Homosexualität und Religion


Homosexualität und Religion
Biblischer Prinz Jonathan und David (ca. 1300 n. Chr.). Im Gegensatz zur allgemeinen Tradition in Judentum und Christentum werden die Beiden in einigen historischen Texten als männliche Geliebte beschrieben. So heißt es in dem Buch Leben von Edward II. (ca. 1326 n. Chr.):
„In der Tat erinnere ich mich, gehört zu haben, dass ein Mann so andere liebte. Jonathan geschätzter David, Achilles liebte Patroklos.“

Homosexualität und Religion ist in vielen Religionen ein Diskussionsfeld.

Inhaltsverzeichnis

Abrahamitische Religionen

In allen abrahamitischen Religionen (Judentum, Christentum, Islam und Baha'i) war bis ins zwanzigste Jahrhundert die einzige anerkannte Sichtweise zur Homosexualität die Verurteilung als Sünde bzw. Abscheulichkeit. Neben Geboten in allen heiligen Schriften, die in der Ethik bis dahin so ausgelegt wurden und z.T. noch werden, spielt dabei auch die traditionelle Auslegung des Untergangs von Sodom und Gomorrha eine Rolle, einer Geschichte die in den Schriften aller drei großen monotheistischen Religionen erwähnt wird. In der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts sind in einigen christlichen und jüdischen Traditionen mit der Entwicklung der Sexualwissenschaften und der Lesben- und Schwulenbewegung Neubewertungen dieser Einschätzungen aufgekommen, die innerhalb der jeweiligen Religion kontrovers sind.

Einflüsse in der Geschichte

Religiöse Denkweisen fanden auch Einzug in Gesetzesvorschriften und beeinflussten die Strafbarkeit von Homosexualität sowie die Art der Strafe. Im römischen Reich wurde männliche gleichgeschlechtliche Sexualität nicht immer gut geheißen, aber eine erste allgemeine und deutliche Stafbestimmung kam 326 durch Konstantin dem Großen, der das Christentum förderte. Sie wurde 390 durch Valentinian II. mit genauer Todesstrafe konkretisiert, was 438 auch in den Codex Theodosianus aufgenommen wurde. Kaiser Justinian I. schrieb die schon vorher entstandene Verbindung von männlicher gleichgeschlechtlicher Sexualität mit Sodom und Gomorrha und daraus erwachsenden göttlichen Strafen für die Allgemeinheit, als Begründung in seine Novellen 77 (538 n. Chr.) und 141 (559 n. Chr.) zum Corpus iuris civilis, wobei er in letzterer betont, dass er durch die heilige Schrift belehrt wurde.

Auf dem Konzil von Nablus wurde 1120 der unkeusche Lebenswandel der Gläubigen für Naturkatastrophen und Sarazeneneinfälle verantwortlich gemacht und für homosexuelle Akte der Flammentod gefordert. Auch eines der ersten mittelalterlichen staatlichen Gesetzesbücher, die 1256 erlassenen und 1501 zum Landrecht gewordenen Las Siete Partidas („Sieben Gesetzbücher“) von Alfonso X. von Kastilien verweisen explizit auf Sodom und Gomorrha. Die „Sünden wider die Natur“ seien nicht nur eine Gefahr für den Einzelnen, sondern eine Gefahr für das gesamte Land, da Gott als Strafe Hunger, Pest, Unwetter „und unzählbare andere Übel“ über das Land schickt.[1] In der Republik Venedig fürchteten die Herrschenden im 15. Jahrhundert das gleichgeschlechtliche Treiben der Matrosen, da dies ihrer Ansicht nach von Gott mit dem Untergang der Schiffe oder Überflutungskatastrophen geahndet wurde.[2]

Heutige Stellungnahmen

Verantwortung für konkrete Katastrophen

Verschiedentlich wurden über die Jahrhunderte Unzucht und insbesondere gleichgeschlechtliche männliche Sexualität für diverse Katastrophen verantwortlich gemacht. Auch heute geschieht dies quer durch die meisten abrahamitischen Religionen hinweg. Das Seebeben im Indischen Ozean 2004 und der darauffolgende Tsunami (etwa 230.000 Todesopfer) wurden etwa von Scheich Fawzan Al-Fawzan von der Al-Imam Al-Ouzai University in Beirut als Strafe für die Unmoral bewertet[3], wie auch von einigen anderen. (In Patong Beach auf Phuket waren gerade mal zwei Szeneadressen am Meer betroffen. Das Szenezentrum im Paradise-Komplex blieb verschont.[4]) Gerhard Maria Wagner, römisch-katholischer Pfarrer in Windischgarsten der 2009 fast Weihbischof in Bistum Linz wurde,[5] stellte in seinem Pfarrbrief als Grund für den Hurrikan Katrina 2005 in New Orleans (etwa 1.800 Todesopfer) „geistige Umweltverschmutzung“ in den Raum und verwies unter anderem darauf, dass 2 Tage später im French Quarter ein Gay Pride stattfinden hätte sollen.[6][7] Schärfer äußerten sich der protestantische Prediger John Hagee[8], Michael Marcavage von Repent America[9], der baptistische Fernsehprediger und adventistische Anhänger Pat Robertson[10] und so einige andere. (Das French Quarter war wenig betroffen und als Aufmunterung für die wenigen Leute vor Ort gab es einen Ersatz-Mini-Pride mit Musik.[11]) Als 2005 der World Pride in Jerusalem stattfinden sollte kam es zu einer ungewöhnlichen Pressekonferenz von hohen Vertretern aller drei Glaubensrichtungen. In den Pressemeldungen wurde erwähnt, dass dort Torkom Manoogian, armenischer Patriarch von Jerusalem, und sein Pressesprecher, Bischof Aris Scherevian, auf das Schicksal Sodoms verwiesen, Scheich Abdel Aziz Bukhari und Scheich Abed es-Salem Menasra warnten direkt davor, dass Gott Jerusalem bestrafen werde, wenn die Parade stattfinden würde und Rabbi Yehuda Levin aus New York City, von der Rabbinical Alliance of America fragte ob man wirklich so verrückt sei Gott wieder provozieren zu wollen.[12][13][14][15][16] Der World Pride wurde aus organisatorischen Gründen auf das nächste Jahr verschoben. Kurz vor dem geplanten Termin brach der Libanonkrieg 2006 aus und Rabbi Mosche Sternbuch, Vorsitzender der Edah HaChareidis und Richter des dortigen Beth Din, machte den World Pride für den Waffengang verantwortlich, da er den Zorn der Muslime geweckt habe.[17] Einen Monat vor dem endgültigen Termin im November sagte er bei einer Demonstration gegen den Pride: „Wir haben im Libanon nicht unsere Ziele erreicht, weil im Heiligen Land Unzüchtigkeit und sexuelle Freizügigkeit um sich greift.“ Der ebenfalls anwesende Ovadja Josef, ehemaliger sephardischer Großrabbiner des Staates Israel und spirituelles Oberhaupt der Schas-Bewegung, bezeichnete die Pride-Teilnehmer als Amalekiter.[18] Nach der Flutkatastrophe in Großbritannien im Juni 2007 (mindestens 3 Todesopfer) sagte Graham Dow, anglikanischer Bischof von Carlisle, dass es zukünftig mehr Naturkatastrophen geben würde, da jede Art von Lebensstil als legitim angesehen wird und Gott dies nicht gefalle. Explizit sprach er die Einführung von eingetragenen Partnerschaften und die Antidiskriminierungsgesetzgebung an.[19] James Jones, anglikanischer Bischof von Liverpool sprach mehrdeutiger davon, dass die Menschen Naturkatastrophen nicht mehr als Strafe Gottes ansehen und das verdorbene Leben der Menschen Konsequenzen haben wird. Ein dritter Bischof bezog sich dagegen eindeutiger auf die Natur.[20] Im Februar 2008 wurde Israel von zwei Erdbeben erschüttert (keine Todesopfer). Shlomo Benizri, Abgeordneter der Schas-Partei in der Knesset und ehemaliger Sozialminister, deutete sie als Warnung an das israelische Parlament, weil es mehr Rechte für Schwule und Lesben beschlossen hatte.[21] Die einzige Möglichkeit weitere Erdbeben zu verhindern sei die Gesetze wieder rückgängig zu machen.[22]

Zeichen für allgemeine Dekadenz und Zivilisationsuntergang

Ähnlich wird von vielen der von Konservativen beschworene „Untergang des Abendlandes“, des Unterganges der christlichen Kultur, des Untergangs der aktuellen Kultur, unter anderem durch die öffentliche Akzeptanz und Nicht-Verurteilung eines gewissen Bevölkerungsanteils Homosexueller bewertet. Hier bestehen starke Ähnlichkeiten mit Ansichten der neuen Rechten.[23] Die nun katholische Gabriele Kuby sieht als vielleicht das sicherste Zeichen für den Untergang einer Zivilisation die sittliche Verwahrlosung. Als ein Indiz für den Untergang einer Kultur sieht sie die öffentliche Gutheißung der Homosexualität. Frühere Hochkulturen wurden dann ihrer Meinung nach von jungen, kraftvollen Völkern abgelöst.[24] Sally Kern, Mitglied des Oklahoma House of Representatives und Ehefrau eines Baptistischen Pastors, sagte im März 2008: „Die homosexuelle Agenda zerstört dieses Land, das ist einfach eine Tatsache. […] Studien zeigen, dass keine Gesellschaft, die Homosexualität vollständig angenommen hat, mehr als ein paar Jahrzehnte überdauert hat. Also ist es der Todesstoß für unser Land.“ Sie denkt es sei eine größere Gefahr als Terrorismus und Islam.[25] In der Stellungnahme der Österreichischen Bischofskonferenz zum rudimentären Entwurf eines Lebenspartnerschaftsgesetzes hieß es im Mai 2008 ohne nähere Angaben: „Die Geschichte lehrt uns mehrfach, dass Gesellschaften, welche diesen Schutz von Ehe und Familie vernachlässigt haben, und zwar zugunsten einer permissiven Haltung zu allen Möglichkeiten menschlichen Zusammenlebens, auch in sexueller Hinsicht, dies mit ihrem Untergang bezahlen mussten.“[26] Aus der Sicht der Muslime wird dies vor allem unter der Sichtweise „Der Untergang des dekadenten Westen“ beschrieben. In vielen muslimischen Ländern steht Homosexualität unter Strafe, Todesstrafe für homosexuelle Sexualkontakte gibt es heute nur in muslimischen Ländern.

Christentum

siehe Hauptartikel: Homosexualität und Christentum

Zur Homosexualität gibt es innerhalb des Christentums keine einheitliche Meinung. Die meisten Kirchen lehnen Homosexualität ab und erwarten von Lesben und Schwulen ein enthaltsames Leben. Inzwischen gibt es jedoch einige Kirchen, die sich neutral bis tolerant und akzeptierend gegenüber Homosexualität positionieren.

Islam

Siehe Hauptartikel: Homosexualität im Islam

Der Koran fordert nach konservativer Auslegung die Bestrafung von Homosexualität. Demgegenüber gibt es seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts im Islam islamische Organisationen und Einzelpersonen, die eine befürwortende Haltung gegenüber Homosexualität vertreten: zu nennen ist beispielsweise die Al-Fatiha Foundation.[27]

Judentum

Siehe auch: Homosexualität in Israel

Im Judentum gibt es je nach Richtung sehr unterschiedliche Einstellungen zur Homosexualität.[28]

Orthodoxes Judentum

Während das orthodoxe Judentum einmütig jede homosexuelle sexuelle Aktivität ablehnt, sind die Wertungen bezüglich ihrem halachischen Status und bezüglich homosexueller Orientierung unterschiedlich.[29]

Im Talmud wird jeder Geschlechtsverkehr außerhalb der Ehe, einschließlich Masturbation, absolut als Sünde gesehen, wobei allerdings bezüglich Schwere der Sünde stark differenziert wird. Lesbentum wird als weniger schwere Sünde angesehen als männliche Homosexualität, da aus talmudischer Sicht die Familiengründung dadurch weniger gefährdet wird. Bei männlicher Homosexualität wird aktiver und passiver Analverkehr aufgrund des direkten Verbots in der Torah als schwerere Sünde gesehen als andere sexuelle Aktivitäten. Auch der Schulchan Aruch bekräftigt klar das Verbot männlicher und auch weiblicher homosexueller Handlungen. Praktizierte Homosexualität wird als Verstoß gegen die noachitischen Gebote – insbesondere das Gebot der Fruchtbarkeit[30] – gesehen, das Verbot von Homosexualität betrifft aus orthodoxer jüdischer Sicht also auch Nichtjuden.[31]

Im orthodoxen Judentum gilt für alle Menschen eine Heiratspflicht. Auch von Menschen mit homosexueller Veranlagung wird eine heterosexuelle Lebensweise erwartet. Allerdings sind viele Ehen arrangiert, wodurch der Druck bezüglich einer romantischen Anziehung weg fällt. Homosexuelle Handlungen werden als Sünde angesehen, aber nicht prinzipiell anders gewertet als beispielsweise Verstöße gegen das Sabbatgebot.[28]

Der Rabbinical Council of America, die Dachorganisation der amerikanischen orthodoxen Juden und weltweit größte Vereinigung orthodoxer Juden, lehnt homosexuelle Ehen entschieden ab und ruft gleichzeitig dazu auf, Menschen mit Mitgefühl, Sensibilität und Verständnis zu begegnen, die die orthodoxen Prinzipien bejahen, aber Schwierigkeiten haben, nach diesen Standards zu leben. Rabbinern wird geraten, solche Leute an Therapeuten zu verweisen, die im Rahmen der orthodoxen Lehre arbeiten.[32] Die Ex-Gay Organisation JONAH, die sich speziell an Juden wendet, wird vom Rabbinical Council ausdrücklich unterstützt.[33]

Nichtorthodoxes Judentum

Da nichtorthodoxe Formen des Judentums ein anderes Verständnis religiöser Pflichten haben, wird Homosexualität dort meist akzeptiert oder aktiv willkommen geheißen.

Liberale oder rekonstruktionistische Gemeinden stehen Homosexualität und homosexuellen Menschen positiv gegenüber und ermöglichen die Segnung gleichgeschlechtlicher Paare. Es gibt bereits eine erste Generation lesbischer Rabbinerinnen.[34]

Die Haltung im konservativen Judentum ist geteilt.

Eine liberale Gemeinschaft schwuler, lesbischer und bisexueller Jüdinnen und Juden in Deutschland besteht unter dem Namen Yachad (hebräisch יחד für gemeinsam). Das Pendant dazu in Israel ist AGUDAH (Verband zum Schutze der Rechte des Einzelnen)(hebr.: אגודה; der Verband).

Andere Religionen

Buddhismus

Noch mehr als bei anderen Religionen ist die Haltung des Buddhismus zur Homosexualität ein sehr komplexes Thema. Es wäre einerseits falsch, von einer Ablehnung der Homosexualität zu sprechen, andererseits wäre die Aussage irreführend, dass der Buddhismus Homosexualität offenherzig begrüßen würde. Im Buddhismus gibt es viele Richtungen und Schulen, so dass es auch unterschiedliche Sichtweisen der Homosexualität gibt.

Buddhisten setzen sich nicht mit der Frage nach „richtig“ und „falsch“ auseinander, so dass ein Buddhist kaum je anderen sagen würde, wie sie sich verhalten sollen. Buddha ermutigte vielmehr die Menschen, in ihr Inneres zu sehen und für sich selbst eine Wahrheit zu finden – selbst wenn dies bedeutete, dass sie seine Lehren nicht beachten – und daran ihr eigenes Leben auszurichten:

„Glaube nicht an irgendetwas einfach nur, weil du es gehört hast. Glaube nicht an irgendetwas einfach nur, weil viele darüber sprechen. Glaube nicht an irgendetwas einfach nur, weil du es in einem religiösen Buch geschrieben fandest. Glaube nicht an irgendetwas nur wegen der Autorität deiner Lehrer und der Alten. Glaube nicht an Traditionen, weil sie über viele Generationen überliefert worden sind. Wenn du aber beobachtet und analysiert hast, wenn du zu der Auffassung gelangt bist, dass etwas vernünftig ist und zum Guten hinführt und dem einzelnen und der Allgemeinheit nützt, dann akzeptiere es und lebe dementsprechend.“

Buddha lehrte die große Bedeutung des Mitgefühls für alle lebenden Wesen und alle Menschen, ohne Rücksicht darauf, um wen es geht und was derjenige getan hat. Keine Handlung wird jemals als „gut“ oder „böse“ bezeichnet; vielmehr werden die Absicht und die Auswirkung im Gesamtzusammenhang betrachtet. Im Zen-Buddhismus gibt es beispielsweise sogar Berichte von Lehrern, die ihre Schüler durch unerwartetes oder gar aggressives Verhalten verwirrt haben – allein zum Zweck, ihnen zur Erleuchtung zu verhelfen.

In den meisten buddhistischen Klöstern gibt es jedoch verbindliche Vorschriften hinsichtlich des sexuellen Verhaltens. Nach buddhistischen Vorstellungen führt Begehrlichkeit zum Leiden und soll deswegen überwunden werden. Dies gilt auch für das sexuelle Begehren, unabhängig davon, auf welches Geschlecht es sich richtet. Mönche versuchen deswegen, von sexueller Begierde frei zu kommen, um Körper und Geist rein zu halten. Die sexuelle Orientierung eines Menschen ändert sich nicht nachdem ein Keuschheitsversprechen gegeben wurde. Die Verpflichtung zur Enthaltsamkeit gilt für buddhistische Mönche und Nonnen mit jeder sexuellen Orientierung.

Die grundsätzliche Forderung der Reinhaltung von Körper und Geist gilt zwar auch für Laien, doch wird daraus offenbar nicht die Forderung nach Enthaltsamkeit abgeleitet.

Der US-amerikanische Schriftsteller und Poet Allen Ginsberg bekam auf die Frage an seinen buddhistischen Lehrer, den bekannten tibetischen Meditationslehrer Chögyam Trungpa, nach seiner Einschätzung der Homosexualität gefragt, sinngemäß diese Antwort: Es geht zwischen Menschen nicht um die Form ihres Körpers sondern um die Form ihrer Beziehung.

Hinduismus und Vedismus

Das kulturelle Erbe Indiens beruht, auch wenn heutzutage Buddhismus, Islam und Christentum erheblichen Einfluss haben, in weiten Teilen auf den vedischen Sanskrit-Schriften. Die dort gezeichnete reine vedische Gesellschaft akzeptiert das Vorhandensein von Nicht-Heterosexualität ausdrücklich und weist diesem Teil der Bevölkerung besondere Aufgaben und Funktionen innerhalb der Gesellschaft zu. Erst moslemische und christliche Einflüsse, sowie eine generelle Degeneration des Schriften-Verständnisses (sichtbar zum Beispiel in der Fehlauslegung der Kasten-Idee), haben zu einer ähnlich homophoben Situation geführt wie in Ländern des Nahen Ostens. Heutzutage beginnt sich die Gesellschaft langsam zu öffnen, in weiten Teilen sind homosexuelle Menschen jedoch mit Partnern des anderen Geschlechts verheiratet und können aufgrund des sozialen Drucks nicht aus diesen Beziehungen ausbrechen. Sie leben deshalb ihre Neigung versteckt und im Heimlichen aus, oder unterdrücken diesen Teil ihrer Persönlichkeit.

Nach kurzer Recherche trifft man im hinduistischen Kulturkreis auf den Begriff des tritiya-prakriti, womit das Dritte Geschlecht gemeint ist. Vorschnell werden darunter Eunuchen verstanden, eine kleine, aber sehr auffällige Bevölkerungsgruppe Indiens (die Hijras), deren Mitglieder in Frauenkleidern gekleidet zu Anlässen wie Hochzeiten und Kindsgeburten gerufen werden (oder auch ungefragt kommen), Segnungen geben und dafür Spenden fordern. Sie sind auch in Zügen anzutreffen, wo sie durch die Abteile gehen und einen Beitrag der Fahrgäste einfordern. An der Situation der Hijras lässt sich der Abstieg der indischen Gesellschaft beobachten, was die Behandlung von Nicht-Heterosexuellen angeht, denn die Eunuchen, die man äußerlich den Transsexuellen und Transvestiten zuordnen kann, wurden früher in Höfen und Palästen angestellt und waren in den Künsten beschäftigt. Ihr gesellschaftliches Ansehen war hoch, ihre Stellung etabliert. Vor allem durch den viktorianischen Einfluss in der Kolonialzeit wurde eine Umdeutung des Begriffes des Dritten Geschlechts vorgenommen, indem er auf die kleine Gruppe der Eunuchen eingegrenzt wurde und eine pejorative Bedeutung erhielt. Der Grund dafür war, die natürliche Akzeptanz von Homosexualität der vedischen Kultur zu beenden und diese auch begrifflich aus dem Bereich des gesellschaftlich Anerkannten zu verbannen. Geblieben von der ehemaligen Achtung vor dem Dritten Geschlecht ist die Angst der indischen Bevölkerung vor den Flüchen der Hijras. Da die Mitglieder des Dritten Geschlechts zum nichtreproduktiven Teil (den napumsakas) der Bevölkerung gehören und deshalb weniger in materielle Tätigkeiten eingebunden sind, wird ihnen eine grundlegende Nähe zu künstlerischen und spirituellen Tätigkeiten nachgesagt. In diesem Sinne werden sie als „halbheilig“ betrachtet und es herrscht gesellschaftlicher Konsens darüber, dass ihre Segnungen wirksame Kraft besitzen, genauso wie ihre Flüche jedoch. Sie sind deshalb auch immer noch gern gesehene Gäste bei feierlichen Anlässen, wo sie singen und ihre Segnungen aussprechen. Durch den Abstieg innerhalb der indischen Gesellschaft sind sie allerdings gezwungen, ihre Flüche in öffentlichen Plätzen wie in Zügen anzudrohen, um überhaupt überleben zu können.

Ursprünglich jedoch wurde der Begriff des tritiya prakriti (Drittes Geschlecht) in einer weiten Definition auf alle nichtrepoduktiven Gruppen der Bevölkerung angewandt, also auf Bisexuelle, Homosexuelle, Transsexuelle, Intersexuelle und auch Asexuelle. Im Kamasutra ist eine Reihe von Typisierungen und Kategorisierungen der verschiedenen Gruppen des Dritten Geschlechts zu finden, die minutiös die physischen und psychologischen Merkmale der verschiedenen „napumsakas“ beschreiben, inklusive einer Verortung in bestimmte Berufsgruppen. Interessanterweise lassen sich dort auch Analysen von Intersexualität finden, einem Tabu-Thema unserer modernen Gesellschaft, das auch bei uns erst seit den 1980er Jahren wissenschaftlich untersucht wird.

Was die Homosexualität im Speziellen angeht, so werden sowohl die männlichen Mitglieder dieser Gruppe als auch die weiblichen beschrieben und nach charakterlichen Merkmalen unterschieden. Sie erhalten durch die Erwähnung in den Schriften einen festen Platz innerhalb der Gesellschaft. Zum Beispiel wird das Friseur- und Barbierhandwerk als eine natürliche Beschäftigung für homosexuelle Männer beschrieben, während lesbischen Frauen (die savarinis) das Recht gegeben wurde, aus dem vorherrschenden Paradigma, dass Frauen unter der Obhut eine Mannes zu leben haben, auszubrechen und ihren Lebensunterhalt selbst verdienen durften. In größeren Städten gab es spezielle Viertel, die der Gemeinschaft des Dritten Geschlechts vorbehalten waren und wo sie wie in einer Art Parallelgesellschaft lebten. Viele Regeln wurde auf sie nicht in der gleiche Weise angewandt wie auf Heterosexuelle; so verurteilt beispielsweise die traditionelle Rechtsgrundlage Indiens, die Manu-Samhita, den Ehebruch bei Heterosexuellen wesentlich strenger, als sexuelle Vergehen im Bereich der Homosexualität. Gurus (spirituelle Lehrer und Lehrer im Allgemeinen) erkannten die Zugehörigkeit zum Dritten Geschlecht in Laufe der Kindheit und Jugend ihrer Schüler und stellten sich in der Erziehung und Ausbildung darauf ein. Da nach der vedischen Astrologie die Planetenkonstellationen, die für Zugehörigkeit zum Dritten Geschlecht stehen, auch auf spirituelle Fähigkeiten hindeuten, wurden diese Schüler oft als Priester ausgebildet und eingesetzt, vorausgesetzt, sie konnten und wollten im Zölibat leben.

Anzumerken bleibt, dass auch spirituelle Gruppen aus dem Bereich der neuen religiösen Bewegungen, die ab den 60er und 70er Jahren in Amerika und Europa ihre Verbreitung begannen und indische Spiritualität außerhalb des indischen Subkontinents, teilweise losgelöst von dort herrschenden kulturellen Traditionen (wie dem Kasten-System), präsentieren, sich nicht oder nur sehr schwer von homophoben Ansichten trennen können. Die Ironie liegt dabei in der Tatsache, dass sie sich in einigen Fällen auf die Weisheit der vedischen Schriften berufen, jedoch im Bereich der Homosexualität genau die Vorurteile weiter verbreiten, die durch christliche und fremde Einflüsse die ursprüngliche Toleranz und Akzeptanz jeglicher sexueller Orientierung der Veden verdrängt haben. Festzuhalten bleibt jedoch auch, dass in den hinduistischen spirituellen Wegen im Allgemeinen jegliche sexuelle Aktivität als ein materieller Wunsch angesehen wird, den es gilt, durch spirituelle Reinheit zu ersetzen. Promiskuität und die Zurschaustellung von Sexualität, wie es heutzutage im westlichen Kulturkreis geschieht, war und ist im Falle jeglicher sexuellen Orientierung im Allgemeinen verpönt.

Siehe auch: Homosexualität in Indien

Indigene und indianische Kulturen

In indigenen und indianischen Kulturen existiert das Konzept „Homosexualität“ nicht. Homosexuelle Riten waren in manchen Richtungen des Schamanismus üblich; in Papua-Neuguinea gibt es Stämme, bei denen Übereinkünfte durch homosexuelle Handlungen bekräftigt werden. Die beteiligten Männer führten jedoch im Alltag heterosexuelle Ehen.[35] Die vielen Stammeskulturen der Papuas unterscheiden sich jedoch stark voneinander, andere Stämme kennen andere Riten ohne homosexuelle Komponenten.

Bei manchen nordamerikanischen Indianer-Stämmen sind Homosexuelle als Two-Spirits bekannt und waren vor der Beeinflussung durch europäische Missionare in den Gemeinschaften anerkannt. Allerdings ging ihr indigener Glaube von einer strengen geschlechtlichen Polarität der Welt aus, so dass Homosexuelle ihre Geschlechtsrolle vollständig zu wechseln hatten, also Schwule in Frauenkleidern als Frauen, und Lesben in Männerkleidung als Männer zu leben hatten. Auch zwischen den verschiedenen Indianerstämmen sind die kulturellen Unterschiede aber erheblich und waren vor Ankunft der Weißen noch größer als heute, so dass eine allgemeine Aussage nicht möglich ist.

In Afrika zeugen noch zahlreiche Begriffe, die Homosexualität/Homosexuelle bezeichnen, von einer einstmals reichen gleichgeschlechtlichen Tradition. Heute überwiegt jedoch klar die Ablehnung.

Statistik: Akzeptanz unter Glaubensrichtungen in den USA

Glaubensrichtung
Ja
Nein
Anderes
kA
Gesamt Anteil
Total 50 40 5 5 100 99,2
Evangelikale Kirchen 26 64 5 5 100 26,3
Mainline Church 56 34 6 5 100 18,1
historisch schwarze Kirchen 39 46 6 8 100 6,9
Römisch-Katholisch 58 30 5 7 100 23,9
Mormonen 24 68 5 3 100 1,7
Orthodoxe Kirchen 48 37 7 8 100 0,6
Zeugen Jehovas 12 76 6 5 100 0,7
Andere Christen 69 20 6 5 100 0,3
Juden 79 15 3 3 100 1,7
Muslime 27 61 5 7 100 0,6
Buddhisten 82 12 2 4 100 0,7
Hindus 48 37 3 11 100 0,4
Andere Glaubensrichtungen 84 8 4 3 100 1,2
Ungebunden 71 20 5 5 100 16,1

Die gestellte Frage lautete: „Welche Aussage entspricht am ehesten ihrer persönlichen Sichtweise?“

Spalte Bedeutung
Ja Homosexualität ist eine Lebensweise, welche von der Gesellschaft akzeptiert werden sollte.
Nein Homosexualität ist eine Lebensweise, welche von der Gesellschaft entmutigt (discouraged) werden sollte.
Anderes Keines / Beides / spontane Antworten ausserhalb der Vorgaben
kA Keine Antwort / „weiß nicht“
Anteil Bevölkerungsanteil der betreffenden religiösen Tradition

Die Ergebnisse in Prozent geben nicht die Einstellung der religiösen Führer/Vordenker wieder, sondern jene der individuellen Gläubigen.
Die Daten stammen einer Studie des Pew Forums on Religion and Public Life. In der U.S. Religious Landscape Survey wurden 35.556 zufällig ausgewählte Erwachsene per Telephoninterview zwischen 8. Mai und 13. August 2007 in Englisch und Spanisch befragt. Daten von weiteren 1.050 Personen stammen aus einer zwischen 24. Januar und 30. April 2007 durchgeführten Umfrage des Pew Research Center bei erwachsenen amerikanischen Muslimen in den Sprachen Arabisch, Farsi und Urdu.[36] (Flash-Balkengrafik bei USA-Today (Punkt 2))


Siehe auch

Referenzen

  1. Alfonso X: Las Siete Partidas - Setena partida - Título XXI: ‘De los que facen pecado de luxuria contra natura’ in: Samuel Parsons Scott (Übers.), Robert Ignatius Burns (Hrsg.), Alfonso X.: Las Siete Partidas: Underworlds: The Dead, the Criminal, and the Marginalized (Partidas VI and VII), University of Pennsylvania Press, 2001, ISBN 0-8122-1742-X, S. 1427
  2. Bernd-Ulrich Hergemöller: Sodomiter im Mittelalter. Fallstudien aus Kriminalakten - Vortrag vor den Schwullesbischen Studien Bremen, 12. Januar 1998
  3. Prof.: Homos schuld an Tsunami, queer.de, 5. Januar 2005
  4. Phuket: Die schwule Szene hilft, 8. Januar 2005
  5. Gerhard Wagner wird nicht Weihbischof von Linz, kath.net, 15. Februar 2009
  6. Hurrikan und Tsunami als Strafe Gottes?, religion.orf.at, 1. Dezember 2005
  7. Was Pfarrer Gerhard Maria Wagner wirklich sagte, kath.net, 2. Dezember 2005
  8. McCain verteidigt Ablehnung der Homo-Ehe, queer.de, 23. Mai 2008
  9. Vorwurf: Homos schuld an Katrina, queer.de, 1. September 2005
  10. Rafaela von Bredow, Johann Grolle: Ein Gott der Angst. In: Der Spiegel. Nr. 37, 2007, S. 160 (10. September 2007, online).
  11. Mini-CSD in New Orleans, 5. September 2005
  12. Religionsführer gegen Homosexuellen-Treffen in Jerusalem, religion.orf.at, 31. März 2005
  13. Sodom & Gomorrah, bigbalagan.typepad.com, 31. März 2005
  14. Laurie Goodstein and Greg Myre: Clerics Fighting a Gay Festival for Jerusalem, New York Times, 31. März 2005
  15. Brennpunkt Jerusalem – Widerstand gegen Gay Parade, israelheute.com, 10. Mai 2005
  16. World Pride 2005: Eklat bei Pressekonferenz, report-k.de, 2005, Abruf: 2. Oktober 2008
  17. Jerusalem: CSD-Parade abgesagt, queer.de, 22. Juli 2006
  18. Jerusalem: Wütender Protest gegen CSD, queer.de, 19. Oktober 2006
  19. Bischof: Homos schuld an Hochwasser, queer.de, 2. Juli 2007
  20. Floods are judgment on society, say bishops, telegraph.co.uk, 2. Juli 2007
  21. Israeli MP blames quakes on gays, news.bbc.co.uk, 20. Februar 2008
  22. Politiker: Homos schuld an Erdbeben, queer.de, 21. Februar 2008
  23. Guillaume Faye: Wofür wir kämpfen – Die suizidäre Umkehrung der Werte, Auszug eines Vortrages beim Deutschen Kongress der Gesellschaft für freie Publizistik 2008, bei Nationaldemokratische Partei Deutschlands
  24. Gabriele Kuby: Von der Hoffnung, die uns trägt., Eröffnungsvortrag bei der Theologischen Sommerakademie in Dießen am 11. September 2002, in: Initiativkreis katholischer Laien und Priester in der Diözese Augsburg e. V., Gerhard Stumpf (Hrsg.) In Erwartung des ewigen Lebens – Theologische Sommerakademie Dießen 2002, Eigenverlag: Initiativkreis, ISBN 3-9808068-1-2, S. 11 (PDF S. 12).
  25. EMPÖRUNG IN DEN USA – Republikanerin findet Schwule gefährlicher als Terroristen, spiegel.de, 15. März 2008
  26. 5/SN-189/ME (XXIII. GP) – Stellungnahme (Österreichische Öischofskonferenz – Generalsekretariat), 21. Mai 2008
  27. Al-Fatiha Foundation
  28. a b Jeffrey Satinover, Homosexuality and Judaism, S. 210-220 in Homosexuality and the Politics of Truth, 1996, ISBN 0-8010-5625-X.
  29. Uri C. Cohen: Bibliography of contemporary orthodox responses to homosexuality, 18. Dezember 2002
  30. (s. a. http://www.hagalil.com/yachad/homosexual.htm)
  31. Barry Freundel, Homosexuality and Judaism, Journal of Halacha and Contemporary Society, Volume XI – 1986
  32. Rabbinical Council of America: Statement opposing the practice of same-sex marriage, 30. März 2004
  33. Letter of Support from Rabbinical Council of America, Januar 2004
  34. Rebecca T. Alpert (Herausgeber), Ellen Sue Levi Elwell (Herausgeber), Shirley Idelson (Herausgeber); Lesbian Rabbis: The First Generation; Verlag: Rutgers University Press (August 2001) ISBN 0-8135-2916-6 (s. a. die Rezension hierüber auf http://glbt-news.israel-live.de/buecher/buecher.htm).
  35. Bruce Bagemihl: Biological Exuberance: Animal Homosexuality and Natural Diversity, St. Martin’s Press, 1999.
  36. Religious Landscape Study (RLS) - Final Topline - May 8 - August 13, 2007, Pew Forums on Religion and Public Life, 11. September 2008 (U.S. Religious Landscape Survey (Webseite)

Literatur

Weblinks

Originaltexte


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