Hey Joe


Hey Joe

Hey Joe ist der Titel eines viel gecoverten US-amerikanischen Folksongs, der in der Rockversion von Jimi Hendrix bekannt geworden ist und zu den Rockstandards gehört. In der Fachwelt ist umstritten, wer als Komponist gilt und auf wen das Original zurückgeführt werden kann.

Inhaltsverzeichnis

Urheberschaft

Die Unklarheiten beginnen bereits bei der Entstehung des Werkes. Die Musikfachwelt geht ganz überwiegend davon aus, dass William Moses „Billy“ Roberts als Komponist gilt. William Moses Roberts jr. war ein kalifornischer Folksänger, der für seine vermutlich bereits 1961 entstandene Komposition Hey Joe möglicherweise auf das von seiner Freundin Niela Miller 1955 verfasste Baby, Please Don’t Go Down Town zurückgegriffen hat. Letzterer Titel weist eine ähnliche, wiederkehrende Akkordfolge auf, wurde aber erst 1964 zum US-amerikanischen Copyright angemeldet. Hey Joe indes wurde bereits am 12. Januar 1962 über den Musikverlag Third Story Music urheberrechtlich gesichert, so dass Plagiatsvorwürfe nicht erhoben werden können. Die Musikverlagsrechte werden von Third Story Music (jetzt: Third Palm Music) wahrgenommen, die bei BMI das Urheberrecht für den Komponisten William „Billy“ Roberts mit dem Titel Hey Joe (Where You Wanna Go) haben eintragen lassen[1].

Manchmal wurde in der Frühphase des Songs auf Schallplatten Dino Valenti (richtiger Name: Chester Arthur Powers) angegeben, dem ehemaligen Leadsänger von Quicksilver Messenger Service. Es wird kolportiert, dass Roberts das Urheberrecht an Valenti als Kaution abgetreten hätte, damit Valenti aus einer Gefängnishaft freikommen konnte; danach hat Third Story Music den Song im Oktober 1965 fehlerhaft nochmals für Valenti registrieren lassen[2]. Auf frühen Aufnahmen ist auch der Hinweis „P.D“ (Public Domain) für ein nicht mehr urheberrechtlich geschütztes Werk zu finden.

Original

Leaves - Hey Joe

Genauso umstritten ist, wem das Original zuzuschreiben ist. Bei Coverversionen ist entscheidend, auf wen die zeitlich frühere Studioaufnahme vom Titel zurückgeht. Die erste kommerzielle Studioaufnahme stammt nach mehrheitlicher Literaturmeinung von der Garage Rock-Band The Leaves, die den Song sogar dreimal aufnahm. Hey Joe entstand erstmals im Oktober 1965 unter dem Produzenten Nick Venet, eine zweite Version wurde wohl im Dezember 1966 aufgenommen. Im März 1966 wurde die dritte Fassung mit Fuzztone-Sound (des Gitarristen Bobby Arlin) von Norm Ratner verewigt. Die zweite und dritte Version erschien beim kleinen Plattenlabel Mira (#207 im Dezember 1965 bzw. #222 im April 1966), die zweite weist korrekt auf Third Story Music als Musikverlag hin, listet aber Valenti als Autor auf. Die Leaves waren die ersten Interpreten, die den Titel mit einem Rang 31 in die US-Pop-Charts transportierten.

Möglich ist auch, dass die Surf Rock-Band Surfaris den Titel als erste aufnahm. Einige Quellen datieren die Aufnahmesession auf den 18. März 1966, andere wiederum auf September 1965. Die Single wurde unter dem Titel Hey Joe Where Are you Going auf Decca #31954 als B-Seite von So Get Out im Zeitraum Mai-Juni 1966 veröffentlicht, produziert und arrangiert von Gary Usher.[3]

Frühe Coverversionen

Tim Rose - Hey Joe

Die kalifornische Musikszene griff den Song sehr häufig auf. Die Byrds nahmen ihn am 17. Mai 1966 auf, veröffentlicht am 8. Juli 1966, Love brachte den Titel auf ihrer LP Love heraus (April 1966). Folksänger Tim Rose veröffentlichte den Song als B-Seite seiner im April 1966 erschienenen Single King Lonely the Blue[4]. Rose trat, wie Jimi Hendrix, im New Yorker Café Wha? auf. Die Standells übernahmen den Titel für ihr Album Dirty Water (veröffentlicht im Juli 1966), es folgten die Cryan’ Shames (LP Sugar and Spice; 1966), Shadows of Knight (LP Raw ‘N Alive At the Cellar, Chicago; Dezember 1966) und Music Machine (LP Turn On; Dezember 1966).

Inhalt und Musik

Je nach Version wird nicht der gesamte Text der Originalkomposition wiedergegeben. Die Geschichte basiert auf dem charakteristischen Blues-Konzept und handelt von einem eifersüchtigen Mann, der seine untreue Frau und deren Freund erschießen will, um danach in Mexiko unterzutauchen. Der Interpret übernimmt daher in einem Frage-und-Antwort-Spiel beide Rollen, nämlich die des Ehemannes und die des Kommentators.

Die im Song vorkommende Akkordfolge C-G-D-A-E ist eine simple Anwendung der Quintenzirkel, wo die Akkorde eine so genannte „Akkordprogression“ nach der Quintverwandtschaft bilden. Auf diese Weise gelangt man zu „fremden“ Akkorden innerhalb einer Tonart, die aber dennoch zusammenpassen. Das Stück ist tonartmäßig mehrdeutig, weil die Funktion der Akkorde verschieden gedeutet werden kann. Die Symmetrie zwischen allen Akkorden ist gleich, weil etwa das G als Grundakkord angesehen werden kann, aber auch als Subdominante von D fungieren könnte. Dass Hey Joe in E gehalten ist, kann harmonisch nicht nachvollzogen werden, sondern ist nur von der Hörempfindung erklärbar, weil jeder Durchlauf zur Ruhe kommt, indem das E immer 4 Mal so lange gespielt wird wie die anderen Akkorde. Es könnte auch eine Notation in G vorliegen, weil Soli und Gesangsmelodie aus der G-Dur-Pentatonik zusammengesetzt sind.

Jimi Hendrix-Version

Der ehemalige Bassist der Animals, Chas Chandler, sah den Auftritt des noch unbekannten Bandleaders Jimi Hendrix mit seiner Gruppe Jimmy James & The Flames im Café Wha? des New Yorker Künstlerviertels Greenwich Village am 3. August 1966[5], wo Hendrix seit Juni 1966 auftrat. Hier spielte er bereits Hey Joe, wie sich Chandler erinnerte[6]. Er holte Hendrix am 21. September 1966 ohne Arbeitserlaubnis mit einem 5–Tage-Visum nach London[7]. Hendrix war in den USA seit 15. Oktober 1965 unter Vertrag als musikalische Begleitung von Curtis Knight. Dieser bestätigte, dass Hendrix den Titel Hey Joe nicht von Tim Rose, sondern von den Leaves kannte[8]. Am 12. Oktober 1966 wurde die Jimi Hendrix Experience mit Mitch Mitchell (Schlagzeug) und Noel Redding (Bass) zusammengestellt, die bereits drei Tage später in Londoner Clubs auftraten.

Jimi Hendrix Experience - Hey Joe

Auch Jimmys Gesang übernimmt die beiden stimmlichen Rollen, nämlich sowohl die Stimme von Joe mit der Waffe und die des Kommentators. Sie probierten mit Chandler in drei verschiedenen Londoner Tonstudios. Im zweiten, den Olympic Studios, war man immer noch nicht mit dem Ergebnis zufrieden. Es folgten die De Lane Lea-Studios, deren Aufnahme vom 23. Oktober 1966 für die Single-Version genutzt wurde. Es handelte sich um eine stark verlangsamte Version, deren Tempo die unterschwellige Gewalt zur fühlbaren Qualität erhebt[9].

Auch die erste Plattenfirma griff nicht zu. Track Records war nicht interessiert, Deccas Dick Rowe (der bereits die Beatles ablehnte) fand in Hendrix nichts Besonderes, erst Polydor bot einen Plattenvertrag an. Am 16. Dezember 1966 wurde Hey Joe / Stone Free (B-Seite aufgenommen am 2. November 1966) auf Polydor #56139 veröffentlicht[10]. Am 5. Januar 1967 gelangte die Single in die britischen Charts, wo sie als höchste Platzierung Rang sechs erreichte. Sie verkaufte mehr als 200.000 Exemplare, gehörte somit nicht zu den großen Hits des Jahres 1967.

Hey Joe war die erste Single von Hendrix und wurde zu dessen Erkennungsmelodie. Er präsentierte sie auch am 18. August 1969 als Zugabe und letztem Song des Woodstock-Festivals.

Die Hendrix-Version war die bislang erfolgreichste Fassung und löste eine Welle weiterer Versionen aus. So griff Cher (November 1967) den Song ebenso auf wie die Mothers of Invention (Parodie Flower Punk; März 1968), Deep Purple (September 1968), King Curtis (1968) oder Wilson Pickett (März 1969). 1980 wurde der Song von der ungarischen Bluesband Hobo Blues Band auf dem Album Középeurópai Hobo Blues mit ungarischem Text gecovert. 1997 nahm Tim Rose Hey Joe mit dem Titel Blue Steel 44, welcher im originalen Songtext („I'm gonna buy me a new blue steel 44“) ebenfalls auftaucht, erneut auf (LP Haunted). Die Austro-Metal-Band Drahdiwaberl veröffentlichte auf ihrem Album Sitzpinkler (April 2004) eine Version im österreichischem Dialekt mit dem Titel Heast Franz, welche von einem Amokläufer handelt („Ich hab' eine lange Liste, da steh'n alle Arschlöcher drauf“).

Statistik

In der Fachliteratur wird zuweilen als Ursprung Carl Smiths Country-Hit Hey Joe! vom Juli 1953 erwähnt, der acht Wochen den ersten Rang belegte. Es handelt sich jedoch um eine völlig andere Komposition von Boudleaux Bryant, die außer dem Titel nur das Frage-und-Antwort-Format mit Hey Joe teilt.

Während Coverinfo insgesamt 123 Versionen auflistet,[11] geht Songfacts von über 400 Künstlern aus, Jan Marius inventarisiert sogar über 1.500 Interpreten von Hey Joe.[12] Formal gilt Roberts als Komponist des Songs.[13]

Weblinks

Einzelnachweise

  1. Original-Leadsheet: Words And Music By William Roberts, #702387 January 12, 1962
  2. Michael Hicks, Sixties Rock Garage: Psychedelic, and Other Satisfactions, 2000, S. 44
  3. Michael Hicks, a.a.O., 2000, S. 45 geht davon aus, dass die Surfaris die erste Gruppe war, die Hey Joe aufnahm. Danach entstand deren Version im September 1965, hatten sie jedoch nicht auf ihrem im November 1965 erschienen Folk-Rock-Album It Ain't Me Babe berücksichtigt
  4. er trat mit dieser langsamen Version 1969 im Beat-Club auf, wo eine englische Einblendung ihm fälschlicherweise das Original zuschreibt
  5. während der seit 27. Juli 1966 laufenden letzten US-Tournee der Animals vor ihrer Auflösung. Chandler verließ die Gruppe, um Hendrix zu managen und produzieren
  6. The Independent vom 7. November 2003, ‚Hey, Man, Can You Play This?‘
  7. David Henderson, The Life of Jimi Hendrix: ‚Scuse Me While I Kiss the Sky, 1990, S. 64
  8. The Independent vom 7. November 2003, a.a.O.
  9. Dave Marsh, The Heart of Rock and Soul, 1989, S. 336
  10. David Henderson, a.a.O., S. 72
  11. Coverinfo über Hey Joe
  12. Jan Marius, Covers von Hey Joe
  13. BMI-Eintrag für Hey Joe

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