Johann Faust

Johann Faust
Faust, Radierung von Rembrandt, 1650-1652

Johann Faust (* wahrscheinlich 1480, 1481 oder 1466 in Knittlingen, Helmstadt oder Roda als Georg Faust; † um 1541[1] in oder bei Staufen im Breisgau) war ein wandernder Magier, Astrologe und Wahrsager.

Inhaltsverzeichnis

Die Sage

Die erste gedruckte Fassung der Sage ist die Historia von D. Johann Fausten aus dem Jahr 1587 des Frankfurter Verlegers und Buchdruckers Johann Spies.[2] Sie wurde von dem Hamburger Georg Rudolph Widmann 1599 überarbeitet. Einen Auszug daraus veröffentlichte der Nürnberger Arzt Johann Nikolaus Pfitzer 1674. Goethe kannte die Sage von einer weit verbreiteten anonymen Schrift vom Anfang des 18. Jahrhunderts. Richard Stecher[3] fasst die Sage in dieser letzten Version folgendermaßen zusammen:

Johann Faust ist der Sohn eines Bauern, der nach dem Besuch der Schule in Wittenberg Theologie studiert und den Doktorgrad erwirbt. Später studiert er auch „Medizin, Astrologie und was sonst mit der Magie zusammenhing.“ Er ererbt ein Vermögen von seinem Vetter, gibt dies aber schnell aus. „Sein unbegrenzter Durst nach Erkenntnis“ führt dazu, dass er in einem Wald bei Wittenberg den Teufel beschwört, der „in der Gestalt eines grauen Mönches“ erscheint und am nächsten Tag wiederkommen will. Dies geschieht, wobei der Teufel „zunächst als Schatten hinter dem Ofen und dann als zottige Bärengestalt mit einem Menschenkopf“ auftritt. Faust schließt einen Bund mit dem Teufel ab. Der Teufel soll ihm 24 Jahre lang dienen, dafür soll er Fausts Seele bekommen. Der Vertrag wird mit Fausts Blut unterzeichnet. Der Teufel „solle ihn nach 24 Jahren holen dürfen; wenn bis dahin alle seine Wünsche erfüllt würden.“ Der Teufel nennt sich Mephistopheles und dient Faust gemäß dem Vertrag. „Er verschafft ihm auch einen Famulus, Christoph Wagner mit Namen, und den wunderbar gelehrigen Pudel Prästigiar.“ Faust frönt fortan dem Genuss. Er beginnt zu reisen und „seine magischen Künste“ zu zeigen. In Leipzig reitet er auf einem Weinfass aus Auerbachs Keller, in Erfurt zapft er Wein aus einer Tischplatte, er besucht den Hof des Papstes in Rom, den Sultan in Konstantinopel, den Kaiser in Innsbruck und den Grafen von Anhalt.

Nach 16 Jahren bereut er den Vertrag und will ihn aufheben, doch der Teufel schließt einen erneuten Pakt mit ihm. Er verschafft ihm Helena aus Griechenland, mit der Faust einen Sohn namens Justus zeugt, unter der Auflage, dass beide mit Faust sterben müssten. Darum bestimmt Faust seinen Famulus zu seinem Erben. Am letzten Tag der 24 Jahre erscheint ihm „Satan, der Oberste der Teufel“ in furchterregender Gestalt und kündigt ihm für die kommende Nacht den Tod an. Zweimal verhindert Mephistopheles den Suizid des Verzweifelten. Den letzten Abend verbringt er im Dorf Rimlich in der Gesellschaft seiner Freunde. Er bewirtet sie, „ermahnt sie zur Buße und Frömmigkeit“ und nimmt Abschied von ihnen. Zwischen Mitternacht und ein Uhr zieht ein starker Sturm auf. In Fausts Zimmer entsteht „ein Höllenlärm“. Am nächsten Morgen finden die Freunde die Wände im Zimmer mit Blut und Hirnmasse bespritzt, Fausts Augen liegen auf dem Boden, sein Leichnam im Hof „auf dem Miste“. Er wird „in aller Stille“ begraben.

In der ersten Fassung von 1587 findet der Abschiedsabend in einem Wirtshaus statt, die Freunde sind Studenten und übernachten im Haus „nahe bei der Stuben, da D. Faustus innen war“. Es erhebt sich mit dem Sturm ein lautes Getöse, der Wirt flieht, die Studenten hören Faust „um Hülf und Mordio zu schreien, aber kaum mit halber Stimm.“ Später wird es still, doch die Studenten wachen die ganze Nacht. Am Morgen gehen sie in die Stube „darinnen D. Faustus gewesen war.“ Auch hier kleben Blut und Hirnmasse an der Wand, „weil ihn der Teufel von einer Wand zur andern geschlagen hatte.“ Sie beweinen Faust „und suchten ihn allenthalben. Letztlich aber funden sie seinen Leib heraußen bei dem Mist liegen, welchher greulich anzusehen war, dann ihm der Kopf und alle Glieder schlotterten.“[4]

Der historische Faust

Johann „Doktor“ Faust

Das Problem, das sich bei der Betrachtung des historischen Faust stellt, ist die geringe Anzahl verfügbarer Quellen. Insgesamt gibt es nur neun Dokumente, auf die man sich beziehen kann. Diese enthalten größtenteils auch nur wenige und von den jeweiligen Autoren subjektiv eingefärbte und widersprüchliche Informationen.

Unklare Herkunft

Nach nicht gesicherten Quellen kommen als Geburtsort das baden-württembergische Knittlingen, aber auch Helmstadt bei Heidelberg oder das thüringische Roda (heute Stadtroda) in Frage. In Knittlingen befinden sich heute ein umfangreiches Faust-Archiv und ein Museum.

Auch das genaue Geburtsjahr ist umstritten. Es wird entweder mit 1480 oder 1481, aber auch mit 1466 angegeben. Letzteres erscheint nach Forschungen von Frank Baron[5] wahrscheinlicher. In einem Brief eines Ingolstädter Gelehrten vom 27. Juni 1528 ist von einem „Doctor Jörg Faustus von Haidlberg“ die Rede.[6] In anderen Berichten wird ein „Georgius Faustus Helmstet(ensis)“ genannt, was Frank Baron den Hinweis gab, in den Archiven der Heidelberger Universität nach Studenten aus Helmstet zu suchen, wo er auf einen Georgius Helmstetter stieß. Dieser besuchte die Universität in Heidelberg von 1483 bis 1487. Auffällig ist dabei, dass er einer von zwei Studenten war, die sich weigerten, ihren Familiennamen anzugeben, was die Möglichkeit offen lässt, dass es sich dabei um Faust handelt. Falls es sich bei Georgius Helmstetter wirklich um den historischen Faust handelt, lägen einige Informationen über seinen Bildungsgang vor, da dieser Student am 12. Juli 1484 mit einem Bakkalaureat seinen Abschluss machte und am 1. März 1487 den Magistergrad erwarb.

Umstrittenes Wirken

Für die Zeit bis 1506 existieren keine gesicherten, sondern lediglich widersprüchliche Belege für Fausts Wirken. Belegt ist erst wieder ein Aufenthalt im Jahre 1506 in Gelnhausen als Vorführer magischer Kunststücke und Horoskopsteller. In den folgenden 30 Jahren erschien Faust in vielen Städten im süddeutschen Raum. Er trat auf als Arzt, Doktor der Philosophie, Wunderheiler, Alchemist und Wahrsager in einer Person. Viele sahen in ihm allerdings nur einen Betrüger und Hochstapler.

Besondere Anfeindung erfuhr er von der Kirche, die ihn als Teufelsbündler und Gotteslästerer bezeichnete. Diese und weitere Vorwürfe, etwa dass er in Kreuznach „mit Knaben die schändlichste Unzucht“ getrieben habe, finden sich in einem schon im Jahre 1507 verfassten Brief des Abtes Johannes Trithemius. Auch in einem Brief vom 7. Oktober 1513 von Conrad Mutianus Rufus, der Faust angeblich in einer Herberge getroffen hat, wird Faust negativ bewertet, indem er als „ein reiner Prahler und Narr“ bezeichnet wird.[7]

Es gibt allerdings auch Zeitdokumente, in denen Faust positiv dargestellt wird: Beispielsweise beschrieb ihn der Tübinger Professor Joachim Camerarius 1536 als einen ernst zu nehmenden Sterndeuter. Der Wormser Stadtarzt Philipp Begardi äußerte sich 1539 anerkennend zu Fausts Kenntnissen der Arzneikunst.

Am 23. Februar 1520 war Faust anscheinend in Bamberg, um dem Bischof der Stadt ein Horoskop zu erstellen. Dies geht aus den Rechenbüchern des Bischofs hervor, in denen es heißt „X. guld(en) geben und geschenckt Doctor Faustus ph(ilosoph)o […]“.[8]

Im Jahre 1528 besuchte Faust Ingolstadt, von wo er allerdings bereits nach kurzer Zeit verbannt wurde. Einigen Berichten zu Folge hielt er sich vier Jahre später in Nürnberg auf. Dies geht aus einem Kommentar des damaligen stellvertretenden Bürgermeisters hervor, welcher sich in den Archiven der Stadt befindet. Darin heißt es, „Doctor Faustus, dem großen Sodomiten und Nigromantico in furt glait ablainen [freies Geleit ablehnen]. Burgermeister iunior.“[9] (vgl. Nigromantie, Sodomiterverfolgung)

Am 25. Juni 1535 wird Faust in der belagerten Stadt Münster das letzte Mal in Quellen erwähnt. Über den Hintergrund seines Aufenthalts in der Stadt wie auch über seinen Verbleib nach der Einnahme ist nichts bekannt.

Tod

Inschrift am Gasthaus Löwen in Staufen

Fausts Tod wird auf die Jahre 1540/41 datiert. Er soll im „Hotel zum Löwen“ in Staufen im Breisgau bei chemischen Experimenten infolge einer Explosion umgekommen sein. Faust soll versucht haben, Gold herzustellen. Sein Leichnam wurde in „grässlich deformiertem Zustand“ vorgefunden. Man schloss daraus, dass der Teufel höchstpersönlich sich seiner Seele bemächtigt habe.

In der Zimmerischen Chronik schreibt Froben Christoph von Zimmern um 1564:

„Es ist auch umb die zeit“ – gemeint ist der Reichstag in Regensburg 1541 – „der Faustus zu oder doch nit weit von Staufen, dem stetlin im Breisgew, gestorben. Der ist bei seiner zeit ein wunderbarlicher nigromanta gewest, als er bei unsern zeiten hat mögen in deutschen landen erfunden werden, der auch sovil seltzamer hendel gehapt hin und wider, das sein in vil jaren nit leuchtlichen wurt vergessen werden. Ist ain alter mann worden und, wie man sagt, ellengclichen gestorben. Vil haben allerhandt anzeigungen und vermuetungen noch vermaint, der bös gaist, den er in seinen lebzeiten nur sein schwager genannt, hab ine umbbracht.
„Die büecher, die er verlasen, sein dem herren von Staufen, in dessen herrschaft er abgangen, zu handen worden, darumb doch hernach vil leut haben geworben und daran meins erachtens ein sorgclichen und unglückhaftigen schatz und gabe begert. Den münchen zu Lüxhaim im Wassichin hat er ain gespenst in das closter verbannet, desen sie in vil jaren nit haben künden abkommen und sie wunderbarlich hat molestirt, allain der ursach, das sie ine einsmals nit haben wellen übernacht behalten, darumb hat er inen den unrüebigen gast geschafft …“[10]

Hier spiegelt sich die zeitgenössische Ambivalenz zu dieser neuen wissenschaftlichen Beschäftigung wider. Froben Christoph hatte bei seinen Studien in Frankreich selbst heimlich alchemistische Experimente betrieben und sich auch entsprechende Literatur besorgt, andererseits konnte er dies mit seinen Glaubensgrundsätzen nicht vereinbaren und beendete diese Forschungen wieder. Was wir heute als Aberglauben bezeichnen, dass Geister und Gespenster heraufbeschworen werden könnten, war Überzeugung. In einem späteren Nachtrag, die Chronik blieb unvollendet, bleiben zwar noch die Glaubenszweifel, aber die Gespenstergeschichten entfallen:

„Das aber die pratik solcher kunst nit allain gottlos, sonder zum höchsten sorgclich, das ist unlaugenbar, dann sich das in der erfarnus beweist, und wissen, wie es dem weitberüempten schwarzkünstler, dem Fausto, ergangen. Derselbig ist nach vilen wunderbarlichen sachen, die er bei seinem leben geiebt, darvon auch ain besonderer tractat wer zu machen, letzstlich in der herrschaft Staufen im Preisgew in großem alter vom bösen gaist umbgebracht worden.“[11]

Mit der zeitlichen Entfernung vom realen Ereignis wurden die Darstellungen über sein Leben und Sterben immer dramatischer. Das dramatische Ende Fausts kam seinen geistlichen und gelehrten Widersachern sehr entgegen. Sowohl die katholische Kirche als auch die protestantischen Geistlichen sahen in ihm einen Gegner ihres Glaubens. Letztere verdammten ihn sogar als Teufelsbündler. Für Gelehrte und offiziell zugelassene Ärzte war er ein Konkurrent, der ihnen Hörer bzw. Patienten abwarb.

Eine abschließende Bewertung der historischen Faustgestalt erweist sich als schwierig. In der heutigen Faust-Forschung wird er größtenteils als hochintelligenter Autodidakt gesehen, der seine Fähigkeiten spektakulär darstellte und geschäftstüchtig nutzte.

Literatur

  • Hans-Gert Roloff: Artes et doctrina. Struktur und Intention des Faust-Buchs von 1587, in: Kleine Schriften zur Literatur des 16. Jahrhunderts, Amsterdam: Rodopi 2003, S. 71–98. ISBN 9042008067, Google-Books
  • Günther Mahal: Faust: Untersuchungen zu einem zeitlosen Thema. Neuried: ars una 1998 (Abdruck der Dokumente über Faust mit Erläuterungen). ISBN 3893913068
  • Frank Möbus, Friederike Schmidt-Möbus, Gerd Unverfehrt (Hrsg.): Faust – Annäherung an einen Mythos. Göttingen: Wallstein 1995.
  • Günther Mahal: Faust. Die Spuren eines geheimnisvollen Lebens. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 1995. ISBN 3499137135
  • Frank Baron: Faustus on Trial. The Origin of Johann Spies's Historia in an Age of Witch-hunting. Tübingen: Niemeyer 1992. ISBN 3484365099
  • Frank Baron: Dr. Faustus: From History to Legend. München: Fink 1978. ISBN 3770515390
  • Carl Kiesewetter: Faust in der Geschichte und Tradition. Leipzig: Spohr 1893. Nachdruck Hildesheim: Olms 1963

Weblinks

Quellen

  1. die Zimmerische Chronik, Band 3, Seite 529 schreibt um die Zeit des Regensburger Reichstags. Da die Zimmern im Kontext bereits als Grafen benannt sind, muss dies nach 1538 sein. Da Froben Christoph von Zimmern noch unverheiratet ist vor 1544. Es kommt also nur der Reichstag 1541 in Frage
  2. Hans-Gert Roloff: Artes et doctrina. Struktur und Intention des Faust-Buchs von 1587
  3. Richard Stecher: Erläuterungen zu Goethes „Faust“ I. Teil; erschienen in: Dr. Wilhelm Königs Erläuterungen zu den Klassikern. 21–21a Bändchen (Doppelheft). Leipzig: Hermann Bayer Verlag, o.J.10
  4. Beilage zum Reclam-Heft: Johann Wolfgang Goethe Faust. Der Tragödie erster Teil. 1987, Philipp Reclam jun., Stuttgart.
  5. siehe Baron: Faustus on Trial. The Origin of Johann Spies’s Historia in an Age of Witch-hunting
  6. Stadtarchiv Ingolstadt: Ingolstädter Ratsprotokolle
  7. siehe Kiesewetter: Faust in der Geschichte und Tradition, Bd 1; S. 3
  8. siehe Baron: Doctor Faustus from History to Legend; S. 42
  9. Staatsarchiv Nürnberg: Nürnberger Ratserlasse, Nr. 870f., 12
  10. Zimmerische Chronik, Band 3, Seite 529
  11. Zimmerische Chronik, Band 1, Seite 577. Dass die spätere Version in Band 1 zu finden ist, ist auf die Edition Baracks im 19. Jhd. zurückzuführen

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