Haus des Bundeskanzlers

Haus des Bundeskanzlers
Frontansicht, Auffahrt, Vorplatz

Das Palais Schaumburg ist ein 1860 fertiggestelltes schlossähnliches Gebäude in Bonn, das seit 1949 Teile des Bundeskanzleramtes beherbergt und bis 1976 erster Dienstsitz des Bundeskanzlers war. Während der Zeit als Hauptsitz des Bundeskanzleramtes hatte es auch den Beinamen „Haus des Bundeskanzlers“. Benannt ist es nach seinem zweiten Besitzer aus dem Fürstenhaus Schaumburg-Lippe ab 1890.

Inhaltsverzeichnis

Geschichte

Privatbesitz (1860–1939)

Das spätklassizistische Gebäude wurde 1858 bis 1860 errichtet und von dem aus Thüringen stammenden Tuchfabrikanten und US-amerikanischen Staatsbürger Wilhelm Loeschigk (1808-1887) erworben, als er 1860 mit seiner Familie aus New York City nach Bonn übersiedelte. Die Familie Loeschigk bewohnte das Haus bis 1890.

1890 erwarb Prinz Adolf zu Schaumburg-Lippe (1859-1916), ein Sohn des regierenden Fürsten Adolf I., die Villa. Prinz Adolf heiratete im selben Jahr Prinzessin Viktoria von Preußen (1866-1929), eine Tochter Kaiser Friedrichs III. und der Kaiserin Victoria und jüngere Schwester Kaiser Wilhelms II.; die Ehe blieb kinderlos. Nach der Hochzeitsreise zog das Paar 1891 in die Bonner Villa ein und ließ den Bau 1894 um zwei Flügel im Norden und Osten erweitern und mit wertvollen Möbeln und Kunstwerken ausstatten. In den folgenden Jahren bis zum Ersten Weltkrieg stand das Anwesen regelmäßig im Mittelpunkt gesellschaftlicher Festivitäten und kaiserlicher Besuche; aus dieser Zeit stammt seine bis heute übliche Bezeichnung als Palais Schaumburg.

Nach dem Tod des Prinzen Adolf 1916 erbte 1917 seine Witwe Viktoria das Palais Schaumburg[1], in dem nach Kriegsende bis 1919 englische und kanadische Soldaten untergebracht waren. Ende 1919 verkaufte Viktoria das Palais an Adolf II. zu Schaumburg-Lippe, einen Neffen ihres verstorbenen Mannes, sicherte sich jedoch ein lebenslanges Wohn- und Nutzungsrecht zu[2].

1927 heiratete Viktoria im „Roten Salon“ (dem späteren Kabinettssaal) des Palais Schaumburg den russischen Hochstapler Alexander Zoubkoff (1900-1936), der aufgrund mehrerer Betrügereien bereits 1928 nach Luxemburg ausgewiesen wurde. Die Familie Schaumburg-Lippe entzog der hochverschuldeten Viktoria daraufhin ihr Wohnrecht im Palais und ließ das gesamte Inventar im Oktober 1929 versteigern; in den Gebäuden wurden Büros und Mietwohnungen eingerichtet. Nach dem Tode Adolfs 1936 erbten dessen Geschwister das Palais Schaumburg zu gleichen Teilen[3].

Staatsbesitz (seit 1939)

1939 wurde das Palais Schaumburg für 709.000 Reichsmark vom Deutschen Reich erworben[4] und dem Wehrkreis VI (Münster) unterstellt; fortan waren dort verschiedene Dienststellen des Heeres untergebracht.

Palais Schaumburg, 1950

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs unterstand das Palais Schaumburg der britischen Militärverwaltung; bis Anfang November 1949 waren dort Führungskräfte der Belgischen Streitkräfte untergebracht. Am 5. November 1949 bestimmte Bundeskanzler Konrad Adenauer das Palais Schaumburg zu seinem neuen Dienstsitz und zog am 25. November 1949 ein; zwei Monate später empfing er dort als ersten Staatsgast den französischen Außenminister Robert Schuman.

Im Jahre 1950 baute Hans Schwippert das Gebäude für die Verwendung als Bundeskanzleramt um; es entstanden unter anderem eine überdachte Vorfahrt und eine neue Treppe im Foyer. Im folgenden Jahrzehnt wurde das Haus um die sogenannten Häuser 2 und 3 erweitert. In dem weitläufigen Park errichtete Sep Ruf 1963 bis 1965 im modernen Stil das „Wohn- und Empfangsgebäude des Bundeskanzlers“, den sogenannten Kanzlerbungalow.

Da das Palais jedoch auch nach der Erweiterung nicht genügend Platz bot, wurde es schließlich 1976 als Hauptsitz des Bundeskanzleramts von einem nahegelegenen Neubau abgelöst. Einige Abteilungen verblieben jedoch im Palais, das auch weiterhin für Repräsentationszwecke genutzt wurde.

Nach der Neugründung des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit 1986 war das Palais Schaumburg bis 1987 für kurze Zeit Amtssitz dieser Behörde. Nach der deutschen Wiedervereinigung 1990/91 hatten die fünf Bundesminister für besondere Aufgaben des damaligen Bundeskabinetts dort ihren Dienstsitz.

Im Mai 1990 unterzeichneten Vertreter beider deutscher Staaten im Palais Schaumburg den Staatsvertrag über die Schaffung der Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion.

Seit dem Regierungsumzug 1999 dient das Palais Schaumburg als zweiter Dienstsitz des Bundeskanzleramtes und Bundeskanzlers, in dem verschiedene Abteilungen untergebracht sind.

Park

Im Park des Palais Schaumburg wurde für jeden Altbundeskanzler der Bundesrepublik zur Erinnerung an seine Amtszeit ein Baum gepflanzt:

Bundeskanzler Partei Amtszeit Baum Bemerkungen
Konrad Adenauer CDU 1949–1953
1953–1957
1957–1961
1961–1962
1962–1963
Blauglockenbaum 1992 nach Sturm ersetzt
Ludwig Erhard CDU 1963–1965
1965–1966
Mammutbaum
Kurt Georg Kiesinger CDU 1966–1969 Spitzahorn gepflanzt 1978
Willy Brandt SPD 1969–1972
1972–1974
Ginkgo gepflanzt 1979
Helmut Schmidt SPD 1974–1976
1976–1980
1980–1982
Trauerweide
Helmut Kohl CDU 1982–1983
1983–1987
1987–1991
1991–1994
1994–1998
Blutblättrige Rotbuche gepflanzt 1987
Gerhard Schröder SPD 1998–2002
2002–2005
Eiche gepflanzt 2006

Einzelnachweise

  1. Erbschein des Amtsgerichts Bonn vom 8. Mai 1917; Eintragung Viktorias als Eigentümerin im Grundbuch vom 22. Januar 1920. Vgl. Grundakte Bonn 11535, Grundbuch Bonn Bd. 150 Blatt Nr. 5976.
  2. Kaufvertrag vom 29. Dezember 1919; Eintragung Adolfs als Eigentümer im Grundbuch vom 9. März 1920. Vgl. Grundakte Bonn 11535, ebd.
  3. Erbschein des Amtsgerichts Bückeburg vom 27. Januar 1937.
  4. Kaufvertrag vom 24. Februar 1939; vgl. Grundakte Bonn 11535, ebd. - Zu juristischen Aspekten des Verkaufs durch Wolrad Prinz zu Schaumburg-Lippe vgl. Alexander vom Hofe: Vier Prinzen zu Schaumburg-Lippe und das parallele Unrechtssystem, Madrid 2006, ISBN 84-609-8523-7, S. 294-315 (online)

Weblinks

50.7207555555567.117057Koordinaten: 50° 43′ 15″ N, 7° 7′ 1″ O


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