Herzegowina


Herzegowina
Die historische Herzegowina, bezeichnet mit Türkisches Dalmatien (grün)

Die Herzegowina (in den Landessprachen: Hercegovina, kyrillisch: Херцеговина) ist eine Landschaft im Süden des Staates Bosnien und Herzegowina. Sie liegt im Einzugsbereich des Flusses Neretva. Der Landschaftsname leitet sich vom deutschen Adelstitel Herzog (in den Landessprachen: herceg) ab und bedeutet Herzogsland. Entstanden ist der Name nachdem der bosnische Adlige Stjepan Vukčić Kosača, wahrscheinlich unter Berufung auf den römisch-deutschen Kaiser Friedrich III., den Herzogstitel annahm. Die bedeutendste Stadt der Herzegowina ist Mostar.

Frühere Namen sind Hum, Königreich Rama, Chelm/Chulm und unter Stjepan Vukčić Kosača Fürstentum St. Saba. Nach der türkischen Eroberung als Türkisch(es) Dalmatien bzw. in türkischer Sprache als Hersek bezeichnet.[1]

Inhaltsverzeichnis

Geographie

Die Herzegowina ist ein bergiges Land. Es ist geprägt durch die kargen Höhenzüge des Dinarischen Gebirges. Typisch sind ausgedehnte Karstlandschaften mit oasenartigen fruchtbaren Niederungen (polje). Das Klima ist mediterran beeinflusst, jedoch ist die Niederschlagsmenge größer als in anderen Regionen dieses Klimas. Die Winter sind mild; im Gegensatz etwa zum nördlich gelegenen Bosnien schneit es in den Tälern der Herzegowina nur selten. Die Sommer sind besonders im Juli und August trocken und heiß.

Die heutige Region Herzegowina (dunkelgrün)[2]

Die Herzegowina lässt sich geographisch nach den historischen, wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Beziehungen identifizieren.[3] Zur Herzegowina gehören danach die Gemeinden Mostar, Jablanica, Prozor-Rama, Čitluk, Stolac, Široki Brijeg, Ljubuški, Grude, Posušje, Livno, Tomislavgrad, Trebinje, Ljubinje, Bileća, Gacko, Berkovići, Nevesinje, Kupres, Istočni Mostar, Neum, Ravno, Čapljina und Konjic.[4]

Die Nennung dieser Gemeinden deckt sich auch mit dem im Jahr 1952 von der Nationalversammlung von Bosnien und Herzegowina verabschiedeten und verkündeten Gesetz über die Aufteilung des Territoriums der Volksrepublik Bosnien und Herzegowina.[5]

Berge

Mit dem Volujak (2336 m) befindet sich der zweithöchste Berg des Landes in der Herzegowina, genauer in der Verbandsgemeinde Gacko. Weitere hohe Berge sind die Čvrsnica (2226 m) bei Posušje und der Prenj (2226 m) bei Mostar.

Seen

In der Herzegowina gibt es keine großen stehenden Gewässer. Charakteristisch sind kleinere Seen in den Poljen (Karstebenen), die zuweilen von ausgedehnten Sumpfgebieten umgeben sind oder waren. Der größte und zugleich höchstgelegene natürliche See ist der Blidinje jezero (3,2 km²), welcher sich in 1180 m Höhe auf einer Hochebene in den Gemeinden Posušje und Tomislavgrad befindet. Weitere nennenswerte Seen sind der Buško jezero und der Ramsko Jezero.

Flüsse

Der einzige größere Fluss ist die Neretva, die nördlich von Gacko entspringt und dann auf 218 km Länge in einem weiten Bogen die ganze Herzegowina durchfließt. Der südliche Landesteil liegt im Einzugsbereich der kleineren Trebišnjica, die an der montenegrinischen Grenze entsteht und nach 96,5 km bei Hutovo im Karst verschwindet.

Städte

Altstadt von Mostar

Bedeutende Orte in der Herzegowina sind Bileća, Čapljina, Gacko, Stolac und Trebinje im Süden sowie Grude, Ljubuški, Međugorje, Široki Brijeg, Mostar, Tomislavgrad, Livno und Posušje im Westen der Herzegowina. Die größten Orte im Norden sind Prozor-Rama, Jablanica und Konjic; der Osten und das Zentrum der Landschaft sind sehr dünn besiedelt.

Geschichte

Im Mittelalter waren auf dem Gebiet der zentralen Herzegowina das Herzogtum Zahumlje, in Abhängigkeit von Byzanz, Bosnien und Serbien, und in der östlichen Herzegowina und dem nördlichen Montenegro das Herzogtum Travunien, das seit dem 11. Jahrhundert zu Kroatien, von 1180 bis 1321 zu Serbien („Raszien“) gehörte und 1322 bis 1377 zwischen Bosnien und Serbien geteilt war. Der Heilige Sava, Begründer der serbisch-orthodoxen Kirche, war Statthalter von Hum, bevor er dem weltlichen Leben entsagte und Mönch wurde. Der westliche Teil hingegen gehörte fast das gesamte Mittelalter hindurch zu Kroatien und wird noch heute zum Großteil von Kroaten bewohnt.

Der bosnische Fürst Stjepan II. Kotromanić eroberte um 1326 Hum, dem Serbien der Nemanjiden verblieb in der Herzegowina lediglich Travunien. Mit dem Zerfall des serbischen Reiches etablierte sich in Travunien Fürst Nikola Altomanović, der die serbische Zarenkrone für sich beanspruchte. Altomanović eroberte weite Gebiete im westlichen Zentralserbien, bevor er 1373 durch ein gemeinsames Vorgehen des bosnischen Fürsten und späteren Königs Tvrtko I. und dem serbischen Fürsten Lazar besiegt und sein Territorium zwischen den Siegern aufgeteilt wurde; Travunien selbst fiel an Bosnien.

Die serbische Herrscherdynastie Mrnjavčević, die über Mazedonien und Nordgriechenland herrschte, stammte ebenfalls aus der Herzegowina bzw. Travunien. Jovan Uglješa, der Bruder des Königs Vukašin, trug 1346 den Titel Uglessa baronus in Trebinje. Später als Mitregent seines Bruders in Makedonien nahm er auch den Titel Despot von Serres und Melnik an. Am Fluss Mariza bei Edirne kam er 1371 gemeinsam mit seinem Bruder in der Schlacht zwischen dem serbischen Reich und den aus Kleinasien einfallenden Osmanen um. Seine Frau Jelena, deren Vater ein Statthalter König Vukašins in Drama war, wurde als die Nonne Jefimija zur ersten serbischen Dichterin.

Im 15. Jahrhundert herrschten bis zur Eroberung durch die Osmanen 1485 Woiwode Stjepan Vukčić Kosača und seine Nachkommen in der heutigen Herzegowina, die den Titel eines Herzogs von Hum und der Küstenländer und Großherzogs des Königreiches Bosnien durch die Gnade des Heiligen Sava führten. Auf die Bezeichnung Länder des Herzogs Stefan unter der Gnade des Heiligen Sava für sein unter osmanische Herrschaft gefallenes ehemaliges Territorium geht der heutige Name des Landes zurück.

1463 unterwarf sich der bosnische König dem osmanischen Reich und wurde hingerichtet. Seine Frau Katarina Kosača-Kotromanić floh nach Rom, wo sie 1478 starb. In ihrem Testament hinterließ sie Bosnien ihren Kindern, falls diese zum katholischen Glauben zurückkehrten; andernfalls solle ihr Land an den Heiligen Stuhl fallen. Dieses geschah.

1485 kam die Herzegowina endgültig unter osmanische Herrschaft. Sie bildete den Sandschak Herzegowina (türk. Hersek) mit der Hauptstadt Mostar innerhalb des Paschaluks Bosnien (später Bosnien-Herzegowina). Städte wie Mostar und Stolac bildeten wichtige Handelsposten zwischen Dubrovnik und dem Landesinneren. Im Jahre 1864 wurde es eine eigenständige Verwaltungseinheit als Vilayet Herzegowina. Durch den Berliner Kongress kam 1878 der größte Teil der Herzegowina als Teil von Bosnien-Herzegowina unter österreichisch-ungarische Verwaltung, der östlichste Teil der vormaligen osmanischen Herzegowina hingegen zu Montenegro, zu dem dieses Gebiet (die so genannte Alte Herzegowina/Stara Hercegovina) auch heute gehört. Noch vor dem Ersten Weltkrieg annektierte Österreich-Ungarn Bosnien und seinen Teil der Herzegowina offiziell.

Seit 1918 gehörte die Herzegowina zu Jugoslawien. Während der Zeit des Königreichs Jugoslawien (1929 bis 1941) bzw. seines Vorgängers, dem Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen (1918 bis 1929), war die Herzegowina nach 1929 zwischen den neu gebildeten Banschaften Zeta und Küste aufgeteilt. Von 1939 bis 1941 gehörte die Banschaft Küste und mit ihr die westliche Herzegowina zur kroatischen Banschaft, während die östliche Herzegowina in der Banschaft Zeta verblieb. Nach dem Balkanfeldzug des Deutschen Reiches und der Kapitulation des Königreichs Jugoslawiens im Jahr 1941 wurde die Herzegowina Teil des Unabhängigen Staates Kroatien. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die gesamte Herzegowina Teil der Sozialistischen Republik Bosnien und Herzegowina innerhalb des nun kommunistischen Jugoslawiens.

Im Balkankonflikt war die Herzegowina einer der Hauptkriegsschauplätze. Vom Süden des Landes aus wurde 1991 Dubrovnik von Truppen der Jugoslawischen Volksarmee (JNA) bombardiert. Als 1992 auch der Bosnienkrieg ausbrach, kam es zu blutigen Zusammenstößen, zuerst nur zwischen Serben auf der einen und Bosniaken und Kroaten auf der anderen Seite. Als jedoch die Kroaten Bosniens und Herzegowinas die Republik Herceg-Bosna ausriefen, kam es auch zu Kämpfen zwischen Bosniaken und Kroaten, wobei es zu sogenannten ethnischen Säuberungen kam. Während dieser Kämpfe wurde die berühmte Alte Brücke von Mostar im Jahre 1993 vermutlich durch kroatische Streitkräfte des HVO zerstört. Mostar wurde seitdem zur geteilten Stadt und die Kommunikation zwischen dem bosniakischen Ost- und dem kroatischen West-Mostar brach fast komplett ab. Bereits 1996 begann die Rekonstruktion der Brücke, die 2004 abgeschlossen wurde.

Erst im Januar 2004 wurde auf Drängen Paddy Ashdowns eine Regelung getroffen, durch die Mostar wieder zu einer einzigen Verwaltungseinheit wurde, allerdings mit Sonderstatus und strengen Schutzbedingungen.

Die Herzegowina ist heute politisch dreigeteilt: Der Osten um Trebinje ist Teil der Republika Srpska. Westen, Mitte und Norden gehören zur Föderation Bosnien-Herzegowina, wobei der Westen den kroatisch geprägten Kanton West-Herzegowina und Norden und Mitte um Mostar den binationalen (bosniakisch-kroatischen) Kanton Herzegowina-Neretva bilden.

Siehe auch

 Portal:Bosnien und Herzegowina – Übersicht zu Wikipedia-Inhalten zum Thema Bosnien und Herzegowina

Einzelnachweise

  1. UNGEWITTER, Franz Heinrich: Die Türkei in der Gegenwart, Zukunft und Vergangenheit, S. 11-12. Erlangen : Verlag von J. J. Palm und Ernst Enke, 1854
  2. Siehe auch http://redah.ba/hr/hercegovina
  3. http://www.fipa.gov.ba - Foreign Investment Promotion Agency of Bosnia and Herzegovina. Die FIPA ist eine staatliche Agentur geschaffen durch den Ministerrat von Bosnien und Herzegowina, mit dem Hauptziel der wirtschaftlichen Förderung von Bosnien und Herzegowina.
  4. http://www.redah.ba - Regionalna razvojna agencija za Hercegovinu. Im Wesentlichen eine nicht gewinnorientierte Organisation zur Förderung der wirtschaftlichen Entwicklung. Von den Bürgermeister der 23 Gemeinden und lokalen Wirtschaftsvertretern gegründet.
  5. Službeni list Narodne republike Bosne i Hercegovine, Broj 11, Godina VIII, vom 5. Mai 1952, 69

Literatur

  • L. von Südland (d. i. Ivo Pilar): Die südslawische Frage und der Weltkrieg : Übersichtliche Darstellung des Gesamt-Problems. Wien : Manzsche K.u.K Hof-, Verlags- und Universitätsbuchhandlung, 1918.
  • Noel Malcolm: Bosnia : A short history. New York : NYU Press, 1996. - ISBN 0-330-41244-2

Weblinks

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Wiktionary Wiktionary: Herzegowina – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

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