Great Ape Project


Great Ape Project

Das Great Ape Project (kurz: GAP) ist eine internationale Organisation, hinter der die Idee steht, bestimmte Grundrechte, die derzeit dem Menschen vorbehalten sind, für die Menschenaffen (engl. Great Apes) - also Bonobos, Schimpansen, Gorillas und Orang-Utans - zu fordern: Das Recht auf Leben, der Schutz der individuellen Freiheit, Verbot von Folter.

Das GAP geht zurück auf das 1993 erschienene Buch „Menschenrechte für die Großen Menschenaffen - Das Great Ape Projekt“ (Originaltitel: The Great Ape Project: Equality Beyond Humanity), das von den Philosophen Paola Cavalieri und Peter Singer herausgegeben wurde. Es enthält Beiträge von 34 Autoren, darunter Jane Goodall und Richard Dawkins. Im Rahmen des GAP wird weltweit versucht, die Rechte auf Leben, Freiheit und ein Verbot der Folter von Großen Menschenaffen durchzusetzen; aufgrund der großen genetischen Ähnlichkeit mit dem Menschen und dem ähnlich komplexen Geistes- und Gefühlsleben müssten diese gewährleistet werden.

Die Forderungen werden durch verschiedene Tierethiken gestützt, die teilweise noch weiter gehen, und anderen Tieren ebenfalls Rechte zusprechen. In Animal Liberation. Die Befreiung der Tiere fordert Peter Singer eine gleiche Berücksichtigung der Interessen aller empfindungsfähigen Wesen.

Inhaltsverzeichnis

Argumente

In „Menschenrechte für die Großen Menschenaffen – Das Great Ape Projekt“ findet sich zu Beginn die „Deklaration über die Großen Menschenaffen“, die das Ziel des Great Ape Project festlegt:

"Wir fordern, daß die Gemeinschaft der Gleichen so erweitert wird, daß sie alle Großen Menschenaffen miteinschließt: Menschen, Schimpansen, Gorillas und Orang-Utans.

Die „Gemeinschaft der Gleichen“ ist die moralische Gemeinschaft, innerhalb derer wir bestimmte moralische Grundsätze oder Rechte anerkennen, die unsere Beziehungen untereinander regeln und gerichtlich einklagbar sind."

Diese Rechte und Grundsätze umfassen das Recht auf Leben, den Schutz der individuellen Freiheit und das Verbot der Folter. Innerhalb des Buches wird von den verschiedenen Verfassern erklärt, was die „Gleichheit“ von Menschen und anderen Großen Menschenaffen ausmacht. So stimmt ihr Erbgut zu fast siebenundneunzig Prozent überein; zwischen Menschen und den Großen Menschenaffen sind Bluttransfusionen möglich. Das Projekt betont jedoch, dass die genetische Verwandtschaft nicht allein ausschlaggebend ist; vielmehr sind es das durch die genetische Ähnlichkeit ermöglichte ähnliche Gefühls- und Denkvermögen sowie Verhalten und Ich-Bewusstsein der Großen Menschenaffen. Diese lassen sich schon seit Charles Darwins Forschungen ausgezeichnet beobachten, zum Beispiel in den verschiedenen Gefühlsregungen, die sich bei Menschenaffen in ähnlichen Gesichtsausdrücken wie beim Menschen zeigen. Auch eine Konversation mit ihnen über Zeichensprache ist möglich. Die Ähnlichkeit der Menschen und Großen Menschenaffen ist also nicht zu leugnen, was die moralischen Ungleichheiten in ihrer Behandlung in Frage stellt.

Reaktionen und Gründe für die Ablehnung

Am 25. Juni 2008 sprach sich der Ausschuss für Umwelt, Landwirtschaft und Fischerei des spanischen Parlaments dafür aus, der Spezies der Großen Menschenaffen (Schimpansen, Bonobos, Gorillas und Orang-Utans) das Recht auf Leben zuzusichern, sich also ihrem Schutze zu verpflichten. Die spanische Regierung wurde aufgefordert, sich für eine ähnliche EU-weite Erklärung einzusetzen und innerhalb eines Jahres ein Gesetz zu erlassen, das potenziell schädliche Experimente an Menschenaffen untersagt. Das Halten von Menschenaffen in Gefangenschaft solle nur für Zwecke der Arterhaltung erlaubt sein. Darüber hinaus wurde empfohlen, in internationalen Foren und Organisationen Schritte zum Schutz der Menschenaffen vor Misshandlung, Sklaverei, Folter, Tötung und Ausrottung einzuleiten. Es bestand die Hoffnung, dass nach und nach auch anderen Tierarten dieselben Grundrechte verliehen werden könnten. Das spanische Parlament hielt mit der Entschließung seine Unterstützung des Great Ape Project fest.

Die Bemühungen des Parlaments stießen sowohl in Spanien als auch weltweit auf großen Widerstand und haben bis heute keinen wahrnehmbaren Erfolg gebracht. Bereits 2005 wurde versucht, die Tierrechte in Spanien zu stärken; dies scheiterte jedoch, unter anderem an massiven Gegenkampagnen. Nun scheint die Entschließung von 2008 zwecklos zu bleiben.

Bedürfnis nach Abgrenzung

Singer spricht davon „die Barrieren zwischen menschlichen und nichtmenschlichen Tieren einzureißen“, und genau hier ist nach Meinung des Projekts eines der zentralsten Probleme zu finden, nämlich das Widerstreben des Menschen, seine gewohnte Überlegenheit gegenüber anderer aufzugeben. In den in „Menschenrechte für die Großen Menschenaffen“ enthaltenen Beiträgen von Philosophen, Natur- und Geisteswissenschaftlern wird vermehrt darauf hingewiesen, wie lange es gedauert hat, bestimmte Gesellschaftsstrukturen aufzubrechen, die auf diesem Beharren auf Überlegenheit beruhten, und wie dieses nun einem Fortschritt des Projekts im Weg steht.

"In der Antike wurde die Vorstellung, dass einige Menschen anderen absolut untergeben sein sollten, als so selbstverständlich betrachtet, daß sie praktisch nicht in Zweifel gezogen wurde. […] Die eigentliche Praxis war tatsächlich so weitgehend akzeptiert und die Gesellschaft durchdringend, daß behauptet wird, „es gab keine Handlung und keine Überzeugung oder Institution in der griechisch-römischen Antike, wo nicht auf die eine oder andere Weise die Möglichkeit bestand, daß irgendein Beteiligter ein Sklave sein könnte.“ Hier gibt es eine auffällige Parallele zu der Art und Weise mit der die meisten Menschen die absolute Unterwerfung der Tiere durch die Menschen noch immer als selbstverständlich betrachten."

Menschen zögen also seit jeher Grenzen innerhalb ihrer eigenen Spezies, die sich erst seit vergleichsweise kurzer Zeit aufzulösen beginnen. Ein solcher Reflex, sich von anderen abheben zu wollen, steht dem Ziel einer „Gemeinschaft der Gleichen“ im Weg. Würde der Große Menschenaffe nun mit dem Menschen gleichgesetzt, ist die Überlegenheit dahin; außerdem würde der Mensch daran erinnert, dass er selbst eigentlich auch „nur“ ein Tier ist, eine gern verdrängte Tatsache. Raymond Corbey bringt dies in seinem Beitrag auf den Punkt:

"Die vieldeutige Ähnlichkeit der Affen mit uns […] macht sie zu einer potenziellen Bedrohung unserer eigenen Identität […] Diese Bedrohung nötigt den Menschen, die primitive Tierhaftigkeit und den niederen Rang des Menschenaffen immer wieder zu bekräftigen, um die klare Grenze zwischen Mensch und Tier zu schützen. Denn wir brauchen diese Grenze unbedingt, um auch weiterhin jedes Jahr Millionen von Tieren töten und essen zu können, während wir es unterlassen, Menschen zu töten und zu essen. Dadurch, dass wir diesen Abstand herstellen, halten wir die so beunruhigende Vertrautheit mit den Menschenaffen in sicherer Distanz und sorgen dafür, daß sie sich in Luft auflöst."

Konflikte

Dies führt zu einem weiteren Grund, warum die Umsetzung der Ziele so schwer ist. Würde sich das Projekt durchsetzen, bildeten sich weltweit Konflikte; jeder einzelne müsste seine und die gesellschaftlichen Grundansichten, tief verwurzelte Moral- und Wertvorstellungen, hinterfragen; dies würde große Anstrengungen erfordern, zu denen sich die meisten Menschen nicht aufraffen wollen. Es braucht stets die Bemühungen Einzelner, um eine dauerhafte Veränderung zu ermöglichen. Ohne die nötige öffentliche Unterstützung laufen diese jedoch Gefahr, im Sande zu verlaufen. Da die meisten Politiker Fehler jedoch lieber notdürftig verscharren, statt sie aufzuarbeiten, dürfte dies noch einige Zeit dauern und viel Überzeugungsarbeit kosten.

Mit einem schweren Konflikt sähe sich auch die Medizin konfrontiert; Tierversuche bekämen eine tiefere moralische Bewertung. Tierrechtler weisen darauf hin, dass viele Große Menschenaffen in Laboratorien ein Leben in Gefangenschaft fristen. 65 000 - 70 000 Menschenaffen werden allein in den USA und der EU zu Forschungszwecken gefangen gehalten. Aufgrund der genetischen Nähe zum Menschen sind sie ideale Kandidaten für diverse Untersuchungen und Studien aus dem neurologischen und genetischen Bereich, die unter anderem die Auswirkungen diverser Substanzen auf den menschlichen Organismus zeigen sollen. So werden die Menschenaffen in Experimenten mit Erregern wie HIV, Hepatitis und Polio infiziert, um anschließend die Wirkungsweisen von Medikamenten und ihre Toxizitätsgrenze zu testen. Auch Hirnreaktionen und Sichtvermögen werden ausgelotet. Da man annehmen kann, dass Menschenaffen Schmerzen und Angst auf ähnliche Art erleben wie Menschen, ist deren wissentliches Zufügen als Folter zu bewerten. Würde man als Lösung nun eine Verlagerung der Experimente auf Menschen vorschlagen, hätte dies aber weltweites Entsetzen zur Folge. Selbst bei freiwilliger Teilnahme handelte es sich um einen Bruch der Menschenrechte, und es ist kaum realistisch anzunehmen, dass sich bis zu 70 000 Menschen für solche Experimente zur Verfügung stellen würden.

Das Entsetzen beim Vorschlag einer solchen Umstellung auf Experimente mit menschlichen Kandidaten steht im krassen Gegensatz zu Singers Philosophie, laut der jedes Leben, ob das eines Menschen oder Tieres, gleich viel wert ist. Jared Diamond beschreibt die tabuisierte Möglichkeit dieser Umstellung folgendermaßen:

"Es gibt keine sozial akzeptierte menschliche Analogie zu medizinischer Forschung an Tieren, obwohl tödliche Experimente mit Menschen der medizinischen Wissenschaft sehr viel wertvollere Informationen liefern würden als tödliche Experimente mit Schimpansen."

Die Medizin ist in ihrer Ethik jedoch an die Bedürfnisse der Patienten gebunden. Sie bedient sich genauso eines Utilitarismus wie Peter Singers Philosophie; es geht um den optimalen Nutzen einer Menge von Individuen. Im Fall der Medizin ist die harte Wahrheit, dass die Schmerzen und der Tod eines Anteils von Lebewesen notwendig sind, um das Überleben eines anderen, im Idealfall größeren Anteils zu sichern, seien das nun Menschen oder Tiere. Die „Interessen“ aller bei einer „moralischen Handlung“ wie in der Theorie des Präferenzutilitarismus von Singer zu gleichen Teilen zu sichern, ist der Medizin unmöglich. Die elenden Lebensumstände der Labortiere zu ändern, ist aber sehr wohl möglich; deren extreme Vernachlässigung ist keine Voraussetzung für Forschungserfolg, sondern nur Ergebnis von Desinteresse und Faulheit der Forscher, die sie „betreuen“.

Ausblick

Man sprach in den Verhandlungen vom „Menschen“-Recht auf Leben, das also vom Mensch verliehen werden muss. Die Gründer des Great Ape Project berufen sich im Nachwort von „Menschenrechte für die Großen Menschenaffen – Das Great Ape Projekt“ darauf, dass eine erfolgreiche Aufnahme der Großen Menschenaffen in die „Gemeinschaft der Gleichen“ und die Verleihung der besagten Rechte ein noch größeres Umdenken auslösen kann. Sie nehmen Stellung dazu, dass sie sich in ihrem Projekt zu sehr auf die intelligenten Großen Menschenaffen beziehen „und somit einen weiteren Fortschritt für die Tiere, deren Begabungen weniger den unsrigen entsprechen, verhindern oder zumindest erschweren“ könnten; doch

"Reformer können nur von einer gegebenen Situation ausgehen und sich von dort aus vorarbeiten; sobald sie einige Fortschritte erzielt haben, wird ihr nächster Ausgangspunkt ein wenig weiter vorgerückt sein, und wenn sie stark genug sind, können sie von diesem Punkt aus Druck ausüben."

Auszeichnungen

Quellenangabe

Weblinks

Literatur

  • Menschenrechte für die Großen Menschenaffen – Das Great Ape Projekt, Hg. Paola Cavalieri/Peter Singer, München 1994 (London 1993)

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