Gesamtwirtschaftliche Entwicklung Russlands


Gesamtwirtschaftliche Entwicklung Russlands

Die gesamtwirtschaftliche Entwicklung Russlands nach der Auflösung der Sowjetunion war zunächst von einem drastischen Einbruch der Produktion geprägt. Dazu trug der Wegfall eingespielter Handelsbeziehungen im Verbund der Sowjetunion bei. Der Übergang von der Planwirtschaft zu einer marktwirtschaftlichen Ordnung war schwierig und gelang nur in Teilbereichen.

Seit Überwindung der Finanzkrise des Jahres 1998 wuchs die russische Wirtschaft bis einschließlich 2008 wieder mit Raten zwischen 5 und 10 %.

Allerdings ist sie dabei in hohem Maße von der Entwicklung der Energie- und Rohstoffpreise auf den Weltmärkten abhängig geblieben. Energie- und Rohstoffpreise bestimmen insbesondere die Entwicklung der Exporterlöse und der Staatseinnahmen. Die angestrebte Diversifizierung der Produktion ist bisher nicht weit vorangekommen. Auf internationalen Märkten wettbewerbsfähige Fertigerzeugnisse stellt die russische Wirtschaft nur in wenigen Bereichen wie der Rüstungswirtschaft her.

Zunehmend abhängig von internationalen Entwicklungen ist die russische Wirtschaft auch im Bereich des internationalen Kapitalverkehrs geworden. 2008 zeigten dies die Auswirkungen der von den USA ausgegangenen weltweiten Finanzkrise auf Russland. Finanzanlagen wurden aus Russland abgezogen. Binnen eines halben Jahres brachen die Aktienkurse in Russland um fast 80 % ein. Die Aufnahme von Krediten im Ausland verteuerte sich für russische Unternehmen drastisch, falls sie überhaupt noch möglich war.

Angesichts des Einbruchs der Ölpreise seit Juli 2008 und der Verschärfung des konjunkturellen Abschwungs der Weltwirtschaft durch die internationale Finanzkrise erwartet die OECD, dass die Produktion der russischen Wirtschaft, deren Wachstum sich 2008 bereits auf 5,6 % abschwächte, 2009 deutlich zurückgeht (- 6,8 %).

Inhaltsverzeichnis

Rückblick 1989 bis 1997: Produktionseinbruch nach Auflösung der Sowjetunion

Nach der Auflösung der Sowjetunion und dem Zusammenbruch der Planwirtschaft Ende der 80er Jahre ging die gesamtwirtschaftliche Produktion in Russland von 1990 bis 1996 Jahr für Jahr zurück. Insgesamt verringerte sich das Bruttoinlandsprodukt um gut 40 Prozent.

Bruttoinlandsprodukt Russlands
(Veränderung gegenüber dem Vorjahr in Prozent und Vergleich mit 1990)
Wirtschaftsjahr 1989 1990 1991 1992 1993 1994 1995 1996 1997
Veränderung zum Vorjahr (real) 1,6% - 3,0% - 5,0% - 14,5% - 8,7% - 12,7% - 4,0% - 3,6% 1,4%
Im Vergleich zu 1990 (1990 = 100%) 103,1% 100,0% 95,0% 81,2% 74,2% 64,7% 62,1% 59,9% 60,7%

Quelle: EBRD Economic Statistics

Als sich 1997/1998 eine Erholung andeutete, brachen die Erdölpreise ein. Russland musste die Bedienung seiner Staatsschulden einstellen und die Dollarbindung des Rubel aufgeben.

Erholung nach der Finanzkrise 1998 und aktuelle Lage 2008/2009

Von dieser Finanzkrise, die im Sommer 1998 mit der Abwertung des Rubel ihren Höhepunkt erreichte, erholte sich die russische Volkswirtschaft schneller als vielfach erwartet wurde. Dabei half ihr zum einen die abwertungsbedingte Verbilligung der inländischen Produktionskosten gegenüber dem Ausland. Außerdem stieg der Erdölpreis.

Günstig wirkten sich auch wirtschaftspolitische Reformen des neuen Präsidenten Putin aus, insbesondere seine Steuerreform. Sie verband eine geringe Gewinnbesteuerung der Unternehmen und eine niedrige Einkommensteuer für natürliche Personen mit einer Abschöpfung der Exporteinnahmen, die auf Ölpreissteigerungen beruhen. Weil die staatliche Finanzpolitik im Unterschied zu den Vorjahren der Versuchung widerstand, mit den wieder ansteigenden Steuereinnahmen Ausgabenprogramme zu finanzieren, konnten Staatsschulden getilgt und die Zinsbelastung des Budgets vermindert werden.

Das russische Bruttoinlandsprodukt nimmt seit 1999 jährlich zwischen 5 und 10 % zu. Aber erst 2007 war der nach der Auflösung der Sowjetunion erlittene Produktionseinbruch ausgeglichen. Nach einer Steigerung des Bruttoinlandsprodukts um 8,1 % wurde der Produktionsstand des Jahres 1989 knapp übertroffen.

Bruttoinlandsprodukt Russlands
(Veränderung gegenüber dem Vorjahr in Prozent und Vergleich mit 1990)
Jahr 1998 1999 2000 2001 2002 2003 2004 2005 2006 2007 2008 2009 2010
Veränderung zum Vorjahr (real) -5,3% 6,4% 10,0% 5,1% 4,7% 7,3% 7,2% 6,4% 8,2% 8,5% 5,2% -7,8% 4,0%
Im Vergleich zu 1990 (1990 = 100%) 57,5% 61,2% 67,3% 70,7% 74,1% 79,5% 85,2% 90,7% 98,1% 106,5% 112,0% 103,2% 107,3%

Quellen: EBRD Economic Statistics; Rosstat

Kräftiger Ölpreisanstieg von 2004 bis 2008

Von 2004 bis 2008 hat insbesondere der stetige kräftige Anstieg des Ölpreises die gesamtwirtschaftliche Entwicklung in Russland geprägt. Im Jahresdurchschnitt erhöhte sich der Preis für russisches Urals-Öl mit von rund 35 auf rund 94 US-Dollar/Barrel.

Der Ölpreisanstieg trieb die Exporterlöse Russlands in die Höhe und sorgte für Rekordüberschüsse in der Handels- und Leistungsbilanz. Die Währungsreserven stiegen stetig. Hohe Ölpreise ermöglichten dank kräftig steigender Einnahmen hohe Überschüsse im Staatsbudget. Die in früheren Jahren häufig gemachte Beobachtung, dass ein kräftiger Anstieg des Ölpreises eine deutliche Beschleunigung des Wirtschaftswachstums Russlands bewirkt, bestätigte sich in den letzten Jahren jedoch nicht. Der Anstieg der gesamtwirtschaftlichen Produktion stagnierte seit 2004 mit geringen Schwankungen auf hohem Niveau bei rund 7 %.

Verbraucherpreisanstieg
Dezember gegenüber Dezember des Vorjahres in %
Jahr 2002 2003 2004 2005 2006 2007 2008 2009 2010
15,1 12,0 11,7 10,9 9,0 11,9 13,3 8,8 8,8

Quelle: OECD: Economic Outlookhttp://www.gks.ru


Der von den hohen Ölpreisen ausgelöste Devisenzustrom bremst nach Einschätzung der meisten Experten den Willen zu wirtschaftspolitischen Reformen. Reichlich fließende Staatseinnahmen haben im Gegenteil zu einer Lockerung der Haushaltspolitik und zur Verteilung von „Wahlgeschenken“ vor den Duma- und den Präsidentenwahlen im Dezember 2007 und März 2008 geführt.

Wirtschaftswachstum bis 2008 anhaltend kräftig

2007 beschleunigte sich das gesamtwirtschaftliche Wachstum auf 8,5 %.

Seit dem Sommer 2008 schwächte sich jedoch auch in Russland das gesamtwirtschaftliche Wachstum unter dem Einfluss der von der Immobilienkrise in den USA ausgelösten internationalen Finanzkrise und dem Nachfrageeinbruch auf den Rohstoffmärkten deutlich ab. Im Jahresvergleich 2008/2007 ergab sich ein deutlich niedrigeres Wachstum der gesamtwirtschaftlichen Produktion (+ 5,6 %).

Der Anstieg der Industrieproduktion schwächte sich auf 2,1 % ab. Die Erdölförderung ging sogar um knapp 1 % zurück. Die Erdgasförderung erholte sich nur geringfügig um 1,6 %. Der Internationale Währungsfonds, IWF, hat als Gründe für das seit mehreren Jahren anhaltende schwächere Wachstum der Energiewirtschaft unter anderem auf die Verunsicherung durch die Jukos-Affäre und die hohe Steuerbelastung des Ölsektors hingewiesen. Die Weltbank betonte daneben die wachstumsdämpfende Wirkung der realen Aufwertung des Rubel und verwies auf Kapazitätsengpässe in der Energiewirtschaft.

Nachfrageseitig wurde das Wachstum 2008 erneut allein von der Inlandsnachfrage getragen. Ein kräftiger Wachstumsbeitrag kam - wie seit Jahren – von den sehr stark steigenden Privaten Konsumausgaben, die um rund 12 Prozent zunahmen. Der langjährige Investitionsboom flaute 2008 hingegen deutlich ab. Das Wachstum der Bruttoanlageinvestitionen ging um mehr als die Hälfte auf rund 9 % zurück. Von der außenwirtschaftlichen Entwicklung kam weiterhin kein Wachstumsbeitrag. Während die Exporte real stagnierten, erreichte der reale Anstieg der Importe noch rund 18 Prozent.

Bei rasch fallenden Exporteinnahmen und massiven Kapitalabflüssen geriet der Rubel unter Druck und die Aktienkurse brachen ein. Die russische Regierung versuchte mit massiven Interventionen, die Wertpapiermärkte und den Wechselkurs zu stabilisieren. Die Erholung der Aktienkurse im Frühjahr 2009 dürfte aber eher dem internationalen Aufwärtstrend an den Börsen und dem Anziehen der Ölpreise zu verdanken sein.

2009 auch in Russland tiefe Rezession

2009 erwartet die OECD in Russland einen drastischen Rückgang der gesamtwirtschaftlichen Produktion (- 6,8 %), die Weltbank rechnet mit – 7,9 %. Noch pessimistischer schätzt die russische Regierung in einem Mitte Juli beschlossenen Basisszenario die Entwicklung ein. Sie geht darin von einem Rückgang des Bruttoinlandsprodukts um 8,5 % aus, obwohl umfangreiche Maßnahmen zur Stimulierung der Konjunktur verabschiedet wurden. Neben Steuervergünstigungen und Kreditgarantien des Staates für Unternehmen gehören dazu Maßnahmen zur sozialen Abfederung der Krisenfolgen, die den Konsum stabilisieren sollen. Bei der Finanzierung kann auf die Mittel zurückgegriffen werden, die in den letzten Jahren bei hohen Rohstoffpreisen in staatlichen Fonds gespart wurden.

Inflation zog 2008 wieder an; Rezession 2009 dämpft Preisanstieg

2007 konnte die im internationalen Vergleich noch sehr hohe Inflation nicht weiter gedrückt werden, sondern war mit knapp 12 Prozent fast 3 Prozentpunkte höher als 2006. Dazu trug nach Meinung der OECD sowohl die Finanz- als auch die Geld- und Wechselkurspolitik bei. Zum einen wurden die staatlichen Ausgaben vor den Duma- und Präsidentschaftswahlen kräftig erhöht. Außerdem wuchs wegen der Devisenankäufe der Zentralbank zur Stabilisierung des Rubel-Kurses die Geldmenge sehr stark. Hinzu kam der weltweite Anstieg der Nahrungsmittelpreise.

2008 beschleunigte sich das Inflationstempo auf 13,3 Prozent, obwohl das Wirtschaftswachstum in der zweiten Jahreshälfte bereits deutlich nachließ. Der weltweite Anstieg der Energie- und Rohstoffpreise trug zum höheren Preisanstieg bei.

Das russische Wirtschaftsministerium geht davon aus, dass die Preise 2009 trotz der preisdämpfenden Wirkungen des Rückgangs der gesamtwirtschaftlichen Produktion nur wenig schwächer steigen dürften (+ 12 %) als 2008. Die OECD rechnet hingegen mit einem deutlich stärkeren Rückgang der Inflation auf nur noch 8 %.

Die von der russischen Regierung mit ihrer Geld- und Wechselkurspolitik verfolgten Ziele, zum einen die im internationalen Vergleich sehr hohe Inflation zu drücken und gleichzeitig den nominalen Wechselkurs des Rubel zu einem Währungskorb aus US-Dollar und Euro konstant zu halten und so die reale Aufwertung des Rubel zu bremsen, waren in den letzten Jahren nur schwer miteinander zu vereinbaren. Versuchte sie, die Aufwertung des Rubel durch den Aufkauf von ausländischen Währungen zu dämpfen, um so eine allzu rasche Verschlechterung der preislichen Wettbewerbsfähigkeit russischer Unternehmen auf dem Weltmarkt zu vermeiden, stieg die Geldmenge und damit das Inflationspotential.

Der Internationale Währungsfonds (IWF) forderte wiederholt von der russischen Zentralbank, sich entschiedener um eine Senkung der Inflation zu bemühen. Im Interesse des Stabilitätszieles solle Russland notfalls auf den Ankauf ausländischer Währungen zur Begrenzung der Aufwertung des Rubel verzichten.

Von Dezember 2007 bis Dezember 2008 schwächte sich die reale Aufwertung gegenüber dem Währungskorb auf 4,3 Prozent ab (Vorjahr: + 5,1 %). Die 1999 begonnene reale Aufwertung hat inzwischen dazu geführt, dass der reale Rubelkurs wieder etwas höher ist als vor der Finanzkrise im Sommer 1998. Die russische Exportwirtschaft kann nicht mehr von Abwertungsvorteilen profitieren.

Im Verlauf der internationalen Finanzkrise haben sich die Rahmenbedingungen für die russische Wechselkurspolitik 2008 allerdings deutlich verändert. Auch der Rubel geriet gegenüber dem US-Dollar unter Abwertungsdruck. Die Zentralbank ließ den Rubel seit dem Herbst 2008 gegenüber dem Währungskorb von US-Dollar und Euro in kleinen Schritten abwerten.

Zudem zeigte sich 2009 erneut die starke Abhängigkeit der Wechselkursentwicklung vom Ölpreis. Bei steigenden Ölpreisen wertete der Rubel von Februar bis Mitte Juni 2009 wieder deutlich auf. Mit dem zeitweiligen erneuten Rückgang der Ölpreise unter 60 $/Barrel kam auch der Rubel wieder unter Abwertungsdruck.

Hohe Überschüsse im Staatshaushalt schwinden

2006 sorgten die hohen Ölpreise bei einer moderaten Ausgabenpolitik für einen Rekordüberschuss von 8,4 % des Bruttoinlandsprodukts im staatlichen Gesamthaushalt. Im Wahljahr 2007 wurden die Staatsausgaben um fast ein Viertel erhöht. Der Überschuss sank auf 6,0 Prozent des BIP. 2008 konnte er sich auf diesem Niveau nicht halten. Die staatlichen Einnahmen stiegen deutlich schwächer als das Bruttoinlandsprodukt, der Überschuss sank auf 4,8 % des BIP. 2009 erwartet die OECD wegen des seit dem Juli 2008 stark gesunkenen Ölpreises und des Wachstumseinbruchs der russischen Wirtschaft ein Defizit von rund 6 Prozent des BIP. Sie fordert das von der russischen Regierung geplante Ausgabenerhöhungen rasch umgesetzt werden, insbesondere Maßnahmen für soziale Absicherungen gegen die Krise und eine aktive Arbeitsmarktpolitik.

Staatshaushaltsüberschuss
in Prozent des Bruttoinlandsprodukts
Jahr 2005 2006 2007 2008 2009
7,7 8,4 6,0 4,8 - 6,0

Quelle: OECD: Economic Outlook

Demgegenüber kritisierte der IWF in den letzten Jahren wiederholt die russische Haushaltspolitik, unter anderem weil 2006 die Sozialleistungen deutlich erhöht wurden, nachdem die Anfang 2005 vorgenommene Streichung sozialpolitischer Sachleistungen zu erheblichen Protesten der Bevölkerung geführt hatte. Noch Anfang Oktober 2008 forderte der IWF, die Finanzpolitik solle jeden zusätzlichen Nachfrageimpuls vermeiden.

„Stabilisierungsfonds“ geteilt und 2009 zur Deckung des Haushaltsdefizits genutzt

Grundidee des 2004 eingerichteten Stabilisierungsfonds war, dass die staatlichen Ausgaben einem bestimmten Ölpreis entsprechen sollen. Einnahmen, die dem Staat zufließen, wenn dieser „Schwellenpreis“ überschritten wird, sollen im Stabilisierungsfonds gespart werden. Sinkt der Ölpreis unter den „Schwellenpreis“, sollen die staatlichen Ausgaben durch die Entnahme von Mitteln aus dem Fonds stabilisiert werden. Anfang 2006 wurde der „Schwellenpreis“ von 20 auf 27 $ je Barrel Öl erhöht.

Im August 2006 wurden rund 23,5 Milliarden US-Dollar aus dem Fonds entnommen, um öffentliche Auslandsschulden vorfristig zu tilgen. 2005 waren bereits vorfristig sämtliche Schulden gegenüber dem IWF getilgt worden. Außerdem wurden bis Ende August 2005 rd. 15 Mrd. $ Schulden gegenüber dem Pariser Club der öffentlichen Gläubiger vorzeitig zurückgezahlt. Die Nutzung des Fonds zur Rückzahlung staatlicher Schulden findet die Zustimmung von IWF, Weltbank und OECD.

Die OECD wendet sich aber gegen Forderungen, Teile des Stabilisierungsfonds für Sozialleistungen auszugeben. Solche Forderungen wurden unter anderem von Abgeordneten des russischen Parlamentes erhoben. Die russische Regierung beschloss, den Stabilisierungsfonds zu teilen.

Ende Januar 2008 erreichte der Bestand des Fonds rund 3.852 Mrd. Rubel (rund 157 Mrd. Dollar) oder rund 9 % des Bruttoinlandsprodukts. Anfang Februar 2008 wurde der Fonds, der jetzt auch aus Steuer- und Zolleinnahmen aus dem Gasbereich gespeist wird, in „Öl- und Gasfonds“ umbenannt. Er besteht aus zwei Fonds:

  • Der „Reservefonds“ soll Anlagen im Werte von bis zu zehn Prozent des russischen Bruttoinlandsprodukts umfassen. Anfang Juli 2009 umfasste er 2.958 Mrd. Rubel (95 Mrd. Dollar).
  • Alle Einnahmen, die darüber hinausgehen, sollen in einen neuen "Fonds für nationalen Wohlstand" fließen. Anfang Juli 2009 hatte sein Bestand 2.814 Mrd. Rubel (rund 90 Mrd. Dollar) erreicht.

Der Reservefonds soll wie bisher der Stabilisierungsfonds mit dem Ziel höchstmöglicher Sicherheit investiert werden. Bei einem starken Verfall der Ölpreise können aber die staatlichen Ausgaben durch den Reservefonds finanziert werden. Diese Möglichkeit wird 2009 genutzt. Seit Jahresanfang bis Anfang Juli ist der Rubel-Bestand des Fonds um gut ein Viertel gesunken.

Die Anlage der Mittel des „Wohlstandsfonds“ soll dagegen risikoreicher erfolgen können, um höhere Erträge zu erzielen.

Staatliche Auslandsschulden kein Problem mehr

Der russische Staat ist in den letzten Jahren seinen internationalen Schuldenverpflichtungen vollständig nachgekommen und hat den Bestand seiner Auslandsschulden deutlich verringert. Die Auslandsschulden der Föderalregierung sanken bis Ende Juni 2009 weiter auf 26 Mrd. $ (rd. 2 % des BIP). Angesichts der immer noch reichlich vorhandenen Währungsreserven macht die Finanzierung des Schuldendienstes keine Schwierigkeiten.

Andererseits haben russische Unternehmen verstärkt Kredite auf den internationalen Kapitalmärkten aufgenommen. Dies lag u.a. an den verhältnismäßig hohen Finanzierungskosten bei russischen Banken, im Ausland waren die Kreditzinsen niedriger. Die gesamten russischen Auslandsschulden, einschließlich der Verschuldung der privaten Sektoren im Ausland, stiegen bis Ende September 2008 auf 541 Milliarden US-Dollar (knapp ein Drittel des russischen Bruttoinlandsprodukts). Ende Juni 2009 betrugen sie noch rund 475 Milliarden US-Dollar. Die Refinanzierung dieser Auslandskredite ist im Zuge der internationalen Finanzkrise für die russischen Unternehmen immer schwieriger geworden. Auch sie leiden unter der „Kreditklemme“.

Dritthöchste Währungsreserven im internationalen Vergleich

Die Währungsreserven sind 2007 um rund 57 Prozent auf rund 476 Milliarden US-Dollar gestiegen. Anfang August 2008, kurz vor dem Krieg mit Georgien, erreichten sie mit fast 600 Milliarden US-Dollar ihren Höchststand. Durch den Kapitalabfluss im Zuge der internationalen Finanzkrise sind sie bis zum 20. März 2009 aber um gut ein Drittel auf rund 385 Milliarden US-Dollar gesunken. Mitte Juli lagen sie bei rund 400 Milliarden US-Dollar. Damit verfügt Russland im internationalen Vergleich aber immer noch über die dritthöchsten Währungsreserven. Über höhere Währungsreserven verfügen nur China und Japan. Da die russischen Währungsreserven inzwischen höher sind als die staatliche Auslandsverschuldung ist Russland jetzt Netto-Gläubiger gegenüber dem Ausland.

Verschlechterte Bewertung Russlands als Kreditnehmer

Viele institutionelle Investoren dürfen aufgrund ihrer Anlagerichtlinien nur Anleihen mit einem „Investment Grade“ kaufen.

Von den drei führenden Ratingagenturen, Moody's, Fitch Ratings und Standard & Poor's, erkennt Anfang April 2009 nur noch Moody‘s dem russischen Staat für seine langfristige Kreditaufnahme in ausländischer Währung den drittniedrigsten sogenannten „Investment Grade“ zu. Angesichts der Verschlechterung der Wirtschaftslage senkte Fitch Ratings im Februar 2009 seine Bewertung auf den zweitniedrigsten Investment Grade. Standard & Poor's hatte dies bereits im Dezember 2008 getan. Fitch Ratings und Standard & Poor's teilten zudem mit, dass sie künftig eine Herabstufung Russlands für wahrscheinlicher halten als eine Höherstufung, indem sie ihren sogenannten „Ausblick“ auf „negativ“ zurücknahmen. Als belastende Faktoren wurden unter anderem die hohen Kosten für die Stabilisierung des russischen Finanzsystems, steigende Kapitalabflüsse und ein 2009 drohendes Budgetdefizit genannt.

Hoher Außenhandels- und Leistungsbilanzüberschuss schwindet 2009

2008 stand der Außenhandel im Zeichen der bis zum Juli stark gestiegenen Ölpreise. Der Urals-Ölpreis war im Jahresdurchschnitt mit 93,9 $/Barrel rd. 35% höher als im Vorjahr. Die Ausfuhr wuchs wertmäßig stärker (+ 33%) als die Einfuhr (+ 31%). Der Handelsbilanzüberschuss (180 Mrd. $) war 37,3% höher als 2007.

Die Energieexporterlöse stiegen 2008 überdurchschnittlich um 42% (Erdöl: + 32%, Produkte: + 53%, Erdgas: +54%). Der Anteil der Exporte von Erdöl, Mineralölprodukten und Erdgas an den Warenausfuhren stieg auf rund 66%. Er war deutlich höher als 2007 (62%).

Der Überschuss in der russischen Leistungsbilanz, die neben dem Warenhandel auch den Handel mit Dienstleistungen und den Austausch unentgeltlicher Leistungen umfasst, war 2008 mit rd. 102 Mrd. $ rund ein Drittel höher als im Vorjahr (rd. 77 Mrd. $). Der Anstieg der Ölpreise (+ 35% im Jahresdurchschnitt 2008) trug dazu bei.

Im ersten Halbjahr 2009 lag der Urals-Ölpreis mit 50,5 $/Barrel rund 52 % unter dem Niveau im ersten Halbjahr 2008. Handels- und Leistungsbilanzüberschuss sanken deutlich.

Der Handelsbilanzüberschuss war mit 43,2 Mrd. $ rund 57 % niedriger als vor einem Jahr. Die Ausfuhr fiel noch schneller (- 47 %) als die Einfuhr (- 39 %).

Die Erlöse aus dem Export von Erdöl, Mineralölprodukten und Erdgas nach Schätzungen der Zentralbank mit insgesamt rd. 77 Mrd. US-Dollar rd. 52 % niedriger als im ersten Halbjahr 2008 (Erdöl: - 53 %; Mineralölprodukte: - 51 %; Erdgas: - 50 %). Der Energieanteil an den Ausfuhren sank auf 61 % (1. Halbjahr 2008: 67 %). 2009 erwartet die OECD einen deutlichen Rückgang des Überschusses auf 3,3 % des BIP. Die Deutsche Bank/UFG rechnet bei anhaltend niedrigen Ölpreisen sogar mit einem Defizit von rund 45 Mrd. $ (rd. 3 % des BIP).

Leistungsbilanzsaldo
in % des Bruttoinlandsprodukts
Jahr 2005 2006 2007 2008 2009
11,0 9,5 5,9 6,1 3,3

Quelle: OECD: Economic Outlook

Deutschland weiter größter Handelspartner

Wichtigster Handelspartner für Russland ist Deutschland - sowohl als Kunde wie als Lieferant. Russland liefert nach Deutschland fast ausschließlich Energie und sonstige Rohstoffe (Metalle, Chemierohstoffe). Demgegenüber sind die deutschen Exporte nach Russland weit überwiegend Fertigwaren (Anteile 2007: Maschinen 24 %, Kraftfahrzeuge 17 %, elektrotechnische Produkte und Elektronik 16%).

2008 nahmen die deutschen Importe aus Russland um rund 25 % auf 35,9 Milliarden Euro zu. Der im Jahresdurchschnitt um rund ein Drittel höhere Ölpreis trug dazu bei.

Gleichzeitig stiegen die deutschen Ausfuhren nach Russland nur um rund 5 % und erreichten 32,3 Milliarden Euro. Deutsche Unternehmen sind auf dem russischen Markt in den wichtigen Branchen Kraftfahrzeuge, Maschinen und Anlagen, Baumaterial, Möbel sowie landwirtschaftliche Produkte besonders erfolgreich.

Das deutsche Defizit in der bilateralen Handelsbilanz stieg 2008 auf 3,6 Milliarden Euro.

Siehe auch

Literatur

  • [1] (PDF-Datei) Martina Kämpfe: Weltfinanzkrise trifft russische Wirtschaft aufgrund struktureller Schwächen hart, in: Institut für Wirtschaftsforschung Halle (Hrsg.), Wirtschaft im Wandel, 6/2009 (270 kB)
  • http://www.iwh-halle.de/d/publik/wiwa/4-06.pdf (PDF-Datei), Martina Kämpfe: Perspektiven für Rußlands Wirtschaft liegen in der Stärkung des Reformkurses, in: Institut für Wirtschaftsforschung Halle (Hrsg.), Wirtschaft im Wandel 4/2006 vom 24. April 2006 (784 kB)
  • [2] Gerrit Schulte: Russlands Handelsüberschuss in Gefahr -Fallende Rohstoffpreise und sinkende Nachfrage könnten Exporte 2009 schrumpfen lassen; 26. Januar 2009
  • [3] Stefan Meister: Russische Wirtschaftspolitik zwischen Staat und Markt; in: DGAP-Analyse, Nr. 3/2008, 20 S., ISSN 1611-7034; 30. September 2008
  • [4] Ulrich Rathfelder: Russland: Abschwung unvermeidbar; Helaba-Länderfokus, 5. November 2008; Russland : Etwas langsameres Wachstum vorteilhaft; Helaba-Länderfokus,19. Mai 2008
  • [5] Roland Götz: Russland als Wirtschaftsgroßmacht, in: Russland-Analysen Nr. 166, 13. Juni 2008 (PDF-Datei)
  • http://www.konicz.info/?p=95 Tomasz Konicz: Umverteilung statt Ausverkauf? Wirtschaftspolitische Alternativen zum Neoliberalismus. Ein Überblick über die jüngsten binnenökonomischen Entwicklungen in Russland, in: Junge Welt, 18. September 2006
  • http://www.internationalepolitik.de Roland Götz: Russlands Wirtschaftsentwicklung, in: Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik (Hrsg): Internationale Politik, Heft 7/2006; Russlands Renaissance
  • http://www.bpb.de/publikationen/SHTKL5,1,0,Deutschland_und_Russland_strategische_Partner.html#art1 Roland Götz: "Enge Energiebeziehungen" in: Bundeszentrale für politische Bildung: Deutschland und Russland - "strategische Partner?, Aus Politik und Zeitgeschichte, Heft 11/2006
  • Hermann Clement (bis August 2005 stellvertretender Direktor des Osteuropa Instituts München): Wirtschaftsboom statt Krise. Rußlands Aufschwung unter der Lupe; in: Osteuropa, Heft 5/2006, S. 19-38
  • http://www.bpb.de/publikationen/7PPAT3,0,Die_Wirtschaftsstruktur_Russlands.html Hermann Clement: Die Wirtschaftsstruktur Russlands in: Bundeszentrale für politische Bildung: Aus Politik und Zeitgeschichte, Heft 16-17/2003
  • Heinrich, Andreas: Nur ein Ölboom? Bestimmungsfaktoren und Perspektiven der russischen Wirtschaftsentwicklung. Tagungsbericht, Bremen, 16. -17. Dezember 2004.Osteuropa-Wirtschaft, 49 (2004), 4, S. 368 - 374
  • Investitions- und Standortführer Russland, OWC-Verlag für Außenwirtschaft, 2005 - ISBN 3-937992-02-2
  • http://www.bpb.de/publikationen/I9HJT2,2,0,Wirtschaftssystem_und_%F6konomische_Entwicklung.html#art2 Hans-Hermann Höhmann: Wirtschaftssystem und ökonomische Entwicklung, in: Bundeszentrale für politische Bildung: Russland, Informationen zur politischen Bildung, Heft 281, 4. Quartal 2003

Russisch

  • [6] Russische Regierung; Szenarien der Wirtschaftsentwicklung 2010 bis 2012; Juli 2009

Englisch

Weblinks


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