Geschichte der Katholischen Kirche


Geschichte der Katholischen Kirche
Der Petersdom in Rom
Der Speyerer Dom ist eine der ältesten erhaltenen Großkirchen
Der Mainzer Dom ist der zweite "Heilige Stuhl"

Die römisch-katholische Kirche versteht sich gemeinsam mit der Orthodoxen Kirche als die Kirche Jesu Christi in ungebrochener geschichtlicher Kontinuität seit dem Pfingsttag.

Ihr Bischofsamt führt sie, ebenso wie die orthodoxe, anglikanische und altkatholische Kirche über eine nie unterbrochene „Reihe der Handauflegungen“ – Apostolische Sukzession – auf die Apostel zurück.

Inhaltsverzeichnis

Frühe Kirche

Die frühesten bekannten Kirchen waren die Gemeinden in Jerusalem (Jerusalemer Urgemeinde) und Antiochia sowie diejenigen, an die die echten Briefe des Apostels Paulus gerichtet waren (z. B. Rom, Korinth, Thessaloniki). In diesen Gemeinden, die jedenfalls teilweise untereinander in brieflicher Verbindung standen, bildeten sich etwa ab dem Ende des 1. Jahrhunderts und der ersten Hälfte des 2. Jahrhunderts Ämter heraus, aus denen sich schließlich im Verlauf des zweiten Jahrhunderts eine Dreigliederung ergab: Bischof (Episkopos = Aufseher), Priester (Presbyter = Älterer) und Diakon (Diakonos = Diener oder Bote). Erklärlich ist diese Herausbildung von Anfängen einer Hierarchie vor allem durch Spaltungen und Streit innerhalb der frühen Gemeinden, bei denen es sowohl um persönliche Auseinandersetzungen als auch um unterschiedliche Lehrmeinungen gehen konnte. Schon der 1. Korintherbrief des Apostels Paulus wusste von vier unterschiedlichen Parteien in der Gemeinde von Korinth.

Die Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Lehrmeinungen führte zu dem Zwang, Autoritäten heranzuziehen, mit deren Hilfe die wahre christliche Lehre definiert werden konnte. Dies konnte einerseits eine ungebrochene Nachfolgelinie bis hin zu den Aposteln (und damit letztlich zu Christus) sein, andererseits die Berufung auf autoritative Schriften. Allmählich (noch im 2. Jahrhundert wurden Episkopos und Presbyter synonym verwendet) bildete sich eine ausdifferenzierte Hierarchie heraus, das Bedürfnis nach autoritativen Schriften führte zu einem Kanon biblischer Bücher, dessen Grundbestand gegen Ende des 2. Jahrhunderts feststand. Vor allem in der Auseinandersetzung mit der religiös-philosophischen Gnosis ("Erkenntnis") entstanden gleichzeitig erste Ansätze zu einem Glaubensbekenntnis.

Waren die ersten Anhänger Jesu Christi noch Juden („Judenchristen“), so bildete sich mit der Mission vor allem des Apostels Paulus unter den Heiden einerseits und der Zerstörung Jerusalems und des jüdischen Tempels (70 n. Chr.) andererseits das „Heidenchristentum“ als dominierende Richtung heraus. Ab dem Ende des Bar-Kochba-Aufstands (132/133 n. Chr.) verschwand das Judenchristentum nach und nach bzw. ging es in heterodoxen jüdischen Gemeinden auf.

Das in den ersten drei Jahrhunderten unserer Zeitrechnung den Mittelmeerraum dominierende Römische Reich war grundsätzlich religiös tolerant. Die bereits ab dem ersten Kaiser Augustus auftauchenden Tendenzen zu einer Vergöttlichung des Kaisers mussten jedoch früher oder später zu einem Konflikt zwischen der staatlichen verordneten Göttlichkeit des Herrschers einerseits und dem strengen, aus dem Judentum übernommenen Monotheismus des Christentums führen. Die erste staatliche Christenverfolgung fand in Rom unter Kaiser Nero nach dem Stadtbrand des Jahres 64 statt. Bei dieser Verfolgung stand noch nicht der religiöse Aspekt im Vordergrund. Den Christen wurde vielmehr Brandstiftung vorgeworfen. Im Verlauf der neronianischen Verfolgung wurden zahlreiche Christen, vielleicht auch die Apostel Petrus und Paulus, hingerichtet. Zur unerlaubten Religion (religio illicita) wurde das Christentum erst unter Domitian (81–96).

Dies führte jedoch keineswegs zu flächendeckenden Christenverfolgungen im Römischen Reich. Das Christentum war zunächst eine Unterschichtreligion von Sklaven und kleinen Leuten. Gelegentliche Nachrichten von Christen aus der Oberschicht waren in den ersten 150 Jahren die Ausnahme, und die religiösen Anschauungen der Unterschicht rückten erst in das Blickfeld der Behörden, wenn sie die öffentliche Ordnung (oder die in der Person des Kaisers verkörperte Reichseinheit) zu bedrohen schienen. Dennoch kam es immer wieder zu zunehmend systematischen staatlichen Verfolgungen (z. B. unter Kaiser Decius um die Mitte des 3. Jahrhunderts und unter Kaiser Diokletian zu Beginn des 4. Jahrhunderts), die aber immer wieder durch längere Perioden relativen Friedens unterbrochen wurden.

Die Verfolgungen hatten gravierende Auswirkungen auf die Gemeinden: Zwar gab es einerseits Märtyrer, die freudig in der Erwartung des Paradieses in den Tod gingen, andererseits schworen Gläubige – auch Diakone, Priester und Bischöfe – ihrem Christentum ab, lieferten heilige Bücher oder Gerätschaften aus oder besorgten sich auch nur durch Bestechung eine Bescheinigung, dass sie ihrer Opferpflicht vor dem Altar des Kaisers genügt hätten. Nach dem Abklingen der Verfolgung stellte sich jeweils die Frage, wie mit diesen „Gefallenen“ (lapsi) zu verfahren sei. Mehrheitlich setzte sich schließlich die pragmatische Linie durch, dass die lapsi nach gehöriger und langjähriger Buße wieder in die Kirchengemeinschaft aufzunehmen seien. Allerdings führte dies zu jahrzehntelanger Spaltung in der Kirche. Die nach einem ihrer Exponenten, dem Schriftsteller und zweiten Gegenpapst (der erste war zu Anfang des 3. Jahrhunderts Hippolyt gewesen) Novatian, „Novatianer“ genannte härtere Gruppe verweigerte den Gefallenen die volle Wiederaufnahme in die Kirche und ließ sie nur zu lebenslanger Buße zu. Aus dieser Richtung entwickelte sich im Osten des Reiches die Gruppe der Katharoi („die Reinen“), von deren Selbstbezeichnung der Begriff des Ketzers abgeleitet ist. Selbst im Westen verschwand die rigoristische Gruppe erst etwa im 5. Jahrhundert, im Osten hielt sie sich weit länger.

Nach dem Abklingen der Verfolgungen vor allem unter den Kaisern Decius (249–251) und Valerian (253–260) kehrte eine Periode der Duldung des Christentums ein, die erst durch die diokletianische Verfolgung (ab 303) endete. In dieser Zeit bildeten sich Strukturen heraus, die für die weitere Kirchengeschichte grundlegend wurden. So wissen wir von Konzilien, an denen in Afrika bis zu 70 Bischöfe teilnahmen. Liturgie und Taufritus begannen sich zu vereinheitlichen. Auch die ersten Auseinandersetzungen um die Bedeutung des Ehrenvorrangs des Bischofs von Rom fanden sich im späten 2. und im 3. Jahrhundert (Auseinandersetzungen um den Ostertermin zur Zeit Viktors I. (189–199); Unstimmigkeiten zwischen den Päpsten Kalixt I. (217–222) bzw. Stephan I. (254–257) und den afrikanischen Bischöfen, im sogenannten Ketzertaufstreit vertreten vor allem durch Cyprian von Karthago). Ab dem Ende des 2. Jahrhunderts drang das Christentum auch zunehmend in die römische Oberschicht ein: Wir wissen von Konsuln und Beamten des Kaiserhofs, die der Kirche angehörten.

David Sloan Wilson sieht die über Jahrhunderte stabilen hohen Wachstumsraten der ersten Gemeinden begründet in – jeweils im Vergleich zum Rest des Römischen Reiches – der besseren Stellung der Frau im frühen Christentum, der besseren Kooperation (z. B. bei der Pflege Kranker) innerhalb der Gemeinden, einer weniger reproduktionsfeindlichen Lebenseinstellung sowie der geschickt umgesetzten Strategie, sich als Gruppe von Außenseitern abzugrenzen, taufwillige Heiden jedoch (beispielsweise im Gegensatz zum Judentum) relativ einfach aufzunehmen.[1]

Mittelalter

Als Beginn des Mittelalters wird in der Kirchengeschichte oft das Jahr 529 angesehen (vgl. Josef Pieper, Scholastik). In diesem Jahr schloss Kaiser Justinian I. die Platonische Akademie, und selbiges Jahr gilt als Gründungsjahr des ersten westlichen Klosters Monte Cassino durch Benedikt von Nursia. Doch auch andere Daten können als Ausdruck der Wendung zum Mittelalter angesehen werden, vom Toleranzedikt Kaiser Konstantins des Großen 313 bis zum Tod des Kaisers Justinian I., dessen Reich kurz darauf zerfiel.

Drei Wendepunkte sind an dieser Stelle genannt, die letzten Endes entschieden, wie sich die kommende Zeit entwickeln würde. Das Toleranzedikt ebnete den Weg des Christentums weg von einer Entscheidungsreligion zu einer die gesamte Bevölkerung umfassenden Volksreligion. Die Schließung der Akademie bei gleichzeitiger Gründung von Monte Cassino markierte die Verlagerung der Intellektualität und Bildung auf die Klöster, und der Zerfall des römischen Reiches nach Justinian führte zu einer fast völligen Auflösung bisheriger Gesellschaftsstrukturen und staatlicher Ordnung.

Und so ist auch die Zeit vom 6. bis zum 10. Jahrhundert die am schlechtesten dokumentierte Zeit der Kirchengeschichte. Die Alphabetisierung nahm in dieser Zeit rapide ab, damit einher ging das theologische Wissen zurück.

In der Folge wurde das Reich der germanischen Franken politische Stütze der katholischen Kirche nach deren Abwendung vom Arianismus unter Chlodwig. Pippin II. und Fabianus der Große begründeten und sicherten den Kirchenstaat, wodurch der Papst zugleich weltlicher Herrscher wurde.

Die zunehmende theologische, politische und kulturelle Entfremdung zwischen der römischen und den östlichen Kirchen führte zu Schismen im 9. und 11. Jahrhundert, woraus dann infolge der Plünderung von Konstantinopel definitiv das morgenländische Schisma wurde.

Das Mittelalter war gekennzeichnet vom Streben nach einer religiös-politischen Einheitskultur. Die nach dem Zusammenbruch des Römerreichs neu entstandenen germanischen Staatenbildungen verstanden sich als christliche Reiche. Kreuzzüge gegen den vorgedrungenen Islam und Inquisition gegen abweichende Glaubensrichtungen, von Königen teilweise leidenschaftlicher betrieben als von Bischöfen, galten der Sicherung dieser gesuchten Einheit. Auch die katholischen Herrscher Spaniens waren religiös motiviert, als sie in der Reconquista die Eroberung der iberischen Halbinsel durch die Mauren rückgängig machten.

Entscheidend für die Entwicklung des Westens war die Bipolarität von Papst und Kaiser, die das Entstehen von Staatskirchen verhinderte. Beim Investiturstreit des 12. Jahrhunderts zwischen Kaiser und Papst ging es vordergründig um die Vollmacht zur Ernennung von Bischöfen (Investitur), letztlich um den Vorrang und die Grenzen von geistlicher und weltlicher Macht.

Die Scholastik holte den verlorenen Geisteshorizont der Antike – teils vermittelt durch islamische Tradenten – unter christlicher Perspektive wieder ein. Die anfangs nur formale und oberflächliche Christianisierung der Bevölkerung wurde vertieft und fand ihren Ausdruck in Architektur, Kunst, Dichtung und Musik, in religiösen Bewegungen und Ordensgründungen, in zahlreichen karitativen Einrichtungen und Initiativen sowie im Fest- und Alltagsleben der Menschen.

Neuzeit

Durch die Reformation verlor die Katholische Kirche weite Gebiete Nord- und Mitteleuropas. Parallel dazu vollzog sich die politisch motivierte Abspaltung der Anglikanischen Kirche, die sich in der Folge in moderater Weise der Reformation anschloss.

Die frühe Neuzeit ist geprägt durch den Konformismus. Der teilweise religiös motivierte Dreißigjährige Krieg verheerte Deutschland und schwächte seinen politische Zusammenhalt im Kaisertum. Der Absolutismus in den katholischen Ländern Europas führte zum Staatskirchentum, das eine weitere Schwächung des Papsttums zur Folge hatte.

Nach der Entdeckung Amerikas folgten den spanischen und portugiesischen Eroberern katholische Missionare. In Lateinamerika – wie auch in Teilen Afrikas – entstanden starke katholische Ortskirchen, die jedoch bis heute ihre Verflechtung in koloniale Strukturen nicht restlos ablegen konnten. Rom konnte damit seinen Machtverlust in Europa durch geographische Expansion weitgehend kompensieren. Die Ostasien-Mission blieb allerdings weitgehend erfolglos.

Die Aufklärung und die Französische Revolution veränderten die geistige Situation und die kirchliche Ordnung Europas grundlegend. Die Zeit der geistlichen Fürstentümer in Deutschland endete.

Im 19. Jahrhundert stand die Katholische Kirche auf der Seite der politischen und gesellschaftlichen Restauration sowie des Antimodernismus und Antiliberalismus. Sie kämpfte – vergeblich – um von alters her angestammte Domänen wie Einflussnahme im Bildungswesen. Diese Positionierung gipfelte einerseits im Ersten Vatikanischen Konzil mit der Dogmatisierung der Unfehlbarkeit des Papstes in Glaubensfragen, deren Ablehnung u.a. zur Abspaltung der Altkatholischen Kirche führte. Andererseits führte gerade der Antimodernismus die Katholische Kirche zur Kritik an der menschenverachtenden Ausbeutung der Arbeiterschaft in der beginnenden Industrialisierung und zur Formulierung der katholischen Soziallehre durch Papst Leo XIII.

Das 20. Jahrhundert ist gekennzeichnet durch die Auseinandersetzung der Kirche mit den totalitären Herrschaftssystemen des Nationalsozialismus und des Stalinismus sowie mit der „Moderne“ in ihren weltanschaulichen, moralischen, sozialen und politischen Dimensionen. Diese Auseinandersetzung wurde teils mit Kompromissen, teils in strikter Abgrenzung bis zum Martyrium geführt. Das Zweite Vatikanische Konzil markiert eine Periode der Öffnung und Modernisierung. Das lange Pontifikat Johannes Pauls II. (1978–2005) ist durch das von ihm mitbewirkte Zusammenbrechen des Kommunismus und ein starkes politisches Engagement für Entwicklung und Frieden (z. B. im Irak-Krieg 2003), aber auch durch innerkirchliche Restaurationstendenzen geprägt. 1990 weiht er im Rahmen einer apostolischen Afrika-Reise in Yamoussoukro der Heiligen Gottesmutter Maria das größte Kirchengebäude der Christenheit.

Fussnoten

  1. David Sloan Wilson: Darwin's Cathedral: Evolution, Religion, and the Nature of Society; ISBN 0-226-90135-1

Literatur

Siehe auch die Hinweise in den Artikeln Christentumsgeschichte, Alte Kirche
  • Brox, Norbert: Kirchengeschichte des Altertums, Düsseldorf 1998
  • Frank, Isnard Wilhelm: Kirchengeschichte des Mittelalters, Düsseldorf 1994
  • Smolinsky, Heribert: Kirchengeschichte der Neuzeit I, Düsseldorf 2003
  • Schatz, Klaus: Kirchengeschichte der Neuzeit II, Düsseldorf 2003


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