Internationale Gemeinden Christi


Internationale Gemeinden Christi

Die Internationalen Gemeinden Christi sind ein aus den Gemeinden Christi entstandener Gemeindeverband in der Tradition des Restoration Movement.

Inhaltsverzeichnis

Synonyme und andere Sprachen

Die englische Bezeichnung ist International Churches of Christ, ältere Namen sind Boston Church of Christ und Boston Movement. Offizielle Abkürzungen sind ICC und ICOC.

Neben den Internationalen Gemeinden Christi gibt es auch die kongregationalistischen Gemeinden Christi. Verwechslungen sind leicht möglich, da beide das Namensmuster Gemeinde Christi + Ort verwenden. So gibt es beispielsweise in Zürich eine 1958 gegründete kongregationalistische Gemeinde Christi Zürich und eine 1993 gegründete Gemeinde Christi Zürich die zu den Internationalen Gemeinden Christi gehört.

Verbreitung

Die Internationalen Gemeinden Christi hatten auf ihrem Höhepunkt 2002 über 400 Gemeinden in mehr als 150 Ländern. Weltweit zählten sie nach eigenen Angaben etwa 135.000 Mitglieder. Seither ist die Mitgliederzahl jedoch weltweit stark zurückgegangen, nach Angaben von ICOC waren es Ende 2004 noch 104.000 Mitglieder.[1]

Gemeinden im deutschen Sprachraum (In Klammern Mitgliederzahlen nach eigenen Angaben): Berlin (125), Zürich (100), Düsseldorf/Köln (25), Hamburg (15), München (k. A.), Wien (k. A.) [2]

Lehre

Die Lehre stimmt in Bezug auf die Herstellung einer persönlichen Beziehung zu Gott teilweise überein mit der der Gemeinden Christi, von denen die ICC abstammt und hat damit vieles gemeinsam mit dem konservativen amerikanischen Protestantismus.

Während die ICC grundsätzlich trinitarisch ist, wird in der Praxis die Betonung auf Jesus als unbedingt nachzuahmendes Vorbild gelegt.

Spezifische Lehren der ICC:

  • Eine Person muss „als Jünger“ getauft werden, um erlöst (in der Terminologie der ICC gerettet) zu sein, d.h. die Taufe ist nur gültig, wenn die Person die Nachfolge Christi angetreten hat und ihre Sünden bereut.
  • Erlösung ist in der Lehre der ICC kein dauerhaft erworbener Status, sondern kann durch dauerhafte Abwendung von Gott verloren gehen.

Gottesdienst und Praxis

Die Gestaltung des Gottesdienstes lehnt sich an die der Gemeinden Christi an. Der Gottesdienst dauert etwa 90 Minuten und ist auch für Nichtmitglieder offen.

Auffallend im Vergleich zu anderen europäischen Freikirchen sind die häufigen Zwischenrufe wie „Ja, stimmt!“ oder „Amen!“.

Neben dem Gottesdienst am Sonntag wird dazu ermutigt, dass sich jedes Mitglied jeden Morgen Zeit für persönliches Gebet und Bibelstudium nimmt, dazu gibt es eine wöchentliche Abendandacht sowie Treffen in kleineren Gruppen (Familiengruppen / Bibelkreise).

Zum wöchentlichen Bibelkreis und weiteren sozialen Veranstaltungen kann das Mitglied Besucher mitbringen. Es wurde erwartet, dass jedes Mitglied aktiv zu der Verbreitung des Christentums beiträgt und Besucher zu den Bibelkreisen einlädt, was sich aber geändert hat.

Neben der wörtlichen Auslegung der Bibel als Lebensgrundlage entwickelten sich diverse Regeln für das persönliche Verhalten, insbesondere gegenüber dem anderen Geschlecht. Beispielsweise gilt in der ICC schon jeder Blick auf eine Frau, der ein Begehren derselbigen mit sich bringt, als „Lüsternheit“ und damit als Sünde. Begründet wird dies u. a. mit Matt. 5:28, Hiob 31:1.

ICC Mitglieder werden ermutigt, zu heiraten – allerdings nur in Christus (d. h. es mussten auch Gemeindemitglieder sein). Auch in der ICC gehen mittlerweile erstmalig Ehen auseinander.

Jedes Mitglied hatte einen Mentor, mit dem täglich Kontakt bestand. Dem Mentor mussten alle Sünden bekannt werden. Ebenso waren alle Probleme mit dem Mentor zu besprechen.

Das Bibelstudium bestand meistens aus dem Studium der „First Principles“, einer von Kip McKean entwickelten Bibelstudienserie. Dieser musste ein potenzielles Mitglied vollständig zustimmen, um getauft werden zu können. Absoluter Gehorsam wurde verlangt.

Die Mitglieder und „Leiter“ wissen nichts von hermeneutischen Prinzipien der Auslegung. Die Wahrheit einiger Leiter ist die Wahrheit. Dem Heiligen Geist, der dem Individuum einen großen Raum zugesteht, wurde aus strategischen Gründen kaum Raum gegeben. Dies hätte die Konformität in der Gruppe gefährdet.

Leiter der Gruppe waren mehr Headhunter als geistliche Führer. Da viele der Mitglieder erhebliche emotionale oder andere Missbrauchserfahrungen mitbringen, brauchen viele der noch vorhandenen oder ehemaligen Mitglieder psychologische Betreuung. Eine Ausstiegsberatung ist wichtig, steckt aber institutionell noch in den Kinderschuhen.

Strukturen erheblicher Kodependenz halten die Opfer der vorherigen Missbrauchspraxis zusammen. Sie sind oft nicht willens oder fähig, die Vergangenheit professionell aufzuarbeiten. Allerdings sind die Internationalen Gemeinden Christi nur eine von vielen freikirchlichen Gemeinschaften, in den geistlicher Missbrauch betrieben wird und wurde.

Organisation

Die ICC war hierarchisch organisiert. An der Spitze standen der Gründer Kip McKean, der den Titel World Missions Evangelist führt und seine Frau Elena Garcia-McKean, die Leiterin des Frauen-Dienstes ist.

Unterhalb der McKeans gab es acht Sektoren, an deren Spitze ein World Sector Leader standen, und die dann in Regionen und Länder unterteilt waren. Diese hierarchische Struktur gibt es seit 2003 nicht mehr.

Finanziert wird die ICC durch die Mitglieder. Bis 2003 wurde jedem Mitglied empfohlen, mindestens 10% seiner Bruttoeinkünfte zu spenden, bei Unverheirateten war es in der Regel mehr. Dazu kamen noch ein- oder zweimal jährlich Sondergaben, die mindestens das Zehnfache einer normalen wöchentlichen Spende betragen sollten.

Geschichte

1979 übernahm Kip McKean die Church of Christ in Lexington (Boston) und führte dort die Jüngerschafts-Vorstellungen der Crossroads-Bewegung (siehe Artikel in der Englischsprachigen Wikipedia) ein. Durch ein starkes Wachstum ermutigt, gründete er an anderen Orten Tochtergemeinden, womit er den Grundsatz der Gemeindeautonomie verließ, der für die Gemeinden Christi charakteristisch und bindend ist.

1992 wurde der Sitz von Boston nach Los Angeles verlegt, wo Kip McKean lebte. Die ICOC war eine der am schnellsten wachsenden christlichen Kirchen.

Im deutschsprachigen Raum wurden 1988 in München, 1991 in Berlin und 1993 in Zürich Tochterkirchen gegründet.

Ab 1999 ging das Wachstum jedoch zurück. RightCyberUp, eine ICOC-kritische Gruppe analysierte von der Organisation publizierte Statistiken und stellte fest, dass im Durchschnitt auf 5 neu getaufte Mitglieder 4,1 Mitglieder die Kirche verließen.[3]

2001 trat Kip McKeans älteste Tochter Olivia, die in Harvard studierte, aus der Kirche aus. Da Kip McKean verkündigt hatte, dass Kirchenleiter zurücktreten müssen, wenn ihre Kinder die Kirche verlassen, war er selbst gezwungen zurückzutreten – er trat erst ein Sabbatical an, und trat 2002 offiziell als Leiter zurück. [4]

Daraufhin wurde er Leiter der Portland ICOC, gründete eine neue Bewegung (die International Christian Church) und zog zu einer Neugründung einer weiteren Gemeinde wieder nach Los Angeles.

Ausgelöst durch Kip McKeans Rücktritt und einen offenen Brief Henry Krietes (Evangelist der Londoner Ortsgemeinde) kam es zu organisatorischen Veränderungen und Umbrüchen in der Organisation der Kirche.

Nach einem Bericht des Berliner Dialogs[5] gibt es in der International Church of Christ gegenwärtig drei Flügel, über deren Zahlen sich nichts aussagen lässt:

  • eine Reform-Gruppe die auf die Lehre vor 1979 zurückgehen will. Einige Gemeinden darunter sind im Gespräch mit den Gemeinden Christi wegen eines möglichen Anschlusses.
  • eine mittlere Gruppe, die im offiziellen Management der ICOC nach McKeans Rücktritt einige Reformen durchgeführt hat. Zu dieser Gruppe gehören gemäß Berliner Dialog die Münchner und Berliner Kirche.
  • eine Gruppe die zur ICOC von 2000 zurück will, darunter viele, die Kip McKean in der Leitung zurückhaben wollen

Ökumene

Die ICC sieht sich als einzige christliche Kirche und ist bei keiner ökumenischen oder überkirchlichen Organisation Mitglied. Alle übrigen Konfessionen gelten für die ICC nicht als christliche Kirchen.

Taufen anderer Kirchen werden nicht anerkannt.

Die Evangelisch-lutherische Kirche in Deutschland erkennt die Taufe der ICOC nicht an, da angeblich die Taufe der ICOC nur auf den Namen Jesu geschieht. Tatsächlich wird in der ICOC „trinitarisch“, d.h. auf den Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes getauft. ICOC Mitglieder dürfen in Kirchen der VELKD nicht Pate sein, eine gastweise Zulassung zum Abendmahl ist nicht möglich. Eine fortgesetzte Teilnahme an Gottesdiensten und Abendmahlsfeier der ICOC ist unvereinbar mit der Mitgliedschaft in der evangelisch-lutherischen Kirche. Auch kirchliche Räume dürfen der ICOC nicht überlassen werden. [6]


Aktuelle Situation in Deutschland

Gegenwärtig kann man sagen, dass diese Bewegung den beschriebenen Eigenschaften zwar nicht mehr vollständig entspricht, im Kern aber noch immer streng hierarchisch ist und den Anspruch hat, der einzig wahre Glaube zu sein. Es gibt immer noch einige Gemeinden in Deutschland, die diesen Namen tragen, die Mitgliederzahlen sind in den vergangenen Jahren jedoch deutlich zurückgegangen.

Es gab in Deutschland in den Jahren 2003 bis 2006 den Versuch Reformen bezüglich Lehre und Praxis umzusetzen. Diese Reformversuche waren die Reaktion auf den deutlichen Mitgliederrückgang. Von der alleinigen Seligmachung seitens der ICOC wurde jedoch niemals Abstand genommen. Es gibt in Deutschland offiziell keine Weisungsbefugnis anderer Gemeinden (USA) bzgl. Mitarbeiter-Anstellung oder Budgetfragen mehr. Die Notwendigkeit einer Mentor-Beziehung für jedes Mitglied besteht jedoch unverändert. Die hierarchischen Strukturen wurden nicht aufgebrochen. Der Zwang, die Gemeinde mit mindestens 10% des eigenen Bruttoeinkommens zu finanzieren, besteht weiterhin.

Auf Mitglieder, die aus der Gemeinde austreten wollen, wird massiver psychischer Druck ausgeübt - dieser erstreckt sich nicht nur auf das Mitglied selbst, sondern auch auf dessen soziales Umfeld. Andere Religionsgemeinschaften werden als feindlich und schädlich betrachtet. Dies gilt im Besonderen für die katholische Kirche und das Judentum.

Die Bewegung muss daher auch heute noch als fundamental-christliche Sekte eingestuft werden, die das Ziel verfolgt, absolute Kontrolle über ihre Mitglieder zu erhalten.

Literatur

  • Martin Edward Wooten, The Boston Movement as a Revitalization Movement, (D. Min. thesis, Harding Graduate School of Religion, 1990)
  • Jerry Jones, What Does the Boston Movement Teach? (Bridgeton, MO: Jerry Jones, 12880 Bittick, 1991–93)
  • United States Department of Commerce and Labor, Bureau of the Census, Religious Bodies, 1906 (United States Printing Office, 1910), 236

Weblinks

Quellen

  1. ICOC: Membership 1987-2004)
  2. IGGC: Gemeinden im deutschsprachigen Raum
  3. The Revolving Door: The ICC by the Numbers 1999-2001.
  4. A Christian community falters: Loss of leader, governing body hurts group formed in Boston, The Boston Globe, 17 May 2003
  5. Stichwort: Internationale Gemeinden Christi / Boston-Bewegung
  6. Stichwort: Internationale Gemeinden Christi / Boston-Bewegung

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