Gnade der späten Geburt


Gnade der späten Geburt

Die Gnade der späten Geburt ist ein vom deutschen Bundeskanzler Helmut Kohl im Jahr 1984 geprägter Ausspruch, der der Erleichterung Ausdruck verleiht, aufgrund des zu jungen Alters im Nationalsozialismus nicht schuldig (d. h. nicht zum Täter oder Mitläufer) geworden zu sein.

Später beanspruchte der Journalist Günter Gaus die Urheberschaft dieser Worte, die er aber nicht als Alibi für einen Schlussstrich unter die deutsche Vergangenheit benutzt wissen will. Der Begriff entwickelte sich zum politischen Schlagwort.

Rede vor der Knesset

Kohl eröffnete am 24. Januar 1984 seine mit Spannung erwartete Rede vor der Knesset in Israel mit den Worten:

„Ich rede vor Ihnen als einer, der in der Nazizeit nicht in Schuld geraten konnte, weil er die Gnade der späten Geburt und das Glück eines besonderen Elternhauses gehabt hat.“

Kohl versicherte außerdem immer wieder die besondere Verantwortung Deutschlands für Israel.

Resonanz

Die Formulierung von der Gnade der späten Geburt wurde erst ein Jahr später kritisch erörtert, als Kohls Auftritt in Bitburg und der so genannte Historikerstreit für hitzige Debatten sorgten. Helmut Kohl erklärte sechs Jahre später: „Die Gnade der späten Geburt ist nicht das moralische Verdienst meiner Generation, der Verstrickung in Schuld entgangen zu sein. Gnade meint hier nichts weiter als den Zufall des Geburtsdatums.“

Der politische Ausspruch Kohls wurde sehr unterschiedlich wahrgenommen. Kritiker sahen in der Formulierung das mögliche Problem, dass spätere Generationen die historische Verantwortung von sich weisen würden und damit zugleich kein Verantwortungsbewusstsein mehr für aufkeimenden Faschismus und Antisemitismus entwickelten.

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