertreten war.[* 25]

1948 wurde Elisabeth Nuphans seine engste Mitarbeiterin, die bei ihm bis 1980 tätig gewesen ist.[* 26]

Parteien 1933-1989

NSDAP 1933-1941

Gerhard Schröder mit Konrad Adenauer beim Bundesparteitag 1960
Gerhard Schröder als Aussenminister mit Bundeskanzler Ludwig Erhard und dem damaligen CDU-Fraktionsvorsitzenden Rainer Barzel
Gerhard Schröder mit Gerhard Stoltenberg und Kurt Georg Kiesinger beim evangelischen Arbeitskreis der CDU-CSU

Am 1. April 1933 trat Schröder in Bonn der NSDAP unter der Mitgliedsnummer 2177050[2] bei. Gedrängt vom Präsidenten des Oberlandesgerichts, wurde er gemeinsam mit allen anderen Referendaren auch Mitglied der SA, da durch Einführung des Berufsbeamtentums Refrendare sich absichern sollten.[* 27] Hier erneuerte er beim Wechsel nach Berlin 1934 seine Mitgliedschaft jedoch nicht.[* 28] Am 1. Mai 1941 trat Schröder nach Begegnungen mit Mitgliedern der Bekennenden Kirche und den erlebten Kriegsgreul samt Rassenwahns aus der NSDAP aus.[* 29]

CDU 1945-1989

1945 gehörte Schröder zu den Mitbegründern der CDU. In der Zeit bis 1949 galt er als der Wahlrechtsexperte der Partei, so dass er den Arithmetischen Ausschuss 1948 leitete, der der CDU das Eintreten für ein Mehrheitswahlrecht empfahl.[* 30]

Von 1967 bis 1973 war er Stellvertretender Bundesvorsitzender seiner Partei. Von 1955 bis 1978 leitete er den Evangelischen Arbeitskreis von CDU und CSU, um die katholisch dominierte Union interkonfessionell zu öffnen. Schröder war einer der wichtigsten Repräsentanten des protestantischen Teils der Union[1] Sein Amtsnachfolger wurde der spätere Bundespräsident Roman Herzog.

Schröder gehörte dem Auswahlgremium der beiden Unionsparteien an, das am 24. Februar 1959 Ludwig Erhard als Kandidaten für das Amt des Bundespräsidenten vorschlug, was dieser jedoch ablehnte.

Zur Bundestagswahl 1972 gehörte Schröder neben Franz Josef Strauß und Hans Katzer zur Kernmannschaft des CDU-Kanzlerkandidaten Rainer Barzel, der auf ein Schattenkabinett verzichtet hatte.

Abgeordneter 1945-1980

Gerhard Schröder (links) neben dem CDU-Bundeskanzlerkandidaten Rainer Barzel im Bundestagswahlkampf 1972
Gerhard Schröder als Wahlkampfredner 1972
Gerhard Schröder bei der Stimmabgabe mit Gattin zur Bundestagswahl 1972

Von 1949 bis 1980 war Schröder Mitglied des Deutschen Bundestages. Hier war er vom 29. März bis zum 27. September 1950 Vorsitzender des Parlamentarischen Untersuchungsausschusses zur Überprüfung der Verhältnisse auf dem Gebiete des Kraftstoffvertriebs und von Juni 1952 bis Oktober 1953 Stellvertretender Vorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion.

1952 gehörte Schröder zu einer Gruppe von 34 Abgeordneten der CDU/CSU-Fraktion, die einen Gesetzentwurf zur Einführung des relativen Mehrheitswahlrechts in den Bundestag einbrachten und damit auch die Stabilität der Koalition gefährdeten.

Von 1969 bis 1980 war er Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses. In dieser Eigenschaft war er der erste bundesdeutsche Spitzenpolitiker, der eine Einladung aus China erhielt. Dort verhandelte er mit dem chinesischen Premierminister Zhou Enlai über die später erfolgte Aufnahme von diplomatischen Beziehungen.[3]

Gerhard Schröder bei der Wahl des neuen CDU/CSU-Frationsvorsitzenden am 17. Mai 1973

Nachdem Rainer Barzel den Fraktionsvorsitz 1973 niedergelegt hatte, kandidierte Schröder gegen seinen ehemaligen Staatssekretär Karl Carstens um dieses Amt, unterlag aber deutlich[1].

Wahlkreiskandidat 1949-1969

Gerhard Schröder ist zuletzt über die Landesliste Nordrhein-Westfalen (1969, 1972 und 1976) und davor stets als direkt gewählter Abgeordneter des Wahlkreises Düsseldorf-Mettmann bzw. Düsseldorf-Mettmann II (1965) in den Bundestag eingezogen. Diesen Wahlkreis sollte ursprünglich der ehemalige Zentrumpolitiker Richard Muckermann erhalten, aber die Delegierten wählten fast einstimmig Schröder, da der katholische Muckermann im stark evangelisch geprägtem Wahlkreis chancenlos gewesen wäre. Bei der ersten Wahl (1949) hatte Schröder noch keine Listenabsicherung.[* 31][* 32]

In seinem ersten Bundestagswahlkampf 1949 als Wahlkreiskandidat hatte er im Wahlkreis die heftigsten Kämpfe mit der DKP-DRP auszutragen. Schröder hob in diesem Wahlkampf seinen Einsatz für das Mehrheitswahlrecht hervor und natürlich, dass er kein alter Parlamentarier war.[* 33] Er gewann durch sein jugendlich und frisches Auftreten den sozialdemokratisch dominierten Wahlkreis mit einer stabilen Stimmenmehrheit.[* 34] Sein erstes Abgeordnetenbüro im Bundeshaus, Südflügel, Zimmer 20 hatte gerade einmal 5,04 Quadratmeter.[* 35]

Öffentliche Ämter 1953-1969

Bundesinnenminister 1953-1961

Gerhard Schröder mit (von links) US-Präsident John F. Kennedy, Bundespräsident Heinrich Lübke, Bundeskanzler Konrad Adenauer, US-Außenminister Dean Rusk
Grabstätte auf dem Friedhof in Keitum auf Sylt
Staatsakt im Bundestag für Gerhard Schröder

Am 20. Oktober 1953 wurde Schröder von Bundeskanzler Konrad Adenauer in das Amt der Bundesministers des Innern berufen. Damit wurde er Nachfolger seines ehemaligen Vorgesetzten Robert Lehr. 1954 hätte ihn der Überlauf des Präsidenten des Bundesverfassungsschutzes Otto John in die DDR fast sein Amt gekostet. Durch dieses Ereignis sensibilisiert, war Sicherheit seine oberste Prämisse[1]. Er erwarb sich bald den Ruf eines, wie man heute sagen würde, „Law-and-Order“-Politikers. Unter anderem setzte er den Verbotsantrag gegen die KPD durch. Allerdings scheiterte er vor Gericht bei dem Versuch, die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes zu verbieten, und sein Entwurf für eine frühe Version der späteren Notstandsgesetze fand keine parlamentarische Mehrheit. Zu den Erfolgen seiner Amtszeit zählt andererseits die Umstrukturierung des Bundesgrenzschutzes.

Gerhard Schröder ist bis heute immer noch der Bundesinnenminister mit der längsten Amtszeit, sowohl in direkter Folge als auch insgesamt.

1960 baute er sich auf der Nordseeinsel Sylt im Ort Kampen ein Ferienhaus, das er Atterdag nannte. Atterdag ist Dänisch und bedeutet neuer Tag, war aber auch der Beiname des dänischen Königs Waldemar IV..[4]

Bundesaußenminister 1961-1966

Nach dem Ausscheiden von Heinrich von Brentano aus der Bundesregierung wurde er am 14. November 1961 dessen Nachfolger im Amt des Bundesminister des Auswärtigen. Dieses Amt behielt er auch unter Bundeskanzler Ludwig Erhard. Schröder galt während dieser Zeit als „Atlantiker“, d. h., er trat für die Orientierung der deutschen Außenpolitik an den USA ein. Im Gegensatz dazu galt Adenauer als „Gaullist“, dem die Beziehungen zu Frankreich wichtiger schienen. Es wird angenommen, dass Adenauer zeitweilig in Schröder seinen Nachfolger als Kanzler sah, ihm jedoch aufgrund dieses Konflikts seine Unterstützung entzog.

Schröder bereitete direkt die Entspannungspolitik in Richtung Osten vor, indem er deutsche Handelsmissionen in Rumänien, Bulgarien, Ungarn und Polen einrichten ließ[5]. Sein angespanntes Verhältnis zur SPD-Opposition als Innenminister wurde zu einem kooperativen Verhältnis als Außenminister. Schröder ist bis heute der letzte Bundesaußenminister, den die CDU gestellt hat.[1].

Bundesverteidigungsminister 1966-1969

Als bei der Bildung der Großen Koalition die SPD das Amt des Außenministers für ihren Vorsitzenden Willy Brandt beanspruchte, wurde Schröder am 1. Dezember 1966 im Kabinett von Kurt Georg Kiesinger Bundesminister der Verteidigung. Schröder war zuvor in der internen Abstimmung der CDU/CSU-Fraktion über ihren Kanzlerkandidaten im dritten Wahlgang Kiesinger mit 81 zu 137 Stimmen (bei 26 Stimmen für Rainer Barzel) unterlegen. Der Atlantiker-Gaullisten-Streit hatte in der Union starke Spannungen ergeben, die für seine Niederlage in der Kanzlerkandidatenabstimmung der Unionsfraktion mitverantwortlich waren[1]. Franz-Josef Strauss versagte dem Protestanten Schröder gegenüber die Unterstützung der entscheidenden Stimmen der CSU in der gemeinsamen Fraktion[5].

Ende August 1967 stürzte er auf der Treppe seines Ferienhauses Atterdag auf Sylt: Herzrhythmusstörung und Bewußtseinstrübung diagnostizierten die Ärzte damals. Schuld daran soll ein Streit mit dem Bundeskanzler Kiesinger gewesen sein[6], der den Wehretat gegen Schröders Willen gekürzt hatte. Schröder erholte sich nie ganz davon, sein Gedächtnis verließ ihn des öfteren, seine Stimme blieb seit dem schleppend.[7][8][9]

Bundespräsidentschaftskandidat 1969

Bei der Wahl des deutschen Bundespräsidenten 1969 trat Schröder als Kandidat von CDU und CSU gegen den SPD-Kandidaten Gustav Heinemann in der Berliner Ostpreussenhalle[10] an, unterlag jedoch im dritten Wahlgang mit 506 zu 512 Stimmen. Im Vorfeld der Bundespräsidentenwahl wurde von einigen Medien seine Vergangenheit während der NS-Diktatur und seine Mitgliedschaft in der NSDAP sowie der SA wieder in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt.[2]

Ziel seiner Kandidatur war ein Brückenschlag zur FDP, um bei der anstehenden Bundestagswahl die Weichen für eine erneute Koalition zwischen Union und FDP zu stellen. Da die FDP mehrheitlich der Linie ihres Parteivorsitzenden Walter Scheel gefolgt ist, musste Schröder diese bittere Niederlage einstecken[1].

Im zweiten Wahlgang erhielt Schröder mit 507 Stimmen sein bestes Ergebnis, gewählt wurde er wohl auch von 22 Mitgliedern der NPD. Für viele CDU-Parlamentarier war im Vorfeld die Wahl ihres Bundespräsidentschaftskandidaten mit den Stimmen der NPD untragbar, Schröder sah das pragmatischer: „Die sind ja schließlich auch demokratisch gewählt.“[11]

Diese Niederlage bedeutete für die auf Bundesebene erfolgsverwöhnte CDU der Anfang vom Ende an der Macht. Mit dem Ende der Großen Koalition schied Schröder am 21. Oktober 1969 auch aus der Bundesregierung aus. Nach seinem Parteifreund Hans-Christoph Seebohm ist er der Bundesminister mit der längsten andauernden Amtszeit.

Ehrenamtliche Tätigkeiten

Schröder war Präsident der Deutsche Gesellschaft für Photographie.[3]

Privatmensch

Schröder verfügte über eine preussische Erziehung und hielt zu den meisten Menschen einen unterkühlten Abstand. Mit keinem Mitglied der CDU-Bundestagsfraktion duzte er sich bis zu seinem Ausscheiden aus dem Bundestag 1980, nicht einmal mit Paul Lücke, mit dem er eine Zeit lang sich in Wohngemeinschaft in Bonn ein Apartment teilte.[* 36]

Schröder lernte auf seiner Urlaubsinsel Sylt den Maler Albert Aereboe kennen, der dort lebte und arbeitete. Dadurch wurde sein Interesse an moderner Kunst geweckt. Er erwarb über die Jahre mehrere Bilder von Aereboe und anderer Künstler. Er legte immer Wert darauf, dass die Erschaffer seiner Bilder noch am Leben seien.[* 37]

Letzte Jahre und Tod

Bundeskanzler Helmut Kohl spricht beim Staatsakt für Gerhard Schröder

Nach seinem Tode ehrte ihn der Deutsche Bundestag am 12. Januar 1990 mit einem Staatsakt im Plenarsaal. Dabei sprach der damalige Bundeskanzler und CDU-Vorsitzende Helmut Kohl. Gerhard Schröder wurde auf dem Friedhof der Inselkirche St. Severin in Keitum auf Sylt beigesetzt.

Familie

Mit seiner Frau Brigitte hatte er drei Kinder:

  • Christina (geb. Dezember 1941)
  • Jan (geb. Mai 1943)
  • Antina (geb Oktober 1945)[* 38]

Auszeichnungen (Auszug)

Zitate

Trivia

Am 10. Oktober 1987 sollte es im WDR II ein Interview mit dem damaligen SPD-Oppositionsführer des niedersächsischen Landtages Gerhard Schröder über die geplatzte Rot-Grüne Koalition in Hessen geben. Durch einen Fehler hatten die Moderatoren nicht den SPD-Politiker per Telefon zugeschaltet bekommen sondern Gerhard Schröder von der CDU, der aber ebenso irritiert war, wie die Moderatoren. Die Sendung konnte trotzdem gerettet werden, da Gerhard Schröder auch zu diesem Thema seine Sicht der Dinge vortragen konnte.[* 44]

Siehe auch

Veröffentlichungen

  • Für oder wider das konstruktive Mißtrauensvotum. In: Bonner Hefte. 1953, Heft 1, S. 22–26.
  • Wir brauchen eine heile Welt. Econ, Düsseldorf/Wien 1963.
  • Das Flugzeug hieß „Westward Ho“. In: Horst Ferdinand (Hrsg.): Beginn in Bonn. Erinnerungen an den ersten Deutschen Bundestag. Herder, Freiburg/Basel/Wien 1985, ISBN 3-451-08235-7, S. 139–144.

Literatur

Weblinks

 Commons: Gerhard Schröder (CDU) – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Fußnoten und Quellen

  1. a b c d e f g h Konrad-Adenauer-Stiftung, abgerufen am 17. August 2011
  2. a b c d e f Quittung vorhanden. In: Der Spiegel. Nr. 9, 1969, S. 36 (24. Februar 1969, abgerufen am 30. Oktober 2011, online).
  3. a b Schreiber, Hermann: Ein Königskind auf Reisen. In: Der Spiegel. Nr. 31, 1972, S. 22-23 (24. Juli 1972, abgerufen am 30. Oktober 2011, online).
  4. Gerhard Schröder. In: Der Spiegel. Nr. 49, 1960, S. 94 (30. November 1960, abgerufen am 30. Oktober 2011, online).
  5. a b c Die Zeit, abgerufen am 17. August 2011
  6. Schröders Kampf gegen den Kanzler. In: Der Spiegel. Nr. 32, 1967, S. 19-28 (31. Juli 1967, abgerufen am 31. Oktober 2011, online).
  7. Gerhard Schröder. In: Der Spiegel. Nr. 2, 1990, S. 67 (8. Januar 1990, abgerufen am 30. Oktober 2011, online).
  8. Whisky getrunken. In: Der Spiegel. Nr. 20, 1969, S. 34 (12. Mai 1969, abgerufen am 30. Oktober 2011, online).
  9. Szene verändert. In: Der Spiegel. Nr. 37, 1967, S. 24-25 (4. September 1967, abgerufen am 30. Oktober 2011, online).
  10. Bundestag, vom 30. Juni 2010, abgerufen am 30. Oktober 2011
  11. Großer Tag. In: Der Spiegel. Nr. 11, 1969, S. 23-24 (10. März 1969, abgerufen am 30. Oktober 2011, online).
  • Torsten Oppelland: Gerhard Schröder (1910-1989). Politik zwischen Staat, Partei und Konfession, Droste, Düsseldorf 2002, ISBN 3-7700-1887-7
  1. S. 38.
  2. S. 15-32.
  3. S. 38.
  4. S. 40-43.
  5. S. 47-49.
  6. S. 51-53.
  7. S. 105.
  8. S. 56-63.
  9. S. 91-92.
  10. S. 102-103.
  11. S. 106, 110-111, 129.
  12. S. 112.
  13. S. 116.
  14. S. 119.
  15. S. 120.
  16. S. 123.
  17. S. 126.
  18. S. 121.
  19. S. 130.
  20. S. 131-141.
  21. S. 142-148.
  22. S. 150-151.
  23. S. 154-156.
  24. S. 154-157.
  25. S. 163-172.
  26. S. 168.
  27. S. 83-87.
  28. S. 92.
  29. S. 122.
  30. S. 180-181.
  31. S. 183-184.
  32. S. 187.
  33. S. 190-192.
  34. S. 196.
  35. S. 199.
  36. S. 200.
  37. S. 200.
  38. S. 124.
  39. S. 103.
  40. S. 123.
  41. S. 123.
  42. S. 123.
  43. S. 123.
  44. S. 7.

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