Irvin Yalom


Irvin Yalom

Irvin David Yalom (* 13. Juni 1931 in Washington DC) ist emeritierter Professor für Psychiatrie an der Universität Stanford und Autor zahlreicher wissenschaftlicher Bücher und Romane. Yalom gilt als bedeutendster lebender Vertreter der existentiellen Psychotherapie. Er ist Träger des Internationalen Sigmund-Freud-Preises für Psychotherapie 2009.

Inhaltsverzeichnis

Leben

Yalom wurde im Jahr 1931 in Washington als Sohn russisch-jüdischer Einwanderer geboren. Seine Familie war kurz nach dem Ende des Ersten Weltkrieges aus einem kleinen Dorf namens Celtz, nahe der polnischen Grenze, ausgewandert.[1]

Er zählt zu den einflussreichsten Psychoanalytikern der USA. Irvin D. Yalom ist verheiratet und Autor verschiedener Bücher. So veröffentlichte Yalom psychotherapeutische Standardwerke, psychoanalytische Geschichten und Romane mit teils philosophischem Hintergrund. Seine Werke über die Existenzielle Therapie und die Gruppentherapie gelten als Klassiker.

In seinem Buch Der Panama-Hut oder Was einen guten Therapeuten ausmacht schreibt er, dass er Studenten einen therapeutischen Pluralismus vorschlägt, bei dem effektive Interventionen sich aus unterschiedlichen Therapieansätzen speisen. Er selbst arbeitet nach seinen eigenen Angaben überwiegend in einem interpersonalen oder einem existentiellen Bezugsrahmen. Seine dauerhaften Interessen sind Gruppentherapie und existentielle Therapie.

Bei der Gruppentherapie verwendet er den interpersonalen Ansatz. Er setzt dabei voraus, dass diese „Patienten“ wegen ihrer Unfähigkeit, befriedigende zwischenmenschliche Beziehungen aufzubauen und aufrechtzuerhalten, am Leben verzweifeln.

Bei der existentiellen Einzeltherapie besteht seine Grundüberzeugung darin, dass diese Menschen als Ergebnis einer Konfrontation mit den harten Tatsachen des Menschseins und der menschlichen Existenz am Leben verzweifeln.

Die Ratschläge in seinem Buch Der Panama-Hut gehen auf Notizen aus fünfundvierzig Jahren klinischer Praxis zurück.

Die therapeutische Arbeit, wie Yalom sie beschreibt, kommt einer Freundschaft zwischen Therapeut und Klient sehr nahe. Auf dem Hintergrund der gemeinsamen menschlichen Probleme bemüht er sich um eine Beziehung, die auf Engagement, Offenheit und Gleichberechtigung basiert. Dabei sucht er immer wieder das Gespräch über die aktuelle Qualität der Beziehung zwischen sich und den „Patienten“, zum einen, weil er davon ausgeht, dass die hier auftretenden Schwierigkeiten oft den außerhalb der Therapie vorhandenen Problemen entsprechen, zum anderen, weil er die Erfahrung gemacht hat, dass die Wahrnehmungen von verschiedenen Menschen (hier: Therapeut und Patient) in Bezug auf die gleiche Situation sich beträchtlich unterscheiden können, was durch ein offenes Gespräch zum Vorschein gebracht werden kann. Die Bezahlung für die gemeinsame Arbeit bekommt er, weil er aufgrund seiner umfangreichen Lebenserfahrung im Beruf und als Klient verschiedener therapeutischer Ansätze, denen er sich selbst in seinem Leben unterzogen hat, in der Regel über den größeren Überblick verfügt. Er muss die Hauptverantwortung dafür tragen, dass die Therapie zu hilfreichen Problemlösungen führt.

Das Buch Jeden Tag ein bißchen näher, das er 1974 zusammen mit Ginny Elkins [Pseudonym seiner ehemaligen Klientin] in Form eines Briefromans veröffentlichte, beruht auf einem ungewöhnlichen Experiment. Die Klientin war Schriftstellerin und ihre einjährige Teilnahme an einer seiner Therapiegruppen war relativ erfolglos gewesen. Er schlug ihr deshalb eine Einzeltherapie unter der Bedingung vor, dass sie, statt ihn zu bezahlen, eine frei fließende, unzensierte Zusammenfassung jeder Therapiestunde schrieb, in der sie all die Gefühle und Gedanken äußerte, die sie während der Sitzung nicht verbalisiert hatte. Er tat genau das gleiche. Der Austausch der Notizen alle paar Monate brachte zu Tage, wie sehr die Empfindungen und Erinnerungen in Bezug auf dieselben Sitzungen variierten. Zunächst verwendete er die Notizen in der therapeutischen Lehre, dann wurden sie als Buch publiziert.

Werk

Insbesondere durch seine Arbeit als Gruppentherapeut hat Yalom als akademisch Lehrender sich mit der Forschung zur Gruppenpsychotherapie befasst und zunehmend selbst Forschungsprojekte durchgeführt. Im Rahmen dieser Forschung untersuchte er vor allem das Thema: „Was ist therapeutisch in der Gruppe?“. Die Ergebnisse gaben (wie auch sonst bei der Therapieeffektforschung) Aufschlüsse insbesondere über die so genannten "unspezifischen Wirkfaktoren". Yalom versuchte, diese durch weitere Forschungen zu präzisieren und zu spezifizieren, sodass diese Faktoren von Gruppentherapeuten über gezielte Interventionen hergestellt werden können. Die nachfolgend beschriebenen Wirkungsfaktoren beziehen sich auf psychotherapeutische Gruppen, gelten aber auch für soziotherapeutische Gruppen. Allerdings mit weitgehender Beschränkung auf Gruppen, die einen interpersonalen Fokus haben, was z. B. für psychoedukative Gruppen, Gruppentrainings (wie z. B. Gruppentraining Soziale Kompetenz, Rückfallprävention bei Alkoholabhängigkeit u. a.) und viele kognitiv-verhaltenstherapeutisch ausgerichtete Gruppenpsychotherapien nicht zutrifft.

Die Wirkfaktoren nach Yalom sind:

  1. Hoffnung auf Heilung
  2. Universalität des Leidens
  3. Mitteilung von Informationen
  4. Altruismus
  5. Die korrigierende Rekapitulation der Primärfamilie
  6. Techniken des mitmenschlichen Umganges
  7. Nachahmendes Verhalten
  8. Interpersonales Lernen
  9. Die Gruppenkohäsion
  10. Katharsis
  11. Die existentiellen Erfahrungen

Insbesondere durch die Faktoren korrigierende "Rekapitulation der Primärfamilie" und "Katharsis" wird der starke Bezug zur Psychoanalyse bzw. zur tiefenpsychologischen Fundierung evident, obwohl diese Faktoren unabhängig von psychotherapeutischen Verfahren sein sollen.

Zitate

  • Ich betrachte meine Patienten und mich am liebsten als gemeinsame Reisende, ein Begriff, der die Unterscheidung zwischen „ihnen“ (den Leidenden) und „uns“ (den Heilern) aufhebt.
aus Der Panama-Hut, btb, 8. Auflage, S. 23
  • Die Freundschaft zwischen Therapeut und Patient ist eine notwendige Bedingung für den therapeutischen Prozess. Notwendig, aber nicht ausreichend. Die Psychotherapie ist kein Ersatz, sondern eine Generalprobe fürs Leben. Anders gesagt, erfordert sie zwar eine enge Beziehung, doch die Beziehung ist nicht das Ziel - sie ist ein Weg zum Ziel.
aus Der Panama-Hut, btb, 8. Auflage, S. 196
  • Er (Freud) erhielt zwar keinen Nobelpreis für wissenschaftliche Leistungen, wurde aber mit dem Goethe-Preis für Literatur ausgezeichnet. Tatsächlich ähneln viele seiner Fallgeschichten meisterlichen Erzählungen.
aus Der Panama-Hut, btb, 8. Auflage, S. 236
  • I believe that a different therapy must be constructed for each patient because each has a unique story. As the years pass, this attitude moves me farther and farther from the center of professional psychiatry, which is now so fiercely driven by economic forces in precisely opposite directions—namely accurate de-individualizing (symptom-based) diagnosis and uniform, protocol-driven, brief therapy for all.
aus Autobiographical Note von seiner Webseite (biography)

Werke (Auswahl)

Lehrbücher

  • Theorie und Praxis der Gruppenpsychotherapie. Ein Lehrbuch (Theory and Practice of Group Psychotherapy, übersetzt von Teresa Junek, Theo Kierdorf und Gudrun Theusner-Stampa), 1970, 2005 (5th Ed.) (2005)
  • Existentielle Psychotherapie (Existential Psychotherapy, übersetzt von Martina Gremmler-Fuhr und Reinhard Fuhr), 1980 (2005)
  • Im Hier und Jetzt: Richtlinien der Gruppenpsychotherapie (Inpatient Group Psychotherapy, übersetzt von Gabriele Zelisko), 1983, (2005).
  • Der Panama-Hut oder Was einen guten Therapeuten ausmacht (The Gift of Therapy: An Open Letter to a New Generation of Therapists and Their Patients, übersetzt von Almuth Carstens), 2001 (2002), btb Verlag, ISBN 3-442-72848-7

Andere

  • Ein menschliches Herz, übersetzt von Lisa Jannach, 2009.
  • In die Sonne schauen: Wie man die Angst vor dem Tod überwindet, übersetzt von Barbara Linner, 2008.
  • Die Schopenhauer-Kur, übersetzt von Almuth Carstens, 2005. Review
  • Liebe, Hoffnung, Psychotherapie, übersetzt von Gabriele Zelisko, 2004.
  • Was Hemingway von Freud hätte lernen können, übersetzt von Hans-Joachim Maass, 2003, Verlag: Btb; ISBN 3-442-73097-X
  • Jeden Tag ein bißchen näher. Eine ungewöhnliche Geschichte, übersetzt von Lutz-W. Wolff, 2001, btb Verlag, ISBN 3-442-72712-X
  • Die Reise mit Paula, übersetzt von Hans-Joachim Maass, 2000.
  • Und Nietzsche weinte, übersetzt von Uda Strätling, 1994 (2005)
  • Die Liebe und ihr Henker und andere Geschichten aus der Psychotherapie, übersetzt von Hans J. Heckler, 1990 (2001)
  • Die rote Couch, übersetzt von Michaela Link, 1997. ISBN 3-442-75085-7 (Originaltitel „Lying on the Couch“, ein mögliches Wortspiel, das man mit „Auf der Couch liegen/lügen“ wiedergeben könnte)

Verfilmungen

Weblinks

Einzelnachweise

  1. Biografie auf yalom.com

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