Inkunabeln


Inkunabeln
Valerius Maximus, gedruckt in Mainz von Peter Schöffer, 18. Juli 1471

Als Inkunabeln oder Wiegendrucke (von lat. n. Pl. incunabula „Windeln, Wiege“) bezeichnet man in der Buchwissenschaft die gedruckten Schriften aus der Frühzeit des Buchdrucks, die bis zum 31. Dezember 1500 hergestellt wurden. Insgesamt gibt es etwa 29.000 verschiedene Wiegendrucke; sie sind nach Schätzungen vermutlich in einer Gesamtzahl von rund einer halben Million Exemplaren erhalten.

Inhaltsverzeichnis

Zum Begriff

Die metaphorische Bezeichnung Inkunabel für ein Druckwerk weist auf die Frühzeit des Buchdrucks hin, als ein Druckwerk und seine Herstellung noch gleichsam in der Wiege oder in den Windeln lagen. Nachgewiesen ist der Begriff erstmalig in der zwischen 1640 und 1657 entstandenen handschriftlichen Bibliografie Antiquarum impressionum a primaeva artis typographicae origine et inventione ad usque annum secularem MD deductio des Bernhard von Mallinckrodt. Der deutschen Bezeichnung Wiegendruck werden im Grimm'schen Wörterbuch zwei weitere Bücherverzeichnisse aus dem 17. Jahrhundert als Quelle zugeschrieben.[1] Im frühen 19. Jahrhundert wurde der Begriff zunächst von Sammlern, später auch von den Forschern als Fachterminus eingeführt und ist heute international (in einigen Sprachen auch in der lateinischen Fassung) in der Buchwissenschaft und in der Inkunabelforschung etabliert.

Die Beschränkung, nur bis zum 31. Dezember 1500 erschienene Druckwerke als Inkunabeln zu bezeichnen, ist eine auf älteren Verzeichnissen basierende Konvention der Buch- und Bibliothekswissenschaft des 20. Jahrhunderts, um eine Übersicht über die Bestände zu gewährleisten. Völlig willkürlich ist diese Übereinkunft indes nicht, denn im ersten Jahrzehnt des 16. Jahrhunderts gewannen Typografie und Satz deutlich an technischer Raffinesse, auch wenn in dieser Zeit noch zahlreiche Drucke hergestellt wurden, die das Erscheinungsbild früherer Dekaden aufwiesen.

Die Hälfte eines als Doppelseite angefertigten Drucks aus einem Blockbuch: Biblia Pauperum, 15. Jh. (National Gallery of Art, Washington)

Vorläufer

Seit 1400 waren Hochdruckverfahren in Deutschland bekannt; die von Hand betriebene Druckerpresse für den Druck z. B. von Spielkarten und Einblattdrucken existierte Mitte des 15. Jahrhunderts bereits. Es entstanden Blockbücher, in denen die Doppelseiten komplett mit Bild und Text aus dem jeweiligen Druckstock geschnitten wurden und die einseitig bedruckten Blätter hernach, in der Mitte gefalzt, zum Umblättern gegeneinander gelegt und zusammengeheftet werden konnten. Auf Blockbuchseiten herrschten die Bilder vor; der Negativ-Schnitt der Buchstaben war schwierig, meistens wurde der Text mit der Hand eingefügt. Der Druckstock aus Holz erlaubte nur eine vergleichsweise geringe Auflage.[2]

Aus China und Korea waren im Mittelalter mit dem Weg über den arabischsprachigen Raum Textbücher auch nach Europa gelangt, die mit Einzelzeichen aus Ton gedruckt worden waren, ein Verfahren, das allerdings sehr dünnes Papier erforderte und nur den einseitigen Druck erlaubt hatte. Nachdem die Papierherstellung in Europa im 14. Jahrhundert ihren Siegeszug angetreten und begonnen hatte, das teure Pergament unaufhaltsam zu verdrängen, hatte sie damit auch der technischen Vervielfältigung die Basis geliefert. Die Leistung von Johannes Gutenberg, der als Erfinder des Buchdrucks in Europa gilt, bestand in der Entwicklung eines Handgießinstruments und einer Legierung zur Produktion von einzelnen Lettern aus Metall. 1453 beendete er den Druck einer nach der Anzahl der Zeilen pro Seite so genannten 42-zeiligen lateinischen Bibel, der „B42“ oder Gutenberg-Bibel; finanziell erfolgreich verwerten konnte er seine Erfindung allerdings noch nicht.[3]

Entwicklung

Peter Schöffer, der Gutenberg beim Druck der B42 assistiert hatte, erkannte die Möglichkeiten, die neue Technik der Letternherstellung kommerziell zu nutzen. In Johannes Fust, einem wohlhabenden Mainzer Bürger, fand er einen Mitstreiter, der bereit war, Geld in den Buchdruck zu investieren. Nach dem Mainzer Vorbild verbreitete sich die neue Technik innerhalb von etwa 20 Jahren in ganz Europa, überall entstanden Offizine genannte Druckwerkstätten mit eigenen Markenzeichen.

Verbreitung

Seite aus dem Reisebuch des Bernhard von Breydenbach:Sanctae peregrinationes, illustriert und gedruckt in Mainz von Erhard Reuwich, 11. Februar 1486
Deutsche Erstausgabe von Boccaccios De claris mulieribus (dt. Übersetzung Von etlichen Frowen von Heinrich Steinhöwel), gedruckt in Ulm von Johann Zainer, nicht vor dem 14. August 1473.

Neben Straßburg, wo Johannes Mentelin um 1458 eine Offizin eröffnet hatte und 1466 die erste Bibel in deutscher Sprache herausgab sowie später in den 1480er Jahren Johann Grüninger die Erfolge der ersten Drucker-Generation fortsetzte, bildeten in den 1460er und 1470er Jahren die Städte Köln, Nürnberg, Bamberg und Augsburg weitere Druckzentren aus. So wirkten in Köln Ulrich Zell aus Hanau und Johann Koelhoff d. Ä., der aus Lübeck stammte. In Nürnberg druckte Anton Koberger seit etwa 1470 erfolgreich; sein Druck der Weltchronik von Hartmann Schedel 1493 ist neben der Gutenberg-Bibel eine der bekanntesten Inkunabeln. In Bamberg, wo Albrecht Pfister von 1460 bis 1464 wirkte, etablierte sich der Druck deutschsprachiger und volkstümlicher Literatur. In Augsburg ließ sich um 1468 Günther Zainer nieder, der das Drucken bei Mentelin in Straßburg erlernt hatte.[4]

In den 1470er Jahren eröffnete Lübeck dem neuen Gewerbe den Zugang zum Ostseeraum; Lucas Brandis, bereits einer Druckerfamilie entstammend, war hier ab 1473 tätig. Leipzig, die spätere deutsche Hauptstadt des Buchdrucks, fand erst spät den Anschluss an die neue Kunst; Marcus Brandis ist in dieser Stadt mit einem ersten Druck 1481 belegt. In Basel widmeten sich die Drucker insbesondere der Verbreitung der Ideen des Humanismus; ab 1477 druckte und vertrat Johann Amerbach die Schriften aus diesem Kreis. Zudem entwickelte sich in Basel die Buchillustration zu einer geschätzten Kunst, zu der auch der junge Dürer beigetragen hat.[5]

Ökonomie

Bis 1480 blieb der Absatz von Druckwerken begrenzt; das städtische Publikum war durchweg nicht in der Lage, die in vergleichsweise kleiner Auflage von 200 bis 250 Stück hergestellten und noch sehr teuren Druckwerke zu erwerben. Zu den sichersten Stützen des jungen Gewerbes zählten daher kirchliche Großaufträge, etwa für Messbücher wie das Missale Aboense. Da die Auflagenerhöhung vom Bedarf abhing, versuchte man sich vielerorts gegen Konkurrenz und Nachdruck mit behördlicherseits erteilten Druckprivilegien zu schützen. Der Beruf des Druckers wurde zum Wanderberuf. Insbesondere in Italien richteten deutsche Drucker Offizine ein; auch in Frankreich, Spanien und Schweden sind niedergelassene deutsche Drucker im 15. Jahrhundert belegt.

Besonders einflussreich wurde der Augsburger Erhard Ratdolt in Venedig, der dort vor allem astronomische und mathematische Werke druckte. Aldus Manutius, der bekannteste italienische Drucker Venedigs, begünstigte ab 1495 mit seiner Aldinen genannten Serie griechischer Klassiker deren Verbreitung auch über Italiens Grenzen hinaus. Ab 1480 waren die Offizine zu Großbetrieben geworden, bestehend aus Verlag, Herstellung und Vertrieb, oft verbunden mit einer Buchbinderei; die Auflagenhöhe lag bei 1000 Stück, die Bücher wurden billiger und handlicher. Der für das 16. Jahrhundert bedeutendste Basler Drucker Johann Froben, Mitarbeiter in der Amerbachschen Offizin, druckte 1491 eine lateinische Bibel im Taschenformat.

Inhalte

Die Inhalte der Drucke folgten der Entwicklung der Offizine zu Verlagen und Händlern, es entstand die Autorschaft. Neben Bibeln, frommen (und ketzerischen) Schriften, wie Predigten und Briefen, deckte der Buchdruck ab den 1470/80er Jahren bereits die thematische Bandbreite ab, die bis auf den heutigen Tag ihre Leserschaft findet: Gelehrtes (auf Latein, der europäischen lingua franca), Volkstümliches und Landessprachliches, Welt-, Lehr- und Kräuterbücher, Juristisches und Medizinisches, Literarisches von Wolfram bis Boccaccio, Reiseberichte, Satiren und Kalender; in Rom druckte der Ingolstädter Ulrich Han 1476 den Notensatz eines Missale Romanum.[6] Ottaviano dei Petrucci, Erfinder des Notendrucks mit beweglichen Lettern, gilt als erster bedeutender Musikverleger.

Mit zunehmender Produktion folgte der Buchdruck nicht mehr nur dem durch Auftraggeber bestimmten Lesebedürfnis, sondern begann es durch die Aussicht auf Neuheiten auch zu wecken. Damit jedoch war ein beträchtliches unternehmerisches Risiko verbunden. Durchaus nicht alle Offizine vermochten dieses auch zu tragen, wie zum Beispiel der Betrieb von Johann Zainer in Ulm, einem Verwandten des Augsburger Druckers, der sich hoch verschuldete.[7]

Handschriften

Werkstatt Lauber: Parzival
Buchmalerei: Missale, italienisch, 1532

Die klerikalen Kreise blieben durchweg in ganz Europa der Entwicklung des Buchdrucks gegenüber skeptisch; sie richteten eigene Offizine, wie zum Beispiel in den Klöstern St. Ulrich und Afra in Augsburg oder in Blaubeuren, nur zögerlich ein und gaben weiterhin in den Skriptorien Handschriften in Auftrag. Schreiberwerkstätten vermochten sich zunächst noch der jungen Buchdrucker-Kunst gegenüber zu behaupten, indem sie neben den kirchlichen Auftraggebern die an bekannter Literatur interessierten Käufer mit Manuskripten zu erreichen versuchten, die rasch und mit sicherer Hand von professionellen Zeichnern illustriert wurden. Zum Beispiel gelang es der bis in die 70er Jahre des 15. Jahrhunderts belegten Werkstatt von Diebold Lauber in Hagenau, auf Vorrat zu produzieren und mit den Verkaufsstrategien der Drucker zu konkurrieren.[8]

So führte der unaufhaltsame Siegeszug des Buchdrucks die Handschriftenproduktion zu einer letzten großen Blüte in Europa, und zwar in der Buchmalerei. Wie in den Stundenbüchern, Brevieren und Erbauungsbüchern erklärte die Malerei auch in liturgischen Handschriften den Text zu einer Marginalie, zu einem Teil des Bildes. Die Buchmalerei des späten 15. und des frühen 16. Jahrhunderts lieferte einem exklusiven Publikum die große Tafelmalerei der Renaissance en miniature.

Typografie und Satz

Theodulus, Ecloga, gedruckt von Konrad Kachelofen in Leipzig, 1492; Incipit
Valerius Maximus, gedruckt in Mainz von Peter Schöffer, 18. Juli 1471: Kolophon mit Druckvermerk und Druckerzeichen

Ziel und Aufgabe des Druckers war es, den Text als Block in einem einheitlichen Satzspiegel erscheinen zu lassen; ihm standen dafür nach dem Vorbild mittelalterlicher Manuskripte gegossene Ligaturen und Abbreviaturen, das sind Buchstaben mit z. B. Tilden oder anderen Zeichen, die zur Abkürzung von u. a. häufig vorkommenden Flexionsendungen im Lateinischen dienten, ebenso zur Verfügung wie in verschiedenen Breiten gegossene Lettern, um die Zeilen in einen einheitlichen und ausgeglichenen Absatz bringen zu können. Gutenberg hatte beispielsweise für seine B42 insgesamt 290 verschiedene Lettern angefertigt. Dem gewohnten Erscheinungsbild von Handschriften entsprechend wurden die Initialen nicht gedruckt, sondern später von Hand gemalt und geschmückt, die Versalien zum Teil ebenfalls mit der Hand nachgetragen und der gedruckte Text in wechselnd Rot und Blau (oder nur in Rot) rubriziert. Illustrationen wurden als Holzschnitt in der Regel in den Satz eingebaut, zuweilen wurden die Druckstöcke durch gesonderte Schmuckleisten, auch Bordüren genannt, dem Satzspiegel angepasst; Kolorierungen wurden im fertigen Druck einzeln von Hand ausgeführt.

Die Drucke hatten keine Titelseiten, der Verfasser und sein Gegenstand tauchten in den einleitenden Sätzen, dem Incipit, auf. Der Drucker setzte am Ende des Werkes einen Vermerk, den Kolophon oder das Explicit, mit seinem Namen, dem Ort und dem Datum seiner Arbeit und schloss den Druck mit seiner Marke ab.[9]

Die Typografie orientierte sich in Deutschland zunächst an dem den Lesern vertrauten Schriftbild der Manuskripte. Ab etwa 1470 wurde diese Anlehnung zunehmend aufgegeben. In Augsburg entstand um 1472 mit der Schwabacher die bis in die Mitte des 16. Jahrhunderts in Deutschland vorherrschende Druckschrift. Adolf Rusch, Schwiegersohn Johannes Mentelins und den Ideen des Humanismus zugeneigt, führte 1474 mit dem Druck des Rationale divinorum officiorum die Antiqua-Type nördlich der Alpen ein; Erhard Ratdolt, der 1486 aus Venedig nach Augsburg zurückgekehrt war, druckte dort ein erstes Schriftmusterblatt einer Antiqua. Zu Beginn des 16. Jahrhunderts setzte sich mit den von Kaiser Maximilian I. beförderten Drucken allerdings mit der Theuerdank eine Frakturschrift durch. Die Buchstaben hatten jedoch bereits zuvor, im Vergleich zu Gutenbergs Lettern oder zur Theuerdank, begonnen, zunehmend schlanker zu werden und sich zu weiten zugunsten eines stärkeren Weiß-Anteils und damit einer Aufhellung des Satzbildes, das auch bei kleinerer Schriftgröße gut lesbar blieb. Auf farbige Rubrizierungen wurde zunehmend verzichtet, ornamentierte Initialen erschienen nunmehr gedruckt.

Einbände des 15. Jahrhunderts

Einband 15. Jh.: Kettenbuch, darin drei Inkunabeln zusammengebunden.

Auch wenn häufig eine Buchbinderwerkstatt mit der Druckerei verbunden war, wurden Drucke oft ungebunden gelagert, in Tonnen versandt und erst am Absatzort gebunden. Dabei gab es verschiedene Logistikzentren, wie zum Beispiel Lübeck für den Ostseeraum.

Die Einbände der Drucke unterschieden sich zunächst nicht von denen der Handschriften. Die Inkunabeln der ersten Jahrzehnte, durchweg im Folio- oder Quartformat gedruckt, bekamen in der Regel eine Buchdecke aus zwei Holzplatten, die mit Leder oder Pergament, den gehefteten Rücken umschließend, bezogen wurden. Leder und Pergament erhielten häufig eine Prägung mit schmückenden Ornamenten, die mit erhitzten Metallstempeln oder -rollen in das feuchte Material gepresst wurden. Die Verzierung mit Metallbeschlägen diente auch als Abstandhalter für das aufliegende Buch, um den wertvollen Einband zu schonen; Schließen aus Metall oder Leder brachten das beim Lesen gespreizte Buch hernach wieder in Form. Meistens ließ man, nicht zuletzt aus Kostengründen, gleich mehrere verschiedene Druckwerke gleichen Formats zusammen einbinden.

Die gedruckten Bücher waren im 15. Jahrhundert Kostbarkeiten; an den Leseplätzen in den Klosterbibliotheken wurden sie oft mit einer schweren Kette befestigt, um sie vor dem Herabfallen oder dem unbefugtem Entfernen zu schützen. Komplette „Kettenbücher“ sind selten erhalten, da spätere Besitzer diese sperrige und unhandliche Sicherung in der Regel entfernten; gleichwohl zeigen eine ganze Reihe der erhaltenen Originaleinbände noch die Spuren des Kettenanschlags am Rückdeckel.[10]

Im 15. Jahrhundert durchaus noch üblich war der Einband in das aus dem Mittelalter bekannte Kopert; das war ein weicher Umschlag aus Pergament oder Leder, der über der Vorderseite des Buches übereinander geschlagen und am Rücken des gebundenen Druckwerks befestigt war und so das Buch rundherum schützte. Auch Einbände in Form von Beutelbüchern, die eine Tragevorrichtung integriert hatten, wurden vom Besitzer eines Drucks beim Buchbinder in Auftrag gegeben. Mit der Entwicklung des Buchdrucks zu kleineren und billigeren Formaten wurde auch die Buchdecke weniger gewichtig gestaltet; im 16. Jahrhundert setzten sich über Pappe kaschierte Einbände endgültig durch.[11]

Die Sichtung und Erforschung der erhaltenen Einbände, insbesondere auch ihrer Details, wie zum Beispiel der sogenannten Pergamentmakulatur, hat sich im 20. Jahrhundert im Rahmen der Buchwissenschaft auf dem Gebiet der Inkunabelkunde herausgebildet; Originaleinbände sind vergleichsweise selten, da Bindung und Material über die Jahrhunderte dem Gewicht der schweren Holzdeckel oft nicht standhalten konnten und man noch bis ins 20. Jahrhundert hinein die beschädigten Einbände durchweg zu entfernen und die Bindung samt Buchdecke zu erneuern pflegte. Die vorhandenen Bestände werden in der noch relativ jungen Einbandforschung erfasst und in der Einbanddatenbank der Staatsbibliothek zu Berlin verzeichnet; mit Hilfe der dort angebotenen Durchreibungen können Einbände den einzelnen Buchbinder-Werkstätten zugeordnet werden.

Nachfolger

Ab dem 1. Januar 1501 bis etwa 1520 gedruckte Schriften werden als Postinkunabeln oder Frühdrucke bezeichnet; manchmal wird der Begriff auch auf den Zeitraum bis 1530 oder 1550 ausgedehnt.

Postinkunabel

Johann Geiler von Kaysersberg: Navicula sive Speculum fatuorum. Straßburg 1510

Eine der bekanntesten Postinkunabeln ist der von Kaiser Maximilian I. gemeinsam mit zwei Hofleuten verfasste Theuerdank, in dem der Kaiser selbst der Held ist; das illustrierte Werk wurde 1517 von Propst Melchior Pfintzing in Nürnberg herausgegeben und erfuhr bereits 1519 die zweite Auflage. Der Kaiser verherrlichte sich in diesem Werk, weil er den propagandistischen Wert des Buchdrucks erkannte; seine der eigenen, eher konservativen Reichspolitik dienenden Kundgebungen hatte er durchweg im Druck vervielfältigen lassen. Während der Zeit der Reformation bekam der Buchdruck anschließend zum ersten Mal in seiner Geschichte Gelegenheit, Kampf- wie Aufklärungsmittel auch für neue Ideen zu sein.

Bis 1520 ähnelten viele Frühdrucke in ihrem Erscheinungsbild noch sehr ihren Vorgängern aus dem Jahrhundert zuvor. Vielerorts wurden erfolgreiche Titel, wie z. B. das Straßburger Heldenbuch, neu gedruckt und dabei zunächst noch in ihrer älteren Form belassen; lateinische Übersetzungen von in ihrer Landessprache erfolgreichen Werken, wie zum Beispiel des Reynke de vos oder Sebastian Brants Narrenschyff, eröffneten den Büchern einen europäischen Markt.[12]

Ausblick ins 16. Jahrhundert

Im 16. Jahrhundert erweiterte sich die Leserschaft unaufhaltsam, und um 1550 gab es im städtischen Milieu in Europa bereits ein begeistertes Lesepublikum, wobei die Leser nicht immer auch schreiben konnten. Frühdrucke dokumentieren in Inhalt, Druck und Ausstattung die Rasanz, mit der die technische Entwicklung im Buchdruck zu Beginn des 16. Jahrhunderts voranging - mit kleineren und handlicheren (und auch: preisgünstigen) Formaten, auf der Basis sich verbessernder Gusstechniken und Legierungen, damit auch schlanker werdender Typografien und der nunmehr sorgfältigen Ausgestaltung von Titelblättern als Anreiz für den Käufer; mit der Präferenz des Textes verdeutlichen die Drucke der ersten Jahrzehnte des 16. Jahrhunderts den Sieg des gedruckten Wortes über das Bild, das, in der reduzierten Form des Drucks verbreitet, sich als Illustration dem Text unterordnete und die gemalte Pracht der Handschriften in die Nische verwies. Typografen, wie zum Beispiel Francesco Torniello, suchten wie die Künstler nach der idealen Form. Der Buchdruck des 15. Jahrhunderts und des frühen 16. Jahrhunderts in Europa repräsentiert eine einmalige Kongruenz von Ästhetik und Technik.[13]

Wertungen

Der Wert der Inkunabeln ist seit langem bekannt; sie sind als Zimelien bei Sammlern hochbegehrt, werden als solche von den Bibliotheken gehütet und von den Philologen und Historikern als Quellen geschätzt. Seit den 1990er Jahren begannen auf dem internationalen Markt für alte Schriften die Preise auch für Inkunabeln ins Astronomische zu steigen; so verkaufte ein internationales Auktionshaus im Jahr 2002 einen keineswegs einmaligen Druck von Peter Schöffer und Johannes Fust für eine halbe Million Pfund. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts tauchten auch verstärkt Einzelblätter auf, zunehmend insbesondere auf den internationalen Online-Marktplätzen. Seither wird von Wissenschaftlern, Archivaren und Bibliothekaren gegenüber dem Handel immer wieder der Vorwurf erhoben, alte und seltene Bücher zum Zwecke des profitableren Absatzes von Einzelblättern „aufzubrechen“.

Inkunabeln und Frühdrucke sind für die europäische Geschichte, nicht nur für die des Geistes, ein Kulturgut ersten Ranges. Victor Hugo schrieb hierzu:

Die Erfindung der Buchdruckerkunst ist das größte Ereignis der Geschichte, die Mutter aller Revolutionen. Sie gab der Menschheit ein neues Ausdrucksmittel für neue Gedanken. Der Geist verwarf die alte Form und griff nach einer anderen; er häutete sich völlig und endgültig wie die Schlange, die seit Adam sein Sinnbild ist.
Als gedrucktes Wort ist der Gedanke unvergänglicher denn je. Es sind ihm Flügel gewachsen; er ist ungreifbar, unzerstörbar geworden. In den Zeiten der Baukunst häufte er Berge auf und bemächtigte sich gewaltsam eines Jahrhunderts und eines Ortes: Jetzt gesellt er sich den Vögeln, zerstreut sich in alle vier Winde und ist überall gegenwärtig.[14]

Verzeichnisse

Eneas Sylvius (i.e. Papst Pius II.), Epistolae, gedruckt von Anton Koberger in Nürnberg 1497. (GW M33699, ungeprüft nach HC 156)

Der erste überlieferte gedruckte Katalog einer Sammlung von Inkunabeln, der Catalogus librorum proximis ab inventione annis usque ad a. Chr. 1500 editorum der Nürnberger Stadtbibliothek, wurde erstmals 1643 von Johannes Saubert d. Ä. erwähnt. Im 18. Jahrhundert fasste Georg Wolfgang Panzer in den ersten fünf Bänden seines Monumentalwerks Annales typographici, erschienen in Nürnberg 1793 bis 1797, die Druckwerke des 15. Jahrhunderts zusammen. Ab 1800 begannen Bibliothekare, in älteren Bücherverzeichnissen die Drucke aus dem 15. Jahrhundert zu markieren oder als handschriftlichen Appendix gesondert zu erfassen. Im Laufe des 19. Jahrhunderts verstärkte sich das Interesse der Sammler und zunehmend auch der Forscher an den Inkunabeln; das Ansinnen, sich einen Überblick über die aus der Frühphase des Buchdrucks überkommenen Druckwerke zu verschaffen, führte zu einer Reihe von Verzeichnissen. Das bekannteste und für die im 20. Jahrhundert begonnene systematische Erfassung grundlegende wurde das Repertorium bibliographicum von Ludwig Hain, das zwischen 1826 und 1838 entstand und 16.299 Titel aufführte.

Sämtliche Drucke des 15. Jahrhunderts (mit Standortnachweisen) werden in alphabetischer Reihenfolge im Gesamtkatalog der Wiegendrucke (GW) verzeichnet, der seit 1925 im Hiersemann Verlag erscheint. Bisher liegen zehn Bände vor, Bandd 11 ist in Vorbereitung. Damit werden die Buchstaben A-H vollständig erfasst sein. Die Redaktion des GW erfolgt in der Staatsbibliothek zu Berlin, die inzwischen auch eine Datenbank (mit Zugriff auch auf die bisher im Druck noch nicht veröffentlichten Materialien) erstellt hat.

Die Inkunabeln des deutschen Sprach- und Kulturraums fallen im Rahmen der Sammlung Deutscher Drucke in den Aufgabenbereich der Bayerischen Staatsbibliothek, die selbst 16.785 Exemplare bei 9573 Titeln hält. Die Bibliothek erarbeitet dazu einen eigenen Inkunabelkatalog sowie den Inkunabel-Census für die Bundesrepublik Deutschland. Außerdem unterhält sie für Einblattdrucke die Datenbank Einblattdrucke der Frühen Neuzeit und arbeitet am internationalen Incunabula Short Title Catalogue (ISTC) mit. Der ISTC wird von der British Library in London geführt, die mit etwa 28.000 Titeln über den weltweit größten Bestand an Inkunabeln verfügt.

Aufbauend auf den oben genannten Ressourcen ist seit Mitte des Jahres 2005 die Verteilte Digitale Inkunabelbibliothek online, in welcher gut 1.000 Inkunabeln aus den Beständen der Universitäts- und Stadtbibliothek Köln sowie der Herzog August Bibliothek als Digitalisate vorliegen.

Einzelnachweise

  1. Eintrag im Deutschen Wörterbuch im Internet
  2. Ursula Rautenberg (Hrsg.): Reclams Sachlexikon des Buches. Stuttgart 2003; S. 74f.
  3. Albert Kapr: Buchgestaltung. Dresden 1963; S. 21 – 27
  4. Fritz Funke: Buchkunde. Ein Überblick über die Geschichte des Buch- und Schriftwesens. München Pullach 1969; S. 82 – 89
  5. Fritz Funke: Der Buchholzschnitt. In: ders.: Buchkunde. Ein Überblick über die Geschichte des Buch- und Schriftwesens. München Pullach 1969; S. 225 – 238
  6. Mary Kay Duggan: Italian Music Incunabula. Berkeley 1992; S. 80 (engl.)
  7. Vgl. dazu die Schwerpunkte der Produktion von Peter Schöffer in: Hellmuth Lehmann-Haupt: Peter Schöffer aus Gernsheim und Mainz. Wiesbaden, 2002; S. 54
  8. Fritz Funke: Buchkunde. Ein Überblick über die Geschichte des Buch- und Schriftwesens. München Pullach 1969; S. 68
  9. Fritz Funke: Buchkunde. Ein Überblick über die Geschichte des Buch- und Schriftwesens. München Pullach 1969; S. 99 – 101
  10. Helmut Hiller: Wörterbuch des Buches. Frankfurt/M. 1991; S. 60 – 61; S. 164 – 165
  11. Ursula Rautenberg (Hrsg.): Reclams Sachlexikon des Buches. Stuttgart 2003; S. 56 – 57, S. 309
  12. Fritz Funke: Buchkunde. Ein überblick über die Geschichte des Buch- und Schriftwesens. München Pullach 1969; S. 103 – 109
  13. Albert Kapr: Buchgestaltung. Verlag der Kunst, Dresden 1963; S. 29 – 34
  14. Victor Hugo: Notre Dame von Paris. Leipzig 1962, S.197. Zit. nach: Kapr 1963, S.28

Literatur

  • Fritz Funke: Buchkunde. Ein Überblick über die Geschichte des Buch- und Schriftwesens. München Pullach 1969
  • Fritz Funke: Buchkunde. Die historische Entwicklung des Buches von der Keilschrift bis zur Gegenwart. Edition Albus, Wiesbaden 2006. ISBN 3-928127-95-0
  • Ferdinand Geldner: Inkunabelkunde. Eine Einführung in die Welt des frühesten Buchdrucks. Reichert, Wiesbaden 1978. ISBN 3-920153-60-X
  • Konrad Haebler: Handbuch der Inkunabelkunde. Leipzig 1925, Hiersemann, Stuttgart 1979 (Repr.). ISBN 3-7772-7927-7
  • Helmut Hiller, Stephan Füssel: Wörterbuch des Buches. Klostermann, Frankfurt/M. 2002. ISBN 3-465-03220-9
  • Albert Kapr: Buchgestaltung. Verlag der Kunst, Dresden 1963.
  • Hellmuth Lehmann-Haupt: Peter Schöffer aus Gernsheim und Mainz. Wiesbaden 2002. ISBN 3-89500-210-0
  • Ursula Rautenberg (Hrsg.): Reclams Sachlexikon des Buches. Reclam, Stuttgart 2003. ISBN 3-15-010542-0
  • Hendrik D.L. Vervliet (Hrsg.): Liber Librorum. 5000 Jahre Buchkunst. Eine geschichtliche Übersicht von Fernand Baudin u.a. Editions Arcade, Brüssel 1972, Weber Verlag, Genf 1973. (v.a. die Kapitel Johannes Gutenberg von Helmut Presser und Das Buch im 15. und 16. Jahrhundert von H. Vervliet)

Weblinks



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