Glottochronologie


Glottochronologie

Glottochronologie (v. att.-griech. γλῶττα „Zunge, Sprache“ und χρóνος „Zeit“) ist das Teilgebiet der Lexikostatistik, das sich mit zeitlichen Beziehungen zwischen Sprachen befasst. Im Besonderen beanspruchen die Verfechter der Methode, zwischen als verwandt angesehenen Sprachen deren Alter berechnen zu können. Dies beruht auf der Annahme, dass sich die Ersetzungen im Wortschatz aller Sprachen in allen Zeiten so verhalten hätten wie in einem durch schriftliche Texte belegbaren Zeitraum.

Inhaltsverzeichnis

Ursprung und Entwicklung

"Die" Glottochronologie gibt es nicht. Die über die o. g. Grundannahme hinausgehenden weiteren Annahmen als auch die Ergebnisse der verschiedenen Ansätze widersprechen sich weitgehend.

Basierend auf physikalischen Annahmen : "Klassische Glottochronologie"

Diese Richtung geht von der Formel des radioaktiven Zerfalls aus. Immer wieder missverstanden, beinhaltet diese Formel, dass zu jedem Zeitpunkt alle verbliebenen radioaktiven Isotope dieselbe Zerfallswahrscheinlichkeit besitzen, und damit in gleichen Zeiträumen derselbe Prozentsatz der exponentiell abnehmenden Zahl dieser Isotope zerfällt. Bald lernte man, diese Gesetze zur Altersbestimmung radioaktiven Materials heranzuziehen.

Dies regte den amerikanischen Sprachwissenschaftler Morris Swadesh anfang der 1950er Jahre an, diese Methode auch zur Altersbestimmung von Sprachen anzuwenden. Er setzte die Eigenschaften von als original vermuteten Lexemen des Wortschatzes denen radioaktiver Isotope gleich, weil beide ja mit der Zeit abnähmen. Auf Grund unscharfer Formulierung wird oft übersehen, dass unter diesem Gesetz die absolute Anzahl der in aufeinanderfolgenden Zeiträumen zerfallenden Original-Elemente, und nur diese, und damit exponentiell abnimmt. Um mittels dieser Methode möglichst viele verschiedene Sprachen vergleichen zu können, entwarf er Wortlisten, die möglichst kulturunabhängig sein sollten. Die Listen sollten darüber hinaus einen möglichst stabilen Wortschatz repräsentieren, um auch zwischen entfernter verwandten Sprachen noch ausreichende Gemeinsamkeiten zu erhalten. Er nannte diese Listen basic core vocabulary, die Listen wurden jedoch bald Swadesh-Listen genannt. „Die“ Swadesh-Liste gibt es übrigens nicht, da Swadesh sie mehrfach umgearbeitet hat: beginnend mit 200, erweitert auf 215 (so von Lees 1953 verwendet), letztlich reduziert auf 100 (wie 1972 post mortem veröffentlicht). Weiter gibt es über ein Dutzend Entwürfe von anderen Seiten.[1] Swadesh testete dann an Sprachen mit möglichst weit auseinander liegenden Textbelegen, z. B. alt-ägyptisch, die Änderungen über die Zeit und gab diese Daten in die Formel des radioaktiven Zerfalls ein.

Swadeshs Ansatz begegnete bald scharfer Kritik. K. Bergsland und H. Vogt wiesen schon 1962 nach, dass die Annahme konstanter Ersetzungsraten nicht haltbar ist.[2] J. Tischler fand, dass sich für die indogermanischen Sprachen irreale Trennungsdaten ergaben.[3]

Verfechter der Glottochronologie sehen den Hauptgrund dafür in nicht erkannten Entlehnungen, denen unterschiedlich begegnet wurde:

  • Die Linguistin Sheila Embleton nutzte das Vorwissen über Entlehnungen in den germanischen Sprachen dazu, diese mit zusätzlichen Algorithmen quantitativ hochzurechnen, und gelangte so zu beeindruckenden Ergebnissen.[4] Diese Ergebnisse reichen jedoch nur wenig über die Zeit der ersten Belege zurück. Die Kompliziertheit ihrer Methodik und die Unsicherheiten in der Datenanalyse anderer Sprachfamilien verhindern jedoch bis heute weitere Tests.
  • Der (2005 verstorbene) russische Sprachwissenschaftler Sergej Starostin rechnete einfach nur mit den "wirklich wichtigen" internen Neuerungen. Er hat u. a. einen Schwerpunkt auf die Dene-Kaukasische Hypothese gelegt, wo zeitliche Referenzen problematisch sind. Seinen Ansatz, Phrasen in die Liste einzubeziehen, konnte er nicht vollenden. Er gruppiert albanisch zu griechisch, aber balto-slawisch zu arisch.

In derselben Tradition bemühte sich Václav Blažek (2007) um Korrekturen der bereits von Starostin modifizierten Formel.[5]

Einen Überblick über die Forschungsgeschichte gibt Sh. Embleton (2000).[6] Obwohl sich die Veranstalter der Tagung, der diese Quelle entstammt, um ausgewogene Stellungnahmen bemühten, fand sich weder dort noch sonst ein ordentlicher Professor der Indogermanistik oder der vergleichenden Sprachwissenschaft als Befürworter der Glottochronologie.

Es wird durchgehend fehlerhaft übersehen, dass die hier angewandte Formel des exponentiellen Zerfalls Änderungen nur der Original-Elemente mit für alle gleicher Wahrscheinlichkeit beschreibt, wohingegen die Einträge der Swadeshlisten alle und in unterschiedlichem Maße (Zipf-Gesetz) veränderbar bleiben.

Basierend auf biologischen Annahmen

Viele - durchaus nicht alle - Bioinformatiker nehmen eine feste Mutationsrate der Gene an, deren Zahl aber - im Gegensatz zu den radioaktiven Elementen - damit nicht abnimmt. Die unter diesen Annahmen entwickelten Algorithmen wurden in den letzten Jahren auch mechanistisch auf Swadesh-Listen angewandt. Am bekanntesten wurde eine Arbeit von Gray & Atkinson.[7] Trotz modernster Verfahren und trickreicher Modifikationen der Ersetzungsraten kann das Ergebnis weder zeitlich noch strukturell überzeugen: Zeitlich weist es extrem in die Vergangenheit; strukturell wird Albanisch irrig zu Arisch gruppiert, Germanisch zu Italisch. Zudem täuscht die Darstellung darüber hinweg, dass sich zunächst nur ein ungerichtetes Graphenbündel ergibt, und die Position des Hethitischen nachträglich eingeführt ist (Holm 2007). Ebenso sind neuere Sprachaufspaltungsdaten nicht Ergebnis der Berechnungen, sondern beruhen auf Eingaben.

Grundlagen

Soziologische Aspekte

Sprachlicher Wandel basiert im Gegensatz zur Annahme der Glottochronologen nicht auf der Wirkung eines Perpetuum Mobile, sondern hat handfeste, meist nachvollziehbare psycho-soziale und sozio-historische Gründe, die unvorhersehbar und unberechenbar sind. Diese Feststellung bleibt wahr, auch wenn die Auswirkungen in den o. g. Swadesh-Listen geringer als im Rest auftreten (die sogenannte Zipf-Verteilung). Über die Feststellungen von Bergsland & Vogt hinaus lassen sich für den sprach-historisch und völkerkundlich Bewanderten leicht weitere Gegenbeispiele mit sozio-historischen Gründen finden:

  • So gibt es z. B. Sprachen, die lange Zeit wenig von außen beeinflusst wurden. Gründe hierfür sind etwa ihre isolierte Lage (sogenannte „konservative Saumlagen“, z. B. beim Isländischen) oder das die Sprache beeinflussende kulturelle Selbstbewusstsein, z. B. beim Griechischen gegen den Einfluss der Romania. Als weiteres Beispiel kann das Hebräische angesehen werden, das trotz jüdischer Diaspora relativ wenig von umgebenden Sprachen beeinflusst wurde.
  • Viele Sprachen sind gar über längere oder kürzere Zeitspannen ausgestorben, z. B.: die hethitische Sprache nach 1200 v. Chr., die Sprache vieler sogenannter Pygmäenstämme wegen stärkerer Außenbindung und wirtschaftlicher Abhängigkeit von benachbarten Bantustämmen; die Sprache der Veddas (Wedda) in Sri Lanka, die das Indische übernommen haben; das Gallische nach der Unterwerfung durch Caesar im heutigen Frankreich und viele andere, alles völlig unabhängig von irgendeiner „Rate“.

Diese soziohistorische Abhängigkeit des Sprachwandels wurde und wird von allen führenden historisch-vergleichenden Sprachwissenschaftlern[8] weltweit immer wieder betont.

Historisch-archäologische Aspekte

Vor allem (s. o.) entzündet sich die Kritik an den zeitlichen Ergebnissen. Annehmbare Zeiten im groben Zeitraum der Erhebungen sind kein Beweis; die angestrebten prähistorischen Ergebnisse dagegen sind nicht verifizierbar.[9] Notfalls werden die Raten „angepasst“, z. B. hat Starostin die von Swadesh ermittelte Rate von 14 % für die indogermanischen Sprachen auf fünf Prozent geändert.[10] Die Problematik der Basiszeiten für die Ermittlung vermuteter Zerfallsraten kann gut im Abschnitt Skandinavische Sprachen ersehen werden. Die Trennung des Isländischen kann man z. B. mit der Besiedlung Islands im 9. Jh. beginnen lassen, doch eine Wegentwicklung des Norwegischen beginnt erst Jahrhunderte später.

Linguistische Aspekte

Kritik allein gegen die Stabilität bestimmter semantischer Felder (vgl. Haarmann 1990) in den Swadesh-Listen trifft ins Leere, da ein gewisser Wandel überhaupt nicht bestritten wird. Auch die oft (zu Recht) bemängelten handwerklichen Schwächen der Testliste treffen nicht den Kern der Methode.

Schwerer wiegt dagegen die mangelhafte linguistische Qualität der meisten Swadesh-Listen, z. B. der lange Zeit frei im Internet verfügbaren Dyen-list; bereits von Sh. Embleton 1995 beanstandete Fehler im englischen Teil wurden nie berichtigt; weitere zwölf Prozent Fehler enthält der albanische Teil.[11] Die Dyen-Liste wurde mittlerweile zurückgezogen.

In vielen, wenn nicht den meisten Fällen des von Glottochronologen angenommenen „Sprachwandels“ handelt es sich nicht um einen Wandel per Zeitraum, sondern um Substrate, Reste eines schon vorher dagewesenen Bestandes, die sich bei Übernahme einer neuen Standardsprache erhalten haben, aus verschiedensten Gründen. Bekannt ist z. B. das maritime Substrat der germanischen Sprachen (z. B. Mast, Kiel, Segel), also Lexeme aus Bereichen, in denen die Eingesessenen gegenüber den zugewanderten Trägern der (hier) indogermanischen Sprachen eine höhere Vor-Kompetenz besaßen. Gleiches gilt für die Technologie des Webens. Beispiele aus der Swadesh-Liste bringt Aaron Dolgopolsky (2000: 401 f.), Lehrer des o. g. S. Starostin, mit der im übrigen kenntnisreichsten Kritik aus geisteswissenschaftlicher Sicht.

Mathematisch-stochastische Aspekte

Unbestritten unterliegen die meisten Sprachen im Laufe ihrer Geschichte mehr oder weniger starken Einflüssen und Änderungen. Durch statistische Aufsummierung können sich dabei oft grob übereinstimmende Summen ergeben, die ungenau als "Raten" interpretiert werden. Beim Vergleich vieler Arbeiten ergibt sich eine normalverteilte Gaußkurve, deren Dimensionen weiterer Studien bedarf.

Auf der Voraussetzung einer Rate baut die zweite grundlegende Annahme der Glottochronologen auf, nämlich dass Sprachen desto näher verwandt seien, je mehr gemeinsame Erbwörter sie aufweisen. Diese auf den ersten Blick einleuchtende Ad-hoc-Annahme übersieht deren Bedingtheit von drei weiteren bestimmenden Parametern (Proportionalitätsfehler).[12] Hier wird in allen glottochronologischen Arbeiten gegen die grundlegende mathematische Regel verstoßen, nämlich zunächst die stochastischen Verteilungen der benutzten Daten zu analysieren, in diesem Fall die hypergeometrische Verteilung und die abgebrochene Zipf- oder Pareto-Verteilung.

Kennzeichnend für die allgemeine Einschätzung ordnete ein Indogermanist die Glottochronologie gar in den Bereich der science fiction.[13]

Siehe auch

Literatur

  • Ambros, Arne A.: Linguistische und statistische Bewertung von lexikalischen Koinzidenzphänomenen. In: Karl-Heinz Best & Jörg Kohlhase (Hrsg.): Exakte Sprachwandelforschung. Theoretische Beiträge, statistische Analysen und Arbeitsberichte. edition herodot, Göttingen 1983, S. 21-43. ISBN 3-88694-024-1
  • Arens, Hans : Die Sprachwissenschaft. Der Gang ihrer Entwicklung von der Antike bis zur Gegenwart. 2., durchgesehene und stark erweiterte Auflage. Alber, Freiburg und München 1969, S. 471-473.
  • Campbell, Lyle. (1998). Historical Linguistics; An Introduction [Chapter 6.5. Glottochronology]. Edinburgh: Edinburgh University Press. ISBN 0-7486-0775-7.
  • Crowley, Terry: An introduction to historical linguistics, 3rd ed. Auckland: Oxford Univ. Press. 1998, pp. 171-193.
  • Dolgopolsky, Aharon: Sources of linguistic chronology. In: Renfrew C, McMahon A, And Larry Trask (Eds): TIME DEPTH IN HISTORICAL LINGUISTICS, The McDonald Institute for Archaeological Research, Cambridge, UK 2000, Vol 2 [16]: 401-409. ISBN 1-902937-14-7. Wohl der fundierteste Beitrag in dem Sammelband.
  • Embleton, Sheila: Lexicostatistics /Glottochronology: from Swadesh to Sankoff to Starostin to future horizons. In: Renfrew C, McMahon A, And Larry Trask (Eds): TIME DEPTH IN HISTORICAL LINGUISTICS, The McDonald Institute for Archaeological Research, Cambridge, UK 2000, Vol 1 [7]: 143-167. ISBN 1-902937-13-9.
  • Haarmann, Harald: Basic vocabulary and language contacts; the disillusion of glottochronology. In Indogermanische Forschungen 95/1990: 1-37.
  • Hoffmann, L., & R. G. Piotrowski: Beiträge zur Sprachstatistik. Verlag Enzyklopädie, Leipzig 1979, S. 162-174.
  • Holm, Hans J.: Genealogische Verwandtschaft. In: Quantitative Linguistik = Handbuch Sprach- und Kommunikationswissenschaften, Bd. 27, Kap. 45, Berlin: de Gruyter, 2005.
  • Holm, Hans J.: The new Arboretum of Indo-European 'Trees'; Can new algorithms reveal the Phylogeny and even Prehistory of Indo-European? In: Journal of Quantitative Linguistics 14-2/2007:167-214.
  • Sankoff, David (1970). "On the Rate of Replacement of Word-Meaning Relationships." Language 46. 564-569.
  • Swadesh, Morris : Towards greater accuracy in lexicostatistic dating. in: International Journal of American Linguistics. Univ. of Chicago Press, Chicago 21.1955, 121-137. ISSN 0020-7071
  • Swadesh, Morris : What is glottochronology? In: M. Swadesh, The origin and diversification of language (pp. 271–284). Routledge & Kegan Paul, London 1972. ISBN 0-7100-7195-7
  • Wiese, Harald: Eine Zeitreise zu den Ursprüngen unserer Sprache. Wie die Indogermanistik unsere Wörter erklärt, Logos Verlag Berlin, 2010, 2. Auflage.

Weblinks

Wiktionary Wiktionary: Glottochronologie – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Fußnoten

  1. Embleton, Sheila M. (1986). Statistics in Historical Linguistics. [Quantitative Linguistics 30], Bochum: Brockmeyer
  2. Bergsland, Knut & Vogt, Hans: On the validity of glottochronology. In Current Anthropology 3/1962:111-53
  3. Tischler, Johann: Glottochronie und Lexikostatistik=Innsbrucker Beiträge zur Sprachwissenschaft, Bd. 11. Innsbruck 1973: 143-67.
  4. Sheila M. Embleton: Statistics in Historical Linguistics. Brockmeyer, Bochum 1986. ISBN 3-88339-537-4
  5. Václav Blažek: From August Schleicher to Sergej Starostin. On the development of tree-diagram models of the Indo-European languages. In The Journal of Indo-European Studies, Vol. 35-1/2007: 82-109
  6. Embleton, Sheila: Lexicostatistics and Glottochronology: From Swadesh to Sankoff to Starostin. In Renfrew, C., McMahon, A. und Trask, L.: TIME DEPTH IN HISTORICAL LINGUISTICS Cambridge GB, McDonald Institute for Archaeological Research, 2000. ISBN 1-902937-06-6.
  7. R. D. Gray und Q. D. Atkinson: Language-tree divergence times support the Anatolian theory of Indo-European origin, in: Nature 426/2003:435-438
  8. Hans J. Holm: The new Arboretum of Indo-European „Trees“; Can new algorithms reveal the Phylogeny and even Prehistory of Indo-European?; in: Journal of Quantitative Linguistics 14-2/2007; S. 1-50
  9. Embleton 1986, a. a. O. p 132 f.
  10. V. Blažek. From August Schleicher to Sergej Starostin. On the development of the tree-diagram models of the Indo-European languages. In: The Journal of Indo-European Studies 35,1-2/2007:85
  11. Embleton, Sheila M.: Review of Dyen/Kruskal/Black: A Lexicostatistical Experiment; in: Diachronica 12-2/1995, S. 263-268
  12. Hans J. Holm: The proportionality trap. Or: what is wrong with lexocostatistical subgrouping?; in: Indogermanische Forschungen 108/2003, S. 38–46
  13. W. Euler: Körperteilbezeichnungen im Albanischen und ihre Herkunft; in: Indogermanische Forschungen 90/1985: S. 104 f.

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